Neuigkeiten

Hallo und herzlich willkommen auf meinem Blog! Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Neu hier? Dann hier anfangen.
Wulfgars Geschichte jetzt komplett online!

Samstag, 17. März 2018

Kapitel 35 - Wenn du zurückkehrst I




Trotz des bösen Blutes, das zwischen ihren Familien herrschte, waren Elrik und Wirt gute Freunde geworden. Sie trafen sich inzwischen regelmäßig zum Spielen.


Nicht, dass irgendjemand davon wusste. Nach wie vor standen die Zeichen zwischen den verhassten Nachbarn nämlich auf Streit. 
     Vor allen Dingen, als Tann bemerkte, dass die Hells anfingen, massiv Holz auf ihren Zeltplatz zu bringen. Alles sah nach einem baldigen Hausbau und damit nicht danach aus, dass die ungeliebten Nachbarn planten, tatsächlich irgendwann wieder zu gehen. 
     Tann rechnete inzwischen jederzeit mit einem Angriff.


Selbst Elrik fiel in dieser Zeit immer öfter auf, wie angespannt sein Vater wirkte. Und das machte ihm Sorgen. Er wusste nicht, was die Hells planten, aber er wusste, dass Wirt ganz sicher nicht böse war.
     Doch jedes Mal, wenn er versuchte, mit seinem Vater darüber zu reden, sagte der nur: „Mach dir keine Sorgen! Ich werde dafür sorgen, dass euch nichts passiert.“
     Und dann ließ er ihn stehen. Elrik hatte nicht einmal die Möglichkeit, vernünftig mit ihm darüber zu reden. Nicht, dass er überhaupt gewusst hätte, wie er das anstellen sollte. Wie er seinen Vater davon überzeugen sollte, dass nicht alle der Hells schlechte Menschen waren. Alles, was er momentan tun konnte, war, sich Sorgen zu machen.


Danas Sorgen derweil waren ein wenig anderer Natur.
     ‚Diana wird viel zu schnell groß‘, dachte sie gerade, als sie ihre Zweitgeborene in den Armen hielt und die blauen Augen beobachtete, die von ihr fortgingen und über den Hof schweiften.
     ‚Bald schon wird sie mich auch nicht mehr brauchen. Genau wie Jana. Jana war ja schon immer sehr viel unabhängiger, aber in letzter Zeit bin ich froh, wenn ich sie überhaupt mal zu Gesicht bekomme.
     Wenigstens hält sie sich inzwischen an Regeln. Da hatte diese ganze unglückselige Sache im Wald wenigstens ein Gutes. Ich wünschte zwar, dass der arme Aan nicht darunter hätte leiden müssen, aber dafür weiß ich jetzt, dass Jana bereut, wenn sie etwas Falsches tut und daraus lernt. Dass ich mir keine Sorgen machen muss, dass sie ein schlechter Mensch wird.‘
     Sie drückte Diana an sich. ‚Ich hoffe trotzdem, dass du nicht so unabhängig wirst. Dass du mich noch ein bisschen länger brauchen wirst.‘


‚Wenn du es nämlich eines Tages nicht mehr tust, werden alle meine Tage wie die vermaledeiten Abende aussehen.
     Immer, wenn du schläfst und die Arbeit getan ist, wird mir nämlich bewusst, wie allein ich inzwischen bin. Klar, ich bin nicht wirklich allein. Es ist immer irgendjemand da. Aber dennoch fühle ich mich so.‘


‚Manchmal kann ich es einfach nicht ertragen, die Anderen zu sehen. Ihr Glück, ihr Unglück. Es fühlt sich einfach so an, als würde ich nicht dazugehören. Vielleicht bin ich deshalb in letzter Zeit lieber für mich.‘


‚Wem mache ich eigentlich etwas vor? Ich bin in letzter Zeit lieber für mich, weil ich mich schlecht fühle, wenn ich bei den Anderen bin. Wenn ich ihr Familienglück sehe und an meine eigene Schuld erinnert werde.
     Diese ganze verflixte Sache wird mich noch bis ins Grab verfolgen! Ich sollte endlich mit Jin reden! Ja, ich sollte losgehen und es einfach hinter mich bringen!‘


‚Ach, verdammt! Ich weiß nicht, wie ich das machen soll! Ich kann es einfach nicht!
     Es Tann zu erzählen war eines gewesen. Und selbst er ist immer noch sauer auf mich, obwohl er es nicht zugibt. Wenn Diana nicht wäre, würde er wahrscheinlich überhaupt nicht mehr mit mir sprechen.
      Aber Jin… Jin ist nicht so vernünftig und beherrscht, wie sein Bruder. 
     Ach, es ist zum Heulen! Ich will nicht, dass er wütend auf mich wird! Ich hab so eine verdammte Angst davor, es ihm zu sagen! Ich bin so ein Feigling!‘
     Sie seufzte schwer.
     ‚Vielleicht ist es besser, wenn ich es einfach für mich behalte. Immerhin ist Tann ja gerade eh wegen den Hells abgelenkt.‘    


‚Ja, jetzt noch! Und was mache ich, wenn er sich dann irgendwann daran erinnert, dass er ja noch seinem Bruder erzählen muss, dass er eine Tochter hat? Jin wird mir das nie verzeihen! Schlimm genug, dass ich ihm so viele Jahre mit Jana genommen habe.
     Verdammt! Hier geht es nicht nur um mich! Ich muss mich endlich zusammenreißen und es ihm erzählen! Wenn schon nicht, um mein Gewissen zu beruhigen, dann für Jin und Jana. Jana hat es verdient, ihren Vater kennenzulernen! Sie ist ihm so ähnlich und ich weiß, dass sie mit Tann nie wirklich warm geworden ist.
      Ich gehe jetzt einfach da hin und erzähle es Jin! Ja, das werde ich machen! Los!‘


Es war nicht das Erste Mal, dass sie diesen Entschluss fasste. Doch als sie sich dieses Mal umdrehte, war es dennoch anders. Denn diesmal sah sie sich plötzlich jemandem gegenüber. Jemandem, der sie seit Jahren schon heimsuchte. Jemandem, den sie all die Jahre über nicht vergessen hatte.
      Und als sie ihn sah, setzte ihr Herz einen Schlag lang aus, nur, um danach aufgeregt schneller zu schlagen.


Mit zwei Schritten war sie bei ihm und war ihm um den Hals gefallen. Da war keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie tun oder fühlen sollte. Alle ihre Gedanken und Sorgen waren mit einem Mal wie weggewischt, jetzt, da Jin endlich wieder bei ihr war.
    

„Jin! Bei den Göttern! Du bist es!“, rief sie aufgeregt, als sie sich wieder von ihm gelöst hatte.
     Sie hatte gedacht, dass ihr Wiedersehen schwieriger werden würde, aber wie sie nun feststellen musste, war es ganz einfach. Es war immer einfach mit Jin gewesen und das hatte sie so an ihm zu schätzen gelernt.   
     „Du bist so groß geworden.“ Sie grinste. „Und trägst du da etwa eine Hose? Hast du nicht gesagt, dass du viel zu großartig wärst, um so etwas zu tragen?“


Sie war so glücklich, so zufrieden mit sich und der Welt, wie lange nicht mehr. Jetzt war endlich wieder alles in Ordnung.
     Doch als der erste Freudentaumel vorüber war und sie ihm das erste Mal richtig ins Gesicht sah, erkannte sie, dass dem nicht so war. Dass etwas nicht stimmte. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Als würde er sie gar nicht wahrnehmen. Und das alarmierte Dana sofort.    
     „Was… ist denn los?“


Und was dann kam, traf Dana tief drinnen. „Greta ist tot“, war alles, was er sagte. Sein Gesicht eine emotionslose Maske.
      Alle Freude verschwand augenblicklich und da war nur noch Fassungslosigkeit in ihr.


Und es traf sie doppelt, als sie schließlich sah, wie Jins ausdruckslose Maske zerbrach.
      „Sie ist tot“, wiederholte er nur und bevor sie etwas tun konnte, sah sie Tränen über seine Wangen laufen.


„Sie ist von einer Klippe gefallen?“
     Sie hatten sich inzwischen auf dem Baumstamm niedergelassen, der vor dem Schuppen lag. Jin hatte nur kurz geweint, aber zu sehen, dass er das überhaupt getan hatte, war für sie noch immer zutiefst erschütternd. Sie hätte nie gedacht, ihn jemals weinen zu sehen.
     Als er schließlich nickte, fragte sie: „Hast du sie denn gesucht?“
     Er nickte wieder, ließ dann aber den Kopf hängen. Es war schwierig, überhaupt etwas aus ihm herauszubringen. Schon allein zu erfahren, was geschehen war, hatte sie lange gebraucht.
     „Wie ist denn das überhaupt passiert?“, versuchte sie es weiter.
     Er brauchte einen Moment, erzählte dann aber: „Ich hab nur kurz nicht hingeschaut und als ich mich dann wieder umgedreht hab, hab ich gesehen, wie sie gefallen ist.“


„Das ist… schrecklich…“
     Sie wusste auch nicht, was sie dazu noch sagen sollte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Greta plötzlich sterben würde. Wer rechnete auch schon mit sowas?
     Sie schüttelte den Kopf, um die nutzlosen Gedanken loszuwerden. Das half ihr alles nicht. Sie musste sich überlegen, was sie jetzt tun sollte. 
     Doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr immer neue nutzlose Gedanken kamen. Sie konnte nicht verhindern, dass Gretas Tod sie nur einen kurzen Moment getroffen hatte. Alles, was sie momentan dachte, war, dass sie froh war, dass Jin jetzt hier bei ihr war.
     Doch das war falsch! Sie durfte so etwas nicht denken! 
     Also sprang sie auf die Beine, um sich selber abzulenken.


Doch noch während sie überlegte, was sie sagen sollte, wurde sie wieder abgelenkt. Und das ausgerechnet von Jana! Mit ihrer kleinen Schwester im Schlepptau, erschien das Kind ihrer Sorgen auf der Bildfläche. Und ihr Erscheinen erinnerte Dana daran, dass da ja noch was gewesen war.     
     „Hey, Onkel! Du bist wieder hier?“, begrüßte das Mädchen ihren Vater unbeschwert.


Dana befürchtete, dass Jin momentan nicht einmal in der Verfassung war, mit auch nur irgendwem richtig zu reden. Doch zu ihrer Überraschung konnte er seinen Kummer anscheinend vor dem Kind verstecken. Auch er war erwachsen geworden, wie sie jetzt sah.
     „Ich dachte, ich komm mal zu Besuch“, sagte er und versuchte ein Lächeln. Es war falsch, aber es wirkte echt genug, um das Kind zu überzeugen. „Und? Durftest du inzwischen jagen gehen?“


Jana zog nur unzufrieden den Mund breit, doch sie kam zu keiner Antwort mehr. In diesem Moment mischte sich nämlich Diana ein und tat lauthals ihren Unmut darüber kund, dass man ihren Hunger ignorierte. Und dabei war sie doch extra deswegen mit Jana nach draußen gegangen.
     Jin nutzte diese Gelegenheit, um sich zu erheben. „Ich glaub, da braucht dich jemand“, meinte er zu Dana. „Ich werd dann mal nach drinnen gehen und hallo sagen.“


Dann war er abgedreht und Dana konnte nichts anderes tun, als ihm und Jana nachzusehen, die gerade unbeschwert neben ihrem Vater auf einem Bein hüpfte.
     Sie hatte so eine Angst davor gehabt, dass die beiden sich sehen würden und jetzt war plötzlich alles so schnell gegangen, dass sie noch immer überrumpelt davon war. Und warum hatte ihr eigentlich niemand gesagt, dass die beiden sich anscheinend nochmal gesehen hatten?


Solange die Kinder zugegen waren, behielt Jin die Fassung über sich. Dennoch erzählte er auch den Anderen, was geschehen war und als er das tat, konnte er nicht verhindern, dass sein Kummer über Gretas Tod erneut für einen Moment über ihn hereinbrach.
     Er weinte an diesem Abend nicht mehr, aber dennoch sahen sie alle, wie tief getroffen er von dem Tod seiner Gefährtin war und seine Familie tat ihr Möglichstes, ihm in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen.


Als Dana am nächsten Morgen erwachte und Jin und Jana zusammen am Feuer sitzen sah, war ihr einziger Gedanke über diesen Anblick: ‚Das ist einfach nur richtig so.‘
      Vater und Tochter saßen beisammen am Feuer und grillten gerade ihre Fische, als sie hinzustieß. Eine Weile nur beobachtete Dana die beiden schweigend. Die meiste Zeit war es Jana, die sprach, aber Jin sah, trotz dem, dass er gestern Abend noch am Boden zerstört gewesen war, relativ gefasst aus.


Nachdem sie dann gegessen hatte, verschwand Jana umgehend nach draußen. Sie war dran, bei der Feldarbeit zu helfen und bevor das nicht getan war, durfte sie keinen Spaß haben, wenn man sie fragte.
     „Du hast ihr also versprochen, mit ihr jagen zu gehen?“, fragte Dana nach, als Jana aus dem Haus verschwunden war.
     „Ja. Aber erst, wenn sie größer ist.“
     So, wie es sich angehört hatte, schien Jana aber zu denken, dass er beabsichtigte, heute noch mit ihr zu gehen. Doch Dana kam nicht dazu, das anzumerken.
      „Sie ist ein gutes Kind“, hörte sie Jin sagen und seine Worte waren für sie ein Schlag in den Magen. Nicht, dass er damit fertig war. „Ich wünschte, ich hätte mit Greta auch so ein tolles Kind gehabt.“
     Dana fühlte sich so unglaublich schuldig. Sie quälte sich ein Lächeln auf die Lippen, brachte aber kein Wort heraus.


Glücklicherweise musste sie das aber auch nicht mehr, da plötzlich von draußen laute Rufe zu hören waren.  
     Jin erhob sich daraufhin und sagte: „Ich geh mal nachsehen, was da los ist.“
     Dann hatte er sie alleingelassen und Dana wusste nicht, ob sie darüber erleichtert sein sollte oder nicht. Sie kam sich so schuldig vor, aber andererseits hätte sie schon gern noch ein bisschen mehr Zeit mit Jin allein verbracht.


Als Jin wenig später zum Ursprung des Lärms kam, standen Tann, Luma und Lu gerade zusammen am Rande des Hofes und sahen zu den Nachbarn rüber. Oder besser gesagt, Tann knurrte wütend Worte in seinen Bart hinein, während er giftige Blicke rüberschickte.
     „Was denn los?“, fragte Jin ihn.
     Tann zeigte nun ihm die Zähne und ruckte dann mit dem Kopf in Richtung des Nachbargrundstücks. Als Jin seinem Blick folgte, konnte auch er sehen, was den Unmut des Stammesführers derart erregt hatte. Wie ein Skelett waren dort gerade die ersten Wände eines Hauses dabei zu entstehen.
      „Die-bauen-ein-Haus!“, presste Tann wütend zwischen seinen Zähnen hervor.


„Das reicht jetzt! Ich geh rüber und hau ihm so lange aufs Maul, bis die endlich von hier verschwinden!“
      Bevor irgendjemand ihn zurückhalten konnte, war Tann losgestürmt und Jin zögerte nicht lange, ihm zu folgen. Das würde böse enden.
      Das Subjekt des Unmutes war auch schnell gefunden und gestellt. „Ich glaube, ich sehe ja wohl nicht richtig! Du legst es wirklich drauf an, dass ich dich gewaltsam von hier entferne, was?“, rief Tann erbost.     


„Als ob du das könntest!“
      „Ich zeig dir, was ich alles kann, du Dreckskerl!“
     Lu kam gerade rechtzeitig an, um sich zwischen die Streithähne zu stellen. Er hatte das schon öfter getan, als ihm lieb war, aber selbst er sah, dass die Situation diesmal am eskalieren war.
      „Beruhigt euch! Wir können das alles ausdiskutieren!“, versuchte er zu beschwichtigen.


Tann sah jedoch nicht so aus, als ob er sich beruhigen wollte. Dia war am Provozieren und Lu kannte Tann lange genug, um sagen zu können, dass der Stammesführer mit seinen Worten am Ende war. Er stand kurz vorm explodieren. Also ging er zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
      „Bitte, Tann! Es bringt doch nichts, wenn das hier ausartet. Du weißt selber, dass das nicht nur bei einer harmlosen Prügelei bleiben wird.“
     Tann presste die Zähne aufeinander und es sah tatsächlich danach aus, als ob er doch noch einmal einlenken würde.
     Wenn da nicht Dia gewesen wäre. „Und du glaubst, dass du das verhindern kannst? Schwächliche Feiglinge wie du sind die Ersten, die ich mit Freude zerquetsche, wenn ich die Gelegenheit dazu erhalte“, provozierte er in Lus Richtung, während er selbstgefällig dabei lachte.


In dem Moment setzte sich Jin in Bewegung. Obwohl Lu befürchtete, dass Tann auf seinen Gegenüber losgehen würde, war es Jin, der Dia nun seine Faust spüren ließ. Er schlug ihm so heftig ins Gesicht, dass der riesige Mann wie eine Fliege zu Boden ging.
     Einen kurzen Augenblick nur war danach alles still. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Lu hielt erschrocken den Atem an und auch Tann war nach wie vor angespannt. Dann jedoch begann ausgerechnet der Stammesführer, gehässig zu grinsen. Im Hintergrund brach nun auch Luma in lautstarken Jubel aus.


Jin derweil wandte sich an Dia, der noch immer vom Boden fassungslos zu ihm aufblickte. „Weißt du, Lu ist viel zu schlau, um sich mit dir anzulegen. Aber das braucht er auch gar nicht. Dafür bin ich ja da. Und da ich nicht so gut mit Worten bin wie er oder so vernünftig wie Tann, werde ich dich jedes Mal verprügeln, wenn du meinen Bruder oder irgendwen anders von meinem Stamm auch nur krumm anguckst, kapiert?“
     Er ließ Dia, der inzwischen tatsächlich zum Schmollen übergegangen war, noch einen warnenden Blick zukommen und drehte dann zusammen mit Tann und Lu ab.


„Dem hast du es aber gegeben!“, empfing Luma sie mit einem Schlag in die Luft. „Das ist mein Junge! Gut gemacht!“
     Jin sagte nichts dazu. Er sah seine Mutter nur mit demselben ausdruckslosen Gesicht an, dass er trug, seitdem er am Vorabend zu ihnen gekommen war. Doch Luma sah das anscheinend nicht. Sie wandte sich stattdessen Tann zu und erfreute sich mit ihrem ältesten Sohn noch eine Weile an Dias Abreibung, bevor sie dann zusammen mit ihm wegging.


Luma sah es vielleicht nicht, Lu aber schon. Also suchte er das Gespräch mit seinem Bruder, sobald sie allein waren.
     „Wegen vorhin… danke“, begann er. „Auch wenn ich es nicht gutheiße, dass du ihn geschlagen hast, weiß ich es doch zu schätzen, dass du mich vor ihm in Schutz nehmen wolltest.“
     Da legte sich erstmals so etwas wie ein Grinsen auf Jins Gesicht. Es sah noch immer nicht so aus wie früher, aber es war ein Anfang.
     „Klar, wir sind ja schließlich eine Familie!“, sagte er. „Auch wenn du inzwischen deine eigene hast.“
     Lu hielt es nicht für den besten Zeitpunkt, um das klarzustellen, aber er tat es trotzdem: „Ähm… weißt du, deswegen… es hat sich nichts wirklich verändert zu früher.“


Er wusste nicht, ob Jin es verstand, aber anscheinend tat er es. Zumindest sagte er: „Was auch immer dich glücklich macht. Aber tu mir den Gefallen und lass Wulfgar nicht wieder gehen, wenn er wiederkommt. Er war echt in Ordnung.“
     Lu war viel zu überrumpelt, um etwas dazu zu sagen. Alles, was er tun konnte, war, seinen Bruder irritiert anzustarren. So sehr es ihn auch hätte freuen sollen, dass Jin so dachte, dass er ihn akzeptiert hatte, so sehr machte er sich auch Sorgen um ihn.
      Denn es war offensichtlich, dass Gretas Tod Jin mehr zu schaffen machte, als dass sein Bruder es zeigte.


Als Jin dann zu Dana zurückkehrte, wurde er auch von ihr mit Jubel empfangen. „Dem hast du es aber gezeigt! Ich habe nichts anderes von dir erwartet.“
     Doch Jin zuckte nur unmerklich mit den Schultern und setzte sich Diana gegenüber, die gerade am Boden auf ein paar kleine Trommeln schlug. Dana beobachtete ihn eine Weile nur und übernahm dann wieder die Gesprächsführung, als er scheinbar weiter zu schweigen gedachte.
     „Was willst du jetzt eigentlich machen?“, fragte sie. „Willst du hierbleiben oder willst du zurück zu den Blums?“
     „Weiß nicht. Ich hab da ja eigentlich nix mehr zu verlieren. Bei den Blums, mein ich. Ich glaub, die mochten mich eh nie.“
     Da war aber noch etwas anderes, das Dana beschäftigte. Sie war nur einmal zu Besuch gewesen, seitdem Jin den Stamm damals verlassen hatte. Aber das war schon eine Weile her.
     „Und Kinder?“, fragte sie zögerlich. „Hatten du und Greta nicht welche?“
     Jin schüttelte nur den Kopf, was Dana irritierte. 
     „Warum nicht?“, fragte sie.
     „Ist nicht so, dass wir's nicht probiert haben. Aber es ging halt nicht. Wahrscheinlich kann ich keine Kinder machen.“
     Dana erschrak, als die das hörte. Natürlich wusste sie, dass Jin das konnte. Er war schließlich Janas Vater. 
     „Wie kommst du denn darauf? Es… kann ja auch sein, dass Greta keine Kinder bekommen konnte.“
     „Ich weiß es einfach. Greta hat das auch immer gesagt.“


Das war ihre Chance. Es waren nur ein paar Worte. Alles, was sie sagen musste, war: „Das stimmt nicht. Du hast schon eine Tochter mit mir.“ Aber so sehr sie es auch versuchte, sie konnte es ihm einfach nicht sagen. Nicht jetzt. Nicht, nachdem er noch wegen Greta trauerte.
     Jin derweil hatte sich wieder erhoben und Diana hochgenommen. „Naja, was auch immer. Dann bring ich eben dir das Trommeln bei, was?“
     Er zwang sich zu lächeln und als Dana das sah, brach es ihr beinahe das Herz.


Jana hatte die Feldarbeit endlich hinter sich gebracht und war nun mit Rahn unterwegs in den Wald. Sie hatte lange gebraucht, um ihn dazu zu überreden, ihr das Jagen beizubringen. Sie wusste ja, dass Jin es ihr auch beibringen würde, aber sie wollte nicht mehr so lange warten, bis er sie als groß genug dafür ansah.
     Als sie den Waldesrand erreichten, blieb Rahn jedoch stehen und drehte sich zu ihr um. „Bevor wir gehen, möchte ich dich etwas fragen“, begann er. „Warum willst du eigentlich so unbedingt jagen gehen?“
     „Um stärker zu werden, natürlich!“, antwortete sie prompt.
     „Und warum das?“
     Was war das denn für eine blöde Frage? „Damit mir nicht nochmal sowas passiert wie letztes Mal.“
     Es war nicht so, dass sie jetzt Angst davor hatte, in den Wald zu gehen oder so, aber sie konnte nicht verleugnen, dass sie noch immer ein schlechtes Gewissen Aan gegenüber hatte.


„Du solltest dir nicht die Schuld dafür geben“, sagte Rahn plötzlich, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Aan tut es schließlich auch nicht.“
     „Das ist mir egal! Wenn ich stärker gewesen wäre, hätte ich ihn beschützen können!“, meinte Jana trotzig.
     Rahn betrachtete sie einen Moment schweigend, dann ging er zu ihr auf Augenhöhe und sagte: „Ich war nicht dabei, aber soweit ich das gehört habe, warst du nicht einmal in seiner Nähe, als es passiert ist, oder?“
     Plötzlich waren da Tränen in ihren Augen. „Ja, weil ich…“, sie schniefte und ihre Stimme zitterte, als sie weitersprach, „weil ich weggerannt bin!“ Und dann brach es aus ihr heraus: „Wenn ich nicht weggerannt wäre, hätte ich was tun können! Aber ich bin weggerannt! Weil ich Angst hatte! Und sie hätten deshalb sterben können! Deshalb muss ich stärker werden, damit… damit…“


Der Rest ihrer Worte ging in Tränen unter. Sie weinte inzwischen so bitterlich, wie es noch nie jemand zuvor bei ihr gesehen hatte.
     Rahn ließ sie einen Moment lang weinen, dann schloss er das weinende Mädchen tröstend in die Arme.
     „Gib dir nicht für alles die Schuld, Jana. Als ich so klein war wie du, habe ich mich nicht mal getraut, in die Nähe des Nebelwaldes zu gehen. Du bist noch jung, aber dafür bist du schon sehr mutig.“


Jana wurde noch einmal von einem Weinkrampf durchgeschüttelt, dann jedoch zwang sie sich, sich zusammenzureißen. Sie zog ihre Nase hoch, wischte sich über die Augen und nickte dann grimmig, als sie sich wieder von ihm gelöst hatte.
     „Ich werde dir helfen, stärker zu werden, aber du musst mir versprechen, nicht mehr ohne Begleitung von einem Erwachsenen auf die Jagd zu gehen, ja? Das ist nämlich die beste Methode, um so etwas zu verhindern, was euch wiederfahren ist. Vorsicht ist immer essentiell wichtig auf der Jagd.“
     Jana schluckte ihre restlichen Tränen, die einfach nicht drinnenbleiben wollten, runter und nickte dann noch einmal tapfer.
     Als Rahn schon wieder abdrehen wollte, hielt sie ihn aber zurück und verkündete etwas beschämt: „He, da du mich jetzt hast weinen sehen, musst du später aber mein Gefährte werden!“


Rahn war einen Moment überrascht, lächelte dann aber milde.
     „Da musst du aber erst einmal erwachsen werden“, sagte er.
     Nicht, dass er wirklich daran dachte, sie eines Tages zur Gefährtin zu nehmen. Schließlich war Jana für ihn inzwischen wie eine kleine Schwester. Und er würde sie von nun an beschützen.
__________________

Hier weiterlesen -> Kapitel 36

Jin ist also (erstmal?) wieder da und er kommt gleich mit einer traurigen Botschaft.
Ich habe lange überlegt, wie ich Jins Trauer um Greta darstellen soll und ich muss sagen, dass es für mich unheimich merkwürdig war, ihn für die Storypassagen möglichst ausdruckslos abzulichten. Immerhin war er davor ja immer ein sehr emotionsgeladener Charakter gewesen. 

Ich hoffe, dass nicht nur ich den Drang verspüre, Dana mal einen kräftigen Schubs zu geben und ihr zu sagen: "Gerade jetzt solltest du ihm sagen, dass er eine Tochter hat! Damit er von seiner Trauer abgelenkt wird! Mensch!"

Immerhin einen schönen Moment hatte dieses Kapitel für mich. Jedesmal, wenn ich Streitszenen zwischen Lu und Jin damals gemacht habe, musste ich an die Szene in diesem Kapitel denken, wo Jin und Lu endlich Frieden miteinander schließen. Die beiden Brüder so zu sehen, macht mich einfach froh :D!

Es gibt diesmal wieder Outtakes (auch noch einen vom letzten Kapitel hab ich hinzugefügt) und da es Geburtstage gab, hab ich die Geburtstagskinder natürlich auch aktualisiert. Das sind: Enn, Lulu, Luis, Tanja und Diana. Die beiden Älteren haben nur ein neues Bild und die Jüngeren Abschnitt und Bild.
Wie immer bei (alten) Neuzugängen gibts auch wieder einen neuen Stammbaum und ein Gruppenbild.
Als ich die letztens übrigens mal alle durchgegangen bin, also die Gruppenbilder, musste ich feststellen, dass ich auf einem mal Tanna vergessen hatte. Ups XD. 

Ach ja, Lenn ist übrigens inzwischen ja Vater geworden. Hier mal sein Sohn, da er gerade nirgends anders hinpasst:



Nächstes Mal gerät jemand in Dias Fänge.

Und bis dahin verabschiede ich mich, ein schönes Wochenende euch, und danke für's Vorbeischauen!

Kommentare:

Prolog

  Ich werde ziemlich unterschiedliche, auch weniger schöne Themen behandeln, dabei aber ohne Blut oder bildhafte Darstellungen von ...