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Sonntag, 17. Juli 2022

Kapitel 22 - Tot geglaubte leben länger oder unerwarteter Familienzuwachs


Ein weiteres Mal ergriff die Leichtigkeit von ihr Besitz. Ein Flug, ein Fall, ein endloser Sturz.
Sie fühlte sich ausgelaugt, hatte keine Kraft, keine Lust mehr, um zu weinen, zu hassen, vor der Angst davonzulaufen.
Schlaf, das war alles, was sie nun noch begehrte. Eine einzige Nacht ohne bösen Albtraum, ohne die Erinnerungen in ihrem Kopf, die nicht ihr gehörten.
Und die Leichtigkeit in ihr, das Kribbeln im Magen, die Müdigkeit, die nach ihr griff, sie so wunderbar betäubte.
Doch mit einem Mal war sie wieder da. Der harte Holzboden an ihrem Rücken, spürte sie jeden einzelnen ihrer Muskeln, verkrampft, vor Angst und Erschöpfung.
Ein Schwirren in ihrem Kopf, als sie sich aufzurichten versuchte. Brummen in ihren Ohren. Ihre Augen blind, sahen keinerlei Farbe mehr.
Von irgendwoher das Rauschen von Blättern.​
 

Und dann kam die Farbe so plötzlich zurück, dass es ihr mit scharfen Messern in die Augen stach. Die Sonne lachte ihr schadenfroh ins Gesicht. Kälte um sie herum und der Schweiß, der ihre Kleider durchnässte, ihrem Körper aber keine Abkühlung verschaffte.
Von weit entfernt ein Wimmern, ein leises Schluchzen, voller Sehnsucht und Schmerz. Ein gedämpfter Aufschrei folgend, ob glücklich oder voller Angst, dass konnte sie nicht sagen.
Zwei große raue Hände an ihren Armen, umschlangen sie, zogen an ihr und zwangen sie auf die Beine.
Sollte sie sich wehren? Ihr Kopf konnte ihre Gedanken nicht halten.
Doch wie sollte sie? Ihre Beine fühlten sich unwirklich an, sie schwankte, musste sogar festgehalten werden, um nicht wieder zu fallen.​


Um sie herum nur Leere. Keine Frage, kein Gedanke in ihrem Kopf. Doch ihre Augen sahen wieder, blickten sich neugierig um, nach dem Leben, das ihr fehlte.
Und fanden es. Die grünen Augen, die sie ansahen, unter markanten Wangenknochen ein Mund, der sich wehleidsvoll zu einem Lächeln verzog, ihr zuliebe.
Und plötzlich stockte ihr der Atem. Wurde sie von einem warmen, einschläfernden Bad in einen eiskalten Kübel geworfen.
Ihre Stimme versagte, nur ein paar erstickte Laute verließen ihre Kehle.
"Vater!"
Ihre Knie zitterten gefährlich. Sie stieß sich von ihrem Retter frei, sah ihn voller Verwirrung und Glück an.
Wieder einmal war es die Realität, die ihr sehr hart bewusste machte, dass dies nicht sein konnte, dass dieser Mann nicht ihr Vater war.​


"Er sieht deinem Vater wirklich sehr ähnlich..."
Eine raue Stimme drang zu ihr vor, abgenutzt, doch schon zu lange nicht mehr in Gebrauch. Sie kam ihr bekannt und auch seltsam vertraut vor.
Eine weitere Drehung. Und drei Blicke.
Auf den ersten Blick erkannte sie niemanden in der alten Frau.
Auf den zweiten Blick nur die Köchin, die sie einst nach dem Weg zu Jerret gefragt hatte.
Auf den dritten warf man sie in ein noch kälteres Becken.
Ein weiteres Mal die Fassungslosigkeit. Das war zuviel für sie.
"Mutter?"
 Tränen standen der bereits greisen Frau in den Augen, schienen nie fortgewesen zu sein. Sie nickte mit schweren Bewegungen.
"Wie... wie... Du wusstest, dass ich hier bin? Du wusstest es! Warum.. warum..."
Eine plötzliche Wut in ihrem müden Magen.
Babara von Garner senkte den Blick.
"Ich war schon immer eine schlechte Mutter gewesen. Und bin es geblieben, habe Charlotte und dich einfach im Stich gelassen, als ihr mich am meisten brauchtet."​


"Ich habe mit angesehen, wie dieser Mann meine Familie zeriss, mein eigenes Kind aus dem Hause in die Ungewissheit trieb und das andere schändete und entehrte. Doch ich habe nichts dagegen getan."
Plötzlich hob sie ihre Hände, fassungslos mit sich selber ringend. Ihre faltigen Arme zitterten.
Und da wurde Hannah das erste Mal bewusst, wie alt ihre Mutter geworden war. Sie wirkte so zerbrechlich, nichts mehr übrig von der einstig starken und anmutigen Frau.
Sie schüttelte nun selber den Kopf.
"Nein, du hättest nichts gegen diesen Mann tun können. Er hatte euch in der Hand."
Barbara tat es ihrer Tochter gleich. Doch Hannah brachte sie mit einer Handbewegung schnell zu Schweigen. Sie wollte sich jetzt nicht darüber streiten.
"Aber weshalb hat er dich am Leben gelassen?"
Die Mutter schüttelte abermals traurig den Kopf. Und gleichzeitig loderte eine Flamme von Hass in ihren Augen.
"Er hat zuerst versucht, meinen Willen zu brechen und mit mir ein Kind zu zeugen, war Charlotte damals doch noch zu jung dafür. Aber es funktionierte nicht. Also hat er mich gelassen,ich hatte längst keinen Lebensmut mehr, und sich das Geld für eine Köchin gespart."​


Allseitiges Schweigen, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken.
Ein Schwall Kälte streifte plötzlich ihren Arm, Gänsehaut auf ihrem ganzen Körper.
Und da war sie plötzlich wieder. Die Erinnerung, die sich mit den längst vergangenen von Charlotte vermischte, sie hatte glauben lassen, dass dies genauso unwirklich für sie war wie jene.
"Gabriel! Was... was ist mit Gabriel?"
Sie sah sich im Raum um. Und ihr Blick blieb an dem Unbekannten neben ihr hängen. Er schüttelte den Kopf.
"Großmutter hat ihn erschossen, als er dich angriff. Es ging nicht anders", meinte er mit einem Blick auf Barbara.
Wieder zu viele Informationen für Hannah. Großmutter? Sie hatte ihn erschossen? Gabriel war tot?
"Großmutter?", drängte sich diese Frage schließlich in den Vordergrund.
"Ja. Das ist Alexander, der erste Sohn von Charlotte und...", Barbara brach ab.
"Mein Neffe?"
Alexander nickte. "Einer von zweien."
Und Hannah war sich sicher, eine Spur von Traurigkeit in seiner Stimme zu hören.​


Wieder einmal stellten sich Gedanken in den Vordergrund, die sie von ihrem eigentlichen Ziel abzubringen drohten. Sie wusste nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Zu früh war es, um sich zu freuen. Also tat sie einfach gar nichts,
Sondern drehte sich nur um, ihre hochgewachsene Statur blickte ihr in dem kalten Spiegel entgegen. Ihre Schwester bei ihr. Sowohl die Sanfte, als auch die Rachsüchtige. Stärkten und entkräftete sie.
"Zerstöre ihn! Bitte!", drangen Charlottes Worte drangen zu ihr durch.
Bevor sie genau wusste, was sie tat, hatte sie den Kerzenständer neben sich ergriffen, eine schnelle, heftige Bewegung, und unzählige Scherben erfüllten den Raum, manche fein wie Staub, glitzernd, andere so groß, dass sie ihr den Arm zerschnitten.
Ein Schrei erfüllte den Raum. Schwach, aber doch kräftig genug, um noch Sekunden später in den Ohren nachzuhallen. Wurde zu einem Gurglen, einem heiseren Krächzen und erstickte schließlich vollends.​

 
Und dann lief sie plötzlich, fiel auf die Knie, als hätten Charlottes Gefühle über den Verlust ihres Sohnes von ihr Besitz ergriffen. Seine trüben Augen, die nur matt blickten, zu seinem ebenfalls toten Bruder hinübersahen. Und doch war ihr, als ob er lächelte. Hatte er endlich den Frieden gefunden, den er gesucht hatte, das erfüllt bekommen, nach dem er sein ganzes, junges Leben lang gesucht hatte?
Hannah konnte sich die Tränen nicht mehr verkneifen.
Keinen von den Jungen hatte sie sonderlich gemocht, aber dennoch war sie traurig, dass sie nun gegangen waren.​


Es war ein ruhiger, sonniger Sonntagmorgen.
In dem alten Herrenahus war man schon längst vor dem ersten Hanhnenschrei auf den Beinen.
Geschäftiges Treiben unter den zerissenen Bewohnern.
Die taunassen Blätter hatten in der Morgendsonne geglänzt, als man in die feuchte Erde vorgestoßen war. Ein längliches Loch zu graben. Und noch eines. Insgesamt vier davon.
Neben Dorothea und ihrer Mutter, hatte man den kleinen Gabriel vergraben und obwohl zwischen den Halbbrüdern ein Kampf geherrscht hatte, Aiden neben ihm.
Harriet Morgen wurde neben Charlotte begraben und das vierte Grab, dazu hatte man sich einstimmig entschlossen, dem alten Hausdiener Jerret als letzte Ruhestätte zu geben.
Nur der falsche Graf, den verscharrte man irgendwo hinterm Haus, auf das irgendwann ein paar Hunde ihn vielleicht wieder ausbuddeln würden.​
 

Hannah sah nicht zurück, als sie erleichtert und doch so viel bedrückter als zuvor, das Grundstück durch das alte Eisentor wieder verließ.
Sie war allein, hatte dies so gewollt. Alexander und Barbara waren geblieben, würden noch schnell ein paar Dinge packen, bevor ihr Neffe seine Großmutter mit sich in die Stadt nehmen würde, wo er mit seiner Frau und seinen Kindern lebte.
Hannah hatte sich einfach nicht freuen können, sie wieder zu haben. Wie oft hatte sie sich gewünscht, ihre Mutter einmal nur noch zu sehen? Und jetzt war sie da, doch alles, was sie jetzt empfand, war nur mehr Leere.
Und deshalb war sie einfach gegangen. Hatte ihre Sachen nicht einmal mehr packen können, sich nur schnell etwas anderes angezogen und war gegangen. Denn sie hatte es keine Sekunde mehr länger an diesem Ort ausgehalten, der nun wieder ihr gehörte. Dem einzig noch lebenden Erben, nachdem auch Alexander auf den Anspruch verzichtet hatte.
Alles, was sie sich noch wünschte, war, dass sie nie hergekommen wäre, obwohl auf der anderen Seite sie auch gerade froh war, es doch getan zu haben.
Denn sie hatte erfahren, was mit ihrer Familie passiert war, hatte erfahren, dass einige tot geglaubte Verwandte noch lebten, hatte ihre Rache bekommen und helfen können.​

 
Doch zu welchem Preis? Vier Menschen, die sie nicht einmal richtig kennen lernen durfte, waren nun tot.
Und selbst dass der Mann, den sie hatte tot sehen wollen, seine Strafe bekommen hatte, war nun nicht mehr von Bedeutung für sie.
Hass und Missgunst! Das war es, was diese Familie zerissen hatte. Jeder nur auf sich bedacht.​


Ein Vater, der der Mutter so viel Leid zugefügt hatte, nur eines Adelstitels wegen.
Ein Sohn, der dem allen entfloh.
Ein weiterer, der nur die Liebe seiner Mutter wollte.
Ein Kukuckskind, dass genau dies von seinem Vater wollte.
Beide so unterschiedlich und doch so gleich.
Und eine Tochter, getötet von der eigenen Mutter, selbst auf der Suche nach Vergeltung, doch nicht einmal wissend, wie sie diese Vergeltung erlangen konnte.
Was aus dem Mädchen geworden war?
Das wusste sie selber auch nicht. Wünschte ihr, dass sie endlich Frieden gefunden hatte. Doch sicher war sie da nicht. Sie hatte Dorothea jedenfalls nicht mehr gesehen.​

 
Und mit einem letzten Gedanken zurück an die Dinge, die sie lieber vergessen wollte, kehrte sie der Sonne den Rücken und verließ die Welt, die sie besser nie kennen gelernt hätte.​

*********​



Kapitel 21 - Eine Reise in die Erinnerung​


Licht flutete den kleinen Raum, blendete sie, machte blind und ließ sie alles sehen. Die Dunkelheit entfloh, als wäre sie eine Ewigkeit festgehalten worden.
Ein Schrei. Dann der Knall. Und verbrannter Geruch in der Nase. Grauer Rauch umzingelte sie. Schnitt ihr jeden Weg ab. Das Gefühl von Schwerelosigkeit ergriff Besitz von ihr, sie fiel, ohne Rückhalt, weiter und immer weiter.
Plötzlich die Schwere auf ihren müden Gliedern und doch fühlte sie sich, als hätte sie lange geschlafen - zu lange.
Die Sonne auf ihrer Haut.
Der vertraute Geruch in ihrer Nase.
Blumen?
Waren es Rosen?
Rosen?
Die Rosen, die sie damals so sehr geliebt hatte?
Kinderlachen. Und mit einem Mal war sie wach, blickte einem fast wolkenlosen blauen Himmel entgegen, die Farbe so intensiv, dass es in den Augen schmerzte.​


Wieder das Lachen in ihren Ohren. So sorglos. Wie lange schon hatte sie diesen wunderbaren Klang nicht mehr vernommen?
"Charlie?" 
Ihre Stimme von weit entfernt.
Lachen. Zwei Kinder vor ihr auf dem fein säuberlich gepflasterten Weg. Die Sonne ließ ihre roten Schöpfen strahlen.
"Charlie!"
Sie sprang auf, knickte aber wieder ein, fiel auf den längst vergessenen Weg der Rosen und konnte dem Spiel der Kinder nur weiter von fern zusehen.​


"Ist es nicht schön hier?"
Die Stimme! So fremd und doch so vertraut. Neben ihr eine hochgewachsene Frau. Hannah sah sie nicht an. Aber das war auch nicht nötig. Sie lächelte stattdessen stumm und beobachtete das Spiel der beiden Kinder.
"Charlotte."
"Erinnerst du dich noch an diese schöne Zeit?"
Hannah nickte. Und dann sah sie die Frau neben sich doch an. Die Frau, die sie in einen Spiegel blicken ließ und die sich doch über die Jahre so weit von ihr entfernt hatte, gezeichnet von Schmerz und Hass.
"Wo bin ich hier?"
Charlie kicherte wie ein kleines Mädchen. "Es war eine schöne Zeit damals. Aber sie existiert nun nur noch in unseren Erinnerungen, Hannelore. Die Erinnerungen, in die ich so oft flüchtete, in denen ich noch klar denken konnte, Herr über meinen Körper war und wo wir jetzt auch sind."
Hannah hob eine Augenbraue. Neben ihr das gleichmäßige Spiel der Grillen.
"Was ist passiert, Charlie? Warum bist du hier? Warum bin ich hier? Ich verstehe nichts mehr! Bin ich tot?"
Charlie schüttelte belustigt den Lockenkopf.
"Nein, du Dummerchen. Noch bist du nicht tot. Und es liegt ganz allein an dir, ob du später sterben wirst oder nicht."​


Plötzlich wieder das Licht. Die spielenden Kinder vor ihr verschwammen. Dann stand sie mit einem Mal. Neben ihr immer noch Charlotte, die gebannt nach vorn starrte. Hannah folgte ihrem Blick.
"Mutter! Vater!"
Sie wollte nach vorn stürzen, die so lang Vermissten in ihre Arme schließen, doch sie konnte es nicht tun, wurde von unsichtbaren Fesseln zurückgehalten.
Vor ihr dir tot geglaubten Eltern, die sie nicht einmal zu bemerken schienen. Und das Rattengesicht, jünger, aber immer noch hinterhältig grinsend, das aus der glücklichen, wenngleich auch armen Familie herausstach. Seine falschen Augen auf dem Truthahn der Mutter, auf ihrem Vater und ihnen allen.
"Erinnerst du dich noch daran?", drang Charlies Stimme an ihr Ohr.
Hannah nickte bitter. "Ja. Das Abendessen, das alles veränderte."
"Vater hatte einen Freund um etwas Geld gebeten und wir erwarteten ihn an diesem Abend zum Essen."
 "Aber stattdessen kam dieser falsche Mann."
"Albert May",
schnaubte Charlie verächtlich.
"Behauptete, Vaters Freund wäre verhindert und er würde an seiner statt entscheiden, ob wir das Geld bekommen würden."
"Und dann schoss er Vater in den Kopf."​


Hannah schluckte. Die Bilder vor ihren Augen. Als würde alles noch einmal passieren. Und sie mittendrin, als hilflose Zeugin, gefesselt, die nichts dagegen tun konnten, als der Vater ein zweites Mal erschossen wurde.
Ihr Blickt wurde leer. "Ich bin gerannt, als Vater starb."
Die kleine Hannah vor ihr sprang auf, als sie erzählte. Der Schmerz, die Angst und die Verwirrung in ihrem kindlich unschuldigen Gesicht. Und dann lief sie panisch an ihnen vorbei und verließ die grausame Szene.
Hannah sah ihrer Zwillingsschwester neben sich direkt in die Augen.
"Aber was ist dann passiert? Ich rannte fort wie ein Feigling, lebte lange auf der Straße und verkaufte irgendwann meinen Körper. Doch ich habe nie wieder etwas von euch gehört..."
Charlie schüttelte traurig den Kopf. Um sie herum begann die Umgebung erneut zu verschwimmen, neue Erinnerungen wurden sichtbar.​


Holztäfelungen und hässliche grüne Schränke.
Und neben ihr zwei Personen. Ein junges Mädchen und ein rattengesichtiger Mann. Beide saßen nebeneinander, der Ausdruck von Verzweiflung im Gesicht des Mädchens, eine dritte, bärtige Person hinter einem Schreibtisch.
"Er sperrte mich und Mutter lange Zeit ein. Dann kam er eines Tages und nahm sie mit. Ich sah sie nie wieder."
Charlottes trüber Blick ruhte auf den zukünftigen Eheleuten. "Und dann kam er zu mir zurück, nach einer Ewigkeit, wie es mir schien und nahm mich auch mit, sperrte mich von einem Gefängnis in das nächste, als er mich zwang, ihn zu heiraten. Ich konnte nichts dagegen tun. Menschen sind bestechlich, wie auch dieser Standesbeamte. Also musste ich zustimmen und schlimmer noch, machte ich ihn damit, als nun mehr einziger Erbe, damit sogar zum rechtmäßigen Besitzer dieses Hauses und gab ihn unseren Adelstitel, auf den er es von Anfang an abgesehen hatte."​


Wieder ging alles unter in einem Schwall von Unschärfe.
Nun befand sich Hannah wieder an ihrem Augsangspunkt, wenn auch Jahre später als zuvor. Vor ihr eine Frau, sich nachdenklich im Spiegel betrachtend. Sie kannte auch dieses Bild, hatte bereits davon geträumt.
"Ich konnte ihn nach einiger Zeit schon gar nicht mehr hassen. Ich fühlte nur noch die Leere in mir. Doch dann wurde ich plötzlich schwanger und der Hass auf diesen Mann, der nicht nur mein Leben so schändlich zerstört hatte, wurde mit diesem Kind von neuem geboren."​


"Damit aber nicht genug", setzte Charlotte ihre Erzählung fort. "Hinter meinem Rücken begann er eine Affäre mit dem Hausmädchen Harriet Morgen."
Plötzlich lachte sie, schallend und viel zu laut.
"Nicht, dass es mich auch nur in geringster Weise interessiert hätte!"​


"Genauso interessierte es mich auch nicht, dass er dieses dumme, naive Ding schwängerte, während ich sein drittes Kind mir trug. Ich bedauerte damals nur, dass bald ein weiterer seiner Art auf Erden herumlaufen würde."​


"Sie brachte sein Kind zur Welt, aber natürlich wollte er nichts von einer Familie mit ihr und dem Bastard wissen. Denn sie war ein Niemand in seinen Augen, nichts weiter als eine Bettgeschichte, die schiefgelaufen war.
Er begann ihr sogar zu drohen, bis sie einwilligte, das Kind auszusetzen."​


"Und sie war dazu gezwungen, es zu tun. Denn sonst hätte er sie, mitsamt ihrem Nachwuchs eiskalt auf die Straße gesetzt."
Ihr Blick wurde kalt.
"Als ich eines Tages vor meine Tür trat, hochschwanger, lag er da auf dem blanken Steinboden. Aiden. Und ich nahm ihn auf, erzählte seinem Vater später, ich hätte Zwillinge zur Welt gebracht, obwohl er immer wusste, dass ich damals gelogen hatte."
Ihre Stimme wurde von den kahlen Wänden zurückgeworfen und die Dunkelheit verschluckte sie beinahe. Nur mehr eine körperlose Stimme in einem steinernen Gang.
"Doch ich hatte nicht anders handeln können. Wusste ich doch, dass Harriet ihr Kind liebte, es nicht hatte aussetzen wollen und sie nur ein weiteres Opfer von Albert May war."​


Charlie seufzte wieder. Als sie fortfuhr war Hannah, als würde ihre Stimme zittern.
"Doch dann begann ich plötzlich, eine stärkere Bindung zu diesem Kind aufzubauen als ich es wollte. Aiden wurde von seinem Vater gehasst, denn er brachte ihm schließlich nichts, während meine Kinder ihm das Dasein als Graf sicherten.
Immer wieder wurde ich unfreiwillig damit konfrontiert, wie er Aiden nicht einmal zu bemerken schien, sein eigenes Kind einfach nicht sah. Während er Gabriel, seinem Lieblingskind, alle Aufmerksamkeit schenkte.
Und da sah ich in Aiden wieder das Kind, das einst ich gewesen war. Verängstigt, ohne Eltern und ein Opfer der Habsucht dieses Monsters."​
 

"Und alles, was ich hätte tun können, wäre falsch gewesen. Also entschied ich mich für einen Weg und nahm mich Aidens an. Und es fiel mir so viel einfacher, eine Bindung zu ihm aufzubauen als zu meinen eigenen Kindern."
Sie schüttelte den Kopf und jetzt war sich Hannah sicher, dass sie weinte.
"Ich weiß nicht, warum ich meine Kinder so sehr hasste. Warum ich sie nicht lieben konnte. Vielleicht sah ich in ihnen immer die Schändungen, die ihr Vater mir angetan hatte. Ich weiß es nicht. Ich konnte einfach nichts für sie empfinden."​


"Und am härtesten bekam das Gabriel zu spüren. Während meine beiden anderen Kinder sich hatten, hatte er niemanden, richtete sich mein ganzer Hass gegen ihn. Denn er war ja der Liebling seines Vaters, des Mannes, den ich so sehr hasste."
Ihr Blick wurde plötzlich zärtlich und war doch gleichzeitig so voller Schmerz, als sie ihren Sohn ansah, den ihr altes Ich in diesem Moment abwies.
"Er suchte immer wieder den Kontakt zu mir, doch ich konnte ihn nicht bei mir haben, konnte seine Nähe nicht ertragen. Also wies ich ihn immer wieder ab und gab all meine Liebe stattdessen Aiden."​


Charlotte holte scharf Luft. Dann standen sie wieder im Garten. Doch die sauberen Wege und der gepflegte Rasen waren längst dem Urwald von Unkraut gewichen. Die Rosenbüsche ersetzt durch die Grabstelle, wenn dort auch erst nur ein Grabstein vor ihnen thronte.
"Eines Tages begann mein ältester Sohn, mir helfen zu wollen. Er schien schon immer zu wissen, was sein Vater für ein Unmensch war. Und deshalb hasste er ihn und wollte mich rausholen. Doch dieser Bastard von Albert bekam davon Wind und ließ mich eiskalt vergiften. Ich war für ihn ja nicht mehr wichtig. Nach meinen Tod besuchte Gabriel mein Grab jeden Tag - als einziger meiner Kinder."​


"Und eines Tages schafte ich es, ihm im Traum zu erscheinen, denn mein Geist konnte nicht ruhen, lechzte er doch so sehr nach Vergeltung.
Es war ein leichtes für mich, Gabriel auf meine Seite zu ziehen. Wünschte er sich doch immer noch so sehr die Liebe und Aufmerksamkeit seiner Mutter, die er nie gehabt hatte."​


"Ich war es auch, der ihn dazu brachte, seine eigene Schwester umzubringen, hatte sie doch herausgefunden, an was ich meinen Geist gebunden hatte. Denn die Rachegelüste hatten mich inzwischen so vereinnahmt, dass ich nicht mehr Herr über mich und meine Handlungen war."
Plötzlich wandte sie sich ab, als ihre Tochter zum zweiten Mal in den Tod sprang.
"Ich weiß, es ist eine unverzeihliche Tat gewesen und ich würde wirklich alles dafür geben, meine Fehler ungeschehen zu machen. Doch dazu habe ich nun nicht mehr die Macht. "​


Und dann, mit einer nicht geahnten Heftigkeit, drehte sie sich wieder um, sah Hannah fest in die Augen, schmerzvoll, flehend.
"Der Spiegel! Hannah! Bitte, zerstöre ihn! Das ist nun mehr das Einzige, das ich nun noch tun kann, um wenigstens etwas zu glätten, was ich angerichtet habe." Alle Farbe war plötzlich aus ihrem Gesicht gewichen. "Mein jüngster Sohn wird sterben und ich möchte, dass er in Frieden geht. Ohne den Rachegeist seiner dummen Mutter, die ihn auf Erde hält. Ich möchte ihn endlich befreien, sagen, dass ich ihn liebe."
Und plötzlich war es an Hannah, etwas zu sagen. Doch all das waren zu viele Informationen für sie und doch wusste sie genau, was jetzt wichtig war. Also nickte sie bloß.​


Charlottes Gesichtszüge entspannten sich erleichtert und das erste Mal erkannte Hannah in ihr das fröhliche Mädchen wieder, das einst ihre Zwillingsschwester gewesen war.
Wieder einmal verschwamm die Umgebung, die Schwere wieder auf ihren müden Gliedern. Der Schlaf griff mit langen Fingern nach ihr, war plötzlich so verlockend.
"Ich danke dir, Hannah! Aber nun ist es an der Zeit, aufzuwachen. Und vergiss nicht, was ich dir gesagt habe - du allein entscheidest."
Charlottes Stimme klang von weit her zu ihr. Sie hatte Druck auf den Ohren, ihr Kopf fühlte sich leer an. Und dann gaben ihre Beine endlich nach und die Schwärze empfing sie von Neuem.
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Kapitel 20 - Der Tod kommt selten allein


 Alles ging plötzlich sehr schnell. Und schien Hannah doch in Zeitlupe abzulaufen. Der Knall. Bersten von Holz. Schutt flog durch den Raum. Die eigenen Hände instinktiv vorm Gesicht, geduckt, blind gemacht.
Und dann sah sie ihn. Durch eine Lücke hindurch in der Tür stehen, die ihr nun leer entgegen gähnte.
Die kleine Gestalt, die plötzlich so machtvoll und groß wirkte. Seine kleine Hand vorgestreckt, richtete er ihren Peiniger.​


Das Rattengesicht vor ihr plötzlich voller Panik. Er versuchte zu fliehen, doch sein Gesicht verriets bereits die Schmerzen, verzehrt, kündigte den nahenden Tod an, der langsam nach ihnen allen zu greifen schien.
Die Dunkelheit kroch in die Ecken des Raumes. Der Graf inmitten von Nichts. Die Hände an seinem Hals, röchelnd, stieß er einen unmenschlichen Schrei aus. bevor er auf die Knie sank und wie durch tausend unsichtbare Hände niedergedrückt wurde. Der alte Körper erdrückt von allen Gewichten der Welt, blieb als ein grausig verdrehtes Klümpchen am Boden liegen.​


Ein Schrei durchzog den Raum, schrill, infernal. Und dann war alles still. Hannah taub. Der Druck auf ihren Ohren. Und die Leere, als das Wesen von seinem Opfer abließ, sich ihr zuwandte, sich niemandem zu widmen schien.
Und mit einem Mal die Angst. Ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb, das schmerzhafte Kribbeln im Bauch und der Kloß im Hals. Von einer Sekunde auf die andere wurde ihr heiß und kalt. Ihre Hände schwitzten, ihr Körper nicht mehr unter ihrer Kontrolle, unfähig, irgendetwas zu tun.​


Ein Zitterkrampf nach dem nächsten jagte sie und plötzlich der Boden an ihren Knien. Die Augen aufgerissen, fixierte sie seine leeren Höhlen.
Und dann wieder ein Schrei. Angst, Panik, Entsetzen und Ausweglosigkeit. Ein ersticktes Gurgeln und wieder Stille.
Hannah brauchte sich nich umzudrehen, war dazu auch gar nicht in der Lage. Ssie wusste, was passiert war, wusste, das Aiden nun seinem Vater gefolgt war und wusste auch, dass sie die nächste sein würde.​



Weiße Streifen in der Dunkelheit.
Näherten sich.
Waren weit entfernt.
Drohend erhoben senkten sich die Krallen, um über ihr letztes Opfer zu richten.
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Kapitel 19 - Vater und Sohn


"Dann sag mir endlich, warum du das alles machst!", forderte Hannah.
Sein Schmunzeln, das sie zur Weißglut brachte. Inzwischen hatte sie schon keine Angst mehr, inzwischen war sie nur noch wütend, immer und immer wieder belogen worden zu sein.
"Dachten Sie wirklich, mein Vater wäre so blind, um nicht die zweite Tochter der Familie zu erkennen, die ihn damals so schändlich hintergangen hat?"
"Was?", hörte Hannah sich sagen.
Die Worte blieben ihr im Halse stecken. Fassungslos starrte sie ihn an.
Was redete er da für einen Unsinn?
"Ihre Familie hat meinen Vater hinterhältig betrogen, ihn um alles gebracht, was er hatte. Sein Haus, sein Geld, seine Familie. Und dafür musste jeder von ihnen büßen. Dies ist das Haus dieser Verräter. Es kommt Ihnen sicher bekannt vor. Und die sterblichen Überreste der alten Bewohner ruhen immer noch im Garten, unter wertlosen, verdorrten Blumenbeeten. Nur Sie - nur Sie - konnten damals entkommen. Das wissen sie doch genau."​


"Was redest du da? Nicht dein Vater wurde von meiner Familie betrogen, nein, dein ehrenwerter Vater hat meine Familie von Anfagn an belogen und sie ohne jeglichen Grund und hinterrücks ermordet!", empörte Hannah sich.
Ein Zischen zerschnitt ihre Worte. "Seien Sie still! Lügen Sie nicht! Sonst wird es Ihnen genauso ergehen wie dieser dummen Frau Morgen!"
Er gestikulierte hektisch und zeigte ihr dabei eine Klinge, deren silberner Schein von dunklen Flecken unterbrochen wurde - Blutflecken.
Und da wusste Hannah, dass es nichts bringen würde, ihn vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Sein Vater hatte ihm diese Lügen bestimmt schon so fest eingetrichtert, dass Aiden nicht mehr von seinem Standpunkt weichen würde. Warum sollte Aiden auch auf sie hören, wenn sein Vater ihm doch etwas anderes erzählt hatte?
"Also habt Ihr beide, du und Gabriel, mich die ganze Zeit über belogen?", fragte sie kalt, obwohl sie das eigentlich schon gar nicht mehr interessierte.​


"Nun ja, eigentlich schon." Er grinste. "Gabriel sollte Ihre Zuneigung für sich gewinnen, sollte Sie in Sicherheit und zum Bleiben bewegen und ich, ich sollte Sie ausspionieren. Und das ging eben am besten, indem ich mich gegen Sie stellte. So konnte ich ohne jeglichen Grund ihr Zimmer betreten und Ihre Sachen durchwühlen. Denn ich war ja sowieso verrückt, nicht?"
"Und was ist mit den Geistern? Wie habt ihr das hinbekommen?"
"Geister?" Aiden hob eine Augenbraue und brach dann in schallendes Gelächter aus. "So ein Blödsinn! Als ob es so etwas wie Geister gäbe! Glauben Sie etwa noch an den Weihnachtsmann?"
"Aber Gabriel - "
"Gabriel fing eines Tages plötzlich an, von Geistern zu reden. Er sähe seine tote Mutter und höre Dorothea des nachts weinen. Er war völlig von Sinnen, zu nichts mehr zu gebrauchen. Also ließ ich ihn."
Er blinzelte zum ersten Mal und sein Gesicht wurde eiskalt.
"Aber plötzlich erzählte er Lügen über Vater, stellte sich gegen uns. Und erzählte Ihnen zu viel über die Vergangenheit. Also stieg ich darauf ein, begann ebenfalls von Geistern zu erzählen."
Er lachte genüsslich.
"Natürlich schrieb ich Vater von Gabriels Verhalten und ich bin mir sicher, dass er seine Strafe für sein Verhalten bald bekommen wird. Wahrscheinlich ist er wirklich verrückt geworden und sieht Gespenster. Aber das ist nun nicht mehr von Belang. Denn ich werde meine Belohnung bekommen, schließlich habe ich Sie ja wieder hierher gebracht."
Wieder sein Lachen und diesmal fiel Hannah mit ein.
"Und du glaubst wirklich, dass ich hier seelenruhig warten werde, bis dein Vater mit deinem Bruder fertig ist?"​


"Nein, aber das brauchst du auch gar nicht."
Die Stimme! Eine Gänsehaut überflutete Hannahs ganzen Körper, fuhr in jede ihrer Poren und schüttelte ihre Eingeweide.
Hass, Wut, Trauer. Die alten Bilder, die Erinnerungen, alles kam in ihr hoch, als sie sich umdrehte und dem Menschen in das scheinheilige Rattengesicht blickte, den sie mehr als alles andere in dieser Welt tot sehen wollte.
Ihre Finger zitterten, die Fingernägel gruben sich tief in das Fleisch ihrer Handfläche. Sie starrte ihn hasserfüllt an, legte alle ihre Gefühle in einen Blick.
Doch er lachte nur und sah sie mit seinen falschen Augen überlegen an.
"Wie schön, dich wiederzusehen, Hannelore von Garner."
 "Nimm meinen Namen nie wieder in den Mund, du Dreckskerl!", fauchte sie.
"Sonst was? Ich glaube, ich bin hier der, der die besseren Argumente hat."
Er machte eine zuckende Bewegung mit der Hand und brachte eine kleine Pistole zum Vorschein.​


"Du bist so durchschaubar, Garner! Als ich erfuhr, dass du als Hure in diesem Dreckskaff arbeitest, da wusste ich sofort, was zu tun war." Er lachte. "Oder glaubst du wirklich, dass ich diesen stinkenden Ort sonst freiwillig betreten hätte? Einem einzigen Trunkenbolt erzählte ich von meiner Ankunft und schon warst du da."
Er sah sie an, seine kalten Augen ließen nicht einen Augenblick von ihr ab.
"Dachtest du wirklich, ich würde dich nicht erkennen, wenn du vor mir stündest? Du, die einzige Zeugin, die ich schon seit Jahren suchte?"
Hannah knirschte mit den Zähnen. Die Wut berauschte sie, durchflutete jede ihrer Adern, war ihr Blut, ihr Lebenselexier. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit seinerseits nur und er wäre Geschichte.
Ein Klicken inmitten der Stille. Metall auf Metall. Die Waffe wurde scharfgemacht.
"Und jetzt ist es an der Zeit für dich, deiner netten kleinen Familie zu folgen."
Nur noch der Lauf der Pistole in ihren Augen. Schwarz, dunkel, lechzend. Dann ein Knall. Und Stille.
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Kapitel 18 - Neugier ist der Ratte Tod?


Dunkelheit umfing sie. Lenkte jeden ihrer Schritte. Und das Lachen in ihrem Kopf. Schallend, fordernd. Ihre Beine bewegten sich schneller.
War sie tot?
Der Schein vor ihren blinden Augen war nicht zu sehen. Und doch wusste sie, dass er da war.
"Dorothea!"
Wieder das Lachen in ihrem Kopf. Das Amulett fühlte sich kalt auf ihrer durchfrorenen Haut an.​


Und dann verließ der kleine Geist ihren Körper und die Realität hatte Hannah zurück. Raues, aber fein verziertes dunkles Holz starrte sie hart an.
Schau nicht zurück! Vorwärts! 
Sie war sicher hergeführt worden, aber nun war es an ihr, Dorotheas Bruder zu retten.
Das kalte Eisen an ihren bleichen Fingern.
Hier waren sie also!
Ein Ruck.
Sie schluckte.
Wieder Blindheit, die sie wie ein Schlag ins Gesicht traf und ihr die Nase zertrümmerte, den Schädel hässlich krachend zum Bersten brachte.​


Obwohl es Fenster gab, zwei sogar, schmutzig, aber doch funktionabel, schien das wenige Licht diesen Ort zu scheuen.
War Gabriel etwa schon hier?
Angst. Ein Wort, dass all ihre Gefühle beschrieb. Nicht einmal Panik, nur ruhige, unwissende Angst.
Mit einem Mal sah sie wieder, ihre Augen gewöhnt an die stete Finsternis.
Ein zuckendes Häufchen am Boden unter den Fenstern. In schwarz. War es Gabriel? Aiden?
Zögernd trat sie in das finstere Zimmer, die Augen nicht von der Gefahr vor ihr genommen.
"Wer ist da?"
Was brachte es nun noch, zu schweigen? Sie musste es wissen, schwebte ohnehin in Gefahr, also fragte sie. Ein leises Schluchzen als Antwort.
"Gabri.. Gabriel?" Ihr Herz in ihrem Hals. "Aiden?"
Das Schluchzen brach ab. Setzte von neuem an, brach wieder ab und wurde fortgeführt.
Hannah trat näher.
"Aiden?", fragte sie ein drittes Mal.
Und das Stottern, das langsam anschwoll. War es ein Lachen? Warum lachte er?​


"Ich habe schon auf Sie gewartet, Fräulein Garner!"
Aiden!
Sie war nur hier, um ihn zu retten und doch wusste sie, dass sie jetzt besser rennen sollte. Weg. So schnell sie konnte.
Wer lag da hinter ihm? Ein Schatten, durchbrochen von aschfahlen Flecken.
Aiden fing ihren Blick sofort auf, stellte sich ihr in den Weg.
"Es ist nur Frau Morgen. Sie hat Lügengeschichten erzählt, wollte ihn hintergehen und deshalb musste ich sie zum Schweigen bringen."
Ein breites Grinsen, das sein kindliches, unwirkliches Gesicht noch mehr entstellte.
Was war hier nur los? Konnte sie sich wirklich zweimal in den Jungen getäuscht haben? Sie verstand gar nichts mehr.​


Ein kaltes Lachen. Und Augen, die sie erbarmungslos anstarrten.
"Sie wollen wegrennen, habe ich recht?" Er legte den Kopf schief und betrachtete sie. "Aber leider sind Sie auch viel zu neugierig, habe ich da nicht auch recht? Sie wollen wissen, was hier vor sich geht."
Wieder sein kaltes Lachen.
"Ja, natürlich werde ich es Ihnen erzählen. Wenigstens das haben Sie vor Ihrem Tod verdient. Und glauben Sie mir, im Gegensatz zu Gabriel drohe ich nicht nur, ich werde Sie töten."
Er ging ein paar Schritte auf sie zu, blieb stehen und sah sie wieder mit seinen leeren Augen an.
"Sie können laufen, ich werde Sie nicht einholen können. Aber ich weiß, dass Sie bleiben werden."
Seine Augen weiteten sich, die Pupillen versanken beinahe in dem Meer aus Weiß, das sie umgab. Irre starrend fixierte er die Dunkelheit.
Und Hannah wusste, dass er recht hatte.
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Kapitel 17 - Das Kapitel ohne Namen​


Die Strahlen der Sonne drangen durch die schmutzigen Fenster, überall Schießpulver auf dem Boden. Blut. Tränen.
Und die Sonne strahlte, lachte, stach in die Augen und lachte immer noch. Spöttisch. Schadenfroh.​


Schwere Schritte auf dem durchgetretenem Teppich. Eine Hand im Sichtfeld. Und die Tränen in den Augen, die doch nicht kommen wollten.
Weinen?
Das konnte man nicht!
Alles war plötzlich so sinnlos, alles war so vergeblich.​


Dunkelheit um sich. Wie verlockend plötzlich.
Lachen in den leeren Räumen. Grausam, schrill und doch so schön. Man hatte das Mädchen von vorne bis hinten belogen. Und jetzt sollte es so einfach enden? Jetzt sollte es damit zu Ende sein?
Womit hatte sie das verdient?​


Und dann kamen die Tränen doch. Rannen. Über faltige Wangen, aus bleichen Augen, die über all die Jahre so viel Leid gesehen hatten und doch immer wieder wegsahen. Die Hände in ihrem Sichtfeld. Ihre Hände.
Und ihre Kinder! Sie hatte sie im Stich gelassen! Von Anfang an. Und nun war es zu spät. Nun war alles zu spät...​


Die Wärme auf ihrer Schulter, als er zu trösten versuchte.
Sie hätte nichts tun können?
Und wie sie etwas hätte tun können!
Seine Stimme an ihrem Ohr. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, schämte sich so sehr. Er hatte von allem gewusst, genau wie sie, doch er war nur ein Kind gewesen, hatte nichts dagegen tun können und nun war alles zu spät. 
Nun waren ihre Kinder tot.​
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