Neuigkeiten

Hallo und herzlich willkommen in meiner (Sims-)Wortschmiede!
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Neu hier? Dann hier anfangen.
Wulfgars Geschichte jetzt komplett online!

Mittwoch, 25. November 2020

Kapitel 127 - Wenn du zurückkehrst III

 
Nachdem Isaac den Rest des Tages so tat, als wäre nichts geschehen, und Wulf den armen Luis, seinen neuen Bruder, behelligte, wurde es schließlich Zeit zum Schlafengehen. Der Sturm hatte die letzten paar Stunden noch einmal kräftig zugelegt gehabt und es sah nicht danach aus, als ob es so bald aufhören würde. Wenn es so weiterging, waren sie bald völlig eingeschneit.


Der Lärm, den der Sturm verursachte, ließ Tann dabei überhaupt nicht zur Ruhe kommen. Er hatte an sich schon einen leichten Schlaf, und nachdem er nach langem Hin- und Herdrehen endlich eingeschlafen war, wurde er bald schon wieder aus dem Schlaf gerissen. Eine Böe zog an ihrem Haus, dass es böse knackte, und sofort saß er mit klopfendem Herzen im Bett. 


Er brauchte eine Weile, bis er sich überhaupt genug beruhigt hatte, um zu realisieren, dass ihn vom Feuer her zwei Augen ansahen. Es war Isaac, der mit allen anderen vorher zu Bett gegangen war, der nun aber wieder wach war.  
     Da an ein schnelles Einschlafen nach dem schreckhaften Erwachen sowieso nicht mehr zu denken war, beschloss Tann, zu ihm zu gehen. Isaac beobachtete schweigend, wie er näherkam und sich neben ihn auf den Boden setzte, obwohl Tann einen Hocker dem kalten Holzboden jederzeit vorgezogen hätte.

 
Um sie herum war der gesamte Stamm noch immer im Tiefschlaf, weshalb Tann den Anderen flüsternd fragte: „Kannst du nicht schlafen?“
     „Nein.“
     „Ich schlafe bei so einem Lärm auch immer schlecht.“
     „Ich schlafe normalerweise eigentlich bei allem Lärm, aber scheinbar nicht bei solch einer Kälte wie sie hier herrscht, wie ich feststellen musste. Deswegen wollte ich eigentlich auch nicht hierbleiben. Ich wollte niemanden wecken, nur weil ich nicht schlafen kann. Im Wirtshaus habe ich meinen eigenen Raum, da stört das niemanden.“
     „Das wusste ich nicht. Tut mir leid!“, meinte Tann betroffen. „Ich hätte dich nicht überreden sollen, hierzubleiben.“
     „Mach dir keine Gedanken.“

Stille breitete sich jetzt zwischen ihnen aus. Isaac sah ins Feuer, dass seine Augen wieder leuchteten, und Tann beobachtete ihn dabei eine Weile, bis ihm das auffiel und er sich darauf besann, damit aufzuhören.
     „Also warme Milch mit Honig soll ja helfen“, sagte er in die Stille hinein.
     „Wie bitte?“
     „Beim Einschlafen, meine ich. Mir hat das ja noch nie geholfen, aber vielleicht hilft es dir ja.“
     „Ich werde es versuchen. Danke.“
     Wieder gingen die leuchtenden Augen von ihm weg, zum Feuer hin, also wechselte Tann schnell das Thema, bevor der Andere völlig in seine Gedanken abdriften konnte.

„Und das mit deinem Sohn?“
     „Mein Sohn? Ich habe keinen Sohn mehr, schon vergessen?“
     „Ja, genau das. Das war ziemlich groß von dir, ihn gehen zu lassen.“
     Ein abgebrochenes Lächeln auf Isaacs Gesicht. „Nun, ich hatte ja kaum eine andere Wahl.“ Pause. „Immerhin scheint er mir gegenüber jetzt nicht mehr ganz so feindlich eingestellt zu sein. Hoffentlich...“
     „Aber es macht dich trotzdem traurig.“

Isaac wandte abrupt den Kopf ab. „Natürlich macht es das! Ich bin schließlich hergekommen, um ihn nach Hause zu holen. Oder mich wenigstens mit ihm zu versöhnen. Als Vater und Sohn. Doch so sollte es nun einmal nicht sein. Jetzt hat er einen anderen Vater... Vielleicht ist das aber auch besser so. Vielleicht ist das eine Chance für mich, mit ihm neu zu anfangen. Ich hoffe nur, dass dieser Lu wenigstens ein besserer Vater für ihn ist, als ich es war.“
     „Du scheinst wohl nicht so viel für Lu übrig zu haben, so wie du klingst.“

„Das habe ich auch nicht“, gab Isaac überraschenderweise unumwunden zu.
     „Warum? Seid ihr aneinandergeraten?“
     „Manche Leute sind einem einfach unsympathisch. Hinzukommt, dass ich wohl eifersüchtig auf ihn bin. Wegen Wulfgar.“
     Tann zögerte, nachzufragen, welchen von beiden Wulfgars er meinte, aber letztendlich war die Neugier größer und er tat es doch.
     „Beiden“, war Isaacs knappe Antwort, doch obwohl ihn das überraschte, kam Tann nicht mehr dazu, weiter nachzubohren.


„Es wird wohl Zeit, dass ich aufgebe und wieder nach Hause gehe. Immerhin weiß ich jetzt wenigstens, dass es meinem Sohn – ich meine Wulfgar – gut geht. Und dass er mich nicht braucht. Das hat er noch nie.“ Er starrte mit so leerem Blick ins Feuer, dass er völlig leblos wirkte, bevor er hinzufügte: „Eris hat mir auch schon gesagt, dass sie Heimweh hat. Sie wird sich freuen, endlich wieder nach Hause zu kommen.“
     Tann hörte das ja gar nicht gern. Er wollte nicht, dass Isaac schon fortging.
     „Wann willst du denn wieder gehen?“, fragte er nach.
     „Im Frühjahr. Im Winter zu fahren wäre Wahnsinn. Ich hoffe nur, dass Wulfgar, also der Ältere, bis dahin wieder hergekommen ist. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, würdest du ihm dann eine Nachricht von mir überbringen?“
     „Natürlich.“
     „Danke.“ 


Er wandte sich wieder dem Feuer zu, sagte: „Du musst mir übrigens nicht Gesellschaft leisten. Du solltest besser wieder schlafen gehen.“
     Tann lächelte gequält. „Selbst wenn ich es wollte, könnte ich bei diesem Lärm nie und nimmer einschlafen.“
     Isaac erwiderte das Lächeln mitfühlend, und dann verbrachte Tann eine weitere Nacht ohne Schlaf, wie schon beinahe die ganzen beiden Nächte zuvor. Aber immerhin war er diesmal nicht allein. 

 
Am nächsten Morgen lagen auch Jin, Luis und Jana flach. Doch während es den Neuerkrankten relativ gut ging, war bei Lu noch immer keine Besserung zu sehen. Es ging ihm sogar so schlecht, dass er kaum aufstehen konnte.
     Dennoch ließ er sich nicht dazu überreden, liegen zu bleiben, da ihm vom dauernden Liegen alles wehtat, wie er sagte.
     Also ließen sie ihn aufstehen, damit er sich die Beine vertreten konnte, und als er gerade nach hinten geschlurft war, um sich über einem Eimer zu entleeren, war ein Geräusch zu hören, als würde jemand an der Türe klopfen. Zunächst dachten sie alle, dass es nur der Sturm war, der an der Tür rüttelte. Nachdem Isaac gestern Abend hergekommen war, hatten sie sie verrammelt, da sie von dem inzwischen noch heftiger wütenden Sturm immer wieder aufgerissen worden war.
     Doch das Geräusch hörte nicht auf, wurde sogar zunehmend lauter, also ging dann doch mal jemand hin, um nachzuschauen.

 
Lu kam gerade aus dem Hinterzimmer geschwankt, als die verschneite Gestalt ins Innere huschte. Die Tür wurde hastig wieder zugezogen und verriegelt, und der Neuankömmling war nun erstmal damit beschäftigt, sich den Schnee aus den dicken Kleidern zu klopfen und sich aus ebenjenen zu schälen.
     Doch selbst nachdem er das getan hatte, erkannte Lu ihn noch immer nicht. Erst das raue Lachen, das irgendwann zu ihm drang, sagte ihm schließlich, wer da angekommen war.


Tatsächlich ging Tanns Zeigefinger kurz darauf in seine Richtung und kam Wulfgar an. Und nicht etwa sein neuer Sohn, sondern der andere. Der Ältere. Der, der einst sein gewesen war.
     Schon beim Näherkommen bemerkte Lu, dass er anders aussah. Von dem krausen Bart, auf den er immer so stolz gewesen war, waren nur noch ein paar längere Stoppeln übrig. Und als er schließlich vor ihm zum Stehen kam, voller Elan und Schwung, war es Lu beinahe, als hätte er einen jüngeren Wulfgar vor sich. Den, der einst vor langer Zeit von hier aufgebrochen war, um die Welt zu bereisen. Den, den er damals nicht aufgehalten hatte.
     Er schaffte es, ein schwaches Lächeln zustande zu bringen. „Wulf.“
     „Hey, wenn das nicht Lu ist!“
     Es war genau das, was er einst gesagt hatte, als er damals von seiner Reise wiedergekommen war und sie sich erstmals wiedergesehen hatten.


„Entschuldige, dass ich von unserer früheren Unterhaltung abweiche, aber was hast du getan? Du siehst so merkwürdig aus“, musste Lu trotz seines geschwächten Zustandes tatsächlich kichern.
     „Hey, du hast doch immer gesagt, dass dich mein Bart nervt.“
     „Ich wollte aber nie, dass du ihn abschneidest.“
     „Naja, okay, es ist einer kleinen Auseinandersetzung zuzuschreiben. Doch ich schwöre dir, dass ich dabei niemanden umgebracht habe!“, beeilte Wulfgar sich, klarzustellen. 

 
„Ich habe niemanden mehr getötet“, fuhr er inbrünstig fort, „und ich habe niemanden mehr verletzt. Ich schwöre es! Du kannst gerne Luna fragen, wenn du willst. Also… sie ist gerade noch bei Anya und Elrik, aber ich musste herkommen, weil ich dich unbedingt sehen wollte. Und wenn der Sturm dann nachlässt und ich sie geholt habe, kannst du sie fragen.“
     Er legte sich eine Hand aufs Herz und erklärte feierlich: „Ich habe mir geschworen, nie wieder jemanden zu verletzen. Ich werde nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Selbst wenn es meinen Tod bedeutet. Ich werde dir zeigen, dass ich mich ändern kann. Für dich.“
     Als Wulfgar nichts mehr sagte, kam Lu in Zugzwang. Aber er hatte momentan nicht einmal die Kraft dazu, um noch viel länger auf den Beinen zu bleiben. 

 
„Wulf… können wir später darüber reden?“, bat er schwach.
     Da fiel auch seinem Gegenüber endlich auf, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
     „Was ist los? Du bist ja totenblass!“
     „Ich bin nur ein bisschen krank. Erkältet. Aber du solltest dich jetzt auch nicht mit mir befassen. Da ist jemand hergekommen, den du bestimmt sehen willst“, lenkte Lu ab.


 Wulfgar sah ihn irritiert an, und er sah auch noch so aus, als Lu auf Isaac wies, der die Szene bislang mit ausdrucksloser Miene aus dem Hintergrund heraus verfolgt hatte und der nun erschrocken zusammenzuckte, als sich Wulfgars Aufmerksamkeit ihm zuwandte. Der brauchte aber erst einen Moment, um überhaupt zu erkennen, wen er da eigentlich vor sich hatte.
     „Isaac?“, riet er.


 Da kam Isaac schließlich auf ihn zu, inzwischen ein Lächeln auf seinen Lippen, und weil Wulfgar ihm entgegenkam, trafen sie sich auf halber Strecke. Auf Wulfgars Gesicht war nun ebenfalls Freude ausgebrochen und er umarmte den alten Freund herzlich.
     „Isaac! Mensch, ist das schön, dich mal wiederzusehen!“
     Isaac lächelte nur und antwortete ihm nicht. Erst, als Wulfgar sich von ihm löste, tat er wieder etwas. Er hielt Wulfgars Arme fest, klammerte sich regelrecht daran.
     „Wulfgar…“

Plötzlich waren die Augen, die immer geleuchtet hatten, groß und voller Tränen. Das Lächeln, das er all die Jahre über getragen hatte, zerbrach.
     „Sie sind tot, Wulfgar!“
     Er weinte. Die Tränen, die er seit ihrem Tod zurückgehalten hatte, kamen nun alle mit einem Mal.
     „Mutter, Vater, Kane und… und Shana! Sie sind alle tot! Sie sind alle gegangen! Sie haben mich alle alleingelassen! Ich konnte nichts tun! Ich… ich…“

Seine Stimme brach und seine Knie gaben nach, sodass Wulfgar ihn festhalten musste, ihn behutsam zu Boden gleiten ließ, wo Isaac schließlich seinen Griff von ihm löste und das Gesicht in den Händen verbarg. Wulfgar hatte seine anfängliche Überraschung inzwischen hinter sich gelassen und strich seinem Freund behutsam über den Rücken.
     „Ich konnte sie nicht beschützen! Und dabei bin ich doch der Älteste! Das ist doch meine Aufgabe gewesen! Aber ich habe versagt! Ich bin nutzlos! Ich konnte niemanden beschützen!“
     Seine Worte gingen in Schluchzern untern, und eine Weile war das alles, was von ihm kam, bis er es schließlich schaffte, sich wieder zusammenzureißen und aufzuraffen.


 „Entschuldige… Es geht schon wieder“, schniefte er und fuhr sich noch ein letztes Mal über die Augen. „Könnte ich kurz mit dir unter vier Augen reden? Ich… muss dir etwas erzählen.“
     Wulfgar nickte, wies Isaac, in die Küche zu gehen.

Und zurück blieben ein ziemlich verstörter jüngerer Wulf und Tann, der noch immer den überwältigenden Schmerz des Verlustes in sich spürte, der ihn mit einem Mal die Brust zerrissen hatte wie an dem Tag, als Diana gestorben war.

 
Das Vorzimmer, das sie als Küche nutzten, war kein wirklich abgeschlossener Raum, weshalb es nur unzureichend Privatsphäre bot. Aber es musste ausreichen. Draußen tobte unbeirrt der Sturm und er war glücklicherweise laut genug, um ihre Stimmen vor den anderen Hausbewohnern zu verbergen.
     Es war noch immer eine leichte Glut im Ofen zu sehen, die eine angenehme Wärme im Raum verteilte. Der Geruch von gebackenem Brot und Essen lag in der Luft. Das alles war Wulfgar nur zu gut vertraut. Es war sein Zuhause, und er musste feststellen, dass er das Gefühl von Heimat vermisst hatte. 

 
Nur Isaac passte irgendwie nicht in diese vertraute Bild von Heimat. Isaac war für ihn immer die Ferne gewesen. Ein lange zurückliegender Abschnitt voll Reue und Fernweh. Vergangenheit.

Nachdem er einen Moment mit Schweigen zugebracht hatte, drehte sich Isaac schließlich um und fragte in seiner Muttersprache: „Erst einmal: Verstehst du mich noch?“
    „Es ist zwar lange her, aber ja“, antwortete er ein bisschen holprig in derselben Sprache.
    Er hatte sie einst gelernt, in dem Glauben, dass er mit seiner Ziehtochter Mari für immer auf der Insel bleiben würde, auf der sie gesprochen wurde. Doch dann war ja alles ganz anders gekommen.
     „Gut“, fuhr Isaac gefasst fort. „Ich glaube nämlich, dass es besser ist, wenn nicht gleich das ganze Haus mitbekommt, was ich dir erzählen will. Ich weiß nicht, ob es dir etwas ausmachen würde, aber… nun, ich will einfach sichergehen. Zunächst jedoch: Das gerade eben tut mir leid. Ich wollte dich nicht mit meinen Problemen belästigen.“


„Schon gut. Dafür sind Freunde ja da.“ Er stockte, rang sich durch, hinzuzusetzen: „Wenn wir überhaupt noch Freunde sind, meine ich. Wir sind ja nicht gerade im Guten auseinandergegangen.“
     „Natürlich sind wir noch Freunde! Es war falsch von mir, dass ich dich damals dafür verurteilt habe, dass du Maris Tod gerächt hast, und das tut mir auch leid, Wulf. Ich hatte ja keine Ahnung, was du durchgemacht hast, als du deine Tochter verloren hast. Ich hätte an deiner Stelle wahrscheinlich dasselbe getan.“
     „Das hättest du nicht, und das weißt du. Und deine Worte damals waren mehr als gerechtfertigt.“

Nachdem Wulfgar seine Mari an zwei Menschenfresser verloren hatte, war er losgegangen, um Rache zu nehmen. Damals hatte er das erste Mal getötet, und es war ihm egal gewesen.   
     Die meisten Männer aus Isaacs Heimatdorf Lao-Pao hatten ihn dabei begleitet gehabt, sie hatten das Dorf der Menschenfresser angegriffen, und er hatte den Jungen gejagt, wegen dem Mari gestorben war und ihm in die Augen gesehen, als er sein Leben beendet hatte. Aber er war nicht der Einzige gewesen, der an diesem Tag gestorben war.  

Isaac, der nicht an dem Massaker teilgenommen hatte, war danach zu ihm gekommen und hatte gesagt: „Wie viele davon hast du getötet, Wulfgar? Wie viele Männer? Wie viele Frauen? Und wie viele Kinder, hm?“ Er hatte es voller Abscheu gesagt, und er hatte das zu Recht getan.
     Danach war Wulfgar gegangen, hatte einfach alles hinter sich zurückgelassen. Die Insel, auf der er einige Jahre gelebt hatte, das Dorf, die Menschen, und sein Gewissen.


 „Ich habe danach noch viele unverzeihliche Dinge getan“, erzählte er geradeheraus. „Habe jahrelang meinen Lebensunterhalt damit verdient, Leute umzubringen, und es hat mich nicht im Geringsten berührt. Ich war kalt und gewissenlos, und ich hätte mich beinahe selbst verloren. Und selbst jetzt, vor kurzem, habe ich wieder getötet. Ich bin also alles andere als ein guter Mensch. Derjenige, den du damals kennengelernt hast, existiert schon lange nicht mehr, Isaac.“

Der Andere betrachtete ihn eine Weile schweigend. Er hatte denselben Gesichtsausdruck, den auch Lu damals gehabt hatte, als er ihm die Wahrheit über seine Vergangenheit erzählt hatte. Was noch verstärkt wurde, da Isaac beinahe dieselben Augen hatte wie sein ehemaliger Gefährte. Man sah, dass es ihn mitnahm.
     Lu hatte damals dann irgendwann gesagt, dass alles gut sei, solange er nur bereue, was er getan hatte. Heute wusste er, dass mitnichten alles gut gewesen war bei Lu, doch damals hatte er es geglaubt und war erleichtert gewesen, dass seine Angst, sein Gefährte könne ihn verurteilen, scheinbar völlig umsonst gewesen war.

Isaac aber sagte stattdessen ernst: „Das tut mir ehrlich leid für dich, dass du auch danach noch so viel hast durchmachen müssen.“
     „Hast du mir gerade nicht zugehört?“
     „Doch. Aber du hast etwas Schreckliches erfahren, Wulf. Da ist es nur verständlich, dass du dich danach verändert hast. Jeder hätte das getan. Und jeder macht einmal Fehler. Doch du bereust es, das sehe ich. Du bist nach wie vor ein guter Mensch, sonst würdest du nicht das Gegenteil behaupten.“
     Wulfgar starrte ihn einen Moment lang überfordert an, bevor er den Kopf schüttelte und befand: „Du hast dich gar nicht verändert, weißt du das?“
     Isaac lächelte bitter. „Ich wünschte, es wäre so, aber die Jahre gehen an niemandem spurlos vorüber.“

„Was wolltest du mir eigentlich sagen?“, wechselte Wulfgar das Thema.
     Und da sah Isaac mit einem Mal so aus, als wäre er lieber ganz woanders.
     „Wollen ist das falsche Wort dafür. Ich war dafür, dass du es nicht erfährst, doch Kane hat mich vor seinem Tod noch schwören lassen, dass ich es dir erzähle, wenn ich dich eines Tages wiedersehen sollte. Es… geht um Mari und den Menschenfresser, den du getötet hast.“

Wulfgar versteifte sich. Wenn Isaac ernst ausgesehen hatte, war die Situation wirklich immer irgendwie am Brennen gewesen.
     „Du weißt ja, dass unsere Leute das Dorf der Menschenfresser angegriffen haben und wir sie besiegt haben. Du warst ja dabei. Seitdem herrschen wir quasi über sie. Einige von ihnen sind sogar zu uns auf die Insel gezogen, andere von uns wiederum aufs Festland in ihr Dorf, wobei natürlich das Menschenfressen verboten wurde. Jedenfalls haben wir seitdem einen regen Austausch miteinander, und ich bekam die Möglichkeit, mit der Familie des Jungen zu reden, den du getötet hast.“

„Ich weiß, dass du das wahrscheinlich nicht hören willst, aber… sein Name war Elay. Er war ein ängstlicher, ruhiger Junge und ein Außenseiter in seinem Dorf, weil er das Menschenfressen verabscheute. Doch er hatte keine andere Wahl, wenn er in seiner Heimat bleiben wollte, und wegzulaufen, das hat er sich nicht getraut. Aber er hat es versucht. Immer und immer wieder.“

„Und dabei hat er irgendwann Mari getroffen, als wir sie für ihr Aufnahmeritual aufs Festland geschickt hatten.
     Du weißt ja selber, wie groß Maris Angst vor den Menschenfressern immer gewesen ist, seitdem wir damals von ihnen gefangen genommen worden waren.“

„Aber trotzdem hat sie das Gespräch mit ihm gesucht, anstatt wegzulaufen oder ihn anzugreifen. Und sie haben sich auf Anhieb verstanden, als Mari von seiner Abneigung gegen das Menschenfressen erfuhr. Sie wollte ihm helfen, wollte, dass er das Dorf verließ, aber er hat sich nach wie vor nicht getraut. Sie ist immer wieder heimlich zum Festland gefahren, um ihn zu treffen, und irgendwann ist daraus Liebe geworden.“ 

 
„Sie hat ihn geliebt, Wulf. Und er sie. Und das war noch nicht alles.“
     Wulfgar fühlte sich jetzt schon elend und es wurde nicht besser, als Isaac jetzt eine Pause machte, um ihn gequält anzusehen.

„Sie ist schwanger von ihm geworden.“  
     Ein Schlag in Wulfgars Gesicht, in seinen Magen. Sein Herz fühlte sich zerquetscht.

 
„Als sie es erfuhr, ist sie zu ihm gegangen und hat es ihm erzählt. Daraufhin hat er schließlich zugestimmt, zu uns, nach Lao-Pao, zu kommen und dort mit ihr zusammen zu leben. Aber er wollte nicht einfach wortlos verschwinden.“

„Er ist noch einmal zurück in sein Dorf gekehrt und hat es seinem Bruder erzählt. Und das war sein Fehler. Der Bruder, ein aufsteigender, angesehener Jäger in seinem Dorf, hat es nicht verstanden und ist ihm heimlich zu Mari gefolgt.“

„Für ihn war Mari nur wie ein Stück Vieh, also hat er sie getötet, als Elay sich nicht überreden lassen wollte, wieder mit ihm zurückzukommen.“

„Und dann bist du dazwischengekommen und... den Rest kennst du ja selber.“

„Elay hat danach in den Tod gehen wollen, aber sein Bruder hat ihn nicht gelassen. Nach dem, was Kane mir erzählt hat, war er froh, dass du ihn gefunden und getötet hast.“
     „Wie kommt Kane darauf?“, hörte Wulfgar sich erstickt fragen. 

 
„Es waren seine letzten Worte. Er hat sie zu dir gesagt. Hast du sie nicht gehört?“
     Er hatte sie nicht hören wollen damals. Also schüttelte er jetzt den Kopf.
     „Er sagte immer wieder, dass sie tot ist. Dass er Mari nicht beschützen konnte und sein Leben ohne sie wertlos ist. Hat sich entschuldigt. Und er hat dich darum gebeten, ihn zu ihr zu schicken.“

Wulfgar musste erstmal verdauen, was er gerade gehört hatte. Maris Tod hatte ihn damals schwer getroffen gehabt und ihn jahrelang verfolgt. Doch dann hatte er es irgendwann geschafft, darüber hinwegzukommen. Mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Diese alte, vernarbte Wunde nun wieder aufgerissen zu bekommen, war schwer.

Er wollte Isaac deshalb sagen, dass er einen Moment für sich brauchte, doch da tauchte plötzlich sein jüngerer Namensvetter auf. Sein Gesicht sah genauso sorgenschwer aus wie das seines Vaters.
     „Also, ich will ja eigentlich nichts mit eurem Gespräch zu schaffen haben“, meinte der Hinzugekommene, „und ich würde ja auch nicht herkommen, wenn es Lu nicht echt schlecht ginge gerade…“  
     Ein Schock löste den Nächsten ab. Er wusste, dass der andere Wulf ihn nicht wirklich mochte, das hatte er ihn schließlich immer wieder wissen lassen. Wenn er also zu ihm kam, musste es wirklich ernst sein.
     „Was meinst du damit? Was fehlt ihm?“
     „Keine Ahnung, aber er wird sterben, wenn das so weitergeht, hat der Heiler gesagt.“

Wulfgar erstarrte zur Salzsäule. „Das werde ich nie zulassen!“
     „Wenn der Schöpfer es so will, was willst du dann dagegen unternehmen?“, mischte sich Isaac ein.
     „Ich werde Lu niemals sterben lassen! Und wenn ich den Göttern dafür mein Leben opfern muss!“

Er ließ sie stehen und stürmte aus der Küche, zum Bett des Kranken. Zwar war er noch immer erschüttert über das, was er über Mari und diesen Elay erfahren hatte, aber das musste warten. Lu war momentan viel wichtiger.
     Zurück blieben der jüngere Wulf, Isaac, und eine drückende Stille. 

 
„Er hat noch immer so ein gutes Herz, dass er selbst sein Leben für jemand anderen geben würde“, brach Isaac sie schließlich gedankenverloren.
     Wulf schwieg dazu nur. Er hätte ihm am liebsten ins Gesicht gesagt, dass er es nicht nur irgendwem geben wollte, sondern dem Mann, den er liebte. Er wollte sagen, dass er gegen Lu keine Chance hatte und dabei höhnisch grinsen. Aber letztendlich blieb er ruhig. Isaac war nicht länger sein Vater, und damit war er ihm egal. Sollte er ruhig gegen geschlossene Türen rennen. Schlimm genug, dass er selber diesen Wulfgar quasi um Hilfe hatte bitten müssen, damit sein Vater, Lu, ihm nicht starb. Schlimm genug, dass Lu anscheinend noch immer so sehr an ihm hing.
     Doch eigentlich sollte ihm das alles mit Isaac jetzt egal sein. Warum also war er noch gleich hier?  

 
Also ließ er den Älteren stehen und ging zur Feuerstelle zurück, wo er mitten in eine Unterhaltung zwischen Rahn, Akara und Nero platzte. 
     Und als Isaac das sah, wie sein Sohn, der nicht mehr sein Sohn war, ohne Probleme und unbeschwert mit anderen redete, als er sah, dass er ein Teil des Stammes war, wurde ihm klar, dass er selber nicht hierher gehörte. Dass er hier nicht mehr gebraucht wurde. Er hatte alles getan, was er hatte tun wollen – hatte Wulf gefunden, sich versichert, dass es ihm gutging und Wulfgar dem Älteren seine Nachricht überbracht – und alles, was er jetzt noch tun konnte, war, zu warten, bis der Frühling kam und er wieder nach Hause gehen konnte. Hier war kein Platz mehr für ihn.

Diese Erkenntnis traf ihn schwer, aber es brachte nichts, sich ihr zu verschließen. Also drehte er ab und ging zum Ausgang, ohne sich auch nur von irgendwem zu verabschieden. Es war Zeit, zum Handelsposten zurückzukehren.

Er war gerade einmal bis zur Tür gekommen, hatte sich die Handschuhe angezogen und den Schal umgebunden, als Tann ihn erreichte. „Mein Beileid wegen deiner Familie.“
     „Danke. Das ist nett von dir.“
     „Wenn du jemals jemanden zum Reden brauchst…“
     „Danke“, wiederholte er. „Ich weiß das zu schätzen. Aber ich komme zurecht.“
     Er neigte den Kopf zum Abschied, wollte gehen, doch Tann sagte ihm: „Ich dachte auch, dass ich zurechtkommen würde, nachdem ich beinahe meine Familie verloren hätte. Aber das bin ich nicht. Wenn Lu und Tanna mir damals nicht geholfen hätten…“ Er schüttelte den Kopf, fügte hinzu: „Mach nicht denselben Fehler wie ich und glaube, dass du alles allein ertragen musst. Ich bin gern als Freund für dich da, wenn du das möchtest. Ich weiß, wie schwer es ist, seine Familie zu verlieren. Zu glauben, nicht mehr gebraucht zu werden…“

„Ich werde vielleicht darauf zurückkommen“, erwiderte Isaac, „aber nicht heute. Heute will ich allein sein.“
     „Bist du sicher? Wulfgar ist gerade erst angekommen, und ihr habt euch ewig nicht mehr gesehen.“
     „Ich weiß. Doch ich will ihn im Moment auch nicht sehen. Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe. An die glücklichste Zeit meines Lebens, die niemals wiederkommen wird.“

 
Tann war sich nicht sicher, ob er das verstand, aber er nickte trotzdem und sah dann zu, wie Isaac das Haus verließ und in die Helligkeit des Schneesturms, der glücklicherweise just etwas nachgelassen hatte, hinausging. Vollkommen allein.
_______________________________________
 
 
Hoffentlich habe ich allen Wulfgar-Lesern jetzt ihre Frage beantwortet, was Mari eigentlich mit den Menschenfressern im Wald gemacht hat. Das war wieder so eine Sache wie damals mit Anya und Rahn, die eigentlich nur so nebenbei erwähnt werden sollte und bei der ich gar nicht bedacht hatte, dass das die Leser doch mehr interessieren könnte, als ich gedacht hätte. 
 
Wie ihr vielleicht bemerkt habt, habe ich jetzt auch endlich mal den Alibi-Strand aus Isla Paradiso verlassen, der bislang als einzige Kulisse für die Insel Lao-Pao herhalten musste und habe mir eine ordentliche Welt ohne Straßen und störende Sendemasten im Hintergrund rausgesucht (die waren echt manchmal richtig penetrant im Bild). Jedenfalls hat es da sehr gut gepasst, als ich nach der Wiedereröffnung des Simszoos über diese Welt von mammut gestolpert bin: Nimmerwald.
     Als ich die sah, wusste ich sofort, DAS ist Lao-Pao! Ich hatte eigentlich nicht vor, dieses Dorf jemals aufzubauen, aber da ich eigentlich gedenke, noch ein paar Bilder dort aufzunehmen, habe ich vor, das jetzt doch mal zu versuchen. Ich weiß übrigens nicht, ob ich das hier schon mal erzählt habe (bin mir echt nicht sicher), deswegen seht es mir und meinem schlechten Gedächtnis nach, falls ich mich hier zum x-ten Mal wiederhole. 
 
Hier habe ich jedenfalls noch ein paar Bilder, die ich dort aufgenommen habe, weil ich die Szenerie so wunderschön fand:
 

 Elay, Mari, Isaac und Wulfgar sind nach dem Bilderschießen zum Strand runtergegangen (und Isaac und Mari haben sich für die Bilder sogar extra angezogen). Ich hab die ganze Insel auch schon verplant, wo ich was hinbaue, und hier wäre der Strand, wo sie zuallererst angespült wurden nach ihrer Flucht.
     Ich liebe Elay und Mari zusammen ja total. Elay ist an sich ziemlich niedlich geworden, finde ich.
 

Hier mal an der Stelle, die ich persönlich am schönsten auf der Insel finde: Der Wasserfall (ich bin nur leider total die Niete darin, seine Schönheit auch ordentlich zur Geltung zu bringen).
 

Wunderschön finde ich auch die genau andere Seite der Insel. Rechts möchte ich dann noch ein paar mehr Bäume hinstellen, um den Dschungel zu machen, der das Dorf umgibt.
 

 Elays Bruder wurde nach den Aufnahmen dann auch von der Insel verbannt (sein Heimatdorf liegt ja eh nicht auf der Insel, sondern auf dem Festland, auch wenn ich die Festlandaufnahmen alle auf der Insel gemacht hab).
 

Ach, das sieht so großartig aus. Als würde das Meer immer weiter gehen. Ich bin ja sonst nicht so der Sommer-Sonne-Insel-Typ, aber da kommt so richtiges Inselfeeling auf, wenn ich das sehe. Ich liebe diese Welt! Sie ist einfach wunderschön
💗.
 

 Und für alle, die jetzt meinen, ich quäle hier arme Sims, indem ich sie ins Nirvana schwimmen lasse: Elays Bruder ist irgendwann umgedreht und mit dem Wassertaxi zurückgekommen (als ich nicht hingeguckt habe). So, jetzt aber genug davon, zurück zum Wesentlichen:
 
Jetzt ist Wulfgar also zurückgekehrt (worauf wahrscheinlich schon einige von euch gewartet haben), aber nächstes Mal geht es trotzdem erstmal woanders weiter. Wo ganz unerwartetes. Denn da werden wir erfahren, wo Lulu eigentlich während des Sturms war (dass sie gar nicht da war, hat wahrscheinlich nicht mal jemand gemerkt, was?).
 
Bis dahin, danke ich euch fürs Vorbeischauen, passt auf euch auf, und ich verabschiede mich!  

Mittwoch, 11. November 2020

Kapitel 126 - Vater

 
Sie brauchten keine Stunde mehr, um den Pass zum Tal zu finden, in dem Jade lebte und Wulf momentan Dauergast war. 
     Jades ständiger Begleiter war dabei eine nagende Angst, dass Nila hinter irgendeinem Baum oder aus einem Busch auftauchen würde, um doch noch zu Ende zu bringen, was sie sich sicher war, er vorgehabt hatte: Sie, die Zeugen seines Mordes an Lin aus dem Weg zu räumen. Doch sie blieben glücklicherweise sowohl von ihm als auch von weiteren Schneefällen verschont.

Aber beim alten Wachposten von Wotan und Garrus trafen sie dafür auf Reinard, der dastand, als hätte er sie erwartet. Da war nicht einmal Sorge oder Erleichterung in seinem Gesicht zu sehen, dass seine frischgetraute Ehefrau wiederaufgetaucht war. Er hatte sich sogar umgezogen. Wahrscheinlich war er nach ihrem Verschwinden einfach nach Hause gegangen und hatte die Nacht, die sie in klirrender Kälte um ihr Leben gekämpft hatten, in seinem warmen Bett verschlafen.
     Sein Anblick erinnerte sie an etwas, das sie bislang erfolgreich verdrängt hatte. Sofort bildete sich ihr ein Knoten im Magen.

„Da bist du ja endlich“, begrüßte er sie gelangweilt, vielleicht sogar eine Spur genervt. „Wo bist du die ganze Zeit gewesen?“
     Jade wusste nicht, ob es klug war, ihm alles zu erzählen, aber er war schließlich ihr Mann und sie würde von nun an mit ihm leben müssen. Also musste sie ihm doch auch Vertrauen entgegenbringen. Oder?
     „Dein Bruder… Lin… er hat mich entführt, um mich zu heiraten.“
     „Und wo ist er jetzt?“, fragte er, als ob das noch immer keine große Sache wäre und ohne auch nur nach ihrem Befinden zu fragen.
     „Er ist…“

„Tot“, fiel jemand ihr ins Wort. „Ich habe ihn getötet, das habe ich dir doch schon gesagt.“
     Jade gefror das Blut in den Adern, als sie Nilas Stimme hörte. Sofort sprang sie zurück zu Wulf, der sich auch gleich schützend vor sie stellte.
     „Du!“, rief ihr Beschützer wütend. „Du hast uns ebenfalls töten wollen!“

„Mach dich nicht lächerlich!“, wies Nila seine Anschuldigung lapidar zurück. „Ich habe euch befreit und wollte euch nach Hause bringen, aber du hast mich ja niedergeschlagen und bist einfach mit Jade abgehauen.“
     „Warum solltest du so etwas tun? Du hast diesem Kerl erst geholfen, uns zu entführen, dann tötest du ihn, um uns zurückzubringen? Das ergibt keinen Sinn!“
     Nila warf einen auffordernden Blick zu Reinard, der allen auffiel, den Reinard jedoch geflissentlich ignorierte.

Nila stöhnte genervt, erklärte: „Alle sagen, dass ich mit den Räubern und dieser dämlichen Entführung von Roah zu tun habe, aber das stimmt nicht. Lin hat immer von denen gefaselt, bevor er einfach vom Erdboden verschwunden ist. Und als er dann plötzlich ankam und meine Hilfe wollte, dass ich Jade rauslocke, damit er sie sich schnappen kann, dachte ich, mache ich mit, um zu beweisen, dass er es ist, der mit den Räubern unter einer Decke steckt und Roah entführt hat. Deswegen habe ich ihn ja auch dauernd dazu bekommen wollen, euch „an die Räuber zu verkaufen“, damit er zugibt, mit ihnen zu tun zu haben. Ich hätte dir aber natürlich bei der Flucht geholfen, Jade, bevor er dich mitgenommen hätte. Es hätte auch alles geklappt, wenn du nicht dazwischen gekommen wärst“, sagte er anklagend in Wulfs Richtung.
     „Lin wollte dich abmurksen“, fuhr er fort. „Er hat’s mir zugeflüstert, als wir unterwegs waren. Meinte, dass es zu gefährlich ist, falls du dich befreien kannst und wieder hierher zurückkehrt, um allen zu erzählen, dass er Jade entführt hat. Ich wollte Lin nicht töten, aber ich habe dir dein Leben gerettet, verdammt! Also solltest du lieber ein bisschen dankbarer sein und das für dich behalten, was ich wegen dir gezwungen war, zu tun! Ihr alle beide solltet das!“

Obwohl Jade ihm seit gestern keinen Meter weit mehr traute, war sie sich ziemlich sicher, dass er die Wahrheit sagte. Teilweise zumindest. Denn er verheimlichte etwas. Das konnte sie sehen. Doch sie war sich ziemlich sicher, dass er sie tatsächlich nicht hatte töten wollen.
     Sie warf einen Blick zu Wulf, um zu sehen, was er darüber dachte, aber der strich sich gerade nur übers Gesicht und stöhnte gequält. Er sah mit einem Mal zerstreut aus, obwohl er einen Moment zuvor noch scharfen Verstandes gewesen war.
     „Und ich dachte, du würdest uns töten wollen“, machte er plötzlich eine Kehrtwendung. „Mann, tut mir echt leid. Ich war so weggetreten gestern. Ich brauch jetzt erstmal was zu trinken.“   

Reinard, der sich bislang schön rausgehalten hatte, als würde ihn das alles nichts angehen, bot ihm daraufhin einen ihrer guten Weine an, und auch Nila wirkte zufrieden. Sie kauften es Wulf tatsächlich ab, dass er den Betrunkenen spielte. Sie musste ja zugeben, dass er das gut machte. Aber sie hatte ihn durchschaut. Er war anders als gestern, wo er wirklich betrunken gewesen war. Hinter diesem provokanten Kerl steckte mehr, als es den Anschein hatte. Er war genau wie sie früher.
     Wie viele Leute er auf diese Art wohl schon für sich manipuliert hatte? Und wie oft er das wohl schon mit ihr getan hatte?
     Doch sie kam nicht mehr dazu, das weiter zu ergründen, da der Wind plötzlich heftig auffrischte und einen wahren Schneesturm herantrug, der sie dazu zwang, überstürzt zu ihrem neuen Zuhause zu fliehen.
     Zum Tod seines Bruders verlor Reinard übrigens kein Wort mehr, bat Wulf und Jade nur darum, die Schande, die Lin über sich und seine Familie gebracht hatte, für sich zu behalten, und vor allen Dingen seiner Mutter die Trauer über den Tod des Sohnes zu ersparen und so zu tun, als sei Lin weggelaufen.

Es schneite kurz darauf also schon wieder – die Götter hatten ihnen nur eine kurze Verschnaufpause gegönnt – und der Wind sollte heute noch schlimmer werden, wenn man der Aussage ihres Sehers trauen konnte. Und Luis hatte sich bislang noch nie mit seinen Vorhersagen geirrt.
     Leider hatte er aber nichts darüber gesehen, was denn nun mit den Vermissten passiert war. Mit Jade und Wulf, die gestern Abend noch verschwunden waren. Und Nila. Natürlich. Ihr größtes Sorgenkind.

Deshalb war Malah auch mehr als erleichtert, als sie ihren verschwundenen Bruder gegen Nachmittag endlich heimkehren sah. Die Suchtrupps waren vor kurzem wieder zurückgekehrt, und sie machten sich gerade daran, den Hof für das Unwetter zu wappnen, während Jin und Dana sich trotz des herannahenden Sturms für eine weitere Suche bereit machten.

„Nila! Da bist du ja!“, empfing sie ihn wütend, bevor jemand anderes auf ihn aufmerksam werden konnte. „Wo bist du gewesen? Weißt du eigentlich, dass Jade und unser Besucher verschwunden sind? Alle glauben, dass du sie entführt hast! Wie Roah!“
     „Na klar! Es denkt ja auch niemand daran, dass ich einfach mal nach ihnen gesucht haben könnte!“
     „Wo warst du, Nila?“
     „Das habe ich doch gesagt! Ich habe nach ihnen gesucht, und sie sind mir auch über den Weg gelaufen. Also keine Sorge, Jade ist jetzt da, wo sie hingehört, und dieser Fremde lässt sich drüben bei den Ahns noch volllaufen, bevor er wieder herkommt.“
     „Wirklich?“
     „Ja. Danke für das Vertrauen!“, schnappte er patzig.

Er wollte sie stehen lassen, aber sie griff nach seinem Arm und hielt ihn zurück. Eindringlich sah sie ihrem Bruder in die grauen Augen und fragte: „Nila, bitte, sei ehrlich zu mir: Hattest du was mit den Räubern zu tun? Oder mit Roahs Verschwinden?“
     Er riss sich aufgebracht los und fauchte: „Nein!“
     „Und auch sonst ist alles in Ordnung? Es gibt nichts, was du mir erzählen willst?“
     „Als ob ich dir irgendetwas erzählen würde!“, gab er herablassend zurück.
     „Nila, du bist mein Bruder, und ich liebe dich, das weißt du, oder? Du kannst immer zu mir kommen, wenn etwas ist.“

„Ja, Stammesführerin! Kann ich jetzt gehen?“
     „Weißt du wenigstens, was passiert ist? Warum Jade und Wulf verschwunden waren, meine ich.“
     „Keine Ahnung! Frag sie doch selber!“
     Dann ließ er sie stehen, und Malah war einfach nur erleichtert, dass wenigstens diese Sache gut ausgegangen war. Dass wenigstens diese Verschwundenen unbeschadet wieder aufgetaucht waren. Und dass ihr Bruder nichts damit zu tun hatte. Augenscheinlich. Denn irgendwie war da immer noch dieses ungute Gefühl in ihrem Bauch, dass etwas mit Nila nicht stimmte. Dass er etwas verheimlichte.
     Doch sie sollte nicht mehr dazu kommen, die Betroffenen danach zu fragen, da sie bald schon ganz andere Sorgen hatte, die sie ablenkten. Sie konnte ja nicht wissen, welch dunklen Pfad ihr Bruder beschritten hatte. In was für Schwierigkeiten er sich gebracht hatte.

Während alle noch damit beschäftigt waren, den Hof sturmsicher zu machen, war Tann aufgefallen, dass Lu fehlt. Und als nicht einmal Tanna, die seit der Rückkehr ihres Bruders viel Zeit mit ihm verbrachte, wusste, wo er sich aufhielt, war er gegangen, um seinen Freund zu suchen.
     Er hatte schon so eine Idee, wo Lu sich aufhalten könnte. Er hatte den ehemaligen Schamanen die letzten paar Abende, wenn er zum Wirtshaus gegangen war, um sich mit Isaac zu treffen, öfter am Strand gesehen, und er hatte nicht nur einmal versucht, ihn dazu zu bewegen, mit nach drinnen zu kommen. Doch Lu hatte ihn immer nur abgewimmelt und ihn gebeten, ihn allein zu lassen.

Also ging Tann zum Strand hinunter, und tatsächlich fand er den Gesuchten dort. Er stand einfach nur da und starrte aufs Meer hinaus. Der starke Wind peitschte ihm immer wieder Wassertropfen ins Gesicht, aber er blinzelte nicht einmal.
     „Lu, was machst du denn hier? Komm nach Hause, es zieht ein Sturm auf. Isaacs Jungen und Jade haben sie auch endlich gefunden.“
     „Ich weiß. Ich habe es schon von Alin gehört, dass sie wieder aufgetaucht sind. Ich wäre schon nach Hause gekommen.“
     Er sah wieder zum Meer hin, die Augen leer und leblos, und sagte nichts mehr.
     „Was ist denn los mit dir?“, fragte Tann nach.
     „Was soll denn los sein? Nichts ist los mit mir. Es ist alles in Ordnung“, sagte er, ohne ihn auch nur einmal dabei anzusehen.

Er wandte sich ab und wollte davongehen, aber Tann bekam ihn am Arm zu fassen und zwang ihn, anzuhalten.
     „Lüg mich nicht an, Lu! Du weißt genauso gut wie ich, dass das nur eine leere Floskel ist. Ich habe das in der Vergangenheit schließlich selber oft genug zu dir gesagt, obwohl nichts in Ordnung war. Also sag mir, was los ist!“
     Er hatte Lu lange genug seinen Freiraum gelassen, dass er sich wieder fangen konnte, doch es hatte nichts geholfen. Im Gegenteil, Lu hatte sich immer mehr von allen anderen zurückgezogen, war immer stiller und bedrückter geworden. Tann kannte das ja schon von ihm; damals, bevor er Schamane geworden war, war er genauso gewesen. Nur war diesmal leider kein Schamanenposten in Sicht, und deshalb musste er jetzt für seinen Freund, der ihm in der Vergangenheit schon so oft geholfen hatte, da sein.

Als Lu sich nun wieder zu ihm drehte, war tatsächlich so etwas wie ein seichtes Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. „Im Gegensatz zu dir will ich mich aber nicht in den Tod stürzen. Ich will leben, und ich werde leben. Wenn du es so unbedingt wissen willst, was mir fehlt, dann sage ich es dir eben: Ich bin einsam, Tann, das ist alles. Aber das ist auch normal in meiner Situation, nachdem ich jahrelang jemanden an meiner Seite hatte. Das geht vorbei.“

Er wollte wieder gehen, aber Tann holte schnell auf, stellte sich ihm jedoch kein zweites Mal in den Weg, packte nur erneut seinen Arm und zog ihn hinter sich her.
     „Das ist nicht alles, fürchte ich. Du bist fürchterlich heiß. Wir müssen dich schnell nach Hause bekommen.“

Kurz darauf brach der Sturm los und Lu wurde ernsthaft krank. Tann mutmaßte, dass die vielen langen Abende am Meer, in der Kälte, ihm nicht gut getan hatten. Er hatte Fieber und behielt nichts drin. Aber es war noch etwas anderes. Tann hatte genug von Sharla gelernt, um zu sehen, dass so eine kleine Erkältung seinem Freund eigentlich nicht so sehr zu schaffen machen sollte.

Nachdem er den Kranken untersucht hatte, der jetzt schlief, und er zum Feuer zurückgekehrt war, kam Wulf zu ihm. Er war einer der wenigen, die noch hier waren, nachdem fast alle anderen sich in die kleine Küche zurückgezogen hatten, um dem Kranken Ruhe zu gönnen.
     „Und? Wie geht es ihm?“, fragte er besorgt.
     „Überhaupt nicht gut.“
     „Was hat er denn?“
     „Ich weiß es nicht sicher. Er ist natürlich nicht mehr der Jüngste, aber am Alter wird es nicht liegen. Seine Gesundheit war bislang immer ausgezeichnet. Nur… er kämpft nicht gegen die Krankheit an, kommt es mir vor. Wenn das so weitergeht, wird er sterben.“
     Wulf schwieg erschrocken, und Tann ging es nicht anders. Dann fragte der Jüngere: „Bist du sicher?“

„Ja. Wenn er nicht bald wenigstens etwas Wasser drinnen behält…“
     „Und du kannst da gar nichts machen?“
     „Ich wüsste nicht, was. Sharla hat mir davon erzählt, dass sie sowas schon ein paar wenige Male erlebt hat. Kräftige und gesunde Menschen, die von einem Tag auf den Anderen plötzlich krank und schwach wurden und starben, obwohl sie davor nicht einmal krank gewesen waren. Weil sie von jemandem getrennt wurden, der ihnen am Herzen lag. Durch den Tod des Anderen beispielsweise.“ Er sah betroffen zu dem Kranken hinüber. „Das könnte auch Lu passiert sein, aber ich bin mir dabei absolut nicht sicher.“
     „Also… willst du mir damit sagen, dass er stirbt, weil dieser Kerl von ihm, Wulfgar, nicht mehr da ist?“
     Tann nickte. Lu hatte Wulfgar zwar verlassen, doch wie es aussah, schien er noch immer an ihm zu hängen. Anders konnte er es sich jedenfalls nicht erklären, dass der ehemalige Schamane von einem Tag auf den Anderen plötzlich sterbenskrank wurde.

Wulf, jetzt ganz blass vor Schreck, kehrte daraufhin an Lus Seite zurück. Luis saß schon an der Seite seines Vaters und betete still, Jana mit besorgtem Gesicht neben sich.   


Bevor Tann jedoch auch nur darüber nachdenken konnte, was er wegen Lus Krankheit noch unternehmen könnte, flog plötzlich die Tür auf, ein Schwall von Kälte und Schnee drang ins warme Innere, bevor sie wieder zugeworfen werden konnte. Und zum Vorschein kam ein völlig zugeschneiter Isaac. Sie hatten ihn seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Seitdem der Schneesturm sie hier eingeschlossen hatte.

Tann ging sofort, um den Gast zu empfangen.
     „Entschuldigt mein Eindringen“, warf Isaac eine Begrüßung in die Runde und streifte sich die Handschuhe ab. „Ich habe gehört, dass jemand krank ist.“
     Tann hatte sich gestern Nacht zum Handelsposten hinüber gekämpft, weil es Lu besonders schlecht gegangen war. Er hatte ein paar beruhigende Kräuter geholt, die ihnen ausgegangen waren, und sie hatten Lus Schmerzen glücklicherweise ein bisschen gelindert gehabt. Aber Isaac hatte er dabei leider nicht gesehen.
     „Ja, Lu ist krank“, berichtete er.
     „Schade, dass Alin keine Mangos vorrätig hatte“, sagte Isaac und klopfte sich den Schnee von den Sachen, „sonst hätte ich ihm eine ordentliche Stärkungsmedizin kochen können.“
     „Mangos?”

„Ja, das ist eine heilige Frucht, die nur bei uns Zuhause wächst. Aber ich habe trotzdem etwas zusammengestellt, nach dem, was Alin mir erzählt hat. Ich hoffe nur, dass es mit den Zutaten, die ich hier zur Verfügung hatte, überhaupt wirken wird. Ihr müsst einen Aufguss daraus herstellen und ihn ziehen lassen, bis er ganz erkaltet ist. Und jenen muss der Kranke dann trinken.“
     Er kramte einen kleinen Beutel aus seinem Mantel und übergab ihn an Dana, die damit zu Lu rüberging, der sich gerade unruhig im Schlaf wälzte. Wulf, der noch immer besorgt am Krankenbett stand, hörte sich ihre Anweisung an und ging dann, um Wasser zu kochen.

Sie sahen ihm dabei zu, bis Isaac zum Feuer ging, um sich aufzuwärmen. Tann begleitete ihn dabei und sagte ihm: „Danke, dass du hergekommen bist, um zu helfen.“
     „Du solltest mir nicht danken. Es ist reiner Eigennutz, dass er nicht stirbt. Immerhin scheint er Wulf sehr wichtig zu sein. Er ist zumindest der Einzige, auf den er hört. Naja, ich mache mich dann auch besser wieder auf den Rückweg.“
     „Es hört sich an, als ob der Sturm draußen schlimmer wird“, merkte Tann an. „Vielleicht solltest du heute Nacht lieber hierbleiben. Wir haben auch noch ein freies Bett für dich frei.“
     „Das wird nicht nötig sein. Es ist ja nur ein kurzer Weg.“
     „Trotzdem. Es wäre mir lieber, wenn du wenigstens abwartest, bis es besser geworden ist.“
     Isaac zögerte zuerst, gab aber schließlich nach. „Immerhin können wir dann unsere abendliche Tradition fortführen“, fügte er lächelnd hinzu.
     Tann musste ja schon zugeben, dass er das ein bisschen vermisst hatte. Auch wenn es erst zwei Tage her war, dass er den Anderen gesehen hatte.  

Passend zum Ende ihres Gespräches fing Lu an, Schmerzenslaute von sich zu geben, und im nächsten Augenblick hatte er die Decke von sich geworfen und saß kerzengerade im Bett. Sein Gesicht war kreidebleich und seine Augen weit aufgerissen. Wulf war sofort bei ihm, er war sogar schneller als Jana, und das war auch nötig, da der Kranke beinahe sofort entkräftet vornüberkippte, als er versuchte, aufzustehen.
     Tann ging hin, Isaac im Schlepptau, um zu sehen, was los war. Lu lächelte schwach in die umstehenden Gesichter und wollte sich dann aus Wulfs Griff befreien, aber der hielt ihn eisern fest.
     „Geht es wieder?“, fragte er den Kranken ernst.
     „Ja. Ich hatte nur einen Albtraum“, krächzte Lu schwach, das Lächeln hielt er jedoch tapfer aufrecht.. „Es ist alles gut.“
     „Wie fühlst du dich?“
     „Besser.“

„Lüg nicht!“, ging Wulf ihn plötzlich wütend an. „Du siehst scheiße aus! Leg dich wieder hin!“
     „Es geht schon. Es ist nur eine kleine Erkältung.“
     „Euer Heiler sagt, dass du dran sterben wirst, wenn das so weitergeht!“
     Schrecken bei Jana und Luis, Überraschung auf Lus Gesicht. Sein Blick wanderte vorwurfsvoll zu Tann, der den Kopf einzog, schließlich seufzte er und ließ sich von Wulf wieder ins Bett bugsieren. Er lächelte Jana, die aussah, als würde sie demnächst eine große Szene starten, aufmunternd zu.
     „Macht euch keine Sorgen um mich. So schnell sterbe ich schon nicht. Luis, vielleicht könnten du und Jana…“
     Luis verstand sofort. Er sah wesentlich gefasster aus als Jana, nach der er jetzt tastete und zu ihr sagte: „Komm, wir opfern den Göttern, dass sie Vater Gesundheit schenken mögen.“

Jana schniefte verhohlen, griff nach Luis' Hand und führte ihn zu dem neuen Raum, den sie letztens behelfsmäßig für den neuen Nachwuchs angebaut hatten. Lu vertraute darauf, dass Luis sich um sie kümmerte. Blieb nur noch Wulf. Er beugte sich zu dem inzwischen Sitzenden vor, damit nur er ihn hören konnte.
     „Du brauchst nicht traurig zu sein“, sagte er ihm. „Ich werde schon nicht sterben.“
     Jetzt, da sie allein waren, zeigte Wulf endlich die Tränen, die er so lange zurückgehalten hatte.
     „Ich will nicht, dass du stirbst, Mann! Ich… wollte dich eigentlich darum bitten, dass du mein Vater wirst“, offenbarte er.

„Aber du hast doch schon einen Vater“, merkte Lu überrumpelt an.
     Wulf wischte sich über die Augen, erlangte die Fassung über sich zurück und erklärte: „Das ist egal. Bei uns Zuhause können wir uns aussuchen, mit wem auch immer wir verwandt sein wollen. Ich kann die Bande mit meinen Verwandten kappen, wenn ich das will, und mir Neue suchen. Aber jetzt, wo du so krank bist, glaube ich, dass wir lieber eine Verbindung eingehen sollten.“
     „Was für eine Verbindung?“
     „Das tust du mit jemandem machen, mit dem du dich tief verbunden fühlst. Wir tauschen unsere Namen als äußeres Zeichen dafür, dass wir eins werden. Wir sind dann sozusagen eine Person und teilen all unser Glück, aber tragen auch all unser Leid gemeinsam. Verstehst du? Dadurch kann ich deine Krankheit mit dir zusammen tragen, und ich bin stark und gesund genug, um jede Krankheit mit Leichtigkeit zu besiegen.“

„Wirklich, Wulfgar, es rührt mich, dass du das für mich tun willst, doch ich möchte dich nicht krank machen.“
     Wulf sprang auf, rief inbrünstig: „Ich möchte das aber! Ich will dir helfen! Wenn du stirbst… Ich will nicht, dass du stirbst! Du bist mir wichtig, okay! Ich weiß auch nicht, aber da ist so ein Band zwischen uns, das ich bislang nur mit meinem Onkel hatte und das ich danach immer gesucht hab. Ich hab mich immer irgendwie allein auf der Welt gefühlt. Aber dann hab ich dich getroffen. Du bist für mich Familie. Deshalb wollte ich dich ja auch fragen, ob du mein Vater wirst. Ich kann nicht zulassen, dass du mir jetzt stirbst, wo ich endlich eine Familie gefunden hab.“

Während er Lu die Hand hinstreckte und der nichts anderes tun konnte, als ihn überrascht anzustarren, kam plötzlich Isaac hinzu. Allein sein Auftreten zauberte einen grimmigen Ausdruck auf das Gesicht des Jüngeren.
     „Tut mir leid, dass ich mitgehört habe, aber ihr könnt keine Verbindung eingehen.“ 
     „Und warum nicht?“, gab Wulf grimmig zurück.
     „Weil er kein Mitglied unserer Gemeinschaft ist“, erklärte Isaac mit Fingerzeig auf Lu. „Er huldigt nicht unserem Schöpfer und deshalb wird dieser die Bindung niemals anerkennen. Was du vorhast, wird nicht funktionieren. Glaube mir, ich wollte einst ebenfalls eine Verbindung mit jemandem von außerhalb unserer Gemeinschaft eingehen, aber es wurde mir verboten.“

Wulf sah ihn mit schmalen Augen bedrohlich an, doch Isaac ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Stattdessen streckte er nun seinem Sohn die Hand hin.
     „Aber du kannst ihn dennoch zu deinem Vater machen. Ich habe deinen Wunsch zur Kenntnis genommen, auch wenn er mich mit Trauer erfüllt, und werde ihn respektieren und die Bande, die uns als Vater und Sohn verbinden, durchtrennen.“

Da verschwand die Wut aus Wulfs Gesicht und wich echter Überraschung. Er sah seinem Vater ernst in die Augen, bevor er ohne zu zögern einschlug.
     „Von heute an sind wir nicht länger Vater und Sohn“, erklärte Isaac ernst.

Und als er das sagte, erschien tatsächlich ein Lächeln auf Wulfs Gesicht, das er lange Zeit nicht mehr gesehen hatte.
     „Danke, Isaac.“
     „Ich wünsche dir alles Gute, Wulfgar, Sohn von Lu und Shana.“

Lu sah überfordert dabei zu, wie Isaac und Wulf ihre Bande zueinander kappten und wie Ersterer danach einfach zu seinem Platz am Feuer zurückging, als wäre nichts geschehen. Und dann hatte er plötzlich wieder Wulfs Hand vor sich.
     „Und was sagst du? Darf ich dich von heute an Vater nennen oder wirst du mich als Vollwaisen zurücklassen?“
     Lu war noch immer überfahren von den plötzlichen Geschehnissen, aber schließlich riss er sich zusammen, stand auf und schlug ebenfalls ein.
     „Wenn es das ist, was du willst, würde ich mich freuen, dich von nun an meinen Sohn nennen zu dürfen.“


Und als er sah, dass Wulfs Augen tatsächlich voller Tränen waren, ging ihm das wirklich nahe und er nahm seinen neuen Sohn in den Arm. Der ließ das einen Moment lang mit sich machen, bevor er schniefte und seinen neuen Vater von sich schob.
     „Ich hab da auch noch was für dich“, eröffnete er.
     Er holte etwas aus seiner Tasche, das Lu verloren geglaubt hatte. Es war das Armband, das Luis in seiner Kindheit für ihn angefertigt hatte und das er eigentlich einst fortgegeben hatte, um für den Wein zu bezahlen, den Wulf gestohlen hatte.
     „Woher…?“

„Ich dachte mir, wenn er uns schon als Sklaven verkauft, kann ich mich wenigstens ein bisschen an seinen Sachen bedienen. Ich… wollte es dir schon viel früher zurückgeben. Wo du doch für mich bezahlt hast.“
     „Wulfgar… danke, das bedeutet mir wirklich viel.“
     Lu nahm es mit einem Lächeln an, streifte es über sein schmales Handgelenk, und dann sagte Wulf streng: „Und jetzt leg dich wieder hin und ruh dich aus!“

Lu tat murrend wie ihm geheißen, und wenn er ehrlich war, war er froh, wieder liegen zu können. Er fühlte sich noch immer nicht gut.
     Wulf sah zu, wie er sich hinlegte, bevor er feierlich verkündete: „Ich werde von nun an nicht mehr trinken und alles tun, um dir keine Schande zu bereiten, Vater! Das verspreche ich!“

 
Lu lächelte, um zu signalisieren, dass er verstanden hatte, aber eigentlich war er schon längst wieder woanders. Er wollte Wulf gerne sagen, dass er schon jetzt stolz auf ihn war, dass er sich das vorgenommen hatte, doch keinen Augenblick später war er bereits eingeschlafen.
     Es ging ihm noch immer überhaupt nicht besser. Im Gegenteil.
_____________________________________


ANMERKUNG ZU NILA: Ich weiß, dass jetzt wahrscheinlich alle darauf gewartet haben, dass Nila endlich seine Abrechnung für den Mord an Lin bekommt, aber... nun, ich möchte nicht zu viel spoilern, nur versuchen, zu erklären, warum vor allen Dingen Wulf, der ja Zeuge des Mordes war, das vielleicht nicht erzählt hat. 
     Zum einen ist er natürlich durch Lus Krankheit abgelenkt gewesen, aber zum anderen ist es auch möglich, dass Jade sich geirrt hat und er Nila tatsächlich einfach glaubt, dass er sie nicht hatte töten wollen, sondern er ihnen helfen wollte. Immerhin war er während der ganzen Entführung auch mehr oder weniger betrunken. Und wenn er Nila das abkauft, wird er nichts erzählen, weil er den Mord an Lin dann als gerechtfertigt ansieht.
     Betonung liegt hier allerdings auf vielleicht, da ich an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten will, wie es wirklich ist. Nur, dass das natürlich nicht so einfach unter den Teppich gekehrt wird. Es wird aber noch ein bisschen dauern, bis das weiter behandelt wird. Immerhin ist ja auch noch Jade da, die Nilas Tat erzählen könnte, wenn sie mal zu Besuch kommt. Der Handlungszeitraum der nächsten Kapitel bezieht sich auf jeden Fall auf Tage und nicht auf Wochen, weshalb es noch etwas dauert. 
     Es wird die nächste Zeit einiges passieren, und das alles logisch und passend zu planen, war echt ein Krampf, sag ich euch. Vor allen Dingen die Nila-Sache hat mir sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. Apropos Planung: Ich habe es endlich geschafft, Zeitalter fertig zu planen (yaaaay, hat ja nur drei Jahre gedauert XD) und auch gößtenteils auszuschreiben. Wenn ich das jetzt mal so hochrechne, komme ich noch auf 30 Kapitel (inklusive diesem). Aber ihr wisst ja, wie das mit meinen Schätzungen ist (ich dachte eigentlich, dass ich jetzt schon längst fertig wäre...). Wahrscheinlich werden es noch 100 Kapitel oder so...   
 
Nächstes Mal dann passiert aber wenigstens etwas, auf das einige von euch auch schon gewartet haben (im doppelten Sinne 😉). Denn nächstes Mal... na, ich will nicht zu viel spoilern, aber nein, es ist nichts mit Nila. Wir werden auf jeden Fall zudem erfahren, ob Lu es schaffen wird oder nicht. 
 
Bis dahin, danke euch fürs Vorbeischauen, passt auf euch auf, und ich verabschiede mich.