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Mittwoch, 17. Oktober 2018

Kapitel 69 - Sonnenuntergang



„Hol alle Tücher, die du finden kannst! Schnell!“, rief Armin, seine Stimme klang sorgenschwer und gehetzt.
    Rahn hörte die Worte, aber er verstand sie nicht. Sie drangen nicht zu ihm vor.


Alles, was er sah war Dianas schmerzverzerrtes Gesicht, das einfach nicht aufhören wollte, die Schmerzen der Geburt zu zeigen. Doch die Wehen waren längst vorüber, das Kind längst geboren. Aber das Blut, das gleich nach dem kleinen, schreienden Bündel in einem Schwall aus ihr herausgekommen war, wollte einfach nicht stoppen.
     Plötzlich entspannten sich die gequälten Gesichtszüge, wurden fahl und blass. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment einschlafen, aber da öffneten sich die müden Augen wieder.
     „Wo ist mein Kind?“ Obwohl ihre Stimme schwach und leise war, war es, als hätte sie geschrien. Sofort erstarrten alle Bewegungen um sie herum. Armin hörte auf, Tücher auf die Blutung zu drücken und Tann fielen die Stoffballen aus der Hand, die er gerade geholt hatte. Nur ihre Mutter war noch immer an Ort und Stelle festgefroren. Hielt nur den kleinen Säugling in den Armen und starrte auf ihre Tochter hinab. Die Schreie des Kindes waren alles, was zu hören war.
    Schließlich drangen Dianas Worte auch zu Dana vor und sie kam, um das Kind vorsichtig an die Mutter zu übergeben. Sofort schlossen sich zwei Arme um das kleine Bündel, die müden Augen begannen, zu funkeln.


 „Da bist du ja“, entwich es Dianas Lippen. „Wir… haben alle so lange auf dich gewartet, aber jetzt… bist du ja da. Ich bin so froh, dass es… dir gut geht… So glücklich, dass du da bist.“
    Sie drückte das Kind an sich, schloss die Augen und einen Moment hatten sie Angst, dass sie entschlafen war.
     „Du bist mein Herz!“, sagte sie schließlich. „Sei dir gewiss, dass ich dich… immer lieben werde!“
     Dann öffneten sich ihre müden Augen erneut und als sie Rahn trafen, sah er, dass es sie alle Kraft kostete, um wachzubleiben. Er zuckte zusammen, als sein Name fiel. Sofort hatte er die kleine Hand ergriffen, die sich so fürchterlich kalt anfühlte.


 „Unser Kind“, begann sie, „was ist es? Ein… Mädchen oder ein… Junge?“
     „Ein Junge“, hörte er sich erstickt sagen.
     „Wie… wollen wir… ihn nennen?“
     „Wie möchtest du ihn denn nennen?“, zwang er sich, zu sagen.
     Sie schwieg einen Moment und er wünschte sich, dass sie weiter zu ihm sprechen würde. Dass sie nicht damit aufhörte. Damit sie nicht verstummte. Nicht einschlief. Sie durfte einfach nicht einschlafen!
     „Was… hältst du von… Nero?“
     Das Sprechen fiel ihr immer schwerer, ihr Atem ging nur noch stoßweise. Armin hatte inzwischen mit seiner Arbeit aufgehört und sie alle wussten, dass es zu Ende gehen würde mit ihr. Aber nur einen Moment noch, einen kurzen Moment, zwang er sich, tapfer zu sein. Ihr die Angst, die in ihn tobte, nicht zu zeigen.
     „Das ist ein schöner Name“, erwiderte er sanft.
     Ihr Gesicht verzog sich voller Schmerzen. „Ich… ich bin froh… dass er… da ist“, wiederholte sie. Plötzlich drückte sie seine Hand. Ein schwacher Druck, der ihn dennoch zusammenfahren ließ. „Rahn… bitte… versprich mir… dass du… dass du…“ Sie brach ab und wurde von einem erneuten Krampf durchgeschüttelt.
     „Sprich nicht Diana! Alles ist gut!“ Es war nichts gut. Nichts würde gut werden.
     „Nein!“, rief sie aus. Dann, ein letztes Mal, hatte er ihre blauen Augen auf sich gerichtet. Ein letztes Mal sah er das Leben in ihnen. Die Inbrunst, mit der sie ihn ansah. „Bitte!... Du musst… du musst mir versprechen… auf ihn…. aufzu…aufzupassen, Rahn… bitte… pass auf ihn auf… beschütz ihn… bitte… bitte… mein Kind… unser... Kind… Nero….“


Nero hörte auf zu weinen. Er hatte schon aufgehört, zu weinen, als Diana ihn an sich gedrückt hatte. Aber auch jetzt, als die Hand, die ihn gehalten hatte, locker wurde und drohte, von ihm zu rutschen, weinte er nicht. Als das Leben aus Dianas Augen wich, huschten die Augen ihres Sohnes zu ihr, als hätte er es bemerkt. Aber er blieb still. Kurze Zeit später war er eingeschlafen.


Kaum, dass die klamme Hand, die er hielt, schlaff wurde, brach die Erkenntnis über die Umstehenden herein. Mit einem Aufschrei war Dana zu ihrer Tochter gestürzt, Tann erschien ebenfalls, und Rahn wurde zur Seite gestoßen. Er kam taumelnd auf die Beine, aber während er die Verzweiflung und die Tränen auf den Gesichtern der Anderen sah und hörte, erreichte es ihn nicht. Dianas Augen waren noch immer auf ihn gerichtet, auch wenn sie jetzt leer und leblos erschienen und er konnte es einfach nicht begreifen, dass das Leben nie wieder in sie zurückkehren würde. Dass Diana nie wieder mit ihm sprechen, lachen und weinen würde. Dass sie ihren Sohn nie würde aufwachsen sehen. Er war noch immer von der Erkenntnis verschont geblieben.


Doch als sie schließlich wie eine Welle brutal über ihn hereinbrach, fuhr ihm ein ungeheuer Schmerz mitten durch die Brust. Ein Knoten, der sich in seinem Herzen bildete, ihn kribbelnd heiß und kalt durchfuhr und bis in seine Arme strahlte. Er wankte, versuchte, auf den Beinen zu bleiben, aber die Sicht verschwamm ihm vor Augen. Er wollte Diana nicht gehen lassen, hatte Angst, dass er sie nie wieder sehen würde, wenn er die Augen schloss.
     Doch der Schmerz war zu groß. Die Luft wurde ihm genommen und dann überwältigte die Dunkelheit ihn. Er ging zu Boden.


Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in einem vollkommen weißen Raum. Zuerst dachte er, draußen im Schnee zu sein, aber dann erinnerte er sich daran, dass er nicht draußen gewesen war und dass sie gerade gar keinen Schnee hatten. Er ließ den Blick schweifen, suchte nach einem Ausgang oder einem Anhaltspunkt, aber da war einfach nichts.
     Plötzlich wurde der ganze Raum blendend hell, und dann hörte er jemanden hinter sich rufen. Sein Name fiel.


Er drehte sich um und da stand sie hinter ihm. Diana. Er war erleichtert, sie zu sehen und da erinnerte er sich auch wieder daran, was geschehen war, obwohl er es lieber vergessen wollte.
     „Diana!“ Mit einem Satz war er bei ihr und er hätte sie am liebsten an sich gedrückt, aber das tat er nicht. In ihrem Arm hielt sie ein merkwürdiges Ding, das vage an einen Bären erinnerte.
     „Da bist du“, sagte er erleichtert. „Die Götter seien gepriesen, dass ich dich gefunden habe. Du musst wieder mitkommen! Nero wartet auf dich.“


Doch sie schüttelte, zu seinem Entsetzen, den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich bin tot.“ Sie zeigte auf den Bären. Aber ich habe Nero ein Geschenk mitgebracht.
     „Diana! Das…“, er ließ den Kopf hängen, „es tut mir so leid! Ich konnte dich nicht beschützen!“
     Da zerfurchte ein Lächeln Dianas junges Gesicht. Sie hatte nie aufgehört, zu lächeln. „Sei nicht albern! Wie hättest du mich denn vor dem Tod beschützen können?“
      Er hatte keine Antwort darauf, aber er hatte eine Idee. „Ich weiß! Du gehst einfach zurück ins Leben und ich bleibe dafür hier!“
     Doch Diana sagte entschieden: „Nein.“
     „Warum nicht? Ich bin viel älter als du. Ich habe lang genug gelebt. Du aber hast noch dein ganzes Leben vor dir.“


„Ich bin aber tot. Du nicht. Und so soll es sein. Du kannst nicht hierbleiben, und ich will das auch nicht. Du musst zurückgehen. Nero braucht dich. Deshalb bin ich hier.“ Sie entfernte sich, stellte er mit Schrecken fest. „Du musst leben, Rahn! Deine Zeit ist noch nicht gekommen, als stirb mir nicht, hörst du? Versprich mir, dass du lebst und für Nero da bist, ja? Denn ich kann das nicht mehr. Er hat nur noch dich. Also liebe ihn für uns beide und pass auf ihn auf!“
     Sie war so weit weg. Entfernte sich immer weiter. Und er konnte sie einfach nicht mehr erreichen.   


Als er wieder erwachte, brauchte er einen Moment, bis er erkannte, dass er in seinem Bett lag. Doch er brauchte keine Sekunde, um sich daran zu erinnern, was geschehen war. Trotzdem blieb er noch eine Weile liegen und starrte einfach auf die Decke über sich, die er in der Düsternis kaum ausmachen konnte, froh über jede Sekunde, die seine Gedanken nicht dahin zurückkehren würden, was geschehen war.
     „Oh, du bist wach!“, hörte er eine Stimme sagen und da war es vorbei. Er kehrte in die Wirklichkeit zurück. Als er den Kopf drehte, sah er, dass Akara neben ihm am Bett saß. In ihrem Schoß Nero, der gerade friedlich schlief.


 „Den Göttern sei Dank! Wir dachten schon, dass du gar nicht mehr aufwachst“, hörte er sie sagen, während er die Decke zurückschlug und die Beine über den Rand des Bettes schwang. Er fühlte sich vollkommen ausgelaugt. So, als wäre er gerade lange Zeit gerannt. Sein Kopf schmerzte fürchterlich.
     „Armin sagt, dass dein Herz schwach schlägt. Du solltest dich vielleicht noch etwas ausruhen.“
     „Es geht schon wieder. Wie lange habe ich geschlafen?“
     „Fast einen ganzen Tag.“


Er zögerte lange, zu fragen: „Und Diana?“
     „Sie bereiten sie gerade auf die Totenfeier vor“, erzählte Akara unglücklich.
     Nur einen Moment erlaubte er sich, den Schmerz darüber erneut in sich aufflammen zu lassen, dann aber riss er sich zusammen und wandte sich Akara und seinem Kind zu.


 „Wie geht es ihm?“, wollte er wissen.
    „Oh, gut. Er ist ein liebes Kind.“
     Er streckte die Arme aus und Akara verstand und übergab Nero an seinen Vater. Es war merkwürdig, seinen eigenen Sohn in den Armen zu halten. Er hatte gewusst, dass der Tag wahrscheinlich kommen würde, seitdem Diana ihm gesagt hatte, dass sie schwanger war, aber es war trotzdem alles noch immer so irreal. Das kleine, wärme Bündel, das leicht und gleichmäßig atmete und einen ganz eigentümlichen Geruch von sich gab.
     „Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast“, sagte er schließlich.
     „Lulu hat sich die meiste Zeit um ihn gekümmert.“
     Lulu hatte erst vor ein paar Tagen selber ihren Sohn Ragna entbunden. Er war froh, dass es dadurch wenigstens noch eine Frau gab, die Nero würde füttern können.


 „Ich kann nicht so gut mit Kindern, aber…“, plötzlich würde Akaras Stimme schmerzvoll, „Diana war meine Freundin… Ich wollte auch etwas für sie tun…“
     Rahn wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er wusste nicht, was er zu irgendwem sagen sollte, dass Diana tot war. Dass sie tot war wegen ihm. Also schwieg er, und sie schwiegen eine ganze Weile, bis sich Akara schließlich erhob.


„Ich sage dann besser Bescheid, dass du wach bist“, verkündete sie.
     „Ehrlich gesagt, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du es noch für dich behältst. Ich gehe dann selber raus, sobald es mir etwas besser geht.“
     Akara nickte und sie ließ sich nicht zweimal bitten, die Chance zur Flucht zu ergreifen. Er war ja schon erstaunt, dass sie bislang so ausgeglichen gewesen ist. Normalerweise sah sie immerzu verängstigt aus, wenn sie mit anderen zu tun hatte.


Er sah ihr noch einen Moment nach, schüttelte dann aber den Kopf, um die Gedanken loszuwerden, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Er konnte nicht ewig davor davonlaufen. Vor dem, was geschehen war. Also sah er auf sein Kind hinab. Das erste Mal, seitdem Nero geboren worden war, nahm er ihn in Augenschein. Betrachtete die feinen, schwarzen Wimpern und Härchen auf dem noch beinahe kahlen Kopf. Behutsam, damit er ihn nicht weckte, strich er über die Decke, die den Säugling einhüllte und ihn warm hielt.  
     „Tut mir leid, dass ich dich gleich allein gelassen habe“, sagte er schließlich leise zu seinem Sohn. „Aber ab jetzt werde ich dich nicht mehr allein lassen. Ich werde auf dich aufpassen und ich werde dich nach allen Kräften beschützen. Das verspreche ich dir! Ich wünschte nur… deine Mutter könnte dich jetzt sehen… könnte sehen, wie du aufwächst…“


Die Tränen kamen so unvermittelt, dass er keine Chance hatte, sie aufzuhalten. Als würde er ihn trösten wollen, schloss Nero da die Fingerchen um seinen Daumen. Er war noch so klein. Und während sein Sohn friedlich in seinen Armen schlief und ihn tröstend festhielt, gab sich Rahn schließlich seinen Tränen hin. 
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Dienstag, 16. Oktober 2018

Kapitel 8 - Schwimmen wie ein Fisch


Wir kehrten zusammen zum Fest zurück und während Mari zurück zu ihren Freunden ging, setzte ich mich wieder zu Eris. Isaac tauchte kurz darauf wie ein neugieriges Hündchen auf und ich erfuhr von Eris, dass er tatsächlich ein überaus schlauer und aufgeweckter Kerl war. Er lernte schnell und er war auch der beste Handwerker im Dorf. Momentan versuchte er einen Weg zu finden, wie sie einen schweren Felsen vom nahegelegenen Berg ins Dorf bringen konnten, damit sie daraus ein Totem meißeln konnten.
     Ich hätte ihn gerne danach gefragt, wie er das lösen wollte, aber stattdessen durfte ich dabei zusehen, wie er sich den ganzen Abend über daran versuchte, das Gespräch nachzusprechen, das ich und Eris gezwungenermaßen allein führen mussten.

Ich schlief die Nacht extrem schlecht. Schon seitdem wir in das Monstrum, das die Ortsansässigen Dschungel nannten, vorgedrungen waren, hatte ich kaum ein Auge zugemacht. Schon mal bei Sommer auf einer Wiese gelegen und den Grillen gelauscht? Ich glaube, die Grillen hier mussten so groß wie ein Ochse sein, bei dem Radau, den sie machten und sie hielten wirklich nie die Klappe. Es war zum verrückt werden! Mari hatte keine Probleme damit, aber ich wälzte mich jede Nacht nur hin und her. Mal ganz davon abgesehen, dass es hier scheinbar niemals wirklich abkühlte.
     Also ging ich ans Meer runter, wo ein angenehmer Wind wehte und das Rauschen der Wellen mich wie ein Wiegenlied schließlich in den Schlaf sang. Am nächsten Morgen wurde ich dann von der Sonne mit einem sengenden Schlag ins Gesicht wachgeküsst, hatte überall Sand, wo ich es lieber nicht haben wollte, und fühlte mich obendrein, als hätte ich auf Steinen geschlafen. So kleine spitze, die einen immer schön ins Fleisch schneiden.   
     Aber hey, immerhin hatte ich geschlafen und so war ich auch nicht ganz so niedergeschlagen, als ich hörte, dass das Frühstück schon vorbei war. Kane teilte mir das mit, nachdem er mir zur Begrüßung erstmal auf meine saumäßig schmerzende Schulter geschlagen hatte. Ich lächelte den Schmerz tapfer weg und dann ging es mit ein paar anderen in zwei Booten raus aufs Meer. Fischen.
     Das Inseldorf, das wie ihr Geistlicher Lao-Pao hieß, lebte größtenteils vom Fischfang, wie Eris mir munter erzählte, die auch da war, um zu übersetzen. Was sie sonst brauchten, bekamen die zwei Dutzend Menschen, die hier lebten, aus dem Dschungel mit den Monstergrillen.
     „Du solltest dir vielleicht einen Hut borgen. Die Sonne scheint dir nicht so zu bekommen“, riet Eris mir mit Blick auf meinen Sonnenbrand gerade. „Sonst kriegst du noch einen Sonnenstich. Schau, Mari hat auch einen Hut bekommen.“
     Ich wollte nur noch in einen Bottich mit kaltem Wasser. In einer schattigen Hütte. Und ganz viel Futter. 
     „Ach was! Wenn die Anderen das können, steck ich das auch weg. Ich sollte eigentlich auch nackt rumrennen“, scherzte ich lachend.
      Eris schüttelte missbilligend den Kopf. „Ihr Männer mit eurem Stolz. Das wird euch noch irgendwann einmal umbringen.“ 
      Ich grinste als Antwort nur und schwang mich neben Mari, um meinen sonnenverbrannten Arm ins Wasser zu stecken. Mari tat das auch, wenn ihrer auch nicht feuerrot war, also würde es nicht so auffallen. Wir waren noch nicht sehr weit rausgefahren, obwohl ihre Boote viel besser für die Wellen geschaffen waren, als meins. Sie hatten hinten und vorne an den Seiten kleine Schwimmkörper, die das Boot gegen die Wellen stabilisierte. Mein nächstes Boot würde definitiv auch sowas bekommen.
     Das Wasser hier war so wahnsinnig klar, dass ich den Meeresgrund sehen konnte. Und nicht nur das. Plötzlich tauchte ein großer, grauer Fisch* zu Seiten des Bootes auf. Ich hatte so einen schon einmal gesehen. Vor Ewigkeiten, damals, als meine eigenen Leute noch zur See gefahren waren, um zu fischen. Er stieß mit dem Kopf durch die seichten Wellen und gab einen Laut von sich, der sich anhörte, als würde er lachen. Dann tauchte er wieder unter und führte uns einen beeindruckenden Sprung vor, der uns in einen feinen Sprühregen aus Meerwasser tauchte.
      Mari stieß einen begeisterten Laut aus, als sie das sah und auch die anderen Kinder riefen nun immer wieder „Delfin!“. Ich musste sie echt zurückhalten, weil sie mir ins Wasser springen wollte. Die anderen Kinder waren weniger vorsichtig. Alle drei sprangen ins Meer, sodass mir erstmal das Herz stehenblieb. Aber anstatt unterzugehen, schwammen sie mit dem Delfin um die Wette. 
     „Die können schwimmen?“, stellte ich ungläubig fest.
     Eris tauchte an meiner Seite auf und nickte verstehend. „Unglaublich, nicht wahr? Ich wollte es zuerst auch nicht glauben, aber ich kann es inzwischen auch. Sogar die Wellen reiten, kann ich. Du solltest auch fragen, ob sie es dir beibringen.“
      Ich hatte so lange nach jemandem gesucht, der schwimmen konnte, und endlich hatte ich ein ganzes Dorf voller Schwimmer gefunden. Jetzt wurde mir auch klar, wie Isaac uns am vorigen Tag hatte retten können.
      Bevor ich jedoch in den Genuss kam, schwimmen lernen zu dürfen, hörte ich Kane etwas rufen, und die Boote kamen zum Halten. Ich sah, dass er mich zu sich winkte, also sprang ich vorsichtig von einem Boot ins nächste. Nicht, dass ich mir die Blöße gegeben hätte, ihnen zu zeigen, dass ich überhaupt vorsichtig sein musste.
      Als ich neben Kane stand, hatte er ein Netz und einen Speer in der Hand. Natürlich nahm ich mir Letzteren. Mit dem Netz würde ich bestimmt mehr fangen, aber ich wollte ja zeigen, was ich konnte. Kane nickte mir zu, dann warf er seinem Bruder, der hinter ihm stand, das Netz zu und nahm sich einen zweiten Speer. Ich beobachtete Isaac dabei, wie er das Netz ins Wasser gleiten ließ. Zumindest, bis Kane neben mich trat und mir diesmal voll auf meinen Sonnenbrand schlug. Er grinste, wahrscheinlich, weil er dachte, ich würde die Frau beobachten, die sich gerade mit Isaac unterhielt. Zumindest nahm ich das an, als er mit seinen Händen imaginäre Brüste vor seine Brust zeichnete und die Augenbrauen dabei tanzen ließ. Ich wollte mit den Augen rollen, grinste aber stattdessen zurück und wandte mich lieber meiner Aufgabe zu.
      Der Speer in meiner Hand hatte einen Haken, wie es auch die gehabt hatten, mit denen die Menschenfresser unser Boot geentert hatten. Ich unterdrückte ein Schaudern bei dem Gedanken daran und begann, dass Wasser nach Fischen abzusuchen. Es wimmelte hier geradezu von Fischschwärmen. Wie kleine Steine, die man ins Wasser geworfen hatte, sah das aus. Das Boot hatte sich inzwischen ein bisschen von dem anderen Boot entfernt, auf dem die Kinder waren. Wahrscheinlich, damit sie die Fische nicht verjagten. Da Eris bei ihnen geblieben war, war ich ganz auf mich allein gestellt.
      Kane grinste mich herausfordernd an, dann nutzte er die Gelegenheit, um den ersten Versuch zu starten. Als sein Speer wieder aus dem Wasser auftauchte, zappelte ein ganz beachtlicher Fisch daran. Ich ließ mich nicht zweimal bitten und tat es ihm nicht nur gleich, sondern übertraf seinen Fisch an Größe natürlich auch noch. Ich sagte ja, dass mir beim Fischen kaum einer das Wasser reichen konnte.
      Am Ende hatten wir so etwas wie einen Gleichstand. Kane holte zwar die größeren Fische an Land, ich schaffte jedoch insgesamt mehr. Die Sonne brannte die ganze Zeit über fröhlich am Himmel, sodass ich doch ziemlich froh war, als ich ins andere Boot zurückkehren und meinen Kopf ins kühle Nass stecken konnte. Doch als ich da ankam, hing Mari im Wasser und klammerte sich ans Boot. Sie hatte natürlich versucht, die anderen Kinder nachzumachen und musste mir das gleich auch mal vorführen. Obwohl sie einen ganzen Augenblick oben bleiben konnte, zog ich sie trotzdem lieber wieder ins Boot, nachdem ich meinen ersten Herzstillstand überwunden hatte.
     Der Delfin zog noch eine ganze Weile seine Kreise um uns, und da Isaac auftauchte, nachdem ich Mari gerettet hatte, kam ich nun doch nicht dazu, mich abzukühlen.

Da mich mein Sonnenstich doch ein bisschen sehr niederschlug, kam ich erst ein paar Tage später dazu, mich am schwimmen zu versuchen. Kane war der beste Schwimmer weit und breit, also hatte er sich angeboten, es mir beizubringen, aber er war kein sehr guter Lehrer, wie ich feststellen musste. Ich war nur froh für Mari und die anderen Kinder, dass sie es von wem anders gezeigt bekamen.
     Kane bestand jedenfalls darauf, dass ich „einfach mal ins Tiefe gehe“, wie Eris ihn übersetzte, als ich mich geweigert hatte, von einer Klippe zu springen. Seiner Meinung nach würde ich dann schon ganz automatisch anfangen, zu schwimmen. Ich war ja nicht so überzeugt davon, wenn ich so bedachte, wie oft ich schon im tiefen Wasser gewesen und trotzdem abgesoffen war. Was auch dann das nächste Problem war.
     Das Wasser durfte meine Zehen berühren, aber dann war Schluss bei mir. Es war eines, ein Boot zwischen mir und dem Wasser zu haben, und die Götter wissen, dass ich echt lange gebraucht habe, um überhaupt das zu schaffen. Aber freiwillig ins Wasser gehen? Da wollten meine Beine plötzlich nicht mehr mitmachen. Ich hasste es, mir eine Blöße zu geben, aber ich konnte es nicht ändern. Nicht mal Isaac konnte das, der kurz darauf versuchte, mir zu helfen. Er stand vor mir im Wasser und streckte mir die Hände hin, um mir zu zeigen, dass er ja da war, um mir die Hand zu halten, aber es ging nicht. Ich hatte so eine verdammte Angst.
     „Auf dem Boot hattest du doch auch keine Angst“, merkte Eris jetzt überaus hilfreich an.
     „Da war ja auch Holz zwischen mir und dem Wasser.“
     „Du hast deine Hand reingesteckt.“
     „Das ist was anderes!“
     Sie gab mir diesen Blick, dass sie mich nicht ganz ernst nahm, aber das war mir egal. Mir war das nämlich sehr wohl todernst.
     „Mach einfach die Augen zu und dann spring!“, riet mir Mari, die es mir auch gleich mal vorführte, bäuchlings im Wasser zu landen. Obwohl ich wusste, dass es da, wo sie war, nicht tief genug war, dass sie untergehen konnte, half das meiner Angst trotzdem nicht gerade, zu verschwinden.
     Plötzlich stand Isaac neben mir und hatte seine Hand auf meiner Schulter. Er sah mir fest in die Augen, wie einem Kind, dem man sagte „Du schaffst das!“, und dann wies er mit einer weiten, fließenden Bewegung aufs Meer hinaus. Wie die ganzen letzten Tage seit unserer Ankunft schon war es ruhig. Der Himmel war wolkenlos und es hatte nicht einmal geregnet. Aber ich wusste, wie schnell das umschlagen konnte. Ich werde nie die Wolkenwand vergessen, die sich am Himmel türmte, damals, als die Flutwelle kam, um mir meine Geschwister zu nehmen. Die Leute, die ich kannte. Einen Moment lang sah ich ihre Augen, groß und voller Unglauben, und im nächsten Moment waren sie verschlungen. Als hätte sich eine wilde Bestie über sie hergemacht.
     Ich fühlte richtig, wie mir das Herz in die Kniekehlen rutschte, als ich daran dachte. Aber dann war da plötzlich Isaacs wohlklingende Stimme. Er sang. Ich brauchte ziemlich lange, bis ich verstand, dass er wollte, dass ich mit ihm sang. Ich schickte hilflos einen Blick zu Eris zurück, die bestätigte: „Ja, er will, dass du singst. Sie singen immer alle, wenn eine Sturmflut kommt. Oder der Vulkan auf der Nachbarinsel ausbricht.“
     Ich sah in die Richtung, in die sie zeigte. Mir war der dunkle Fleck am Horizont schon aufgefallen, ich hatte bislang aber noch nicht nachgefragt. Und ich kam auch jetzt nicht dazu. Ich versuchte, mich auf Isaacs Stimme zu konzentrieren und – ach verdammt – ich stimmte mit ein. Oder besser gesagt, ich begann eines der Lieder zu singen, die meine Mutter mir als Kind immer vorgesungen hatte.
     Ich hatte früher eine gute Stimme gehabt. Als Kind hatte ich immer mit unserem Schamanen zusammen gesungen und meine Eltern waren mächtig stolz darauf gewesen. Aber ich hatte lange nicht mehr gesungen und es hörte sich zunächst schief und krächzend an. Also sang ich lauter, in der Hoffnung, dass der Frosch dadurch aus meiner Kehle verschwinden würde. Meine Stimme war immer schon kräftig gewesen. Ich war mir ziemlich sicher, dass man mich bestimmt noch auf der anderen Seite der Insel hören konnte. Wahrscheinlich würden sie bald aus dem Dorf kommen, um zu gucken, was da am Strand verendet war.
     Da merkte ich, wie ich nach vorne gezogen wurde. Eine Hand auf meinem Arm. Wahrscheinlich war es Isaac, aber ich hatte die Augen zu und konnte es nicht sehen. Ein Schritt nach dem anderem. Ich merkte das Wasser, das immer höher stieg, und es machte mir Angst, aber ich versuchte, an meine Kindheit zu denken. Mir das Gesicht meiner Mutter vorzustellen. Die düstere Enge unseres alten Zuhauses. Wie hatte es gerochen? Wo war noch gleich der Ort, an dem Gabi und Gritta immer ihr Diebesgut versteckt hatten? Meine kleinen Schwestern, an die ich viel zu lange nicht mehr gedacht hatte, seitdem sie von den Fluten verschlungen worden waren. Mutter war immer wütend auf sie gewesen, wenn sie Stücke vom frisch gebackenen Brot gestohlen hatten. Manchmal hatten sie auch mit mir geteilt. Da haben wir uns alle im Heu versteckt und haben gefuttert. Ich weiß noch, das eine Mal, als Vater Honig aus dem Wald mitgebracht hatte…
     Ein Druck auf meiner Schulter ließ mich in die Realität zurückkehren. Ich merkte, dass ich aufgehört hatte, zu singen, aber dafür brusttief im Wasser stand. Zuerst war da wieder der Drang, zu fliehen, in mir. Die Angst, die mir mein Innerstes zerquetschte, aber dann beruhigte ich mich wieder, als ich Isaac vor mir sah. Er lächelte beruhigend, aber ich hatte trotzdem einen wahnsinnigen Drang, mich an ihm festzuhalten. Vor allen Dingen, als Kane nun Anstalten machte, durch die Wellen zu brechen und zu uns zu kommen.
    
„Nein, ich habe schon versucht das.“ Er überlegte. „Ich habe das schon versucht.“
     Wie immer war er äußerst penibel, was seine Korrektheit anging. Wenn ich das letzte halbe Jahr etwas über Isaac gelernt hatte, dann, dass er keine halben Sachen machte. Wenn er etwas machte, dann richtig. Und ich war immer noch erstaunt darüber, wie schnell er meine Sprache gelernt hatte. Ich konnte immer noch nicht mehr in ihrer Sprache sagen, als Sonne und Mond (Lao und Pao). Naja, vielleicht habe ich es auch nicht wirklich versucht, zu lernen. Ich war nie so gut im Lernen.
     Isaac, der vorher noch neben mir durch den Dschungel gegangen war, hatte gerade einen hohen Baum erklungen. Mit einem gezielten Schlag hatte er eine Kokosnuss mit seinem Messer abgeschlagen und er drehte sie ein paarmal in den Händen. Das Messer wanderte zurück in die Schärpe, die er trug und dann beklopfte er das komische Ding, das ich am Anfang für eine leere Schale gehalten hatte.
     „Was willst du denn damit? Glaubst du, dass du damit bessere Schwimmkörper machen kannst?“, ärgerte ich ihn grinsend.
     Er hatte das letztens tatsächlich versucht, aber das Boot war von der nächsten Welle umgeworfen worden. Isaac streckte mir die Zunge dafür raus. „Schau, dass du fängst!“
     Er holte aus und er war ja nicht der beste Werfer, aber die Höhe war doch ein ziemlich gemeiner Vorteil für ihn. Ich musste jedenfalls ganz schön rennen und am Ende fing ich sie trotzdem nicht. Es war ja auch nicht gerade einfach, durch einen Dschungel zu rennen. Eigentlich trug ich keine Schuhe auf der Insel, aber im Dschungel hatte selbst Isaac seine Latschen an. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und hob die Kokosnuss auf. Dabei sah ich mindestens eine Schlange, drei Spinnen und eine dieser Riesengrillen, die eigentlich keine waren, aber dafür Lärm wie welche machten. Vom Rest wollte ich gar nichts wissen. Ich wusste, dass ich hier besser nirgends rein trat und die Finger von allem Getier ließ. Wenn die einen mal in Ruhe ließen.  
      Ich ging jedenfalls nicht sehr gerne in den Dschungel. Vor allen Dingen alleine ging ich nie. Aber Isaac kannte sich ja zum Glück aus. Mit ihm kam ich öfter hierher, wenn er mal wieder Materialien für seine Bauwerke brauchte. Seitdem ich hier war, war ich so etwas wie sein persönlicher Helfer oder Materialienträger oder sowas geworden. Meistens war ich der Mann fürs Grobe, während Isaac plante und zusammenbaute. Wir verstanden uns inzwischen jedenfalls ziemlich gut, würde ich sagen.
     Isaac kam den Baum nun wieder runter und er schreckte damit einen wunderbar strahlend roten Papagei auf, der Mari bestimmt gefallen hätte. Er hatte schon lange keine Augen mehr für sowas, ich aber fand es noch immer faszinierend, was es hier so alles zu sehen und zu entdecken gab. Es wäre aber gelogen, wenn ich behauptet hätte, dass es nicht trotzdem Isaac war, der mich gerade am meisten interessierte. Er war schon wieder auf Abwegen, also folgte ich ihm.
      Er führte mich vom Dorf weg, wenn ich hätte raten sollen ging es wahrscheinlich an der Küste entlang durch den Wald. Ich konnte das Meer jedenfalls nicht weit entfernt gegen die Felsen branden hören, die sich auf der rückwärtigen Seite der Insel erstreckten. Trotzdem konnte ich sagen, dass wir hier noch nie gewesen waren.
     „Wo gehen wir hin?“, fragte ich schließlich nach, als mir das bewusst wurde.
     Isaac blieb stehen und als er sich zu mir umdrehte, sah er so ernst aus, dass ich ein bisschen erschrak und mich fragte, ob ich was Falsches gesagt hatte.
     „Du bist doch Freund?“
     Ich nickte und musste mich zusammenreißen, nicht von einem Ohr zum anderen zu grinsen.
     „Ich wollte mit dir sprechen, bevor ich dir zeige.“
     „Was zeige?“
     „Mein Schwester. Sie ist Ausgestoßene aus Dorf.“
     Das kam unerwartet. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass sie überhaupt existierte. Niemand hatte je über sie gesprochen. Aber wenn sie eine Ausgestoßene war, wunderte mich das auch nicht.
     Ich zögerte ein bisschen, nachzufragen, tat es dann aber doch: „Was hat sie denn getan?“
     „Ich darf nicht sagen. Entschuldige! Sie hat mir verboten.“
     Er sah wirklich zerknirscht darüber aus, also nickte ich verstehend. „Warum willst du sie mir zeigen?“
     „Einfach so. Weil wir sind Freunde.“ Plötzlich war er wieder ernst. „Ich kümmere mich um sie. Aber wenn ich tot oder krank, sie hat niemanden. Kane, Vater, alle anderen, für sie Ayra wie tot. Aber du nicht von hier. Kannst du dann um sie kümmern, wenn Hilfe braucht?“
      Das war schon eine ziemlich große Bitte. Ich war ja eigentlich nur ein Außenseiter, ein Reisender. Ich wusste, dass ich als solcher nicht dieselben Rechte und Verpflichtungen hatte, wie Mitglieder des Dorfes, aber dennoch hatten sie mich immer fair und gut behandelt. Wie einen Gast. Und das war es eigentlich auch, was ich war. Auch nach über einem halben Jahr noch. Was sollte ich darauf also antworten?
      Ich druckste ein bisschen herum, bevor ich schließlich versprach: „Solange ich hier bin, werde ich ihr helfen, wenn sie Hilfe braucht. Das verspreche ich dir.“
      Ein Lächeln auf Isaacs Gesicht. Ich liebte es, wenn er lächelte. „Danke.“ Das Lächeln erstarb. „Weißt du, wie lange du hier bist?“
     „Nein, noch nicht. Aber ich werde demnächst anfangen, ein neues Boot zu bauen.“ Ich zwinkerte. „Aber erst, wenn ich deine Verbesserung gesehen habe. Vielleicht kann ich sie ja gleich einbauen.“
     Isaac arbeitete seit einer Weile schon an einer Methode, ihre Boote schneller zu machen. Das war einer der Gründe gewesen, warum ich ursprünglich angefangen hatte, ihm helfen zu wollen. Oder zumindest war es der Grund, den ich vorgeschoben hatte.
     
Es ging bald schon ziemlich bergauf. Der Dschungel hörte mit einem Mal auf und dann hatte ich eine freie Sicht auf eine kleine Rundhütte, die einsam und verlassen an einer Klippe stand. Sie sah ziemlich windschief aus und mit dem regenschweren Wolkenhimmel im Hintergrund wirkte sie auch gleich doppelt so trostlos.
     Als wir näherkamen, erkannte ich tatsächlich einen winzigen Garten. Ich hatte bislang noch nicht gesehen, dass sie im Dorf etwas anbauten, aber Isaacs Schwester war wohl ein bisschen anders. Das waren Ausgestoßene meistens. Doch viel überraschender fand ich, dass Eris da vor der Hütte am Feuer saß. Seltenerweise hatte sie ihren Hut abgelegt, weshalb sie wie ein Gespenst vor der Szenerie wirkte.
      Als sie unserer ansichtig wurde, sprang sie auf die Beine und sie sah tatsächlich ein bisschen erschrocken aus, als ihr Blick zu mir huschte. Natürlich war es dann auch die Sprache, die ich nicht verstand, die sie wählte, um auf Isaac einzureden.
     „Wir sind Freunde“, antwortete Isaac ihr jedoch in meiner Sprache. „Er hat versprochen, Ayra zu helfen, wenn sie braucht.“
     Eris sah aus, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann machte sie den Mund wieder zu. Stattdessen rief sie Ayras Namen laut über die Schulter hinweg, woraufhin ein Kopf im Eingang der Hütte erschien. Die Frau, der er gehörte, sah sich zuerst um, dann war da ein Lächeln, als sie Isaac sah und Abscheu, als sie bei mir hängenblieb. Aufgebracht kam sie nach draußen und natürlich musste auch sie sich erstmal bei Isaac darüber beschweren, dass ich da war. Diesmal konnte er leider auch nicht so antworten, dass ich es verstand.
      Während die Geschwister sich unterhielten, hatte ich die Zeit, festzustellen, dass dieses von Abes Kindern sehr nach ihm kam. Sie hatte das runde Gesicht, pausbäckige Gesicht von Isaac, aber die krumme, kräftige Nase von ihrem Vater. Auch die Augen waren dieselben, strengen Augen, die auch Abe hatte. Wie nicht anders zu erwarten bei einer Ausgestoßenen hier war sie in ein wunderbar buntes Tuch gehüllt.
     Ich hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, dass Nacktheit ein Statussymbol im Dorf war. Die Kinder trugen allesamt Lendenschurz, aber sobald sie ins Erwachsenenalter eintraten, verbrannten sie ihre Sachen, um ihre Kindheit abzulegen. Dann liefen sie nackt durch die Gegend, um Paarungsbereitschaft zu symbolisieren. Deswegen gab es durchaus auch ab und an ein paar angezogene Leute im Dorf. Frauen, die bluteten, Schwangere, Alte. Sowas eben. Aber auch ihre Ausgestoßenen mussten sich verhüllen, um zu zeigen, dass sie kein Mitglied der Gemeinschaft mehr waren. Oh und Eris war auch eine Ausnahme, weil sie sie als Stück vom Mond verehrten und sie unantastbar war. Es war, ehrlich gesagt ein bisschen verwirrend, und ich verstand nicht, wie sie da den Überblick behielten. 
     Als Ayra dann fertig mit schimpfen war, baute sie sich vor mir auf und sie hatte diesen Blick drauf, dass ich sofort in Deckung gehen wollte, weil ich was falsch gemacht hatte. Sie musterte mich von oben bis unten, schien aber schließlich einverstanden mit mir zu sein.
     „Sie sagt, du kannst bleiben“, übersetzte Isaac seine Schwester, und wie immer, wenn er übersetzen durfte, war er mächtig stolz drauf. Ich hatte Eris einmal gefragt, warum sie Isaac unsere Sprache nicht schon früher beigebracht hatte, aber da hatte sie nur gesagt, dass sie ja kein Lehrer sei. Manchmal verstand ich sie wirklich nicht.
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* Delfine sind keine Fische, sondern Säugetiere.

Prolog

  Ich werde ziemlich unterschiedliche, auch weniger schöne Themen behandeln, dabei aber ohne Blut oder bildhafte Darstellungen von ...