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Dienstag, 20. März 2018

Kapitel 36 - Lügen



Letztendlich wurde das Haus der Hells gebaut und es muss nicht gesagt werden, dass Stammesführer Tann nicht sonderlich erfreut darüber war. Doch da die Hells bislang nichts wirklich Feindseliges gegen ihre Nachbarn unternommen hatten, außer zu streiten, waren ihm nach wie vor die Hände gebunden.


Trotzdem waren sie alle vorsichtiger denn je und so kam es, dass die erste Jagd für Elrik und Aan, bei der sie vom Stammesführer begleitet werden sollten, gestrichen wurde. Sowohl Elrik als auch Aan waren jedoch nicht sonderlich traurig darüber.
     Nur, dass Elrik damit noch nicht vom Haken war. Denn als nächster Stammesführer musste er bald seine Bewährungsprobe antreten. Das hieß, dass er einen Tag lang allein in der Wildnis überleben musste. Und nicht nur das. Denn eigentlich musste der zukünftige Stammesführer das Wild für sein Einführungsfest selber erlegen. Tann hatte das damals noch vor seiner Bewährungsprobe erledigt, aber Elrik hatte nicht einmal die Möglichkeit, vorher wirklich jagen zu lernen.
     Der momentane Stammesführer war deswegen ein wenig besorgt und als er an diesem Tag auf seinen Sohn zukam, einen Speer in der Hand, wusste Elrik, dass dies nicht gut für ihn ausgehen würde.
     „Da ich dir wegen der ganzen Sache mit den Leuten da drüben nicht selber das Jagen beibringen kann, habe ich Rahn darum gebeten, dir ein paar Dinge zu zeigen“, eröffnete sein Vater. „Doch ich habe nach wie vor Bauchschmerzen, euch allein in den Wald zu schicken, wenn der da drüben in der Nähe ist. Deswegen wartet Rahn am Strand auf dich. Er wird dir erstmal zeigen, wie man Fische mit dem Speer fängt. Das ist vielleicht sowieso ein besserer Anfang für dich, wo du noch so gar keine Erfahrungen im Jagen hast.“
     Außerdem waren dort genügend andere Leute, die nicht nur von seinem Stamm kamen. Dia würde sich niemals trauen, sie dort zu überfallen.
     Jana war im Hintergrund natürlich Feuer und Flamme und sie beneidete Elrik für diese Chance, die sie noch nicht erhielt, weil sie so klein war. Elrik jedoch sah das anders. Seitdem er im Wald versagt hatte, auf einen Wolf zu schießen, wusste er, dass er nicht zum Jagen gemacht war.


Es waren nur Fische. Aber er wusste, dass es nicht dabei bleiben würde. Wenn er seine Bewährungsprobe tatsächlich bestehen wollte, konnte er nicht mit leeren Händen zurückkehren. Sein Vater hatte, wie er gehört hatte, damals einen beeindruckend großen Eber geschossen. Da konnte er wohl schlecht mit Fischen ankommen. Doch er bezweifelte jetzt schon, dass er auch nur einen Hasen erwischen konnte.
     Also hatte er das getan, was sein Vater ihm immer und immer wieder gesagt hatte, nicht zu tun. Er war in seinen Gedanken versunken und vom Weg abgekommen. Statt schnurstraks zum Strand zu gehen, war er kurz vorher abgebogen. Jetzt befand er sich an einem alten Rastplatz und er hatte keine Ahnung, was er eigentlich tun sollte.


Er konnte und wollte jedenfalls nicht jagen gehen. Er hatte Angst davor und er war sich sicher, dass er auch nicht sonderlich gut darin sein würde. Aber alle anderen setzten so große Hoffnungen in ihn. Vor allen Dingen sein Vater schien nichts anderes zu glauben, als dass er natürlich aus demselben Holz geschnitzt war wie er und er deshalb seine Bewährungsprobe mit Bravour bestehen würde. 
     Doch Elrik war sich da nicht so sicher. Er war sich die letzte Zeit ja nicht einmal sicher, ob er überhaupt dazu gemacht war, den Stamm anzuführen. Oder ob er das überhaupt wollte.


Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als er plötzlich von hinten gepackt und in die Luft gehoben wurde. Er verlor den Boden unter den Füßen, seine Hände wurden schmerzhaft auf den Rücken gedreht und dann hatte er eine große Hand vorm Mund, die ihm jegliches Hilferufen unmöglich machte. Der Geruch von Rauch biss ihm in der Nase.
     Als er sich ungewollt in Bewegung setzte, war alles, was er noch hörte, das aufgeregte Schlagen seines Herzens und das dumpfe Geräusch seines Speeres, der hinter ihm zu Boden ging.


Auch wenn er kaum etwas sehen konnte, außer die Beine desjenigen, der ihn festhielt, war ihm sofort klar, dass es Dia Hell sein musste, der ihn trug. Doch wirklich zu Gesicht bekam er ihn erst, als es plötzlich dunkler wurde und er gleich darauf unsanft Bekanntschaft mit dem Boden machte. Im Inneren eines Hauses, das nicht sein Zuhause war.
     Hektisch drehte er sich auf den Rücken, nur, um Dia Hell ins diebisch grinsende Gesicht zu schauen. Jegliche Hoffnungen, dass der Mann, den sein Vater so sehr hasste, vielleicht doch nicht so böse war, war augenblicklich verschwunden und eine unbändige Angst hatte von ihm Besitz ergriffen. Als er seinem Entführer in die Augen blickte, war er sich mit einem Mal todsicher, dass er ihn töten würde.
     Doch stattdessen grinste Dia nur noch breiter und sagte mehr zu sich denn zu Elrik: „Mal schauen, was du tust, wenn ich deinen heißgeliebten Sohn habe.“    


Dann drehte er ab und machte Anstalten zu gehen. Elrik erschrak und versuchte sich auf die Beine zu kämpfen, als er das sah. „Warte!“, rief er. 
     Doch es war zu spät. Dia schlug die bewegliche Wand, die Wirt einmal Tür genannt hatte, hinter sich zu. Das Sonnenlicht von draußen wurde fast gänzlich geschluckt und Elrik war allein.


Auch alles Trommeln gegen die Tür half nichts. Sie blieb unnachgiebig und er war gefangen.
     Also ließ er von ihr ab und sah sich in dem düsteren Haus um. Da lediglich über einen kleinen Spalt überm Eingang etwas Licht einfiel, erkannte er nur vage den hinteren Teil des Hauses. 
     Rechts von sich konnte er Geräusche hören, die ihm zunächst eine Todesangst einjagten, die er dann aber Schafen und Schweinen zuordnen konnte, als sich seine Augen ein bisschen mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Es gab eine Feuerstelle, die aber gerade nicht brannte, und linkerhand erkannte er einige Schlaffelle und Vorräte.
     ‚Es sieht gar nicht so anders aus, als bei uns‘, dachte er.
     Also musste es irgendwo auch Waffen geben.


Mit weichen Knien ging er in den hinteren Teil des Hauses und tatsächlich befand sich dort, was er suchte.
     ‚Ich sollte mich vielleicht bewaffnen…‘
     Elrik war noch immer kein Freund davon, Waffen in der Hand zu halten. Es fühlte sich einfach falsch an. Aber wenn Dia zurückkam und er sich dazu entschied, ihm doch noch etwas anzutun, war es auf jeden Fall besser, wenn er sich wehren konnte. Vielleicht konnte er so auch seine Freilassung erzwingen.
     Andererseits war es vielleicht besser, wenn er sich friedlich verhielt. Nicht nur, dass er keine Ahnung hatte, wie er sich verteidigen sollte, konnte er sich auch nicht vorstellen, dass er gegen jemanden wie Dia überhaupt eine Chance hatte. Selbst, wenn er bis an die Zähne bewaffnet war.
     Und er hasste es, wie sich seine Familie und die Hells seit Monaten nun schon misstrauisch gegenüberstanden. Vielleicht, ja vielleicht konnte er etwas erreichen, wenn er friedlich blieb und mit einem der Hells sprach.
     ‚Warte, das sieht ja aus wie ein Kopf…‘


Bevor er jedoch zu einem Entschluss kommen oder herausfinden konnte, ob das nun tatsächlich ein Totenschädel war oder nicht, hörte er Stimmen hinter sich und im nächsten Moment flog die Tür wieder auf. Elrik wirbelte erschrocken herum und stürmte ohne zu überlegen nach vorn. Vielleicht konnte er es ja rechtzeitig schaffen zu entkommen.
     Doch er war zu langsam und anstatt seines Entführers, sah er sich nun den drei Frauen der Hells gegenüber. Die brauchten auch nicht lange, bis sie ihn bemerkten, aber als sie es dann taten, war ihre Reaktion gemischt. Die Älteste sah ihn nur wortlos an, eine der Anderen war anscheinend überhaupt nicht erfreut, ihn hier zu sehen und die Dritte im Bunde sah ziemlich erschrocken aus.


Dias mutmaßliche Frau war dann die Erste, die einfach davonging und sich daran machte, das Feuer zu entzünden. Während die Erschrockene anscheinend an Ort und Stelle festfror, kam die Schwarzhaarige der Frauen zu ihm rüber und stellte sich vor ihn.
     „Was suchst du denn hier, hä?“
     Da Elrik nicht wusste, was er sagen sollte, entschied er sich einfach zu schweigen.
     „Hat mein Vater dich etwa hergebracht?“ Sie stöhnte genervt. „Was? Redest du jetzt etwa auch nicht mit mir, hm? Entweder werden die handgreiflich oder die schweigen. Es ist immer dasselbe!“


Dann breitete sich jedoch plötzlich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Aber wenn mein Vater dich hergebracht hat, bist du da drüben in deinem Stamm jemand Wichtiges, was? Wahrscheinlich der erste Sohn eures Oberhäuptlings oder so.“ Sie beugte sich zu ihm herunter und flüsterte: „Hey, wenn du dann groß bist und deinen Stamm anführst, dann denk an mich und hol mich hier raus. Ich werde dann deine Frau sein und ich werde eine gute Frau sein, ja?“


Dann drehte sie ab, als hätte sie nie mit ihm gesprochen, ging zu einem der Schlaffelle rüber und rollte sich darin ein. Elriks Blick wanderte zu ihrer mutmaßlichen Schwester, die noch immer festgefroren war und die zusammenzuckte, als sein Blick sie traf. Wie ertappt huschte sie in den hinteren Teil des Hauses davon.
     Er überlegte eine Weile, was er tun sollte. Da die Tür für ihn noch immer geschlossen war und sich niemand mehr mit ihm befasste, entschied er sich dazu, Platz auf dem Heubündel neben dem Eingang zu nehmen. Hier hatte er den besten Überblick übers Haus und vielleicht konnte er hier auch einen erfolgreichen Fluchtversuch unternehmen, wenn sich die Tür das nächste Mal öffnete.
     Doch zunächst einmal musste er sich damit begnügen, den drei Frauen bei ihrem Tageswerk zuzuschauen. Oder zumindest einer davon. Da die Schwarzhaarige noch immer schlief und ihre Mutter nichts anderes tat, als ins Feuer zu starren, ging die einzige Bewegung im Haus von der Erschrockenen aus, die gerade dabei war, Essen zuzubereiten. Zumindest roch es langsam aber sicher danach und allein das genügte, um seinen Bauch sehnsüchtig knurren zu lassen. Wenn er schätzen müsste, hätte er gesagt, dass es inzwischen Mittag war.

 
Elrik rechnete nicht damit, demnächst auch nur freizukommen, noch damit, etwas zwischen die Zähne zu bekommen, doch zu seiner Überraschung stand kurz darauf, als sich der Geruch des Essens im ganzen Haus verbreitet hatte, die Erschrockene vor ihm. Und sie hatte tatsächlich eine Schale mit köstlich dampfendem Essen dabei.
     „Du solltest etwas essen“, sagte sie mit zaghafter Stimme. Die Schale wurde vor seinen Füßen abgestellt, als er keine Anstalten machte, sie zu ergreifen. Die Erschrockene zögerte einen Moment, bevor sie hinzufügte: „Und… tut mir leid wegen dem, was mein Vater gemacht hat.“
     Dann war sie wieder weg und Elrik war überrascht zurückgeblieben. Er hatte ja schon gewusst, dass Wirt ein guter Kerl war, aber anscheinend schien es doch tatsächlich noch mehr im Hause der Hells zu geben, die mit den Taten des Hausherrn nicht einverstanden waren.
     Doch sein Hunger vertrieb sogleich jegliche Gedanken. Er zögerte nur kurz, doch dann nahm er die Schale schließlich an sich und es war das beste Essen, dass er jemals zu essen geglaubt hatte.


Es dauerte eine ganze Weile, in der Elrik einmal beinahe einnickte, bis sich die Tür wieder öffnete. Sein Bauch war inzwischen angenehm voll und die Erschrockene hatte seine Schale wieder weggeräumt, aber kein zweites Mal mit ihm gesprochen. 
     Und als er dann sah, wer diesmal reinkam, war er sofort auf den Beinen. Es war Wirt. Nur leider war sein Vater auch dabei.


Und nicht nur das. Nachdem er sich von Wirt Hilfe erwartet hatte, konnte er schon von dessem erschrockenen Gesicht ablesen, dass das wohl nichts werden würde. Und als dann auch noch der andere Mann, wahrscheinlich Wirts Bruder, reinkam, hatte er jegliche Hoffnung auf Flucht wieder aufgegeben.
     „Sieh zu, dass du deine Aufgaben erledigst!“, bellte Dia seinen jüngsten Sohn gerade barsch an.
     Wirt nickte und wagte nicht einmal, in Elriks Richtung zu sehen. Stattdessen tat er gehorsam wie ihm geheißen und verschwand in den hinteren Teil des Hauses zu den Waffen.
     Dia wandte sich daraufhin seinem anderen Sohn zu: „Und du hast ein Auge auf das Balg von diesem Tann-Hund, verstanden?“


Wirts Bruder nickte und nachdem sein Vater das Haus so schnell wieder verlassen hatte, wie er gekommen war, landete sein warnender Blick auf Elrik. Von dem konnte er sich jedenfalls keine Hilfe erwarten, so viel stand fest.


Von da an war Elrik hellwach. Zwar tat Wirts Bruder nichts anderes, als am Feuer zu sitzen und irgendetwas darüber zu rösten, das bald darauf bestialisch stank, aber dennoch musste er nun wachsam sein. 
     Erst, als sich die Tür zum dritten Mal öffnete, kam wieder Bewegung in die Sache. Die Erschrockene stürmte nach vorne, als sie gesehen hatte, wer da kam, und begrüßte den Neuankömmling mit einer herzlichen Umarmung. Es war der alte Mann.


Aber kaum, dass sie sich wieder voneinander gelöst hatten, ging der Blick des alten Mannes augenblicklich zu Elrik. Und er wirkte nicht sonderlich erfreut, ihn dort zu sehen.
     „Was hat das zu bedeuten?“, fragte er erschrocken.


Es war Wirts Bruder, der ihm zufrieden antwortete: „Papa hat ihn eingefangen. Klasse, nicht wahr? Jetzt zeigen wir es denen da drüben endlich mal!“
     Das sah der alte Mann aber anscheinend anders. Wütend deutete er zur Tür. „Geh und kümmere dich ums Feld!“, forderte er Wirts Bruder auf.
     „Aber Vater hat gesagt…“
     „Es ist mir egal, was dein Vater gesagt hat! Wenn er nicht da ist, habe ich hier das Sagen und ich sage dir, dass du dich ums Feld kümmern sollst, Griswold!“
     Griswold war sichtlich nicht zufrieden damit, aber letztendlich ging er. Und als er gegangen war, konnte man den alten Mann schwer seufzen hören.


Dann kam er zu ihm herüber und sagte: „Mein Junge, ich muss mich wirklich bei dir dafür entschuldigen, dass du gegen deinen Willen hierher gebracht wurdest. Das ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschehen ist und ich kann nur hoffen, dass wir diese ganze Sache zu einem friedlichen Abschluss bringen können. Selbstverständlich werde ich dich sofort gehen lassen. Ich -“, er unterbrach sich und wies dann um sich, „wir wünschen uns nichts weiter, als friedlich miteinander zu leben.“


Bevor er weitersprechen konnte, drang Lärm von draußen zu ihnen herein. Die Erschrockene erschrak erneut und auch der alte Mann sah jetzt beunruhigt aus. 
     Elrik derweil konnte unter den lauten Stimmen ganz klar die seines Vaters heraushören und obwohl er sich mehr darüber hätte freuen sollen, war er merkwürdig ruhig.
     „Ich sollte dann wohl besser gehen“, verkündete er nur.


Niemand hielt ihn auf. Und als er nach draußen kam, war die Situation schon gehörig dabei, sich zuzuspitzen. 
     Sein Vater war nicht allein gekommen, beinahe alle waren bewaffnet und die Waffen waren gerade bedrohlich auf Dia Hell und seinen Sohn gerichtet. Dem war zwar noch immer zum Lachen zumute, aber Elrik erschrak gewaltig, als er das sah.


„Papa!“
     Als Tann seine Stimme hörte, ließ er augenblicklich seinen Speer sinken und streckte seine Hand nach ihm aus. Elrik war mit ein paar schnellen Schritten bei ihm und wurde sofort schützend in Empfang genommen.


Nicht, dass es damit getan war. Nach wie vor standen die Zeichen auf Kampf. 
     Der alte Mann war inzwischen nach draußen gekommen und musste sich Dias Zorn stellen, der nicht sonderlich erfreut darüber war, dass man seinen Gefangenen rausgelassen hatte.
     „Was hat das zu bedeuten? Warum hast du die Tür aufgemacht?“, wollte er wissen.
     „Um genau das hier zu verhindern“, antwortete der Alte ihm.
     Er wollte noch etwas sagen, aber Tann war schneller. Elrik hatte schon bemerkt, dass sein Vater vor Wut kochte und das beunruhigte ihn. 
     „Warum hast du meinen Sohn festgehalten?“, fragte er mit kaum unterdrückter Wut.



In dem Moment war es Elrik, als würde die Zeit stehenbleiben. 
     Da war sein Vater, so wütend, wie kaum je zuvor und bewaffnet. Er hatte genug Unterstützung mitgebracht, um die Hells unvorbereitet niederzumachen. 
     Und dann war da noch die andere Seite mit Dia, der den Mund aufmachen und irgendetwas Provozierendes sagen würde. Er war gefährlich. 
     Aber gleichzeitig sah Elrik auch den hilflosen Ausdruck auf dem Gesicht des alten Mannes. Er hörte seine Worte noch immer. Die von der Erschrockenen, die sich entschuldigt hatte und die Schwarzhaarige, die unbedingt von ihm rausgeholt hatte werden wollen. Nicht zuletzt Wirt, sein Freund Wirt, von dem er genau wusste, dass er in Ordnung war.
     Er wollte nicht, dass er starb. Dass irgendjemand verletzte wurde oder starb. Er wollte keinen Kampf.


Bevor er wusste, was er tat, entwand er sich also dem Griff eines Vaters und stellte sich vor ihn.
     „Er hat mich nicht mitgenommen“, log er. „Ich bin unterwegs mit dem Fuß umgeknickt und der alte Mann da hat mich gefunden und mir eine Salbe gegeben.“ Er ließ gespielt schuldbewusst den Kopf hängen. „Dann hab ich was gegessen und die Zeit vergessen. Tut mir leid.“
     Sein Vater war viel zu verdutzt, um etwas zu sagen. Und als er es dann tat, fragte er nur überrascht: „Ist das wahr?“
     Elrik nickte nur und spielte weiter den Schuldigen.


Da mischte sich dann Dia ein. „Das ist nicht wahr! Dein Sohn ist ein Lügner! Ich habe ihn entführt und festgehalten, um dir zu zeigen, dass niemand vor mir sicher ist!“
     Mit einem Ruck hatte Tann seinen Sohn wieder sicher im Griff.
     „Wenn mein Sohn sagt, dass es so war, dann war es so“, meinte er, zu Elriks großer Überraschung.


Elrik sah, dass sein Vater noch etwas sagen wollte. Da war so vieles, was er noch sagen wollte. Doch stattdessen schluckte er seine Wut mühsam herunter und drehte ab. Und das verwunderte und beeindruckte Elrik sehr.
     Mit Dias Beschimpfungen im Rücken traten sie einen gesicherten Rückzug an und gingen nach Hause.


Dennoch war er natürlich noch nicht raus aus der Sache. Tann hielt ihn zurück, kaum, dass sie ihre Schafsweide erreicht hatten, und als sie dann allein waren, fragte er eindringlich: „Ich verstehe, wenn du vor den Anderen gelogen hast, Elrik. Aber jetzt, da wir unter uns sind, muss ich von dir wissen: Ist es wirklich wahr, was du vorhin erzählt hast?“
     Das war der Moment, in dem sich alles entscheiden würde. So kam es Elrik zumindest vor. Sollte er seinen Vater anlügen und riskieren, sein Vertrauen zu verlieren, wenn es rauskam, oder aber sollte er ehrlich sein und riskieren, dass die Situation zwischen seiner Familie und den Hells sich weiter zuspitzte? Dass sie vielleicht in einem Kampf endete? In Tod und Leid?


Er wusste nicht, was richtig war. Aber er wusste, was er tun würde.
     Also stellte sich etwas gerader hin und erwiderte: „Warum sollte ich dich anlügen?“


Er hatte seinen Vater noch niemals angelogen. Und obwohl Tann skeptisch aussah, legte er seinem Sohn schließlich lächelnd die Hände auf die Schultern.
     „Dann will ich dir das glauben. Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“
     Und obwohl Elrik lächelte, fühlte er sich so schlecht wie kaum je zuvor.


Trotz Elriks Lüge entspannte sich die Situation natürlich nicht. Im Gegenteil. Nachdem Tann daran erinnert worden war, dass die Kinder in ständiger Gefahr schwebten, hatte er entschieden, ihnen nun ebenfalls den Umgang mit Waffen beizubringen, damit sie sich im Notfall verteidigen konnten.
     Also fand sich Elrik am nächsten Tag neben Aan, Jana und Luis wieder. Während letztere beiden scheinbar gar nicht erwarten konnten, loszulegen, ging es Elrik da eher wie Aan, dessen Gesicht zu einer ausdruckslosen Maske eingefroren war, seitdem er erfahren hatte, dass sie bald Selbstverteidigung lernen sollten.
     „Rahn wird euch zeigen, wie ihr mit dem Bogen schießt und ich werde euch dann das nächste Mal mit dem Speer unterrichten“, sagte Tann gerade.


Noch während Jana begeistert in die Hände klatschte, erfuhr ihre Freude jedoch einen herben Dämpfer. „Außer du, Jana. Du wirst in nächster Zeit zuhause bleiben und von den Frauen unterrichtet werden.“
     „Was? Wieso das denn? Das ist nicht fair! Ich will auch lernen zu kämpfen!“
     Doch Tann war unerbittlich. „Dir den Umgang mit Waffen beizubringen ist viel zu gefährlich. Das hast du letztens selber bewiesen. Meine Entscheidung steht! Also tu, was man dir sagt!“
     Jana konnte es nicht fassen. Sie hatte ja immer gewusst, dass Tann sie nicht ernst nahm. Da war immer diese Distanz zwischen ihnen gewesen. Er verstand sie einfach nicht. Er war so kein Stückchen wie sie.
     Aber obwohl sie das wusste, konnte sie nichts dagegen tun, dass sie wütend war. Und enttäuscht. So tief enttäuscht darüber, dass ihr Vater sie nicht anerkannte.


Da tauchte dann plötzlich Jin auf, der bislang selber beim Training gewesen war. „Wenn du es erlaubst, würd ich sie gern unter meine Fittiche nehmen, sagte er. Ich hab das mit dem Wald ja mitgekriegt und weiß, dass sie ein bisschen ungestüm und wild ist. Ich kenn das ja. Ich war ja auch so. Deswegen glaub ich, dass ich gut weiß, wie ich’s ihr beibringen kann, dass sie ruhiger wird.“
     Zu sagen, dass Jana aus dem Häuschen über diese Aussicht war, nun doch noch mitmachen zu dürfen, war untertrieben. Sie hatte natürlich die Sorge, dass ihr gemeiner Vater es ablehnen würde, weil er sie so sehr hasste, aber zu ihrer Überraschung tat er das nicht.
     „Wenn du dir das zutraust“, meinte er bloß und damit war alles gesagt.


Jana ging also mit Jin dazu über, den Umgang mit dem Speer zu lernen, was eher sein Spezialgebiet war, während die drei Jungs bei Rahn zum Bogenschießen gingen.
     Als Tann dann ging, blieb er auf halbem Wege zum Haus bei Dana stehen, die das Ganze aus der Ferne beobachtet hatte. Eine Weile standen sie nur schweigend nebeneinander und beobachteten, wie sich die beiden Gruppen einteilten.


Dann sagte Dana schließlich: „Du hast das alles eingefädelt, nicht wahr?“
     Sie hatte es eigentlich nicht erwähnen wollen und im nächsten Moment bereute sie auch schon wieder, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben.
     „Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, sich zu verteidigen. Vor allen Dingen jetzt. Wenn ich es könnte, würde ich Tanja am liebsten zwingen, ebenfalls mitzumachen, aber sie weigert sich vehement“, erwiderte er.
     Dann war er einen ganzen, trügerischen Moment lang still, bevor er fortfuhr und sie an etwas erinnerte, dass sie lieber vergessen wollte: „Es ist an der Zeit, dass du ihm sagst, dass sie seine Tochter ist, Dana! Sonst werde ich es tun.“
     Er hatte es also nicht vergessen.
     „Aber… aber…“
     „Sieh zu, dass du es tust, bevor ich dazu gezwungen bin!“


Dann ließ er sie stehen. Erbarmungslos und unerbittlich. 
     Doch sie blieb nicht lange allein. Keine Minute war ihr vergönnt, um sich in Angst und Panik zu suhlen. Lu tauchte nämlich nun an Tanns Stelle auf.
     „Weißt du, Tann hat recht. Gerade jetzt, da Jin trauert, kann er jedes bisschen Freude gut gebrauchen.“
     Er wollte noch mehr sagen, aber Dana fuhr ihm dazwischen: „Hast du uns etwa belauscht?“
     Sie hatte den Fehler begangen, sich mit Tann unweit des Schreines zu unterhalten. Wenn Lu mit den Göttern sprach, hatte er aber auch einfach die Angewohnheit, nicht aufzufallen.
     „Nun… ja… und….“


Jedes weitere Wort wurde ihm abgeschnitten, als Dana ihn unsanft am Handgelenk packte und hinter sich her zog. „Komm mit!“, befahl sie barsch.


Sie war natürlich nicht sonderlich erpicht darauf, dieses Gespräch zu führen. Aber jetzt, da es noch jemand erfahren hatte, kam sie nicht drum herum. Also blieb sie an der rechten Hausseite stehen, wo niemand sie sehen konnte, und baute sich vor ihm auf.
     „Willst du es ihm jetzt auch sagen oder was?“ Sie war sauer. So sauer, dass man sie entlarvt hatte.
     „Nein, das ist deine Aufgabe“, antwortete Lu ruhig. „Und das solltest du auch tun. Jin hat gerade die Person verloren, die für ihn seine Familie war und auch wenn er vielleicht sauer auf dich sein wird, wird ihn die Nachricht, dass Jana seine Tochter ist, helfen, seine Trauer zu überwinden. Sie wird ihm ein neues Lebensziel geben und das ist es, was er jetzt dringend gebrauchen kann.“
     Dana wusste das alles. Aber sie war noch so weit davon entfernt, das auch einzusehen. Momentan war sie noch immer dabei, sich zu ärgern.
     „Und für dich ist es auch eine Chance“, fuhr Lu also fort, als sie nur weiterhin überaus genervt aussah.
     „Für mich? Was soll denn das heißen?“
     „Mit Jin zusammenzufinden.“


Dana glaubte zunächst, sich verhört zu haben. Und dann fing sie an, amüsiert zu kichern.
     „Wieso sollte ich das wollen?“
     „Weil du ihn gern hast offensichtlich.“
     Sie prustete los und sie lachte eine ganze Weile.


Doch es verging ihr, als sie sah, dass Lus Gesicht weiterhin unverändert blieb. So verdammt ernst. Das ärgerte sie irgendwie.
     „Komm schon, das ist Blödsinn!, behauptete sie. Jana ist entstanden, weil ich betrunken war und nicht wusste, was ich tat, aber ich mag Jin ganz sicher nicht. Nicht so!“
      Doch erneut blieb Lu ruhig. Er war so verdammt ruhig, dass es sie ankotzte. Er sah zur Seite, als wäre alles ganz nebensächlich und sagte nur: „Na gut, dann kannst du es ihm ja sagen, wenn du keine Angst davor hast, dass er sauer wird.“


Jetzt schreckte sie zurück. Das wollte sie natürlich nicht! Natürlich nicht! Das… das war doch zum verrückt werden!
     Und da traf es sie schließlich wie ein Schlag. Angst und Scham rangen plötzlich wie wild miteinander in ihr und alles, was sie tun konnte, war, das Gesicht in den Händen zu vergraben und zu jammern.
     „Bei den Göttern, du hast recht!“, gab sie zu. „Das ist ja eine Katastrophe!“


„Nein, das ist deine Chance“, hörte sie den Schamanen sagen. „Jin wird sicherlich nicht erfreut darüber sein, dass du es ihm so lange nicht gesagt hast. Er wird wahrscheinlich eine Weile sauer sein, aber wie ich ihn kenne, wird er darüber hinwegkommen. Und jetzt, wo Greta nicht mehr da ist, kannst du guten Gewissens mit ihm zusammen sein.“
     Dana hörte es, aber sie glaubte einfach nicht daran. Dass alles gutgehen würde. Dass Jin sie tatsächlich auch mögen würde. Sie wusste nur, dass sie momentan eine Heidenangst hatte.
     „Doch du solltest ihm auf jeden Fall vorher die Wahrheit sagen. Bevor du es bei ihm probierst“, riet Lu ihr, bevor er sie mit ihrer Angst einfach allein zurückließ.


Wie nur hatte sie in diese verzwickte Situation geraten können?


Dana hatte geglaubt, eine ganze Weile zu brauchen, um Jin überhaupt wieder gegenübertreten zu können. Doch da ihr die Zeit davonlief, zwang sie sich dazu, ihn abzufangen, kaum, dass er am Nachmittag das Haus betrat.
     „Weißt du, ich habe darüber nachgedacht, dir neue Sachen zu nähen.“
     Sie brauchte irgendein Einstiegsthema. Irgendetwas, über das sie reden konnte, bevor sie sich selber ans Messer lieferte.
     „Vielleicht so etwas wie deine Alten. Du mochtest die ja so.“
     Sein Gesicht war so ausdruckslos geworden. Sie vermisste sein verwegenes Grinsen. Es tat ihr weh, ihn so zu sehen.


Und was er dann sagte, tat ihr noch mehr weh: „Das ist nett von dir, aber lieber nicht. Greta hat mir die Sachen gemacht, die ich trag und deshalb will ich sie nicht weggeben.“
     Es war das erste Mal seit Gretas Tod, dass sie ihn wahrlich lächeln sah. Zumindest für einen kurzen Augenblick, bevor die Ausdruckslosigkeit in sein Gesicht zurückkehrte.


Er trauerte noch immer. Sie hatte gar keine Chance, ihn zu erreichen.
     Da wurde ihr bewusste, dass er Greta nicht nur gerngehabt hatte. Er hatte sie geliebt. Und während ihr Herz wegen dieser Erkenntnis weinte, entkam er ihr und sie verpasste den Moment erneut, ihm die Wahrheit zu sagen. 
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Hier weiterlesen -> Kapitel 37

Die Hells sind also erstmals aktiv geworden und so, wie es aussieht, scheint Dia Tann tatsächlich zu einem Angriff provozieren zu wollen.
Derweil hat Elrik eine erste Barriere zu seinem Vater aufgebaut, indem er ihn dem Frieden zuliebe angelogen hat. Bleibt abzuwarten, ob er damit den gleichen Fehler begangen hat, wie Dana, die noch immer mit ihrer Lüge zu kämpfen hat.

Da Elrik (und Aan) nächstes Kapitel zu Teenagern heranwachsen werden, lasse ich mit diesem Kapitel Generation 2 enden. Ich hab lange überlegt, hier noch was Abschließendes zu schreiben, aber mir ist nichts so wirklich eingefallen. Generation 2 war etwas anders als Generation 1, vor allen Dingen länger, und der eigentliche Hauptdarsteller Tann kam manchmal lange nicht einmal vor. Aber dafür wird er noch in der nächsten Generation einige Auftritte haben.
Nächstes Mal dann geht es also frisch mit Generation 3 und einem Elrik weiter, der eine weitreichende zweite Begegnung mit jemandem haben wird.

Zum Schluss gibt es noch drei tierische Outtakes.

Danke fürs Vorbeischauen und ich verabschiede mich für diese Generation!

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