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Mittwoch, 17. Februar 2021

Kapitel 133 - Was er nicht hätte hören sollen


Am Abend, nachdem sie einen ordentlichen Braten gehabt hatten, stand Tann nachdenklich am Feuer, als Tanna zu ihm stieß.
     „Na, gehst du heute runter oder wieder nicht?“, fragte sie ihn.
     Tann schüttelte den Kopf. Er war schon seit ein paar Tagen nicht mehr runter zum Handelsposten, zu seinem Stammtisch – zu Isaac – gegangen, und jetzt hatte er das weniger vor denn je. Er wusste einfach nicht, wie er sich Isaac gegenüber verhalten sollte.
     „Und du?“, lenkte er lieber von dem Thema, über das er nicht sprechen wollte, ab. „Du heute nicht bei deinem Bruder?“
     „Lu ist gerade zu seinem Schützling in den Stall gegangen. Es geht ihm wohl nicht gut.“
     „Eine Schande, was die Sucht aus einem gesunden jungen Mann wie ihm gemacht hat.“    
 

„Hm-hm“, stimmte Tanna zu. „Es ist gut, dass er versucht, davon loszukommen. Und sonst? Ich habe gehört, dass ihr heute ganz schön was erlebt habt bei der Jagd.“
     Also musste er ihr im Folgenden von den Erlebnissen des Tages erzählen, die er lieber vergessen wollte, aber nicht konnte. Natürlich verschwieg er ihr aber diesen ganz speziellen Part.
     „Und du hast Diana gesehen?“, fragte sie, und als er nickte, berührte sie ihn mitfühlend an der Schulter.
     „Und bei euch?“, wechselte er lieber schnell das Thema. „Bei euch was spannendes passiert?“
     „Ach, das übliche. Hochzeiten, Kochen, Schwangerschaften. Frauenkram.“
 

„Greta kam auch dazu und meinte, Lu wegen ihres Bruders angehen zu müssen“, nahm sie plötzlich Fahrt auf. „Hat ihn für alles die Schuld in die Schuhe geschoben und ihn bezichtigt, Wulfgar betrogen zu haben. Ist das denn zu glauben? So etwas dreistes!“
     „Sowas.“
     „Oh, und dann tauchte dein Freund auf, dieser Isaac“, hatte sie sich jetzt in einen Lauf geredet, und Tann horchte erstmals auf. „Hat sich splitterfasernackt ausgezogen und ist ins Wasser. Vor uns allen! Da hättest du mal sehen sollen, wie die alle gestarrt und gekichert haben! Wie die kleinen Mädchen, sag ich dir! Sharla meinte auch gleich, ihn mit Lann oder mir – mir! – verkuppeln zu wollen, weil meine Beziehung zu Leah ja nicht echt sein kann, da sie ja tot ist.“


Sie lachte höhnisch. „Aber Hana meinte, dass er angeblich nicht an Frauen interessiert sei, weil er sie abgewiesen habe. Sie sagte, dass er deswegen an Männern interessiert sein müsste, weil es ja unmöglich ist, dass ein Mann nicht an ihr interessiert sein könnte. Kannst du sowas glauben?“
     Tann wollte es gerne glauben.
     „Tatsächlich?“, begann er vorsichtig. „Das wusste ich ja gar nicht. Das hat er mir gar nicht erzählt.“
     „Ja, sie meinte, er hätte ganz verängstigt auf ihre Annäherung reagiert.“
 

So wie damals bei Ida.
     Tanna zuckte mit den Schultern. „Aber wahrscheinlich behauptet Hana das bloß, weil sie nicht damit klarkommt, dass nicht jeder Mann an ihr interessiert ist. Obwohl sie ja sagte, dass er bei einer anderen Frau auch so reagiert hätte. Der, die im Handelsposten zu Gast ist.“
     Tann war so sehr damit beschäftigt, diese Neuigkeit zu verdauen, dass er gar nicht sah, wie Tanna ihn plötzlich anstarrte.
 

„Ich wollte dir ja eigentlich sagen, dass du dich vielleicht mal an Lann halten solltest, aber dann fiel mir ein, dass du mir gar nicht erzählt hast, dass du ja bereits eine neue Freundin hast.“ Sie grinste von einem Ohr zum anderen. „Sag, wie ist denn ihr Name?“
     Und da war Tann doch wieder von der Frage abgelenkt, ob es tatsächlich möglich sein könnte, dass Isaac an Männern interessiert war. Von der Frage, ob er vielleicht tatsächlich eine Chance bei ihm haben könnte.
 

Wulfgar lachte lang und herzlich, wie er es seit viel zu langer Zeit nicht mehr getan hatte, nachdem Greta ihm erzählt hatte, dass Isaac angeblich an Männern, vielleicht sogar an ihm interessiert war.
     „Gefällt er dir denn nicht?“, fragte seine Schwester beunruhigt.
     „Doch, schon. Ich war damals sogar richtig verschossen in ihn, und ich hab wirklich gedacht, dass er mich auch mögen würde. Aber dann bin ich fast in sein Stelldichein mit seiner späteren Frau reingeplatzt.“ Er sah sie eindringlich an. „Er hatte mal eine Frau, Greta.“
     „Ich weiß. Aber das heißt ja nichts; das weißt du selber. Wenn du damals nicht weggegangen wärst, hättest du dir wahrscheinlich auch eine Frau nehmen müssen. Weil unsere Eltern das so wollten. Vielleicht ist es ihm genauso ergangen und er war eigentlich doch an dir interessiert.“


Plötzlich leuchteten ihre Augen, wie er es zuletzt gesehen hatte, als sie ihm damals von Lu erzählt hatte. Das gefiel ihm überhaupt nicht.
     „Stell dir mal vor, er hätte dich auch gemocht! All die Jahre hat sich sein Herz nach dir gesehnt, und jetzt ist er endlich wieder mit dir vereint! Jetzt hat er endlich eine Chance, mit der Liebe seines Lebens zusammen zu sein!“
     „So schwer es mir fällt, deine Euphorie dämpfen zu müssen, aber das ist nicht der Fall. Isaac ist nicht an mir interessiert. Das war er nie. Er ist nicht mal an Männern interessiert, egal, was du und die anderen Frauen auch glauben mögen.“
     „Und das weißt du so genau?“
     „Er hat mir das nicht gesagt und ich habe auch nicht nachgefragt, falls du das meinst.“
     „Also weißt du es gar nicht! Es kann also doch sein!“, unterbrach sie ihn aufgeregt.
 

„Ich weiß es natürlich nicht direkt, aber du kannst mir schon vertrauen, wenn ich dir sage, dass es so ist. Ich habe damals zwar keinen blassen Schimmer von solchen Dingen gehabt, aber inzwischen kann ich recht gut sagen, ob ein Mann potentiell an mir interessiert wäre oder nicht.“
     „Und woher?“
     „Ich hab das halt im Gefühl.“
     „Im Gefühl. So. So“, entgegnete sie, schüttelte den Kopf, dass er gleich wusste, dass sie nicht überzeugt war. „Das überzeugt mich nicht“, bestätigte sie es. „Wenn es so einfach wäre, dass man immer bemerkt, wenn jemand an einem interessiert ist, müssten wir dieses Gespräch nicht führen. Nein, ich glaube viel mehr, dass er einfach nur sehr vorsichtig ist und du es deshalb nicht bemerkt hast, dass er nicht an Frauen interessiert ist. Oder wie erklärst du es dir, dass er die Avancen von Hana und dieser anderen Frau abgewiesen hat?“


„Hör mal, Schwesterchen, ich weiß ja, dass du gerne denkst, dass es keine anständigen Männer gibt, aber da muss ich dich leider enttäuschen. Entgegen dem Mythos gibt es durchaus Männer, die nicht dauernd an Sex denken. Und es kommt auch vor, dass Mann Frau abweist, weil er nicht an ihr interessiert ist. Das heißt aber nicht gleich, dass er generell kein Interesse an ihrem ganzen Geschlecht hat. Und Isaac ist so einer. Weißt du, auf seiner Insel laufen sie fast alle unbekleidet herum, da hab selbst ich manchmal – heimlich – bei den Kerlen geguckt. Aber Isaac hat das nie getan. Weder bei den Frauen, noch bei den Männern. Er war zu allen immer höflich und anständig, weil er einfach nur überaus anständig ist. Das ist alles. Ich hab nicht mal bemerkt, dass er überhaupt an seiner Frau interessiert war, bis sie dann plötzlich zusammen waren.“
 

„Trotzdem hast du keine Beweise dafür, dass das auch wirklich so ist, außer deinem Gefühl. Du hast selber gesagt, dass du heimlich geguckt hast. Das kenne ich ja schon von dir, dass du das gut kannst, ohne, dass es jemand mitbekommt. Und so könnte es auch bei ihm sein. Dass es einfach niemand - auch du nicht - nicht mitbekommen hat.“
     Plötzlich stand sie wieder vor ihm, sah ihn aufgeregt an. „Du solltest also nicht einfach annehmen, dass es so ist, obwohl du es gar nicht weißt, sondern es herausfinden!“
     „Du solltest aber auch nicht einfach etwas annehmen, was du nicht sicher weißt. Und außerdem möchte ich eigentlich auch nicht herausfinden, wer von uns jetzt recht hat, weil ich gar kein Interesse mehr an ihm habe.“
 

„Naja, das kann ja wiederkommen…“
     „Nein. Wir sind nur noch Freunde, und so will ich auch, dass es bleibt.“
     Es war wieder wegen Lu, wusste Greta. Weil er sich noch immer Hoffnungen bei ihm machte und ihm nachlief. Dabei hätte sich Greta gewünscht, dass ihr Bruder sich endlich jemanden suchte, der besser zu ihm passte und der besser zu ihm war. Aber das sagte sie natürlich nicht. Sie wusste schließlich, dass Wulfgar sauer sein würde, wenn er erführe, was sie eigentlich über seinen heiligen Lu dachte.
     „Deswegen“, fuhr er fort. „Lass es gut sein wegen Isaac, ja?“
 

Während anderswo über ihn geredet wurde, war Isaac gerade dabei, den Raum zu suchen, den Cordelia mit ihrer Tochter Adelaide bewohnte.
 

Er hatte das erste Mal an diesem Morgen Bekanntschaft mit diesen beiden machen dürfen. Als er gerade den ersten Gang des Tages angetreten war, war er Zeuge von einem sehr lauten und sehr unfreundlichen Gespräch zwischen Cordelia und ihrer Tochter geworden. Oder besser gesagt, er war Zeuge davon geworden, wie die Mutter die arme Tochter angeschrien hatte, die währenddessen keinen Mucks von sich gegeben und nur verängstigt ihre Füße angestarrt hatte.
 

Obwohl die ältere Frau bei ihnen gewesen war, die Tann ihm damals abgenommen hatte – Ida, soweit er sich erinnerte – war er dazwischengegangen und hatte versucht, die Gemüter zu beruhigen. Doch die Mutter hatte ihn kaum ausreden lassen, war ihn barsch und laut angegangen, dass er sich raushalten solle, bevor sie einfach davongerauscht war.
     Er erinnerte sich noch, wie das Mädchen, noch immer ganz eingeschüchtert, ihn scheu angelächelt hatte, aber sie hatte kein Wort an ihn verloren. Ganz die Mutter, war sie stattdessen einfach gegangen.
 

„Was hat das Mädchen denn verbrochen, dass sie solch eine… laute Standpredigt verdient hat?“, hatte er Ida gefragt, obwohl er ein bisschen Angst vor ihr gehabt hatte.
     „Oh, nichts hat sie getan. Aber meine Schwester braucht auch keinen Grund, um ihre Tochter anzuschreien. Das arme Mädchen hat es wahrlich nicht leicht mit ihr. Ich habe schon so oft versucht, zu intervenieren, aber…“ Sie schüttelte heftig den Kopf, dass die Haare flogen. „Du hast ja selber gesehen, dass das vergeblich ist.“
      Isaac hatte das nicht verstehen können – er tat es immer noch nicht. Wie konnte man nur sein Kind derart schlecht behandeln?
 

Deswegen war er auch ein bisschen verstimmt gewesen, als er auf Eris‘ freundliche Bitte hin sein Morgengebet in eine schön abgelegene Bucht hatte verlegen wollen und dort ausgerechnet die laute Mutter am Strand vorgefunden hatte. Allein ihr hörbares Weinen hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht, sodass er seine Sachen gleich anbehalten hatte und darum herumgekommen war, sich vor den Ortsansässigen zu entkleiden. Wie er dank Eris inzwischen wusste, galt es hier als „zutiefst peinlich und beschämend“, sich vor anderen so zu zeigen, wie der Schöpfer sie alle geschaffen hatte.
 

Obwohl die laute Mutter ihm höchst suspekt war, war er dennoch zu ihr hinübergegangen, hatte behutsam gefragt: „Alles in Ordnung?“
     Sie war heftig zusammengezuckt und so gestochen zurückgefahren, dass sie beinahe über ihre eigenen Beine gestolpert war. Ihre Augen und ihre Nase hatten rosa geleuchtet, aber ihr Gesicht hatte nach einem kurzen Schrecken gleich wieder Ablehnung gezeigt. Es hatte ihn viel zu sehr an Shana erinnert gehabt, dass sich ihm gleich ein Kloß im Hals gebildet hatte.
     „Was willst du von mir? Verfolgst du mich etwa? Lass mich in Frieden!“, hatte sie gefaucht.
     „Ich wollte nicht stören. Ich hatte nur die Sorge, dass dir vielleicht nicht ganz wohl ist.“
     „Mir fehlt nichts. Und jetzt verschwinde!“
     Sie hatte den Blick abgewandt, aber Isaac hatte es gesehen. Nur einen klitzekleinen Augenblick lang war es da gewesen, und er hatte es bemerkt.  
     „Ist es wegen deiner Tochter?“


Da war es erneut gewesen. Ertappt. Sie hatte ihre Maske sofort wieder aufgesetzt gehabt, aber er hatte gewusst, dass er recht mit dem gehabt hatte, was er zuvor in ihrem Gesicht zu sehen geglaubt hatte: Schuld.
     „Ich sagte, lass mich in Ruhe! Das geht dich nichts an!“
     „Als du sie letztens angeschrien hast, dachte ich wirklich, du wärst eine fürchterliche Mutter, dass du dein Kind so schändlich behandelst, aber so ist das gar nicht, habe ich recht? Eigentlich kümmerst du dich sehr um sie.“
     Sie hatte ihn angestarrt. Nicht gewusst, was sie auf ihre Entlarvung hatte sagen sollen.
 

„Ich weiß, wie das ist“, war es plötzlich aus ihm herausgeplatzt, und er war selber ein bisschen erschrocken darüber gewesen. „Manchmal… tut man Dinge, die sie nicht verstehen. Etwas, für das sie uns hassen. Um sie zu beschützen. Ich weiß, wie das ist“, hatte er monoton wiederholt.
     Er hatte es in ihren Augen gesehen. Dieselbe Schuld, die auch er trug, und da hatte er sich ihr einfach nur noch anvertrauen wollen. Doch sie hatte das scheinbar nicht so gesehen. So, wie er sich letztendlich keiner Fremden anvertraut hätte, würde auch sie das nicht tun. Sie war auf Abstand gegangen.
 

„Was willst du von mir?“, hatte sie wieder garstig gefragt. „Willst du mir etwa an den Rock?“
     „Nein!“
     „Du scheinheiliger Kerl! Glaubst du etwa, ich bin blöde? Ich weiß doch, was du willst! Bleib, wo du bist oder ich schreie!“
     Isaac war vorsichtshalber auf Abstand gegangen, und sie hatte ihn so böse angestarrt, dass er überlegt hatte, die Flucht zu ergreifen. Aber dann war doch sie es gewesen, die ihn hatte stehen lassen.
 

Er war ja froh gewesen, als sie fort gewesen war, musste er zugeben. Sie hatte ihn wirklich viel zu sehr an Shana erinnert gehabt.
     Auch wenn er nicht verleugnen konnte, dass sie ihn neugierig gemacht hatte. Hatte er wieder nur etwas falsch aufgefasst gehabt und war sie doch nur eine schlechte Mutter?
 

Oder hatte er recht gehabt?


Und wenn dem so war: Was war es, das sie verheimlichte?
 

Jedenfalls hatte es ihn nicht losgelassen, weshalb er jetzt, kaum, dass er von seinem Morgengebet zurückgekehrt war, auf der Suche nach ihr war. Die kleine Essensküche, in der sie für gewöhnlich um diese Zeit arbeitete, war nur von ihrer Tochter besetzt gewesen, die sie nach oben ins Wirtshaus geschickt hatte, wo sich die Zimmer befanden, in denen die Gäste und Angestellten des Handelspostens lebten. Das Wirtshaus selber war, wie gewöhnlich um diese Uhrzeit, leer, aber dafür hörte er schon, als er den oberen Treppenabsatz erreicht hatte, wo sich wohl das gesuchte Zimmer befand. Da war wieder einer am Schimpfen. Eine Frau.
 

Also ging er näher ran, aber als er vor der Tür stand, aus dem der Lärm kam, erstarrte er.
     „…verdammt noch mal, nicht so schwer sein, einen verfluchten Mann zu finden! Ich bin extra in diese hinterwäldlerische, gottverlassene Gegend gekommen, um ihn raus zu locken! Und ihr könnt ihn nicht finden! Wofür bezahle ich euch eigentlich? Wenn ihr ihn nicht findet, seid ihr als nächstes dran, das schwöre ich euch! Also findet ihn! Findet diesen vermaledeiten Hurensohn Elim endlich!“
     Er hörte leiseres Gemurmel, und schon als er den Anfang des Geschreis gehört hatte, war ihm klar gewesen, dass er das lieber nicht hätte hören sollen.
 

Doch anstatt zu gehen, war er geblieben, hatte gelauscht, und als sich jetzt die Tür öffnete, hatte er den Salat. Er wurde natürlich entdeckt. Da sah ihn plötzlich ein Mann mit feindseligen Augen an, den er zuvor noch nie hier gesehen hatte. Ihm folgt eine jüngere Frau, die noch ein halbes Kind war, wie es aussah. Und schließlich stieß die alte Frau namens Ida hinzu, der er doch eigentlich lieber aus dem Weg hatte gehen wollen.
 

Die ersten beiden sahen schon bedrohlich genug aus, aber auch wenn Ida lächelte, als sie ihn sah, wirkte sie noch gefährlicher, und es lief ihm bei diesem Anblick eiskalt den Rücken runter.
     Die beiden anderen sahen jetzt zu, dass sie wegkamen, während er allein mit Ida gelassen wurde.
     „Oh, ein Besucher“, begann sie zuckersüß, dass er am liebsten weglaufen wollte. „Was verschafft mir die Ehre deines Besuches?“
     „Ich wollte die Frau besuchen, die hier wohnt. Also die, die unten in der Küche kocht“, purzelte es beinahe auf Kommando aus ihm heraus.
 

„Meine Schwester?“, fragte sie überrascht. „Was hast du denn mit meiner lieben Schwester zu schaffen? Sag bloß, dass du ein Auge auf sie geworfen hast.“
     „N-nein! So ist das nicht! Ich will nur mit ihr reden.“
     Sie grinste amüsiert. Sie glaubte ihm nicht. Vielleicht spielte sie auch nur mit ihm; er konnte es nicht sagen.
 

„Meine liebe kleine Schwester ist gerade nicht da, aber was hältst du davon, wenn wir beide hinuntergehen und uns ein Schlückchen Wein gönnen, dass du mir erzählen kannst, was du von meiner lieben Schwester willst?“
     Das war keine Frage, wusste er. Er wollte alles andere, als das, aber er konnte gar nicht anders, als zu nicken. Er hatte plötzlich so eine unheimliche Angst vor ihr, obwohl er nicht  einmal wusste, warum. Also zwang er sich, sich zusammenzureißen. Was befürchtete er denn schon? Dass sie ihn wieder überfallen würde? Wahrscheinlich sah er nur Gespenster und das, was er nicht hätte hören sollen, war bestimmt nur ganz harmlos.
     Oder?
 

Es war nach dem Mittagessen, dass Wulfgar Lu abfing. Lu war ja ein bisschen überrascht, dass Wulfgar, der ihn die letzten paar Tage auffällig in Ruhe gelassen hatte, jetzt so plötzlich bei ihm auftauchte. Er war ja froh, dass sein ehemaliger Gefährte scheinbar gut über die Trennung hinweggekommen war und ihm nicht nachlief, aber gleichzeitig konnte er auch nicht verhindern, dass er tief drinnen ein bisschen verstimmt war. Denn er wusste ja, warum Wulfgar ihn in Ruhe gelassen hatte. Wo er die letzten paar Tage gewesen war: bei diesem Isaac.
     „Hey, Lu, ich muss dich mal um einen Gefallen bitten“, fing er ohne Umschweife an. „Da du ja jetzt Klein-Wulfs Vater bist, könntest du ihn vielleicht mal drum bitten, mich heute Abend zum Wirtshaus zu begleiten?“
 

„Warum?“, fragte Lu irritiert. „Willst du ihn etwa zu deinem… Stammtisch mitnehmen?“
     „So sieht es aus.“
     Lus Verstimmung wuchs. Er ahnte ja, auf was das hinauslief.
     „Ich werde ihn ganz sicher nicht darum bitten, dass er sich mit dir betrinken geht! Du weißt doch, dass er gerade versucht, trocken zu werden!“
     „Ich will ja auch nicht mit ihm trinken. Ich will, dass er sich endlich mit seinem Vater – ich meine mit Isaac ausspricht.“
     Er hatte es ja geahnt.
     „Ich glaube nicht, dass das momentan so eine gute Idee ist.“
     „Warum nicht?“
     „Weil er gerade gar nicht in der Verfassung dazu ist, sich mit… ihm auseinanderzusetzen. Du hast doch selber gesehen, wie schlecht es ihm momentan geht.“
 

„Deswegen ja. Ich glaube, dass es ihm helfen wird, vom Alkohol loszukommen, wenn er sich endlich mit seinem Vater ausspricht. Also, seinem alten Vater, meine ich“, fügte er rasch hinzu. „Du denkst doch auch, dass Isaac ein Grund ist, warum er überhaupt das Trinken angefangen hat, oder?“
     „Da hast du recht. Aber ich sehe trotzdem nicht die Notwendigkeit dazu. Es geht ihm vielleicht gerade schlecht, aber er schlägt sich dennoch gut. Er gibt nicht auf. Kämpft. Und ich bin mir sicher, dass er es diesmal schaffen wird. Aber wenn er jetzt mit diesem Isaac konfrontiert wird, dann habe ich eher die Sorge, dass er wieder rückfällig werden könnte. Verstehst du?“
     „Ich verstehe das, aber… es geht mir, ehrlich gesagt, nicht nur um ihn.“
     Lu konnte nicht verhindern, dass er missbilligend die Lippen schürzte. „Du kannst das Wohl von diesem Isaac doch nicht über sein Wohl stellen!“
     „Das mache ich doch auch gar nicht“, versuchte Wulfgar zu beschwichtigen. „Du missverstehst mich, Lu. Lass mich dir erklären, bevor du mich gleich verurteilst. Siehst du, ich mache das nicht nur für Isaac, sondern auch für Klein-Wulf selber. Damit du das sehen kannst, musst du erstmal verstehen, wie wichtig den Leuten von Lao-Pao – das ist der Ort, wo die beiden herkommen – “
     „Ich weiß das.“
 

„Du musst also erst mal verstehen, wie wichtig denen dort die Familie ist. Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass auch hier die Familie das Wichtigste ist, aber dort ist das noch viel mehr der Fall. Sie ist ihnen heilig – nein göttlich. Das geht so weit, dass eine Familie wie eine Person gesehen wird. Heißt, dass alle Familienmitglieder für die Leistungen und Verfehlungen eines einzelnen verantwortlich gemacht werden. Verbricht jemand was, hat die ganze Familie des Geschädigten ein Recht auf Vergeltung, ebenso müssen alle Familienmitglieder des Täters bezahlen. Was sie tun, indem sie entweder für den Täter kämpfen, selber sühnen oder dem Beschuldigten die ultimative Strafe angedeihen lassen – den Tod. Ja, selbst für kleine Dinge wie Diebstahl kann man dort leicht von seiner eigenen Familie getötet werden.“
 

„Eine ganz besondere Bindung innerhalb einer Familie wird dabei dem Vater mit dem Sohn und der Mutter mit der Tochter zugedacht. Es gibt dort ein Sprichwort, das sagt: „Sieh dir den Vater an und du kennst den Sohn, sieh dir die Mutter an und du kennst die Tochter.“ Das heißt, dass sie glauben, dass alle Eigenschaften des jeweiligen Elternteils auf das Kind übergehen. Ohne Wenn und Aber. Ist dein Vater ein schlauer Mann, musst du das als Sohn auch sein, ist deine Mutter hübsch, musst du das als Tochter auch sein. Andersherum heißt das aber auch, dass einer Tochter, deren Mutter eine Lügnerin ist, niemand dort je vertrauen wird. Ebenso kann der Sohn eines untreuen Vaters vergessen, jemals selber einen Partner zu finden.“
 

„Die Kinder können solche Makel nur loswerden, indem sie das jeweilige Elternteil töten oder sich von ihm lossagen. Aber danach müssen sie auch jemanden finden, der bereit ist, sie in ihre Familie aufzunehmen, denn familienlos zu sein – ob man jetzt von den Eltern verstoßen wurde oder sich selber von ihnen losgesagt hat – ist dort die größte Schande.  
     Verstehst du, was ich damit sagen will? Wulf hat dieses Risiko auf sich genommen, die größte Schande, indem er die Verbindung zu seinem Vater – Isaac – gekappt hat. Dass er das gemacht hat, bedeutet, dass etwas Gravierendes vorgefallen sein muss. Etwas, das ihn so sehr belastet hat, dass es ihn zum Trinken gebracht hat.“
 

Lu brauchte eine Weile, um all das zu verarbeiten, dann fragte er: „Und was soll das sein?“
     „Ich weiß es nicht. Ich habe versucht, es von Isaac zu erfahren, aber er hat es mir nicht gesagt. Er verheimlich mir etwas, das kann ich sehen. Und deshalb bitte ich dich darum, Wulf dazu zu bekommen, heute Abend mit mir zum Wirtshaus zu gehen, damit er und Isaac sich aussprechen können.“
     Lu nahm sich die Zeit, gründlich nachzudenken. Er sah Wulfgars Argumente, aber er hatte einfach Sorge, dass die ganze Aktion nach hinten losgehen würde und Wulf am Ende mehr Schaden als Nutzen davontragen würde. Und das konnte er nicht zulassen. Nicht, wo er ihm doch versprochen hatte, auf ihn aufzupassen. Nicht, wo er doch jetzt sein Vater war.
     „Tut mir leid, aber als sein Vater habe ich die Pflicht, auf ihn achtzugeben. Und ich denke immer noch, dass das kontraproduktiv für seinen Entzug sein wird.“
 

„Dann tu es für mich“, kam Wulfgar plötzlich an.
     „Für dich? Was hast du denn jetzt damit zu schaffen? Ich weiß ja, dass dieser Isaac dein Freund ist, aber…“
     „Es geht mir nicht um Isaac. Es geht mir um seine ganze Familie. Weißt du, als ich damals dort gelebt habe, habe ich mich immer ein bisschen als Teil dieser Familie gesehen. Und als ich das Isaac letztens sagte, sagte er mir, dass er mich auch immer als Teil seiner Familie gesehen hat. Weißt du, was das bedeutet? Isaac ist als ältester Sohn des alten Familienoberhauptes das neue Familienoberhaupt, und indem er das gesagt hat, hat er mich offiziell zum Teil seiner Familie gemacht. Das ist eine große Ehre für mich als Außenstehenden.“
     „Aber du hast doch schon eine Familie“, merkte Lu an.
     „Ich kann gut und gerne Teil mehrerer Familien sein. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass das jetzt auch meine Familie ist. Und wenn es in meiner Familie so drunter und drüber geht, wenn etwas so sehr im Argen ist, kann ich nicht einfach stillsitzen, verstehst du? Ich muss etwas machen.“
 

Lu verstand das, auch wenn er das nicht gerne sah. Nicht nur, dass er es nicht gerne sah, dass Wulfgar so viel mit Isaac zu tun hatte, wollte er Wulf ja auch nicht damit hineinziehen. Er war immer noch der Meinung, dass es zu früh war, um ihn mit Isaac zu konfrontieren.
     Aber er sah auch, wie wichtig das Wulfgar war, und – verdammt noch mal, er benahm sich ja beinahe wie ein eifersüchtiger Liebhaber – weshalb er schließlich nachgab.
 

„In Ordnung. Ich werde mit ihm reden.“
     „Danke, Lu. Das bedeutet mir viel.“ Wulfgar lächelte, dass es Lu irgendwie ein bisschen naheging. Dann sah er aber plötzlich so aus, als wäre er lieber ganz woanders, und da schwante ihm schon böses. „Und da gibt es noch was…“
     „Was denn?“
     „Würdest du auch mitkommen? Wenn ich Klein-Wulf einfach so mitnehme, wird das nicht anders laufen als die vielen Male, wo ich versucht habe, mit hm zu reden. Aber wenn du dabei bist, wird er sich vielleicht zurückhalten.“
     Lu wollte alles andere, als mit Wulfgar zu diesem merkwürdigen Isaac gehen zu müssen. Es war noch immer merkwürdig für ihn, mit seinem ehemaligen Gefährten zu tun zu haben. Ihm so fern zu sein.
     Aber nichtsdestotrotz würde er ihm diesen Gefallen tun. Das war er ihm schuldig. 
_________________________

Soviel will ich jetzt gar nicht mehr schreiben, da ich sonst wahrscheinlich spoilern würde ohne Ende. Ich wollte das Kapitel eigentlich auch gleich nach dem eigentlichen enden lassen, nämlich nachdem Isaac gehört hat, was er nicht hätte hören sollen, aber dann hätte sich das ein bisschen mit dem nächsten Kapitel gebissen. Denn nächstes Mal kommt Jade zu Besuch, doch ihre Gedanken sind gerade ganz woanders, sodass sie leider nicht daran denken wird, irgendjemanden wegen der ganzen Sache mit Nila und seinem Mord an Lin Bescheid zu sagen.
 
Bis dahin, danke euch fürs Vorbeischauen, passt auf euch auf, und ich verabschiede mich!

Mittwoch, 3. Februar 2021

Kapitel 132.1 - Von Jägern und...


Während die Frauen beim Fischen waren, war die Männergruppe zum Jagen in den nahegelegenen Nebelwald aufgebrochen. Jana hatte sich natürlich auch angeschlossen, und sie hatte sogar Luis dazu überreden können, mitzukommen, obwohl der sich momentan so sicher fühlte wie ein Hase unter einem Wolfsrudel und so nützlich wie ein Schneefall im Sommer.


Sie waren keine Stunde unterwegs, als Rahn um eine Pause bat.
     „Schon wieder?“, beschwerte sich Nila, der sich schon die ganze Zeit über alles Mögliche beschwerte, aber am meisten darüber, dass er hatte mitkommen müssen.
     Er erntete dafür einige mahnende Blicke, die er ignorierte, aber Rahn war geknickt.


„Entschuldigt“, sagte er. „Ich hätte nicht mitkommen sollen. Ich bin eben nicht mehr der Jüngste.“
     „Ach, mach dir keinen Kopf“, versuchte Tann ihn zu beschwichtigen. „Ich hatte sowieso überlegt, ob wir uns nicht aufteilen sollten. Der Wald ist groß genug für zwei Gruppen, und wir sind auch genügend Leute.“


Also teilten sie sich auf, und irgendwie wurde daraus eine Teilung in jung und alt. In der jüngeren Gruppe befanden sich Jana, Luis, Alek, Nila und Nero, und in ihrer Gruppe waren das er, Rahn, Jin und Wulfgar. Tann hätte der anderen Gruppe gern einen der Älteren mitgegeben, schon allein, um auf Nila und Nero aufzupassen, von denen er wusste, dass sie sich nicht sonderlich gut verstanden. Aber sowohl Jana, als auch Nero waren so enthusiastisch gewesen, auf eigene Faust loszuziehen und die Gruppe gemeinsam zu leiten, dass er es nicht übers Herz hatte bringen können, ihnen einen Aufpasser mitzugeben.

 
Doch auch wenn ihre Gruppe jetzt ausschließlich aus Älteren bestand, denen die Hinderlichkeiten des Alters besser vertraut sein müssten, war Jin bald schon wieder wie auf heißen Kohlen. Er wurde unruhig, war so voller Tatendrang, dass Tann es doch bereute, ihn nicht der jüngeren Gruppe mitgegeben zu haben.
     Bei der nächsten Pause stand er plötzlich stramm, dass Tann sofort wusste, dass er etwas gehört hatte, und war im nächsten Moment geschmeidig hinter einen Baum geglitten. Tann tat es ihm gleich, und auch Wulfgar suchte Deckung, nur Rahn blieb sitzen, bewegte aber keinen Muskel und tat so, als wäre er Teil des Baumstumpfes, auf dem er saß.
     Als eine Weile jedoch nichts geschah, wagte Tann einen vorsichtigen Blick aus seinem Versteck heraus, nur, um zu sehen, dass nichts zu sehen war. Lediglich Schnee, kahle Bäume und Büsche.
     „Was hast du denn gesehen?“, fragte er seinen Bruder leise.
     „Ein Hirsch. Riesengroß“, gab Jin knapp zurück und spähte weiter.
     Aber der Hirsch blieb auch weiterhin unauffindbar.


„Da ist kein Hirsch“, befand auch Wulfgar. „Du hast wahrscheinlich irgendwo einen Ast abbrechen gehört.“
     „Ich hab’s nicht gehört, ich hab‘s gesehen!“, behauptete Jin. „So ein Riesending! Ein Prachtexemplar!“
     „Wir haben nicht mal einen Hasen gesehen“, erinnerte Rahn. „Das Wild scheint auch kein gutes Jahr gehabt zu haben.“
     „Wenn das so weitergeht, kehren wir mit leeren Händen heim“, lamentierte Tann.
     „Na dann lasst uns mal hoffen, dass die Frauen mehr Glück beim Angeln haben“, sagte Wulfgar.
     „Noch ist es nicht Abend.“
     „Da!“, rief Jin leise und ging wieder in Deckung.
     Aber da war wieder nichts zu sehen. Das ging noch zweimal so, und Jin wurde immer saurer, dass man ihm die Geschichte mit dem Riesenhirsch nicht glaubte.


„Fein, dann geh ich halt allein, und ihr werdet gucken, wenn ich mit dem größten Hirsch, der jemals erlegt wurde, wiederkomme! So doof gucken werdet ihr!“
     Und weg war er. Niemand hielt ihn auf und niemand ging mit ihm. Jin war ihr bester Jäger, nachdem Rahn älter geworden war. Er hatte auch nie aufgehört, regelmäßig Jagen zu gehen, und meistens ging er allein.
     „Wir sollten vielleicht auch weitergehen“, befand Rahn, und die anderen beiden nickten.


Derweil war in der anderen Gruppe ein handfester Streit zwischen Nila und Nero darüber ausgebrochen, ob sie einer Spur von Wildschweinen folgen sollten, die Nero für Schneeverwehungen hielt, oder einer Spur von Füchsen, in denen Nila Wolfsspuren sah. Als dann auch noch Jana und Alek hinzukamen und Nero recht gaben, war Nila völlig beleidigt und erklärte, seiner Fährte allein folgen zu wollen.
     „Du gehst ganz sicher nicht alleine weiter!“, zischte Nero. „Versteh mich nicht falsch, die Vorstellung, dass du von Wildschweinen zu Tode getrampelt wirst, finde ich sehr erheiternd, aber wir wissen beide, dass du nur vorhast, zu faulenzen! Du weißt doch ganz genau, dass das da keine Wildschweinspuren sind! So dämlich bist selbst du nicht!“
     „Wie gut, dass ich aber keine Befehle von dir annehme“, gab Nila unbeeindruckt zurück, bevor er sich aufmachte, seiner angeblichen Spur zu folgen.


„Nila! Bleib gefälligst hier!“
     „Halt mich doch auf!“
     Nero überlegte einen Moment, ob es wohl irgendwem was ausmachen würde, wenn er Nila einfach einen Pfeil in den Rücken schoss, bevor er sich an seine restlichen Begleiter wandte.


„Ich muss ihm nach“, erklärte er unwillig. „Vielleicht wollt ihr schon mal der Fuchsfährte nachgehen, bevor der über alle Berge ist?“
     „Überlass das uns!“, erwiderte Jana selbstsicher.
     „Ich komme aber besser mit dir, Nero“, beschloss Alek. „Nur zur Sicherheit.“


Also trennte auch diese Gruppe sich. Jana und Luis folgten der Fuchsspur, während Alek Nila und Nero nachging, damit die beiden Jungen sich nicht an den Hals gingen.

 
Und das war auch bitternötig, denn die Situation war schon gewaltig am Eskalieren, als Alek die beiden Streithähne schließlich erreichte.
     „Auseinander, ihr beiden! Mensch, ihr seid echt kein Stück weit erwachsener geworden, seitdem ich damals auf euch aufpassen musste. Zankt euch immer noch wie die kleinen Jungs.“


„Sag das ihm!“, schnappte Nero. „Wenn er nicht immer wie ein bockiges Kleinkind gegen jegliche Regeln verstoßen und sich mal zusammenreißen würde, könnten wir auch endlich mal das tun, weshalb wir hergekommen sind: Jagen. Jagen, Nila, weißt du? Dabei muss man zusammenarbeiten! Aber von „zusammen“ oder „arbeiten“ hast du ja noch nie was gehört!“
     „Ach, halt’s Maul! Kannst du mich nicht einfach mal in Ruhe lassen?“ Er drehte den anderen beiden den Rücken zu. „Was geht dich das eigentlich an, was ich – “


Weiter kam er nicht. Er brach ab, starrte einen Punkt in der Ferne an.
     „Was? Hast du deine Zunge verschluckt, oder was?“
     Nero ging um ihn herum, und Alek folgte lieber, und als sie Nila ins Gesicht sehen konnten, konnten sie feststellen, dass er aussah, als hätte er einen Geist gesehen. Er rührte sich nicht, starrte nur vor sich hin. Erst, als Nero nach ihm griff, kehrte er zu ihnen zurück und riss sich aufgebracht los.
     „Lass mich in Frieden und verpiss dich endlich!“


Dann war er weggerannt. Natürlich ließ sich Nero nicht zweimal bitten, ihm nachzurennen, und natürlich war er schneller als Nila, sodass er ihn hinter dem nächsten Busch schon einholte. Doch da wartete bereits auf ihn eine Überraschung. Er erstarrte.


„R…Ragna?“
     Alek erreichte Nero in dem Moment, als der den Namen lautstark rufend wiederholte und Nila jetzt gar überholte, und als er nachsah, was vor sich ging, war er es jetzt, der erschrak.


Da war ja Malah! Mitten im Wald! Was hatte sie denn hier zu verlieren?
     „Malah!“
     Und warum lief sie denn vor ihm weg?


Nila derweil musste hilflos mit ansehen, wie Nero ihn einfach überholte und auf Nara zuhielt. Das ärgerte ihn zutiefst, da er sie eigentlich davor bewahren wollte, sich im Wald zu verirren und von Wölfen gefressen zu werden. Aber auch wenn es ihn ärgerte, wusste er wenigstens, dass Nero, mit seinem dämlichen Helferkomplex, sie ebenfalls davor bewahren würde. Und er war schnell genug, sie einzuholen. Denn wie er feststellen musste, war Nara plötzlich ganz schön schnell geworden.


Also hielt er an – es war schließlich besser, wenn er nicht wie ein Irrer hinter Nara herjagte und sich verdächtig machte. Wie sollte er das vor den beiden Deppen aus seinem Stamm schließlich erklären? Nein, er musste sich zurückhalten und, so sehr es ihm auch missfiel, Nero die Sache überlassen.
     Nur, warum in aller Welt war sie eigentlich hier? Mitten im Winter? Nur in ihr dünnes Gewand gekleidet? Sie war doch nicht etwa wegen ihm hergekommen? Er hatte ihr davon erzählt, dass er zum Jagen mitgehen musste, aber das konnte doch nicht sein, dass sie deswegen hier war, oder? Andererseits hatte er von seiner doofen Schwester gehört, dass sie genau das gemacht hatte, als sie wegen ihrer Stammesführerprüfung Jagen gegangen war.
     Die Angst, dass Nara wegen ihm hergekommen war und sich in Gefahr gebracht hatte, dass sie sich verirrt hatte und jetzt völlig verängstigt da draußen durch den Wald irrte, machte ihn beinahe verrückt. Er musste sich so zusammenreißen, ihr nicht doch weiter nachzulaufen. Und warum, zum Geier, holte Nero sie nicht endlich ein? Er war doch der verdammt Schnellste der ganzen Gegend!


Als jetzt auch noch Alek, lauthals „Malah“ schreiend an ihm vorbeirannte, reichte es Nila. Er setzte sich wieder in Bewegung.


Ihre Hetzjagd hatte erst ein Ende, als sie an den Rand einer Klippe gelangten. Nara war ebenfalls bis dorthin gerannt, war dann aber plötzlich verschwunden, sodass Nila vor Angst, dass sie runtergesprungen war, beinahe gestorben wäre. 
     Als er den Rand erreichte, war Nero gerade dabei, einen Weg nach unten zu suchen, während Alek erschöpft seinen Atem unter Kontrolle zu bringen versuchte.
     „Was? Wo ist sie?“, hörte er Alek keuchen.


Nila trat vorsichtig an den Rand, und tatsächlich stand Nara unten auf der Ebene und sah zu ihm auf, sah ihm direkt in die Augen. Wie war sie da nur hingekommen? Aber die Hauptsache war, dass sie sich dabei nicht verletzt zu haben schien. Er hätte sie so gern gerufen, ihr zugewinkt, dass er sie auch gesehen hatte und er kommen würde, um sie zu retten, aber er durfte es nicht. Er durfte sich nicht verraten, musste es den Anderen überlassen, und das wurmte ihn immer mehr.
     Als Alek jetzt aber plötzlich wieder laut „Malah!“ rief, guckte nicht nur er verwirrt.


Es führte blöderweise dazu, dass Nero nicht aufpasste, abrutschte und zu fallen begann. Alek bekam ihn zwar noch zu fassen, wurde aber von dem Gewicht nach vorn gerissen. Auch er verlor das Gleichgewicht, und in einer letzten, verzweifelten Reaktion griff er nach einem Halt und erwischte dabei Nila, der leider überhaupt keinen Halt darstellte und der so schnell fiel, wie die anderen beiden auch.


Rahn, Tann und Wulfgar waren unterdessen auf der Pirsch. Sie hatten Spuren eines Wildschweines gefunden, der sie momentan folgten. Das Tier musste noch ziemlich jung, oder aber sehr klein und schmächtig sein, aber es würde dennoch besser sein als gar nichts. Rahn hatte die beinahe schon wieder verwehte Spur gefunden, und er war es auch, der die arg geschrumpfte Gruppe anführte. Wulfgar und Tann folgten, redeten jedoch, wie üblich bei einer Jagd, um das Wild nicht aufzuscheuchen, kein Wort miteinander.


Schließlich verlor sich die Fährte und Rahn musste Halt machen, um danach zu suchen. Wulfgar lehnte sich gegen einen nahegelegenen Baumstamm, packte den Wasserschlauch aus, den er immer bei sich trug, trank und bot dann den anderen beiden an. Rahn nahm ebenfalls einen kräftigen Schluck, Tann lehnte ab.
     „Du bist in letzter Zeit abends gar nicht mehr zum Stammtisch gekommen, Tann“, begann Wulfgar, während er den Schlauch wieder mit dem Stopfen versiegelte.
     „Hm.“
     „Isaac hat letztens nach dir gefragt. Du solltest mal wieder vorbeischauen.“
     „Hm.“
     Wulfgar war jetzt fertig damit, den Wasserschlauch wieder an seinem Gürtel anzubinden und wurde ruhig, und Tann war das ganz recht.


„Kann ich dich mal was fragen?“, fuhr er jedoch schließlich unbedarft fort. „Ich wollte das letztens nicht so ausbreiten, wo Isaac dabei war, aber wie geht‘s Lu eigentlich? Also wenn er mal nicht gerade krank ist, meine ich.“
     „Warum fragst du mich das denn? Frag ihn doch selber!“
     „Ja, aber du weißt doch, wie das ist. Er sagt immer nur, dass es ihm gut geht, damit sich niemand Sorgen um ihn macht. So war Lu doch schon immer. Hat immer nur an andere gedacht und nie an sich.“
     „Was willst du denn hören? Es geht ihm halt so, wie es einem nach all dem geht, was Lu durchgemacht hat“, ließ sich Tann endlich entlocken.
     Wulfgar schwieg bedrückt, dann fragte er: „Kommt er manchmal auch zu eurem Stammtisch?“
     „Nein.“
     „Ich dachte nur, dass du dich vielleicht ein bisschen um ihn kümmern würdest“, gab Wulfgar ein bisschen vorwurfsvoll zurück. „Wo ihr doch Freunde seid.“


„Ist nicht so, dass ich ihn nicht gefragt habe. Ein paarmal sogar. Aber er wollte nicht, und ich kann ihn ja nicht zwingen. Das ist halt nichts für Lu.“
     „Ja, ich weiß. Entschuldige. So war das nicht gemeint. Ich will nur nicht, dass er jetzt allein ist. Jetzt, wo ich nicht mehr für ihn da sein kann.“
     Tann hätte ihm sagen sollen, dass er sich keine Sorgen machen sollte, aber stattdessen sagte er: „Lu kommt gut allein zurecht. Ohne dich.“
     „Ich weiß…“
     Als Wulfgars Stimme jetzt brach und er fürchterlich getreten aussah, fühlte sich Tann doch ein bisschen schlecht, ihn angegangen zu sein. Also fügte er hinzu: „Wenn Lu nicht gerade krank ist, sitzt er oft bei den abendlichen Zusammenkünften im Stamm. Meistens ist er dabei mit seiner Schwester zusammen.“


„Ach was. Lu und Tanna waren doch nie so dicke miteinander.“
     „Tja, jetzt schon. Du siehst also, dass Lu nicht allein ist.“
     Tanna war selber abends oft allein, wenn Leah sich ausruhte, weshalb Tann es gerne sah, dass die beiden Geschwister ihre Zeit miteinander verbrachten.
     „Und deshalb bin ich ihm auch nicht weiter auf die Nerven gegangen mit dem Stammtisch“, fügte er hinzu, und die Erinnerung an den Stammtisch ließ seine Laune sofort wieder ins Bodenlose sinken. „Wir sollten endlich weitergehen“, befand er und ging.


„Du bist heute wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden, was?“, meinte Wulfgar lapidar, als er ihn eingeholt hatte.
     „Du verscheuchst das Wild!“, zischte Tann. „Sei ruhig!“
     „Sag mal, Tann…“
     Grantiges: „Was denn jetzt?“  
     „Wo ist eigentlich Rahn hin?“


Und da blieb auch Tann endlich stehen und sah sich um. Sie waren nicht weit gegangen, der Ort, an dem sie Rahn das letzte Mal gesehen hatten, war noch immer gut einzusehen. Aber von Rahn fehlte jede Spur. Und sie fehlte auch noch, als sie schließlich umgekehrt waren, um nach dem Jagdgefährten zu sehen. Rahn war verschwunden. Sie fanden nicht einmal seine Fußspuren. Als wäre er nie dagewesen.
     Aber dafür fand Wulfgar scheinbar jemand anderen.


„Da ist ja Lu“, erklärte er und winkte, weil er lieber nicht quer durch den Wald rufen und Raubtiere anlocken wollte. „Was macht der denn hier?“
     „Wo denn?“ Tann erschien neben ihm, spähte zur angezeigten Stelle. „Das ist doch nicht Lu. Das ist Isaac. Hast du was an den Augen?“
     „Lu und Isaac sehen sich zwar ähnlich, aber so ähnlich nun auch wieder nicht. Ich werde sie wohl noch auseinanderhalten können.“
     „Lass uns hingehen, dann wirst du es ja sehen, dass es Isaac ist.“
     „Was soll das denn jetzt? Warum rennt er denn weg?“
     „Quatsch nicht! Hinterher!“


Es ging quer durch den Wald, schien es ihnen, aber so schnell sie auch liefen, sie konnten den Verfolgten einfach nicht einholen. Er blieb immer in weiter Ferne.
     „Was ist das denn? Seit wann ist Lu denn so schnell geworden? HE, LU! BLEIB DOCH MAL STEHEN!“, schlug Wulfgar jetzt doch alle Vorsicht in den Wind.
     Tann war bereits so außer Atem, dass er nicht mal mehr des Redens mächtig war. Er wusste, dass er nicht mehr länger würde mit Wulfgar mithalten können, der ganz offensichtlich einiges mehr an Ausdauer besaß als er. Glücklicherweise durfte er kurz darauf auch eine kleine Pause einlegen, als Wulfgar plötzlich einen ganz anderen Kurs einlegte als der Verfolgte.


„Wo willst du denn hin? Isaac ist da lang.“
     „Nein, Lu ist da lang! Wir müssen ihm nach!“
     „Ich weiß immer noch nicht, was du für Geister siehst, aber ich gehe hier lang.“
     „Isaac kann schon auf sich aufpassen, aber Lu… Lu sollte nicht allein im Wald rumrennen. Was da passieren kann!“


Wulfgar wusste ja inzwischen, dass Lu seinen Schutz gar nicht nötig hatte, aber er konnte einfach nicht anders, als sich Sorgen zu machen.


Tann warf jetzt einen Blick zu Isaac, der in der Ferne immer kleiner wurde, dann dorthin, wo angeblich Lu stand, aber nichts zu sehen war.


Dafür Wulfgar, der ihn einfach hatte stehen lassen. Und das war der Moment, in dem er das Geheul von Wölfen hörte, und es kam nicht aus der Richtung, in die Wulfgar gegangen war. Tann zögerte da nicht mehr und rannte seinem eigenen Phantom nach, obwohl er in all der Hektik sogar seinen Speer bei ihrer letzten Pause hatte liegen lassen. 
     Er wusste nicht, warum er und Wulfgar zwei verschiedene Leute sahen, die der jeweils andere nicht sehen konnte, aber er wusste, dass er nicht riskieren wollte, dass Isaac von Wölfen gefressen wurde. Wulfgar konnte sich derweil ja um Lu kümmern. Er wollte seine Hilfe sowieso nicht.
 
 
„Sowas kleines wie so ein Fuchs lohnt sich ja fast nicht, zu jagen“, lamentierte Jana, während sie der Fuchsspur folgten. „Ich hätt lieber was Großes! Wie so ein Hirsch! Oder besser noch: ein Wildschwein! Meinst du, der Bär von vor paar Jahren ist noch hier?“
     „Hm, ich frage mich ernsthaft, ob du mich umbringen willst“, entgegnete Luis ironisch, schlug sich den Zeh an einer Wurzel an und fluchte durch zusammengebissene Zähne hindurch.
     „Ach, zeig mal ein bisschen Enthu… Ente… Kampfgeist! Wo ist denn dein Kampfgeist hin?“
     „Schätze, der ist da, wo auch meine Sehkraft hin verschwunden ist. Ich weiß echt nicht, wie du mich überredet bekommen hast, mit auf die Jagd zu kommen.“


„Ach, ich wollte halt schon immer mal mit dir was jagen gehen. Zieh den Kopf ein, Ast voraus!“
     „Immer? Wirklich?“, fragte Luis amüsiert.
     „Naja, gut, nicht immer immer. Aber halt seit wir Freunde sind. Also so richtige. Renn nicht wieder gegen den Baum. Da rechts.“
     „Hm, dachte mir schon. Weil das nämlich ziemlich lustig gewesen wäre, da ich als Kind immer davon geträumt habe, mal mit dir Jagen zu gehen. Ich war so enttäuscht, als ich hörte, dass du mal mit Aan und Elrik Jagen gegangen warst.“
     „Oje, das. Das war so eine Katerstrophe!“
     „Leider. Danach wolltest – pardon, durftest – du ja nicht mehr Jagen gehen. Da war ich richtig traurig drüber.“


Er stolperte, fiel hin, und Jana musste ihm erst aufhelfen, bevor sie weitergehen konnten.
     „Ach, hast du mir deshalb den Bogen klauen wollen?“, lachte sie. „Ich frag mich immer noch, wie du’s geschafft hast, dir selber ins Bein zu schießen.“
     „Ja, ich auch“, gab er beschämt zu. „Deswegen haben unsere Eltern mir wohl auch nicht geglaubt, als ich erzählte, dass ich es war. Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen, dass du deswegen bestraft wurdest, weißt du das?“
      „Mach dir keinen Kopf! Bin’s sowieso gewohnt gewesen, bestraft zu werden.“
      „Das solltest du aber nicht“, sagte Luis betroffen. „Kein Kind sollte das. Wenn ich irgendwann mal Vater bin, will ich meine Kinder nicht so streng erziehen.“
     „Oho, Kinder! Hast du etwa schon Pläne? Da ist wieder eine Wurzel, stolper nicht.“
     „Wie denn? Es fehlt mir irgendwie die Mutter dazu.“ Er seufzte. „Und bei meinem Erfolg, den ich bei Frauen habe, werde ich wahrscheinlich kinderlos sterben.“
     Vor ein paar Jahren hatte er sich noch vorgenommen gehabt, frauen- und kinderlos zu bleiben, aber das hatte sich geändert, seitdem er Luna getroffen hatte. Seine Hoffnung, jemals eine Frau für sich zu finden, war dadurch jedoch kein bisschen gestiegen. Eher im Gegenteil.
     „Ach, sei doch nicht immer so ein Schwarzmaler! Das wird schon!“, versicherte sie, während er erneut stolperte und fluchte. „Komm, gib mir die Hand!“


„Du hast gut reden, du wirst ja bald sogar schon Oma! Wenn ich daran denke, dass ich kaum jünger bin als du, fühle ich mich, als würde mir die Zeit davonlaufen.“
     „Mach mal nicht die Pferde scheu. Du hast doch alle Zeit der Welt als Mann.“
     „Wenn ich Glück habe. Aber ich will auch noch miterleben, wie meine Kinder aufwachsen, und nicht schon ein Jahr nach ihrer Geburt im Grab liegen.“
     „Das kann dir aber immer passieren, wenn du Pech hast.“
     „Mag sein. Trotzdem.“
     Die nächsten paar Minuten gingen sie schweigend zusammen durch den Wald. Jana hielt noch immer seine Hand, um ihn möglichst gefahrlos durch den Wald zu führen. Sein Stolpern reduzierte sich dadurch erheblich.
     „Du wirst übrigens ein guter Vater sein, Lui“, hörte er sie schließlich sagen. „Das weiß ich.“
     Luis antwortete ihr nicht darauf, freute sich einfach nur still und heimlich über ihre Zuversicht.


Schließlich hielt Jana an, untersuchte die Fährte, der sie folgten.
     „Oje.“
     „Was denn?“
     „Hm, das ist komisch, aber… die Spuren, denen wir gefolgt sind, die sehen aus wie Wolfsspuren.“
     „Wolfsspuren? Sicher?“, fragte Luis erschrocken.


„Ja, aber keine Angst, ich bin ja da, um auf dich aufzupassen.“
     „Da fühle ich mich gleich viel sicherer“, meinte er ironisch, was sie glücklicherweise aber nicht mitbekam, und sie sich stattdessen mit stolzgeschwellter Brust über das Kompliment freute. „Du willst ihnen aber nicht wirklich folgen, oder?“
     „Nee, aufs Sterben hab ich auch keine Lust. Das ist ein kleines Rudel, was da unterwegs ist. Aber ich versteh eins nicht.“
     „Was denn?“


„Ich war todsicher, dass wir Fuchsspuren gefolgt sind. Von einem Fuchs. Aber jetzt sind da plötzlich überall Wolfsspuren. Die waren vorher noch nicht da, ich sag’s dir!“
     „Vielleicht hast du dich ja vertan?“, mutmaßte Luis, und er brauchte nicht einmal zu sehen, dass Jana das nicht gern hörte.
     „Ich hab mich nicht vertan! Nero hat’s ja auch gesagt, dass das von einem Fuchs ist!“
     „Vielleicht sind Wölfe dazugekommen und ihre Spuren haben die von dem Fuchs überdeckt.“
      „Nein, du kapierst nicht! Die Spur von dem Fuchs ist weg. Schon da hinten, von wo wir gekommen sind und wo ich todsicher Fuchsspuren gesehen hab. Da sind jetzt nur noch Wolfsspuren. Als wär nie ein Fuchs dagewesen.“
      Luis wollte sich nicht mit ihr streiten. Im Endeffekt konnte er schließlich nicht sagen, was passiert war, da er die Spuren ja nicht sehen konnte. 
      „Wir sollten wohl vielleicht lieber zurückgehen und mit den Anderen zusammenstoßen“, schlug er deshalb vor.


Jana gab ein zustimmendes Geräusch von sich, doch sie nahm nicht seine Hand und machte auch keine Anstalten, zu gehen. Er hörte überhaupt nichts von ihr, und für einen Moment dachte er erschrocken, dass sie ihn alleingelassen hatte.
     „Jana?“
     „Da hinten“, sagte sie plötzlich. „Da steht einer, wo die Wolfsspuren hinführen. Das ist …“
     Er hörte den Schnee unter ihren Schritten knirschen. Vorsichtig und langsam.
     „Was?“


„Alistair? ALISTAIR!“
     Wieder Knirschen. Gemischt mit dem Geräusch von brechenden Zweigen und ausgetrocknetem Laub. Schnell und ohne Rücksicht auf Verluste. Sie entfernte sich, lief in die falsche Richtung.
     „Jana, warte! Wo willst du hin?“, rief er ihr nach.
     „Da ist Alistair! ALIS! BLEIB STEHEN! ICH BIN‘S, MAMA! WARUM LÄUFST DU DENN WEG?“
     Sie rief ihn noch einmal, während Luis sehr erfolglos versuchte, ihr nachzusetzen. Ihre Schritte waren immer schwerer zu hören.
     „Jana, warte!“, rief er nochmal, lauter diesmal, und dann, voller Angst, brach aus ihm heraus: „Lass mich nicht allein!“


Die Schritte stoppten, und Luis konnte gar nicht sagen, was für ein großer Stein ihm vom Herzen fiel, als er das hörte. Er stolperte vorwärts, dann hörte er sie wieder näherkommen. Irgendwann spürte er ihre Hand an seiner, sie packte zu und riss an ihm, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor. Er verbrachte eine viel zu lange Weile damit, sich nicht in den eigenen Beinen zu verheddern, während Jana so laut nach ihrem Sohn brüllte, dass Luis sich wunderte, dass die Wölfe sie noch nicht gefunden hatten.
     „Jana!“, schaffte er schließlich, hervorzubringen. „Bleib doch mal stehen!“
     „Bist du blöd? Wenn ich stehen bleib, hol ich Alis ja nie ein, und dann rennt er mir weg!“
     „Ja, das ist es ja“, keuchte er erschöpft. „Er läuft weg, sagst du. Aber Alistair kann doch nicht laufen. Das kann also gar nicht er sein.“


Jana hielt so plötzlich an, dass er gegen sie prallte.
     „Aber…“, hörte er sie sagen, und sie klang wirklich hilflos, wie er es gar nicht von ihr kannte.
     „Ich weiß, dass du deinen Sohn wiedersehen willst“, versuchte er gegen die schmerzende Nase anzureden. „Aber das kann nicht er sein. Das weißt du auch, nicht wahr?“


Doch da war er. Genau vor ihr. Naja, nicht genau, sogar recht weit entfernt, aber Jana erkannte doch ihren Sohn! Doch so sehr sie es sich auch wünschte, dass es Alistair sei, der dort vor ihr stand, musste sie einsehen, dass Luis recht hatte. Das da konnte nicht Alistair sein.
     In dem Moment, als sie es dachte, verschwand der Punkt in der Ferne, den sie für ihren Sohn gehalten hatte und an seine Stelle trat jetzt plötzlich…


„Lui?“
     „Was?“
     Jana starrte verdattert hin und her.
     „Wie bist du denn da hingekommen? Warte, wie kannst du hier und da sein?“ Luis war jetzt völlig verwirrt, deshalb erklärte sie ihm: „Ich seh dich. Und ich meine nicht dich hier. Sondern da hinten. Du stehst da hinten im Wald.“
     „Was?“ Er zögerte. „Jana, sag mal, fühlst du dich nicht wohl? Hast du vielleicht etwas schlechtes gegessen?“


Doch Jana hörte ihm gar nicht zu.
     „Ich weiß, was das ist!“, hörte er sie aufgeregt sagen. „Das ist – “


Die Schwärze, die seine Welt ausmachte, wurde von einem Licht durchdrungen, und die undeutlichen Konturen, die er sah, verwandelten sich allmählich in ein Gesicht. Er brauchte etwas, bis er Alek darin erkannte, und als das endlich zu ihm durchgedrungen war, bemerkte er, dass er lag. Also sorgte er dafür, dass er das nicht mehr tat. Dummerweise sagte ihm der Schmerz in seinem Kopf aber, dass er das lieber gelassen hätte.


„Du solltest vielleicht liegen bleiben. Du warst ganz schön lange bewusstlos“, hörte er Alek sagen.
     Er ignorierte den gutgemeinten Rat, kämpfte sich auf die Beine. Ihm wurde ein bisschen schwindelig, aber er schaffte es immerhin, nicht wieder umzufallen.
     „Wo sind wir?“ Er sah sich um, sah nur eine weite Wiese, unterbrochen von einem dunklen Fleck kahler Bäume hinter ihnen. „Was ist passiert?“


„Wir sind wohl da runtergefallen“, erklärte Alek, wies auf den Abhang hinter sich. Er war nicht allzu steil, aber es würde dennoch kein Zuckerschlecken werden, dort wieder hochzukommen. Vor allen Dingen bei Schnee und Eis.
     Plötzlich erinnerte sich Nero wieder. Er wirbelte herum, drehte sich auf der Suche nach dem Verlorenen mehrmals um die eigene Achse.


„Wo ist er? Wo ist Ragna?“
     „Ragna?“, fragte Alek irritiert.
     „Ja…“ Er stockte. „Und wo ist Nila?“
     „Keine Ahnung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn mit runtergerissen hab, aber ich war auch bewusstlos. Und als ich aufwachte“, er zuckte mit den Schultern, „da war er weg.“


„Dieser Bastard! Er hat sich verkrümelt und uns im Stich gelassen!“


„Diese Bastarde! Mich einfach so zurückzulassen!“, grummelte Nila wütend.
      Nicht nur, dass dieser dämliche Hundesohn von Nero so blöd war, abzustürzen, ohne ihm den Gefallen zu tun, endlich dabei zu verrecken, mussten er und dieser nicht minder dämliche Alek ihn natürlich auch noch mit ins Verderben reißen. Und dann, als er erwacht war, waren sie auch noch verschwunden gewesen. Sie hatten ihn einfach zurückgelassen!
      Und jetzt war er hier, ganz allein, und er hatte nicht den blassesten Schimmer, wo er eigentlich war. Es sah alles so ganz anders aus als das, was er oben von der Klippe aus gesehen hatte. Ja, selbst die Klippe hinter ihm war sehr viel steiler geworden, unmöglich, da wieder hinaufzukommen.


Doch das alles war momentan sowieso nebensächlich. Seitdem seine beiden nervenden Anhängsel verschwunden waren, konnte er endlich seiner eigentlichen Sorge nachgehen: Nara zu finden.
     „NARA!“, rief er sie laut. Vergeblich, wie immer.
     Allein der Gedanke, dass sie noch immer da draußen war, verängstigt und allein, auf der Suche nach ihm, oder – schlimmer noch – dass ihr etwas zugestoßen war, jagte ihm eine solche Angst ein, wie noch nie etwas zuvor in seinem Leben. Er musste sie finden, und das schnell! Also setzte er sich in Bewegung.
     „NARALEIN! ICH BIN’S, NILA! ICH BIN ALLEIN, DU KANNST ALSO RAUSKOMMEN!“, versuchte er es erneut.


Doch anstatt Nara, fand er etwas anderes. Er war noch nicht allzu lange unterwegs, als sich ein Hütte aus der Düsternis zu schälen begann, die über ihn hereingebrochen war. In der Hoffnung, dass Nara vielleicht dort Unterschlupf gesucht haben könnte, rannte er darauf zu.


Ein Schwarm Raben stob von dem schiefen Dach auf, als er es erreichte, und da erkennte er endlich auch, wo er sich eigentlich befand: Es war die Hütte, in der er Lin getötet hatte. Wie war er nur so schnell hierher gekommen?
     Er zögerte trotzdem keine Sekunde, sie zu betreten. Der modrige Geruch, der sich ihm letztes Mal schon in die Nase gebrannt hatte, erwartete ihn auch diesmal. Es schien noch kälter zu sein als draußen.
     „Nara? Bist du hier?“


Er trat ein, konnte nichts dagegen tun, dass er sich ein bisschen erschreckte, als die Tür hinter ihm knarrend zuging und jegliches bisschen Licht von draußen vollends schluckte. Die Dunkelheit war beinahe undurchdringlich, schien es ihm. Er tastete nach der Tür, fühlte das raue, splittrige Holz, öffnete sie wieder und schob etwas dazwischen, dass sie offen blieb.


Und als er sich umdrehte, erschrak er erneut. Da war plötzlich etwas Dunkles am Boden vor ihm, was zuvor noch nicht dagewesen war. Er brauchte gar nicht näherzugehen, um zu erkennen, dass es ein Körper war.
     „Oh, nein, nein, nein! Das ist falsch! Ich habe dich begraben, du Mistkerl! Du dürftest gar nicht hier sein!“
     Seine Hände schwitzten. Er wusste, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, ihn unschädlich zu machen. Damals hatte er deshalb keine Sekunde gezögert gehabt, es zu tun, erfüllt von Hass und Abscheu, aber jetzt konnte er nichts dagegen tun, dass er es plötzlich mit der Angst zu tun bekam.
      „Scheiße! Reiß dich zusammen, Mann!“, sagte er zu sich selbst.


Er ging näher, trat den am Boden liegenden Körper probeweise, wie um sicherzugehen, dass er noch immer tot war. Er war es. Also traute sich Nila noch näher heran. Sah dem Toten ins Gesicht. Es hatte sich kein Stück weit verändert. Als hätte das Leben ihn gerade erst verlassen.
     Nila wusste nicht, was er davon halten sollte. Vor allen Dingen davon, dass er eigentlich unter der Erde sein sollte und doch jetzt hier war, kein Krümel an Erde an sich, und er wollte eigentlich auch nichts mehr damit zu tun haben. Er wollte nur noch hier raus. Nara war nicht hier, also hatte er hier auch nichts mehr verloren.


Doch gerade, als er gehen wollte, fiel ihm etwas Buntes an Lins Handgelenk ins Auge, das geradezu aus der dunklen, öden Umgebung herausstach. Er schob den Arm des Toten mit dem Fuß ein bisschen ins Licht, ging dann in die Knie. Es war ein Armband, das Lin trug. Aus gelben Holzperlen, mit zwei Stoffblumen daran. Es war nicht sehr gut gearbeitet, aber Nila kannte es. Er würde es überall erkennen. Denn er hatte es selber gemacht.
     Eine Mischung aus Wut und Schrecken machte sich in ihm breit und brachte seinen Magen zum Kochen. Es war Naras Armband.


Er hatte es für sie gemacht und ihr geschenkt, nachdem sie das letzte Mal vor Lins Tod zu ihm gekommen war und geweint hatte. Blaue Flecke an ihren Beinen, blutige Kratzer an den Handgelenken.


Da hatte er ihr versprochen, ihr ein Armband mit Blumen zu machen, weil sie doch so traurig darüber gewesen war, dass es im Winter so gar keine bunten Blumen mehr gab, und sie hatte wieder ein bisschen gelächelt.


Er hatte Stoffreste und Farbe von Zuhause mitgehen lassen, hatte Holzperlen geschnitzt und daraus das Armband gemacht. Und dann war er gegangen, um Lin zu töten. Damit Nara nie wieder wegen ihm würde weinen können.


Es jetzt und hier zu sehen, konnte nichts Gutes heißen. Nara hatte es doch so geliebt. Ihre Augen hatten geleuchtet, als er ihr es geschenkt hatte. Sie hätte es doch niemals freiwillig fortgegeben. Ob sie es verloren hatte? Er war nicht gläubig, aber er betete trotzdem zu allen Göttern, dass sie es nur verloren hatte und dass ihr nichts widerfahren war.


Plötzlich ein lauter Knall, und im nächsten Augenblick war er in völliger Finsternis gefangen. Er erstarrte, traute sich nicht, auch nur einen Muskel zu rühren. Er lauschte in die Dunkelheit, aber da war nur ein Rauschen in seinen Ohren zu hören. Er war völlig taub und blind.


Etwas packte ihn am Handgelenk, riss an ihm, und Nila sprang zurück, stolperte beinahe und schlug sich den Knöchel an. Das Rauschen stoppte und ein undeutliches Schaben war zu hören. Erst weit weg, dann immer näher. Er tastete hilflos in der Dunkelheit, fühlte etwas Raues in Hüfthohe und erklomm es. Er musste weg. Nur ganz schnell weg von hier. Aber dort, wo er den Ausgang vermutete, war das Schaben zu hören. Er war nicht mehr allein, da war etwas mit ihm in der Hütte.


Im nächsten Augenblick konnte er wieder sehen und sein Herz blieb beinahe stehen, weil er befürchtete, etwas zu sehen, was er nicht sehen wollte. Aber da war nichts. Selbst der Tote war verschwunden, der vorher noch dagewesen war. Stattdessen brannte jetzt die kleine Lampe auf dem Tisch, die er einst selber angezündet hatte. Das Schreien von Raben drang von draußen herein.
     „Beruhige dich! Das war nur deine Einbildung“, sagte er sich. „Siehst du, alles ist gut. Lin ist auch nicht da. Er ist da, wo er hingehört. Wo ich ihn begraben habe.“
     Er wagte dennoch kaum, sein sicheres Bett, auf das er sich zurückgezogen hatte, zu verlassen, als würde wieder etwas geschehen, wenn er sich auch nur bewegte. Die Lampe flackerte auffordernd und er fürchtete einen Moment, dass sie ausgehen würde. Sie tat es nicht.
     „Komm schon!“


Er verließ seinen sicheren Hafen, setzte mit klopfendem Herzen einen Fuß auf den Boden. Dann den Zweiten. Nichts geschah. Er atmete erleichtert aus.
     „Es wird nichts passieren.“
     Also rannte er zur Tür, doch als er dagegen drückte, ließ sie sich nicht öffnen. Sie war versperrt. Da kam die Angst zu ihm zurück. Er hämmerte gegen das morsche Holz, zog vergeblich daran. Die Raben flogen erneut davon, krächzten empört.


„Du hast mich getötet“, hörte er plötzlich, und bevor er es verhindern konnte, war er herumgefahren.


Da war er wieder. Der Tote vor ihm am Boden.


„Du hast mich umgebracht“, hörte er wieder, diesmal hinter sich. Er wirbelte herum, aber da war nur Tür zu sehen.


„Und dafür werde ich dich töten.“
     Ein warmer Hauch in seinem Nacken, dass sich ihm am ganzen Körper die Haare aufstellten. Er traute sich kaum, sich umzudrehen.
     „Es macht gar keinen Spaß, wenn ich dir dabei nicht in die Augen sehen kann…“, hörte er seine eigenen Worte aus Lins Mund.
      Die Lampe erlosch.


Und er drehte sich um. Sah in das Gesicht desjenigen, den er einst selber getötet hatte. Das letzte, was er sah, war das höllische Grinsen des Toten, dann das blitzende Messer, das auf ihn niederfuhr.

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