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Sonntag, 17. Juli 2022

Das bessere Leben - Epilog

 Fünfzehn Jahre später...



Wie jeden Morgen warf Stefan den Fotos an der Wand im Vorübergehen einen Blick zu. Doch diesmal blieb er vor einem ganz bestimmten stehen und betrachtete es lange Zeit. Es zeigte eine glückliche junge Frau, Arm in Arm mit ihrem frisch angetrauten Bräutigam, innig in einen Kuss vertieft. Wie lange das doch schon wieder her war!
     Er band sich seine Krawatte zu Ende und blickte noch ein letztes Mal in den Spiegel.​


"Ich hoffe wirklich, dass du die Stelle bekommst!"
     Stefan vollführte eine halbe Drehung, lächelte und drückte seiner Frau einen Kuss auf den Mund.
     Viola war nun zum zweiten Mal schwanger und da das Geld von seinem jetzigen Job nicht mehr reichte, hatte er seine Bewerbung auf einer Internetseite veröffentlicht, bei der sich die Arbeitgeber neue Angestellte aussuchen konnten. Und vor zwei Tagen hatte sich dann endlich eine Versicherungsgesellschaft gemeldet.
     Sie legte ihre Hand bekräftigend auf seine Schulter. "Das schaffst du schon!"
     Er nickte seufzend und strich noch einmal über ihren runden Bauch, in dem sein ungeborenes Kind schlief.​


"Papa!", rief es, als er bereits auf dem Weg zur Tür war.
     Er drehte sich noch einmal um, gerade noch rechtzeitig, um seinen Sohn aufzufangen.
     "Viel Glück, Papa!"
     Zum Abschied gab es einen etwas verschlafenen Kuss.​


Hannes strahlte seinen Vater an. Der Junge war eine perfekte Mischung seiner Eltern. Er war extra aufgestanden, nur um ihn Glück zu wünschen! Stolz bedachte er seinen Sohn mit einem Lächeln, bevor sich die Tür hinter ihm schloss.​


Zwanzig Minuten später saß er in dem dunklen Wartezimmer der Versicherungsgesellschaft. Mit Ausnahme der Sekretärin war er vollkommen allein. Diese ließ sich nicht bei ihrem privaten Telefongesrpäch via Headset stören, obwohl neben ihr das Betriebstelefon munter klingelte. Plötzlich sah sie ihn durch die dicken Brillengläser direkt an.
     "Herr Laubacher bitte! Herr Marthenelli erwartet Sie!"
     Sie deutete mit ihren knochigen Finger auf die orientalische Tür neben sich. Stefan erhob sich und machte sich auf den Weg in das Büro seines potentiellen neuen Chefs.​


Er trat in das dunkle, holzgetäfelte Büro. Mit kräftiger Stimme wünschte er einen gute Tag. Der Leiter der Gesellschaft saß in einem großen, mittelalterlichen Holzstuhl hinter seinem Schreibtisch, den Rücken ihm zugewandt.
     Als keine Antwort folgte, trat Stefan näher und nahm in dem bequemen Sessel Platz, der gegenüber dem Schreibtisch stand. Er legte seine Unterlagen auf den kleinen Tisch neben sich.​


Er schwieg eine Weile, bevor er begann, sich für den Anruf zu bedanken. Eine Hand erschien jenseits der großen Lehne und bedeutete ihm, zu schweigen.
     "Mein Mann verspätet sich etwas", erfüllte plötzlich eine kalte Stimme den Raum, "Aber wie schön"
     Ein Schauer lief Stefan über den Rücken. Eine schreckliche Vorahnung machte sich plötzlich in ihm breit. Das konnte doch aber nicht sein!
     Das Schaben von Holz auf Holz verriet ihm, dass sich der Sessel umdrehte.​


"Wie schön, dich wiederzusehen, Stefan!", sagte die schwarzhaarige Frau ihm gegenüber. "Als ich deine Bewerbung sah, musste ich meinen Mann unbedingt dazu bringen, dich zum Bewerbungsgespräch einzuladen. Es gibt ja so viel, das ich dir zu sagen habe."
     Er hätte sie sicher nicht erkannt, doch ihr kaltes Grinsen und ihre leblosen Augen verrieten sie.​


"Die Zeit in der Psychiatrie hat mich verändert..."​


Ihm gegenüber saß Anja - alias Dolly​
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Wow, Gratulation, wenn ihr es bis zum Schluss durchgehalten habt. Ich muss ja sagen, dass ich selber immer noch den Cringe in mir fühle, nachdem ich das gerade nochmal durchgelesen hatte (aber hey, immerhin hatte ich auch was zum Lachen). Es hat mich so arg in den Fingern gejuckt, alles nochmal umzuschreiben, aber ich habe nur ein paar ganz grobe Schlimmheiten verändert. Ansonsten ist dies hier Original die Trash-Perle, die sie 2007 schon war. Und oje, wenn ich das letzte Bild so sehe, erinnere ich mich auch noch daran, dass ich eine Fortsetzung dieses unlogischen Unfalls schreiben wollte, indem Stefans Sohn an Anjas/Dollys Tochter gerät. Keine Ahnung, ob sie ebenfalls so mörderisch wie ihre Mama hätte werden sollen oder es einfach nur eine Liebes-Dramageschichte hätte werden sollen, bei der vor allen Dingen Papa Stefan gegen die Liebe seines Sohnes ist. 
     Jetzt habt ihr auf jeden Fall mal gesehen, wie glänzend, abgewrackt und mit zu viel Make-up meine Sims damals rumliefen, und was soll ich sagen? Sie schämen sich heute dafür:
 

Das Bild kann man übrigens anklicken, damit man die drei mal in groß und nicht verschwommen-weil-ich-die-Minibilder-vergrößern-musste sehen kann. Und so, wie sie heute, mit meinen jetzigen Default Replacements aussehen würden... minus zu heftigem Makeup. Beachtet auch die Fruchtschale hinten links hinter Dolly-Anja, die bestimmt mit Absicht da ist, damit die Schüler sich gesund ernähren und nicht nur als Platzhalter, weil CC fehlt... ich sag nur:


Herr Laurens hat wohl das Klassenzimmer umdekoriert 😛.


Das bessere Leben - Kapitel 14


Der Winter war plötzlich angebrochen und hatte das Land in seine weiße Decke gehüllt.
Alles war ruhig und verlassen. Ein seichter Wind strich durch die kahlen Friedhofsbäume und ließ die verbliebenen Blätter rascheln. Die wenigen Anwesenden auf ihrem Begräbnis wirkten wie schwarze Punkte in der Landschaft. Es herrschte Stille, nur das gelegentliche Schluchzen ihrer Mutter war zu hören.
     Schnee fiel sanft auf den schlichten, grauen Grabstein. In verschnörkelten Lettern prangte ihr Name darauf.
     Stefan blickte betrübt in den wolkenverhangenen Himmel. Ihr Vater setzte zu einem zweiten lauten Gebet an.
     "...Miriam..."
     Ihr Name hallte tausendfach in seinen Ohren wider. Die Tränen waren immer schwerer zurückzuhalten. Jetzt erst begriff er, dass sie wirklich von ihnen gegangen war.​


Lange hatte er ihren Tod verdängt; hatte es nicht wahrhaben wollen. Doch jetzt stand er vor ihrem frischen Grab. Und, dass ihre Asche ein paar Meter unter ihnen vergraben lag, das war eine Tatsache, die er nun nicht mehr leugnen konnte.
     Miriam Constat. Ihr Name auf dem grauen Stein brannte sich in sein Gedächtnis. Er hatte sie wirklich geliebt, doch hatte es ihr niemals gesagt. Und jetzt war es zu spät dazu.
     Er konnte ihren Namen nicht mehr sehen. Mit einem Mal brach alles aus ihm heraus. Trauer, Wut, Verzweiflung. Schluchzend vergrub er sein Gesicht in den Händen.​


"Es tut mir Leid, dass ich dich nicht beschützt habe! Es tut mir Leid, dass ich nicht rechtzeitig für dich da war, als du mich am meisten brauchtest..."
     Es gab so vieles, das er ihr nun hätte sagen wollen. Vieles, dass auf ewig ungehört bleiben würde.
     Die Stimme seiner Mutter weckte ihn aus seinen Gedanken. "Du holst dir noch eine Lungenentzündung."
     Sie hatte ihm seine Zet zum Trauern gegeben. Tagelang hatte er sich eingeschlossen, hatte kaum gegessen. Der Schock saß sicher noch tief, aber was brachte es, wenn er sich jetzt auch noch den Tod holte?
     "Ich liebe dich, Miriam", flüsterte er.
     Mit einem letzten Blick zurück auf den Stein, der ihren Namen trug, nahm er Abschied und folgte seiner Mutter.


Oft hatte er sich gefragt, was wohl aus Doreens Eltern geworden war. Wie er später hörte, erlitt Doreens Mutter einen Nervenzusammenbruch, als sie das Grab ihrer leiblichen Tochter, eine bloße Nummer auf einer grünen Wiese, das erste Mal besuchte.

     Die Ehe hatte wohl auch ganz schön unter ihrem späteren Nervenklinikaufenthalt zu leiden gehabt. Denn drei Jahre später waren sie geschieden und jeder war seine eigenen Wege gegangen.​


Ihr Bild prangte groß auf der Titelseite, Seite an Seite mit dem ihrer Mörderin. Ihre kalten Augen waren unkenntlich gemacht worden, da sie noch ein halbes Kind war. Stefan starrte ihr Foto lange an. Obwohl sie vieles erleiden hatte müssen, konnte er seine Wut auf sie dennoch nicht leugnen.
     "Kindermörder: Vier Morde gehen auf ihr Konto"
     Immer und immer wieder las er die Überschrift über den Fotos. Ihre Augen mit einem schwarzen Balken unkenntlich gemacht. Um sie zu schützen! Stefan musste lachen. Wer hatte denn bitte Miriam oder die kleine Doreen vor ihr beschützt?
     Man hatte sie für schuldunfähig erklärt und sie hatte gerade einmal ein paar Jahre Psychiatrie für all das, was sie getan hatte, bekommen. Lachhaft!
     Das plözliche Klingeln schreckte ihn aus seiner Wut auf. Er knüllte die Zeitung wütend zusammen und ließ sie auf dem Sofa zurück.​


Miriams Lachen vor seinem geistigen Auge, schlenderte er zur Tür und öffnete sie, mit einer komischen Mischung aus Wut und Verwirrung in seinem Bauch.
     Die Fäuste in die Hüften gestemmt, die Reisetasche neben ihren Füßen, sah sie ihn mit einem halb anklagenden, halb bemitleidenden Blick an. Dann winkte sie.
     "Ich dachte schon, du hättest mich vergessen. Doch dann habe ich das in der Zeitung gelesen", begrüßte sie ihn und hielt diesselbe Zeitung hoch, die bereits zerknüllt auf dem Sofa lag.
     Sein Name hatte auch in dem Artikel gestanden.
     "Viola..."​


Sie lächelte mitfühlend, nahm ihre Tasche und trat ein. Im Wohnzimmer holte er sie wieder ein.
     "Deine Mutter meinte, ich solle ruhig vorbeikommen, als ich anrief und nach dir fragte."
     Plötzlich nahm sie ihn in den Arm.
     "Wenn ich darf, bleibe ich ein paar Tage. Ich hörte, dass das Mädchen, das getötet wurde, mit dir befreundet war."
     Und dabei wusste sie ja noch nicht einmal alles über Miriam und ihn.
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Das bessere Leben - Kapitel 13


Stefan fiel hart auf den modrigen Boden. Aufgewirbelter Staub drang in seine Lungen und er musste husten. Seine Augen brannten vom Dreck und er sah Anja über sich nur wie durch einen Schleier. Sie hob drohend ihren Arm und setzte zum tödlichen Stich an.
     "Warum musstest du auch alles kaputt machen? Es lief alles gut zwischen, alles war perfekt, aber du hast alles zunichte gemacht! Ich habe hart dafür gekämpft, für meine Familie, für alles, das ich besitze! Und du wirst es mir nicht so einfach nehmen!", schrie sie wie eine wildgewordene Furie.
     Ihre Augen zuckten, ein irrer Blick lag immer noch in ihnen. Schwarze durchnässte Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Das war das erste und das letzte Mal, dass ihr Gesicht wirklich Emotionen zeigte.
     Sie kreischte wie eine Besessene, als sie sich auf ihn stürzte und schließlich zuschlug. Stefans Herz schien den Dienst zu verweigern, sein Puls raste. Er sandte ein letztes Gebet zum Himmel, obwohl er vorher niemals gebetet hatte.
     Plötzlich flutete helles Licht die Szene und Anja hielt augenblicklich inne.​



Sie war sofort auf den Beinen. Stefan fühlte mit Erleichterung, wie ihr Gewicht von seinen Rippen verschwand. Neben ihm fiel das blutverschmierte Fleischerbeil zu Boden.
     "Mama!", hörte er Anjas Stimme.
     Stefan blinzelte verwirrt ins Licht und erblickte Doreens Mutter im Türrahmen ihres Hauses stehen.
     "Was ist denn das für ein Krach hier draußen?", hörte er sie fragen.
     Sein Blick wanderte von ihr zu Anja. Anja grinste etwas schief und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
     "Du.. du hast uns erwischt." Sie versuchte zu lachen. "Aber jetzt kann ich es ja auch offiziell machen!"​


Sie griff Stefans Unterarm und zog ihn mit einer ungeahnten Kraft auf die Beine. Bevor er reagieren konnte, waren ihre Lippen auf den Seinen. Übelkeit stieg ihn ihm auf. Er stieß Anja angeekelt von sich. Sie fing sich etwas wütend, setzte dann aber wieder ein Lächeln auf und blickte zu Doreens sichtlich verwirrter Mutter.
     "Ja! Wir beide sind jetzt zusammen!", eröffnete sie plötzlich.
     Stefan dachte, seinen Ohren nicht zu trauen. Er starrte sie voller Hass an. Jetzt brauchte er keine Angst mehr zu haben. Jetzt war er in Sicherheit.
     "Zusammen?" Er lachte etwas zu hoch. "Wir beide? Nachdem du Miriam umgebracht hast und mich hattest umbringen wollen?"
      Anja sah ihn entsetzt, dann warnend an. Stefan schenkte dem Beil im Gras einen Blick. Doch er wusste, dass sie ihm niemals in Gegenwart ihrer "Mutter" etwas tun würde.​
 

"Was?" Dolly versuchte zu Lachen, doch es klang noch nervöser als zuvor. "Was redest du denn da? Du bist ja vollkommen übergeschnappt! Was habe ich mir nur dabei gedacht, mich in dich zu verlieben?"
     Stefan lachte überlegen. Mit einem Grinsen im Gesicht entfernte er sich ein paar Schritte von ihr.
     "Du hast das Mädchen umgebracht, dass ich geliebt habe. Und glaubst du wirklich, ich würde es nicht beweisen können, wenn ich es behaupte?"​



Er hob seine rechte Hand. Das Mondlicht spiegelte sich auf dem silbernen Gehäuse. Anjas Augen weiteten sich, als sie erkannte, was es war. Doch diesmal lag wahrhaftig Angst in ihnen.
     Stefan drückte die Wiedergabetaste auf seinem Handy und seine Stimme hallten durch den ruhigen Garten.
     "Warum tust du das?"
     "Warum?", fragte Anjas Stimme wieder.
     "Ja, warum du Doreen und deine Eltern getötet und dich als Doreen ausgegeben hast. Und... und warum musste Miriam sterben?"
     Darum hatte er also all ihre Taten wiederholt. Und danach wurde ihr ganzes Gespräch wiedergegeben.​



Mit jeder Sekunde, in der ihre aufgezeichnete Stimme ihre Taten zu rechtfertigen versuchte, sackte Anja weiter in sich zusammen. Scham, Angst, Verzweiflung. Alles stürzte nun wieder auf sie ein. Alles, das sie gedacht hatte, vergessen zu haben. Sie hörte Doreen in ihrem Kopf schreien. Ihr Schrei wurde zu einer wütenden Anklage. Ihr Vater schlug sie wieder.​


"Du bist zu nichts nütze! Warum ich dich überhaupt in die Welt gesetzt habe, frage ich mich jeden beschissenen Tag! Du bist ein wertloses Stück Müll, eine Missgeburt!"
     Ihre Mutter auf dem Trip.
     Sie spürte ihre warmen Tränen über ihre Wangen laufen. Die Narben auf ihrem Arm schmerzten wieder. Doreens Lachen in ihrem Kopf. Dann wieder Schreie.​


Sie hielt ihren Kopf fest. Ihre Schläfen pochten. "Nein! Das kann nicht sein!", schrie sie.
    Doreen war wieder da. Sie lachte sie aus. Zeigte schadenfroh auf sie. Denn sie hatte sich ihre Eltern zurückgeholt.​

Ihre Gedanken setzten mit einem Mal aus und wichen einer großen Leere in ihrem Herzen. Ihre Kräfte verließen sie.
     Alles hatte sie verloren!
     Ihre Beinen gaben nach.
     Und dabei hatte sie nichts mehr gewollt, als ein bisschen Liebe!
    Sie fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.
     Ein bisschen Aufmerksamkeit!
     Stumme Tränen liefen aus ihren Augenwinkeln. Und der Mond beschien ihren regungslosen Körper, wie er jedes ihrer Opfer schadenfroh beschien. 
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Das bessere Leben - Kapitel 12


"Ich dachte, dass du mich lieben würdest und sogar als du angefangen hast, dich mit dieser Miriam zu treffen, habe ich dir verziehen. Ich habe dein Fehlverhalten damit entschuldigt, dass sie einfach schön war und ich mich, zugegeben, in letzter Zeit ein bisschen habe gehen lassen. Doch nun sehe ich aus wie sie und dennoch trauerst du ihr hinterher, anstatt dich unserer Liebe zu erfreuen." Er hörte sie hinter sich näher kommen. "Du hast mich betrogen und benutzt und ich kann dir einfach nicht mehr vertrauen. Aber du weißt zuviel und deshalb wirst du sterben!"
     Ihr schrilles Lachen hallten von den kahlen Betonwänden wider. Doch Stefan ließ das alles kalt. Seine Gedanken waren immer noch wie benebelt und es fiel ihm schwer, die Gefahr zu erkennen, in der er sich befand. Er musste erst verarbeiten, was er gehört hatte und er konnte immer noch nicht glauben, dass Miriam tot sein sollte. Vor ein paar Stunden noch hatten sie miteinander gesprochen und sie hatte ihr bezauberndes Lachen ertönen lassen. Und jetzt sollte sie einfach nicht mehr da sein? Von einer Sekunde auf die andere einfach für immer gegangen?​


Sein Überlebensinstinkt wurde so plötzlich wach, dass es ihn selber wie ein Traum vorkam, als er durch den kalten Regen rannte, seine Sinne betäubt und seine Füße eiskalt. Eine Mischung aus Wut, Trauer und Angst hatten sich in seinem Bauch zusammengestaut, dann war plötzlich die Aussichtslosigkeit in den Vordergrund gerückt und er war aufgesprungen und hatte die völlig überraschte Anja über den Haufen gerannt.​


Der Boden schmatzte bei jedem seiner Schritte und Wasser spritzte um ihn herum in die Höhe. Anjas wütendes Schreien war bald wieder hinter ihm zu hören. Sie hatte sich den Kopf angeschlagen, doch wie die Monster aus den schlechten Horrorfilmen war sie einfach wieder aufgestanden, um ihn weiter zu jagen.
     "Ich krieg dich ja doch!", brüllte sie grimmig.
     Ihre Haare fielen ihr immer wieder ins Gesicht, aber das schürte nur ihre Wut, anstatt sie zu stören. Ihr Ziel lag direkt vor ihr.
     Stefan blickte nicht einmal zurück, aber dennoch wusste er, dass sie schnell aufholte. Für ihre Größe war sie verdammt schnell.​


Kleine Äste peitschten ihm brennend ins Gesicht, als er in den Wald rannte. Es war nicht gerade der beste Ort, um sich zu verstecken, doch das Einzige, was Stefan rennen ließ, einen Fuß vor den anderen, immer weiter, war sein Instinkt.
     Seine Lungen fühlten sich leer an und jeder Schritt schmerzte. Kleine spitze Steine bohrten sich durch seine Schuhsohlen hindurch in sein Fleisch. Eine Wurzel verfing sich plötzlich in seiner Hose und im nächsten Moment schmeckte er den modrigen Waldboden, der sich mit Blut vermischte.​


Anjas Schritte waren langsamer geworden und sie kam mit einer unheimlichen Leichtigkeit zum Stehen. Ihre kalten Hände krallten sich in das Fleisch seines Rückens. Mit schmerzenden Gliedern wurde er hochgehievt und fiel wieder. Nun sah er Anja direkt ins Gesicht.
     Ihre Augen waren geweitet, ihre Pupille nur noch ein kleiner schwarzer Punkt in ihren blutunterlaufenen Augen. Sie hatte völlig den Verstand verloren. Siegessicher hob sie ihren Arm, um zuzustechen. Das Messer glänzte gefährlich in ihren Händen.
     "Warum tust du das?"
     Die Worte hatten seine Lippen verlassen, bevor er darüber hatte nachdenken können.​


Stefan war überrascht, als Anja ganz plötzlich innehielt. Sie ließ das Messer sinken, verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf ihn herab.
      "Warum?"
     "Ja, warum du Dorren und deine Eltern getötet und dich als Doreen ausgegeben hast. Und warum... warum musste Miriam sterben?", wiederholte er all ihre Taten.
     Anja versetzte ihm einen scharfen Blick, damit er endlich schwieg.
     "Ich habe das getan", fuhr sie etwas lauter fort, "weil es keine Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt, wenn man nicht selber dafür sorgt."
     Stefan verdrückte es sich, weiter nachzufragen. Doch das brauchte er gar nicht. Denn Anja schien schon lange darauf gewartet haben, sich zu erklären. Es sich schön zu reden, sich zu rechtfertigen und ihr Gewissen zu beruhigen. Wahrscheinlich hatten die ganzen Jahre der Lügen sie sehr belatet und sie hatte sich eine Erklärung die ganze Zeit über fein zurecht gelegt.​


„War es denn nämlich gerecht, dass meine Eltern mich hassten und mich schlugen, während Doreens Eltern sie liebten, alles für sie taten und diese Göre es nicht einmal zu schätzen wusste? War das denn gerecht? Alles, was ich mir jemals gewünscht hatte, war etwas Liebe und Zuneigung!“ Tränen rannen über ihre Wangen, doch sie fuhr unbeirrt fort: „Und Doreen hatte das alles, doch wusste es nicht zu schätzen. Sie brauchte ihre Eltern doch gar nicht! Sie hat ihnen doch immer nur wehgetan, jedes Mal, wenn sie ihre Mutter abwies. Wenn sie sich doch nur um ihre Tochter sorgte, wenn sie nur wollte, dass Doreen sich etwas wärmeres anzog. Deshalb habe ich sie umgebracht! Das hatte sie nämlich verdient! Genauso wie meine Eltern!“ ​


"Und diese dumme Miriam hat mir wirklich hinterherspioniert und gedacht, ich bemerke es nicht."


Sie lachte plötzlich.
"Stell dir mal vor, was sie getan hat. Sie ist doch wirklich bei mir zu Hause eingebrochen, hat alle Zahnbüsten gestohlen und einen DNA-Test gemacht. Natürlich hat sie herausgefunden, dass Doreens Eltern nicht mit mir verwandt sind. Ich habe sie angerufen und hergelockt, habe ihr eine Erklärung versprochen. Sie kam doch tatsächlich und das war ihr Todesurteil."​


Stefan scharrte ungeduldig mit den Füßen im Boden. Er arrangierte alles so, dass er schnell aufstehen konnte. Dolly hatte sich so in Rage geredet, dass es etwas dauerte, bis sie realisierte, dass er plötzlich auf den Beinen war und wegrannte.​


Sie wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und rannte ihm wütend nach. Er hatte sie ausgetrickst, hatte sie nur hinhalten wollen. Und sie war einfach darauf reingefallen! Genau wie damals, als Doreen sie gefragt hatte: „Warum?“ Doch sie hatte die alte Freundin eingeholt und sie würde auch ihn einholen.
     Auch wenn man es ihr vielleicht nicht ansah, war sie früher sehr oft gerannt. Weggerannt vor dem betrunkenen Vater und später auf vielen Wettbewerben, um die neuen Eltern stolz zu machen.​

Und die würde sie sich nun nicht mehr nehmen lassen. Mit dem Gedanken, alles zu verlieren, was ihr lieb und teuer war, beschleunígte sie ihren Schritt. Nur noch wenige Schritte trennten sie nun von ihrem nächsten Opfer.
      Stefan spürte schon ihren heißen Atem auf seinem Nacken, als ihre knöchrige Hand des Todes ihn bei der Schulter packte und nach hinten riss.​
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Das bessere Leben - Kapitel 11

 Warnung: Beinhaltet Berichte von Gewalt und sexuellem Missbrauch (nicht explizit bildlich dargestellt!


Stefans Finger zitterten, als er vorsichtig ihren Puls fühlte. Der Mond beschien sie immer noch in seinem unnatürlich weißen Licht und ließ ihre Haut wächsern aussehen. Sie sah aus, als würde sie eine Maske tragen, als wäre sie eine schlafende Puppe.
     Ihre Hand war eiskalt. Und ihr Puls nicht mehr zu spüren. Das Rot ihres Pullvoers getränkt mit dem ihres Blutes.
     Stefan konnte nicht glauben, was er da sah. Seine ganze Welt schien von einer Sekunde auf die andere einfach einzustürzen. Verzweifelt fiel er auf seine Knie und brach in Tränen aus. Er hatte Miriam geliebt, mehr als alles andere in seinem Leben, aber er hatte es ihr niemals gesagt. Und jetzt war es zu spät. Jetzt würde er es ihr niemals mehr sagen können.

Er hörte ihre katzengleichen todbringenden Schritte. Sie stoppten und obwohl er sein Gesicht in seinen Hände vergraben hatte, spürte er, dass sie hinter ihm stand. In ihrem Gesicht eine Mischung aus Wut und Genugtuung.
     „Ist es nicht wunderschön? Ein wahres Kunstwerk. Es erinnert mich an Doreen. Ja, sie lag auch hier, in ihrem Blut, nur der Mond beschien ihren toten, kleinen Körper. Sie hatte mir ihr perfektes Leben oft vor die Nase gehalten, doch ich habe es ihr gezeigt.“, flüsterte sie und kicherte.
     Stefan sah auf. „Was meinst du damit? Du bist doch Doreen.“
     Dolly lachte abermals. Ihr Lachen war grausam und überheblich.
     „Ja, das glaubte jeder, als man mich damals hier fand.“​
 

„Doreen und ich waren einst die besten Freundinnen. Wir haben alles zusammen gemacht. Wir waren wirklich unzertrennlich.“​


„Aber wir kamen aus zwei unterschiedlichen Welten. Meine Familie lebte in einem heruntergekommenen Haus, nicht einmal weit entfernt von dem, in dem du jetzt lebst. Mein Vater war alkoholabhängig und meine Mutter konnte nicht ohne ihre Drogen. Ich wurde beinahe täglich geschlagen.“​


„Stunden saß ich still auf meinem Strafstuhl und habe die kaputte Wand angestarrt. Bestraft für Nichtigkeiten. Weil ich am Tisch geniest hatte oder einfach nur da war und meinen Vater beim fernsehen gestört habe. “​


„Ich lief wochenlang in denselben Kleidern herum. Solange, bis ich im Dreck stand und mich morgens rausschlich, um meine Kleider im Waschbecken zu waschen, wenn meine Eltern ihren Rausch ausschliefen. Ich aß verdorbenes Essen, die Reste meiner Eltern oder sogar aus der Mülltonne, nur um zu überleben.“​


„Mein Leben war die Hölle. Alles was ich mir wünschte war eine Umarmung, ein bisschen Liebe. Doch stattdessen zuckte ich zusammen, jedes Mal wenn ich die polternden Schritte meines Vaters die Treppe hinaufkommen hörte. Denn ich wusste, dass er nur kam, um seinen Frust an mir auszulassen, wie an einem Prügelsack.“​


„Doreen hingegen hatte eine perfekte Familie. Eine Familie, die sie liebte. Die alles für sie getan hätte.“​


„Und sie lebte mir ihr perfektes Leben jeden Tag vor. Ich hasste sie dafür.“​

„Denn Doreen schätzte das alles überhaupt nicht. Sie sah das alles als selbstverständlich an, was ihre Eltern für sie taten. Sie beleidigte ihre Mutter, die nur um sie besorgt war und wies sie ab, wenn sie ihre Tochter in den Arm nehmen wollte. Das und noch etwas war der Tropfen, der das Fass bei mir zum Überlaufen brachte." ​


"Als mein Vater mich nämlich im Suff anfasste, mir meine Kindheit zerstörte, beschloss ich, sie umzubringen, sie alle zu töten.“​


„Es war an meinem zehnten Geburtstag, den meine Eltern wieder einmal vergessen hatten. Ich schlich in die Küche, nahm mir ein Messer und tötete zuerst meinen Vater. Meine Mutter, völlig weggetreten, merkte es nicht einmal. Dann tötete ich sie.“​



„Ich rief Doreen an und sagte ihr, dass ich sie sehen müsse. Sie müsse schnell kommen, denn etwas Schlimmes wäre passiert.“​


„Ich erinnere mich noch gut daran, als Doreen das Haus betrat, in dem meine toten Eltern lagen. Sie sah die beiden auf dem Boden liegen und die Angst war ihr ins Gesicht geschrieben. Aus dem Schatten heraus, mit verstellter Stimme, sagte ich ihr, dass ich ihre beste Freundin Anja und deren Eltern umgebracht hätte. Ich sagte ihr, sie solle laufen, so schnell sie könne, sonst wäre sie die nächste.“​


„Dieses dumme Mädchen lief geradewegs in ihr verderben. Sie rannte zu dem Lagerhaus, in dem wir früher so oft gespielt hatten. Ich folgte ihr und sie merkte nicht einmal, wer sie verfolgte.“​


„Dann fiel sie auch noch und damit war ihr Schicksal besiegelt. Ihr Gesichtsausdruck, als sie sah, wer ihr Mörder sein würde, ich werde ihn niemals vergessen.“​



„Ich brachte Doreen um und legte sie hierher ins Lagerhaus. Dann tauschte ich die Kleider mit ihr, schnitt mir sogar mein Haar kürzer und legte mich draußen auf den Rasen." ​


Als man mich fand, hielt man mich natürlich für Doreen. Ich weinte und sagte, dass Anja tot wäre und dass sie im Lagerhaus liege. Und niemand hat jemals an meiner Aussage gezweifelt. Dazu waren alle viel zu geschockt über die drei Morde und zu glücklich, dass Doreen, mir, nichts passiert war. Ich wurde aufgenommen, herzlich, und bekam endlich, was mir schon immer zugestanden hatte. Die Liebe einer Mutter und eines Vaters. Doreen hatte sie nicht gewollt und somit auch nicht verdient. Also habe ich sie ihr genommen.“​


Anjas Augen waren geweitet und sie blickte Stefan irre an. „Und jetzt bist du dran.“​
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