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Mittwoch, 23. Mai 2018

Kapitel 52 - Wenn die Ferne ruft



Heute würde ein perfekter Tag werden. Das Meer war ruhig die Wellen seicht, und es wehte ein guter Wind. Die halb durchsichtigen Wolken am Himmel, durch die hindurch man einen rosigen Himmel sehen konnte, verhießen einen sonnigen Tag. Kurzum: es war ein perfekter Tag zum Segeln.
      Wenn er jetzt losfahren würde, würde er gut vorankommen und er würde am Mittag wahrscheinlich schon die kleine Felseninsel hinter sich gelassen haben, die kurz vorm Horizont auf ihn wartete und die er erst bei seiner Rückkehr das erste Mal angesteuert hatte. Das war inzwischen beinahe sechs Monate her. Und seitdem war so einiges passiert.


Er hatte nicht geplant, so lange zu bleiben. Eine Woche, vielleicht zwei, höchstens einen Monat. Er hatte Zuhause vorbeischauen und nach seinen Eltern und Geschwistern sehen wollen. Vielleicht auch beim Uruk-Stamm vorbeischauen. Immerhin hatte er dort eine Weile gelebt, bevor er damals von hier fortgegangen war.
      Doch aus einer Woche, vielleicht zwei, waren inzwischen sechs Monate geworden und er hatte kaum einen Tag davon in seinem Elternhaus zugebracht. Jetzt war es inzwischen Herbst und obwohl es ein milder Herbst war, stand der Winter vor der Tür und dies war seine letzte Chance, um doch noch in See zu stechen. Es war nie gut, im Winter zu segeln, aber er befürchtete, dass er überhaupt nicht mehr gehen würde, wenn er auch noch den Winter hier verbrachte. 
     Es war ja nicht einmal so, dass er nicht mehr in die Ferne ziehen wollte. Im Gegenteil; in letzter Zeit hatte ihn das Fernweh immer lauter gerufen. Doch jemand anderes hatte es bislang trotzdem immer übertönt.


Er musste sich nichts vormachen – er war einzig und allein noch wegen Lu hier. Er hatte die Zeit mit ihm ja auch genossen, aber leider hatte er die Befürchtung, dass Lu nicht so begeistert davon sein würde, wenn er jetzt wieder fortgehen würde. Seit seiner Rückkehr hatte Lu immer wieder versucht, sich ihm zu nähern und mit ihm über ihre Zukunft zu reden – ihre gemeinsame Zukunft – aber Wulfgar war nie darauf eingegangen.  
     Jetzt würde er aber nicht mehr darum herumkommen. Und er hatte keine Ahnung, wie er dieses Gespräch führen sollte. Er wollte es eigentlich auch gar nicht führen.


Also war er zu seiner Schwester geflohen. Seitdem sie bei den Nachbarn eingezogen war, war er öfter zu Gast in dem Nachbarhaus, das er zuvor nicht ein einziges Mal betreten hatte. 
     Greta war gerade mit ihrem Jüngsten beschäftigt, wie sie immer wieder stolz betonte. Scheinbar war sie wieder schwanger. Wulfgar freute sich ja für sie, auch wenn er den armen Wotan bedauerte, dass er so eine gluckenhafte Mutter haben würde. Greta jedenfalls ließ ihren Nachwuchs nie aus den Augen. Nicht eine Sekunde lang.


Seinen Neffen würde er wahrscheinlich nicht aufwachsen sehen, aber daran konnte er gerade nicht einmal denken. Seine Sorgen galten wem anders. Und das machte sich anscheinend auf seinem Gesicht breit, da Greta in diesem Moment vor ihn trat und anfing zu fragen: „Was ist denn mit dir los?“
      ‚So einiges‘, dachte er. 
     Aber das wollte er mit Greta lieber nicht besprechen. Er hatte schon Bauchschmerzen wegen dem anstehenden Gespräch mit Lu, da wollte er gar nicht erst daran denken, wie seine Zwillingsschwester reagieren würde, wenn sie von seinen Plänen erfuhr.
      „Du willst doch nicht etwa wieder weggehen, oder?“
      ‚Es ist noch immer, als ob sie meine Gedanken lesen kann. Ganz so wie früher. Es ist echt unheimlich.‘
       Er brauchte gar nichts zu sagen. Ein Blick genügte und Greta wusste Bescheid. Und wie befürchtet war sie sofort auf den Barrikaden.


„Das kannst du doch nicht ernst meinen! Ich dachte, dass du deine kindischen Fantastereien endlich ausgelebt hast und jetzt nach Hause gekommen bist!“, hörte er sie schimpfen.
     ‚Wie Mutter.‘
     Für einen Moment fühlte er sich auch tatsächlich wie ein kleiner Junge, den man dabei erwischt hatte, wie er etwas Unlauteres tat. Er wollte sie beschwichtigen und sich entschuldigen, aber dann rief er sich ins Gedächtnis, dass er kein kleines Kind mehr war. Und dass er nichts verbrochen hatte.


„Das sind keine „kindischen Fantastereien“! Ich bin ein Entdecker, Greta! Die Welt zu bereisen liegt mir im Blut.“
      „Unsinn! Du solltest lieber erwachsen werden und dich endlich einmal niederlassen!“
      „Was? Und mir gleich noch eine Frau suchen und eine Familie gründen?“
      „Ja!“
      Wulfgar wusste nicht, ob er ernsthaft beleidigt sein sollte oder nicht. Er wusste ja, dass Greta es nur gut meinte. Greta hatte ihn immer akzeptiert. Sie war von Anfang an die Einzige gewesen, die immer zu ihm gestanden hatte. Und sie wusste auch, dass er sich Kinder wünschte. Er wusste, dass sie nur das gemeint hatte, aber er fühlte sich dennoch vor den Kopf gestoßen.
     „Was auch immer ich mache, Greta, es ist mein Leben!“, erwiderte er eingeschnappt. „Das geht dich nichts an!“
     Sie sah ihn wieder so an, wie ihre Mutter sie immer angesehen hatte, wenn sie sie als Kinder gescholten hatte, doch sie kam nicht mehr dazu etwas zu sagen, da es in diesem Moment an die Tür klopfte. Greta ließ ihm noch einen tödlichen Blick da, dann ging sie, um zu öffnen.
      „Das Thema ist noch nicht beendet, darüber sprechen wir noch“, sagte sie.


Im nächsten Augenblick flutete Licht von draußen herein und die Stimme, die er dann hörte, ließ sein Blut gefrieren. Es war Lu, der da vor der Tür stand und nach ihm fragte.
     „Ja, er ist hier.“ Natürlich musste sie ihm das sagen. „Und weißt du übrigens schon davon, dass er wieder plant, mit seinem Schiff in die Welt zu fahren?“ Und das natürlich auch.
     Wulfgar war erschrocken, Lu nach seiner Stimmlage zu urteilen anscheinend auch, aber die Dreistigkeit seiner Schwester erinnerte Wulfgar daran, dass er eigentlich noch immer wütend war.


Also konnte er Lu wesentlich gefasster gegenübertreten, als der mit seinem erschrockenen Hundeblick aufwartete. Es brach ihm ja beinahe das Herz, wenn er so aussah.
     „Ist es wahr, was Greta gesagt hat? Willst du wirklich wieder von hier weggehen?“, musste er natürlich fragen. Er trug nicht einmal seine Schamanentracht nicht. Das tat er nie, wenn sie zusammen unterwegs waren. Wulfgar fragte sich wirklich, warum eigentlich.


„Du solltest nicht alles glauben, was Greta dir erzählt“, rutschte es ihm heraus. Er sollte ihm besser die Wahrheit erzählen. Irgendwann musste er es ja sowieso tun. 
     Er kam jedoch glücklicherweise nicht in diese Verlegenheit, da die aufgehende Tür sie unterbrach.


Er dachte zuerst, seine Schwester, die sich vorher noch verdrückt hatte, wäre zurückgekommen, um nun doch das Ruder zu übernehmen, aber es war stattdessen Lus Schwester, die nun, die Arme ausgebreitet, hereingeschneit kam.
     „Da bin ich, Leah! Ich dachte schon, dass Greta gar nicht mehr….“
     Als sie die beiden Männer bemerkte, verschwand das breite Lächeln aus ihrem Gesicht und wich derselben erschrockenen Miene, die auch Lu gerade trug.


Das war, bevor besagte Leah auch noch auftauchte und die Rothaarige nun alle Hände voll damit zu tun hatte, sich aus deren Umklammerung zu befreien.


 „Ich glaube, ich lasse euch dann besser erstmal allein“, nutzte Wulfgar die Chance zu verschwinden sogleich. Und weg war er.
   

Es dauerte eine ganze Weile, bis Tanna Leah endlich dazu bekommen hatte, sie wieder freizugeben, und noch etwas länger, bis sie sich endlich abwimmeln ließ. Nicht, dass Tanna es sonderlich eilig hatte, sich Lu stellen zu müssen. Sie konnte nur darauf verzichten, dass noch mehr Leute von der Sache Wind bekamen, als unbedingt nötig. Leah war da nicht gerade rücksichtsvoll, was das anging.


Als Tanna dann schließlich mit ihrem Bruder allein war, starrte der sie eine ganze Weile lang nur wortlos an, bevor er natürlich anfangen musste, sie zu nerven. Dass es auch ausgerechnet Lu sein musste, der sie erwischte!
     „Also, du und Leah…“
     Tanna drehte ab und ging. Sie wollte wirklich nicht darüber reden. 
     „Was willst du, Lu? Lass mich in Ruhe!“
     Natürlich aber musste er ihr folgen, diese Klette. Er konnte es ja auch nicht einfach einmal gut sein lassen.
     „Nun, scheinbar habe ich da was nicht mitbekommen. Seit wann bist du nicht mehr Tanns Gefährtin?“, fragte er.


Tanna blieb stehen und funkelte ihn wütend an. „Das hat gar nichts mit mir und Tann zu tun!“, fauchte sie.
     „Und wie darf ich es dann verstehen, dass du mit Leah – was? – zusammen bist?“
     „Wir sind nur Freunde!“
     Er lachte. „Sicher! Das sah mir gerade aber nicht sehr nach Freundschaft aus!“
     „Mach dich nicht lächerlich! Ich habe doch nichts mit Leah! Sie ist eine Frau!“
     Sie wusste schon, als sie es sagte, dass es bei Lu kein sehr gutes Argument sein würde.
     „Na und?“
     „Na und! Du magst sowas vielleicht normal finden, aber ich bin nicht so krank wie du!“


Jetzt hatte sie eine Grenze überschritten, das sah sie genau. Lus Gesicht verfinsterte sich augenblicklich.
      „Das hat nichts mit krank sein zu tun, Tanna!“, stellte er klar. „Das ist es, was ich bin, und du anscheinend auch! Und daran ist nichts falsch, unnatürlich oder krank!“
     Er wusste, dass sie so dachte. Sie hatten dieses Gespräch schließlich schon einmal geführt, damals, als sie sich beide um Tann gestritten hatten. Es war nichtsdestotrotz verletzend, sowas von seiner eigenen Schwester zu hören.


 „Von mir aus!“, erwiderte sie desinteressiert. „Sei, was auch immer du willst, aber lass mich da schön raus!“
     „Weiß Tann wenigstens davon? Oder belügst du ihn gleich auch noch?“


Sie würde ihm eine Antwort jedoch schuldig bleiben. Nicht, dass sie so aussah, als würde sie ihm überhaupt noch antworten wollen. Doch da kam ihr sowieso Greta dazwischen, die nun erschrocken vor ihnen zum Stehen kam, und der Blick, mit dem sie Lu traf, erinnerte diesen sofort an seine eigentliche Sorge.
     „Wulfgar hat sein Boot aus der Bucht geholt!“, erzählte sie erschrocken und Lus Herz blieb beinahe stehen, als er das hörte.


Zu allem Überfluss ging sie ihn wütend an. „Ich dachte, dass du und er jetzt endlich zusammen wärt! Was hast du jetzt schon wieder gemacht? Hast du ihm etwa schon wieder das Herz gebrochen?“
     „Nein, ich… ich dachte wir wären zusammen. Wir wären Gefährten“, stotterte Lu verzweifelt. „Ich dachte, dass er bei mir bleiben würde. Ich liebe ihn doch! Ich dachte, er wüsste das…“
     Tanna erschrak ebenfalls, als sie das hörte. In all der Zeit, die Wulfgar jetzt schon bei ihnen war, hatte sie nicht einmal bemerkt, dass da anscheinend etwas zwischen ihm und Lu gelaufen war. Sie hatte keine Ahnung gehabt.


Umso betroffener war sie, als ihr Bruder nun auch noch zu weinen begann. Es war egal, wen er liebte, sein Herz war gebrochen und jetzt tat es Tanna leid, was sie zuvor zu ihm gesagt hatte.
     Tröstend legte sie einen Arm um ihn und sagte: „Wenn er es nicht weiß, dann musst du es ihm einfach sagen gehen. Und dann wird er bestimmt auch bei dir bleiben.“
     „Meinst du wirklich?“
     Tanna lächelte ermutigend. „Ja.“


Lu machte sich umgehend auf zum Strand. Laut Greta befand sich Wulfgar mit seinem Boot an der linken Seite des Strandes, noch hinter den Felsen, die einen die Sicht von der Düne aus verwehrten. 
     Er war nicht sonderlich ausdauernd, weshalb ihm schon die Puste ausging, bevor er auch nur die ersten Sandkörner unter seinen Schuhen knirschen hören konnte. Aber dennoch lief er weiter. Er würde bis ans Ende der Welt für Wulfgar laufen, wenn es sein musste. Er würde nie wieder riskieren, ihn zu verlieren.


Das Segelboot kam tatsächlich kurz darauf in Sicht, dort, wo es eigentlich nicht sein sollte. Es sollte in einer unweit gelegenen Bucht vor Anker sein, aber nicht hier, fertig zur Abreise. Wie er feststellen musste, hatte Wulfgar sogar schon sein Bündel geholt und ins Boot verfrachtet. Er hatte ja nie sonderlich viel sein Eigen genannt. Doch es jetzt dort zu sehen, war für Lu wie ein Schlag ins Gesicht.
     ‚Er will wirklich wieder weggehen. Und das ohne sich zu verabschieden‘, wurde ihm klar.
    Lu schluckte seine Sorge schwerlich herunter, bevor er sich Wulfgar stellte, der ihn anscheinend schon erwartet hatte. Es war scheinbar abzusehen gewesen, dass er auftauchen würde, nachdem Greta ihren Bruder wohl beim klammheimlichen Davonstehlen erwischt hatte.


Statt das anzumerken, fragte Lu aber: „Du willst doch nicht wieder weggehen, oder?“
     Wulfgar antwortete ihm eine ganze Weile lang nicht und das war Lu schon Antwort genug. Er musste ein paarmal schwer schlucken, um nicht wieder in Tränen auszubrechen.
     „Ich hatte nie vor zu bleiben“, eröffnete Wulfgar schließlich. „Ich bin hier schon sehr lange geblieben.“
     Als ob Lu das trösten würde. Er wollte, dass Wulfgar für immer blieb. Hier. Bei ihm.


Also nahm er jegliches bisschen an Fassung, das er noch hatte, zusammen, packte Wulfgar an den Armen und sagte es ihm. „Ich liebe dich, Wulfgar! Bitte bleib bei mir!“
     Er sah, wie sich die Augen des Anderen weiteten, aber ebenso schnell wieder schlossen. Das Bedauern in seinem Gesicht, das ihm schließlich den Rest gab.
     „Ich mag dich auch, Lu, aber anscheinend nicht genug, um hier zu bleiben. Tut mir leid.“
     ‚Es tut dir leid?‘ Er wollte ihn anschreien, wollte wütend und verzweifelt sein, aber er konnte es nicht. Wulfgar hatte ihm all seine Worte gestohlen. Da war nichts mehr, was er noch sagen konnte. Nichts mehr, was es zu sagen gab.


Also drehte er sich um und rannte davon.


Wulfgar hatte lange mit sich gehadert, ob es nicht besser war, einfach zu gehen. Die Segel zu setzen und allem zu entfliehen. Aber er wusste auch, dass er nicht so einfach gehen konnte, wenn es da noch etwas gab, das er klären musste.
      Also war er zum Stamm zurückgekehrt, obwohl er eine Heidenangst hatte, Lu jetzt gegenüberzutreten. Nicht einmal bei seiner ersten Reise, als sein Boot im Meer untergegangen war, hatte er so eine Angst gehabt.
     Zu seiner Überraschung fand er Lu jedoch nicht etwa in Tränen aufgelöst vor und es erwartete ihn auch keine wütende Begrüßung, als er ihn jetzt erreichte. Nein, der Schamane kniete vor seinem Schrein, die Hände zum Himmel erhoben, während das Feuer in der Opferschale vor ihm leise knisterte und er schien so ruhig, dass es Wulfgar beinahe schon ein bisschen erschreckte.


 „Lu, können wir reden?“
      Er erwartete beinahe, dass er nicht einmal eine Antwort bekam, aber obwohl Lu ihn nicht ansah, sagte er: „Ich habe gerade keine Zeit. Ich bitte für deine sichere Reise, also stör mich besser nicht. Geh lieber nach drinnen. Greta ist da und wartet auf dich.“
     Da war keine Wut. Keine Trauer. Einfach gar nichts. Aber was hatte er erwartet? Lu hatte sich sehr verändert, seitdem Wulfgar einst von hier fortgegangen war. Er war nicht mehr der wütende Junge von damals. Er hatte tatsächlich die Besonnenheit und die Ruhe eines Schamanen erlangt.  


Dafür erwartete Wulfgar im Haus umso mehr. Greta hatte nicht einmal mehr den Atem, um ihm damit in den Ohren zu liegen, dass sie es überhaupt nicht gut fand, dass er wieder gehen würde und auch die Anderen im Stamm teilten ihn auf die ein oder andere Art und Weise ihr Bedauern über seinen Entschluss mit. Elrik sagte ihm gerade beispielsweise das dritte Mal, dass sie ihn gern als Stammesmitglied behalten würden.
     Dementsprechend verbrachte er den ganzen Abend damit, sich von den Leuten zu verabschieden, sich die besten Wünsche und eine gute Reise wünschen zu lassen und zu versichern, dass er irgendwann wieder einmal vorbeischauen würde. Deshalb hatte er seinen Plan, noch am heutigen Tag aufzubrechen, auch schnell wieder verworfen. Es führte aber auch dazu, dass er keine Chance mehr erhielt, mit Lu zu sprechen, der wirkte, als wäre nie etwas geschehen, aber ihm fernblieb, als hätte er eine ansteckende Krankheit.


Wulfgar hatte sich vorgenommen, an diesem Abend früh ins Bett zu gehen, um für seinen morgigen Aufbruch gut ausgeruht zu sein, aber am Ende hatten die Anderen ihn erst viel zu spät wieder in Ruhe gelassen. Zu allem Überfluss wollte sich der Schlaf lange Zeit auch nicht einstellen und als er dann endlich eingeschlafen war, dauerte es nicht lange, bis er mitten in der Nacht wieder wach wurde.
     Sein Blick ging ganz automatisch zu der Stelle, an der Lu für gewöhnlich schlief, aber dessen Schlaffell war noch immer leer. Die beiden dahinter, die Lulu und Luis gehörten, aber auch. Also entschied sich Wulfgar dazu, nach ihnen zu sehen.


Tatsächlich konnte er die Vermissten draußen schnell ausfindig machen. Lu stand am Schrein, als wäre er nie von dort weggegangen, und Lulu und Luis standen vor ihm. Sie unterhielten sich, aber Wulfgar, der am Türrahmen stand, konnte leider nicht hören worüber.


Es schien jedoch keine sehr heitere Unterhaltung zu sein. Zumindest Luis‘ wütendem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, als der wieder nach drinnen kam und ohne ihn auch nur anzusehen an ihm vorbeiging.


Lulu folgte ihrem Sohn kurz darauf, aber sie blieb stehen und schenkte ihm einen Blick, der so ausdruckslos war, dass er nicht sagen konnte, was er bedeutete. Normalerweise mied Lulu den Blick anderer und ihre Augen waren immer voller Angst und Unsicherheit, aber diesmal war das anders. Sie traf ihn unvermittelt und sie hatte so einen eindringlichen Blick, dass sie ihn beinahe zu durchbohren schien. 
     Er war froh, als sie ihren Weg dann endlich fortsetzte. Sie hatte kein Wort verloren, aber ihr Blick hatte ihm schon alles gesagt.


Bevor Lu auch noch folgen und ihm wieder davonlaufen konnte, besann sich Wulfgar, nach draußen zu gehen, und das nicht zu spät. Er begegnete Lu auf halbem Wege zum Haus und stellte sich ihm in den Weg.
     „Können wir jetzt reden?“, fragte er ohne Umschweife.
     Da trat doch tatsächlich ein Lächeln auf Lus Gesicht. Hatte er etwas nicht mitbekommen?
     „Klar! Was gibt es denn?“


 „Wegen dem, was du mir am Strand gesagt hast….“
     Weiter kam er nicht. Lu ging sofort auf Abstand und fuhr dazwischen: „Als Schamane höre ich mir gern an, was du zu sagen hast. Weil du ein Gast in unserem Stamm bist. Ich gebe dir auch gerne Ratschläge, aber ich werde nicht mit dir darüber sprechen.“
     „Aber…“


Da ließ Lu ihn einfach stehen. Wulfgar setzte ihm unverzüglich nach und dann hatte er ihn am Arm. „Bitte, Lu, ich will doch nur mit dir reden! Ich bin doch nicht aus der Welt! Ich werde doch wiederkommen! Wir können doch Freunde bleiben!“


Lu blieb abrupt stehen, schüttelte ihn ab und traf ihn mit einem eisigen Blick, der Wulfgar zusammenzucken ließ. „Freunde? Sicher können wir Freunde sein. Bleib einfach hier und dann können wir Freunde sein.“     
    Wulfgar öffnete seinen Mund, aber ihm fehlten die Worte, also schloss er ihn wieder. Lu nahm das als Anlass zu gehen.


Was hatte er erwartet? Lu hatte sich verändert; er war ruhiger und besonnener geworden, so wie er selber auch, aber Wulfgar hatte ihm dennoch das Herz gebrochen.


Er konnte nichts mehr tun. Alles, was er noch tun konnte, war, sich zu verabschieden und im Morgengrauen abzureisen.
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Ob Wulfgar letztendlich wieder gehen wird? Nächstes Mal haben wir auf jeden Fall einen Abschied, aber ob der Stamm sich wieder von Wulfgar verabschieden wird, bleibt hier erstmal offen.

Und wer hätte es gedacht - es läuft nicht nur schlecht zwischen Tann und Tanna, sondern scheinbar scheint sie ihn auch noch zu betrügen. Wenn man Lus Einschätzung trauen kann. 

Ich bedanke mich übrigens ganz herzlich bei Zordrag (Klopps) und Nabila (Felis) für ihre Namensvorschläge für die Katze des Stammes. Der Wüfel hat sich daraufhin mit einer 4 für Klopps entschieden. 
Ich denke mal, dass Jin diesen Namen wohl vergeben hat ^^'. Immerhin mag sie ihn ja so. Ich habe das letzte Kapitel also um diesen Satz ergänzt und ich hoffe, dass eine weitere Auswahl, die ich vor allen Dingen gegen Ende der Geschichte plane, ebenfalls Anklang bei euch finden wird. Vielleicht mache ich dann auch mehrere Auswahlmöglichkeiten, mal schauen, wie das überhaupt realistisch sein wird. 
 
Bis nächstes Mal dann, danke fürs Vorbeischauen und ich verabschiede mich!         

Mittwoch, 16. Mai 2018

Kapitel 51 - Eine kleine Überraschung



Der Herbst stand in seiner vollen Blüte, aber dennoch war das Wetter ungemein heiter. Nachdem es einige Tage lang nach Schnee ausgesehen hatte, stand die Sonne jetzt schon den dritten Tag in Folge an einem strahlend blauen Himmel und keine Wolke schien es zu wagen, sich ihr in den Weg zu stellen. Es war ein ertragreiches Jahr gewesen und sie hatten schon einige reiche Ernten eingefahren. Die Letzte stand unmittelbar bevor und es sah ganz danach aus, als würden sie diesmal reichlich Vorräte für den Winter haben.
     Akara hatte gestern auf dem Feld geholfen, weshalb sie es heute nicht tun musste. Es war auch ohne sie bereits überfüllt mit Leuten. Die Wäsche war gewaschen, von drinnen duftete es herrlich nach dem Eintopf, den Dana vor kurzem angesetzt hatte. Lulu saß an der Näharbeit. Kurzum: es gab momentan nichts für sie zu tun. 
     Also hatte sie Elrik abgefangen, um mit ihm Zeit zu verbringen. Es sprach wohl nichts dagegen; immerhin mussten sie sich ja auch noch um Nachwuchs kümmern.


Doch Elrik war immerzu beschäftigt. Er hatte nicht einmal Zeit, um mit ihr ein paar Minuten in die Büsche zu verschwinden, wie es schien. Er war meistens den ganzen Tag über weg, gab Anweisungen, half bei den Grabungen und abends war er dann so erschöpft, dass er sofort einschlief. Auch diesmal war das nicht anders.
      „Tut mir leid, Akara, ich hab jetzt keine Zeit“, sagte er gerade entschuldigend. „Können wir das auf heute Abend verschieben?“
      ‚Das sagst du andauernd‘, dachte sie. 
     Doch sie schluckte ihren Unmut herunter – erneut – und setzte ein Lächeln auf. Er zeigte ihr daraufhin sein komisches Zähneblecken, das sie annahm, ebenfalls ein Lächeln sein sollte und das ihn noch merkwürdiger aussehen ließ als er ohnehin schon aussah und dann ließ er sie stehen.


Akara war frustriert. War es denn so schwer, mal ein paar Minuten zu entbehren? Sie fragte sich langsam wirklich, warum er sie überhaupt hergeholt hatte, wenn er nie Zeit für sie hatte. Sie sehnte sich nach der Zeit zurück, in der er seinen Stamm noch nicht angeführt hatte. Damals, als sie einfach stundenlang im Schatten der Weide zusammengesessen und sich geküsst hatten. So hatte sie sich ihr Zusammenleben jedenfalls nicht vorgestellt.
      Warum nur musste Elrik auch unbedingt der Stammesführer sein?


Seitdem Tann viel mehr Zuhause war und sehr viel mehr Zeit hatte, schien es ihm, als würde er mehr mitbekommen, was im Stamm vor sich ging, als früher. Als sei er mehr ein Teil davon, ironischerweise. Vielleicht hatte er auch deshalb als Einziger mitbekommen, was Elriks Gefährtin ihn nicht hatte sehen lassen. Vielleicht hatte er es gesehen, weil er es selber bereits durchgemacht hatte.
      Also hatte er sich vorgenommen zu handeln. Es war ja auch seine Pflicht, auf alle im Stamm aufzupassen. Auch wenn er nicht mehr der Stammesführer war.


Er war seiner eigenen Gefährtin nachgegangen, als sie gerade Richtung Pinkelbüsche verschwunden war. 
     „Tanna, hör mal“, begann er, „ich glaube, dass sich Elriks Frau etwas einsam fühlt. Kannst du dich ihrer nicht mal ein bisschen annehmen? Mal mit ihr reden oder sowas? Du weißt doch, wie es ist, die Frau vom Stammesführer zu sein.“
     Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er gedacht, dass Tanna gelangweilt aussah. Sie rümpfte die Nase. Anscheinend schien sie dieser Akara auch nicht so viel abgewinnen zu können. 
     Aber dennoch erwiderte sie: „Wenn es sein muss.“


Er schenkte ihr dafür sein schönstes Lächeln, das sie immer wieder schaffte, bei ihm hervorzubringen, bevor er zufrieden zurück an die Arbeit ging.


Akara hielt es abends meistens nicht lange im Haus aus. Sie hatte noch immer das Gefühl, dass sie nicht sonderlich willkommen im Stamm war, auch wenn ihr niemand das so direkt sagte. Vielleicht lag es auch an ihr selber. Sie war es so gewohnt, anderen gegenüber immer auf Abstand zu bleiben, dass es ihr schwer fiel, sich ihren neuen Mitbewohnern zu öffnen.


Da sie die Nacht liebte, zog es sie deshalb meistens nach draußen unter den freien Sternenhimmel. Nur, dass sie diesmal nicht allein war. Sie bemerkte Tann, der am Rande des Grundstücks stand und Richtung Strand sah. Sie kannte das schon von ihm. Er hatte das nach der Ankunft ihrer Familie andauernd getan, um sie im Auge zu behalten. Sie hatte nur gedacht, dass er das jetzt nicht mehr als nötig befand.
      Obwohl Tann sie, wie alle anderen auch, freundlich begrüßt hatte, als sie hier eingezogen war, wusste sie, dass er wahrscheinlich derjenige war, der sie am wenigstens hier sehen wollte. Sie konnte es ihm auch nicht verübeln. Ihr Vater hatte genug angerichtet und sie sah ihm nun einmal leider viel zu ähnlich. Nicht zu vergessen, was sie selber getan hatte. Das Band zwischen Vater und Sohn, das sie zerstört hatte, und das noch immer nicht wieder repariert war. Das konnte jeder sehen.
      Akara zögerte. Sie wollte gerne zu ihm gehen und mit ihm reden. Sie wollte ihm versichern, dass sie keine Gefahr war und dass sie nicht wie ihr Vater dachte, aber manchmal hatte sie ja selber Angst davor, so zu werden wie er. Dass sein Blut in ihr sie vergiften würde.


Doch dann gab sie sich einen Ruck. Dies hier war jetzt ihr Zuhause. Ihre neue Familie. Und sie wollte nicht, dass auch nur irgendjemand sie hasste. Sie hatte in ihrem Leben genug Hass erfahren. 
     Also ging sie zu ihrem Schwiegervater hinüber und rief ihn beim Namen. Er drehte sich ihr zu und dann traf sie ein misstrauischer Blick, den sie schon seit langem gewohnt war. Er hatte sie in der Vergangenheit verfolgt, wo auch immer sie hingegangen waren. Dann jedoch zwang er sich zu einem Lächeln, das arg schief wurde. Wahrscheinlich Elrik zuliebe, mutmaßte sie.
      „Ich wollte nur…“ Sie stockte. Sie hatte keine Ahnung, was sie ihm sagen wollte. „Ähm, ich wollte mich nur noch einmal dafür entschuldigen, was alles passiert ist. Für das, was mein Vater getan hat.  Was ich alles angerichtet habe… Ich wollte nie für Unfrieden sorgen. Ich wollte immer nur, dass wir uns vertragen.“


Sein Blick sprach Bände. Selbst wenn er ihr gesagt hätte, dass er ihr nicht über den Weg traute, hätte seine Ansage nicht deutlicher sein können. Als er seinen Blick hilfesuchend nach oben richtete, bemerkte sie, dass seine Augen ungewöhnlich blau waren. Schade, dass Elrik das nicht geerbt hatte.
     „Schon gut“, presste er hervor.


Dann atmete er tief ein und sein Blick wurde so ernst, dass Akara darunter zusammenzuckte. 
     „Ich bin es eigentlich, der sich entschuldigen sollte. Ich habe dir und deiner Familie Unrecht getan, indem ich euch alle an den Taten von Dia Hell gemessen habe, obwohl ihr niemandem etwas getan habt.“ Plötzlich wirkte er ehrlich zerknirscht. „Ich hätte euch lieber helfen sollen.“


 „Nein, ich verstehe das vollkommen!“, versicherte sie. „Mein Vater hat dir jeglichen Anlass gegeben, ihn zu hassen. Er war ein schrecklich böser Mensch.“ Sie schnaubte abfällig. „Selbst zu seiner eigenen Familie. Deswegen – ich hätte an deiner Stelle wahrscheinlich genau dasselbe getan. Um meine Familie vor Unheil zu beschützen. Wahrscheinlich wäre ich nicht einmal so lange geduldig geblieben wie du.“
       Und wahrscheinlich hätte sie auch nicht die Tochter ihres Feindes in ihrem Haus geduldet. Aber das behielt sie lieber für sich. Ihre Vergangenheit hatte ihr die Vorsicht und das Misstrauen einfach ins Blut gebrannt.
      „Nun, wie wäre es, wenn wir das, was in der Vergangenheit war, in der Vergangenheit belassen?“, schlug er plötzlich vor.
      Was Akara nun doch ein erleichtertes Lächeln entlockte. „Das würde mich freuen.“


Als Elrik an diesem Abend nach Hause kam, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Da saß Akara auf der Schaukel, die da schon seit Ewigkeiten an dem abgestorbenen Baum hing, und die niemand benutzte, und schwang heiter und unbeschwert hin und her, während sein Vater daneben stand und mit ihr redete. Zuerst dachte er, dass er sie maßregelte, aber als er nähertrat, hörte er zu seinem Erstaunen, dass sie nur über Banalitäten sprachen.


 „Was macht ihr denn hier?“, fragte er und er konnte nicht verhindern, dass sich seine Erleichterung darüber auf seinem Gesicht breit machte. Normalerweise war er ja sonst nicht sonderlich zum Lächeln aufgelegt, wenn sein Vater zugegen war. Aber Akara so fröhlich zu sehen, ließ ihm das Herz aufgehen.
     Anstatt zu antworten, wandte sich sein Vater jedoch plötzlich an ihn. Und nicht nur an ihn. „Würdet ihr bitte herkommen? Du auch, Akara.“
     Es war das erste Mal, dass er hörte, dass sein Vater Akara bei ihrem Namen nannte. Normalerweise war sie immer nur seine Gefährtin, wenn er über sie sprach.


Akara sprang mit Schwung von der Schaukel und dann stand sie neben ihm. Es war noch immer ungewohnt, dass sie ihm inzwischen über den Kopf gewachsen war.
      „Ich will euch beiden etwas mit auf den Weg geben“, sprach sein Vater, als sie beide vor ihm standen. „Ich habe in meinem Leben einige Fehler gemacht und einer davon war es, meiner Gefährtin und meiner Familie zu wenig Zeit zu schenken.“ 
     Er sah Elrik eindringlich an. „Die Dinge, die du als Stammesführer tun musst, sind wichtig, aber die Zeit, die du dafür opferst, gibt dir niemand zurück. Vor allen Dingen die Zeit mit deiner Familie nicht. Deshalb ist es wichtig, dass du ab und an auch mal an dich und die deinen denkst. Nimm dir die Zeit, verteile deine Aufgaben an andere und kümmere dich um deine Familie, Elrik. Ansonsten sind deine Kinder plötzlich groß und deine Frau ist fort. Die Wahrheit ist, dass es mir beinahe einmal so ergangen ist. Ich habe deine Mutter einmal beinahe verloren. Damals, als ich die Führung über den Stamm aufgeben wollte, erinnerst du dich?“
      Das tat er. Es hatte ihn zutiefst erschrocken, dass sein Vater das hatte aufgeben wollen, das ihn ausgemacht hatte. Das, was Elrik immer bewundert hatte, das, was er selber hatte werden wollen, bevor ihm aufgegangen war, dass dieser Lebensweg eigentlich überhaupt nicht zu im passte. Ironisch, dass er nun doch Stammesführer geworden war und das, weil er selber dafür gekämpft hatte.


 „Doch ich hatte Glück, dass Tanna so eine gute und großherzige Frau ist. Sie hat mich dazu gebracht, weiterzumachen, und sie ist trotzdem an meiner Seite geblieben. Ich bin wirklich froh, sie zu haben.“ 
     Dann wanderte Tanns Blick zu Akara rüber. „Ich kann mir nicht einmal im Geringsten vorstellen, wie schwer es sein muss, die Frau des Stammesführers zu sein. Ich habe Tanna oft allein gelassen, aber sie hat es dennoch akzeptiert und mich immer unterstützt. Auch wenn ich Elrik geraten habe, sich Zeit für dich und eure Kinder zu nehmen, wird er dennoch oft beschäftigt sein. Das heißt aber nicht, dass er dich nicht liebt oder du ihm nicht wichtig bist. Ich hoffe wirklich, dass du das verstehen wirst und an der Seite meines Sohnes bleibst.“
     Elrik musste sich zusammenreißen, um seinen Vater nicht mit offenem Mund anzustarren und als er Akara ansah, glaubte er, dass es ihr ebenso erging. Was nur war plötzlich mit seinem Vater los? Zuerst wollte er nicht einmal etwas davon wissen, dass Akara seine Gefährtin wurde und jetzt gab er ihnen seinen Segen und sorgte sich um ihre Beziehung?


„Ich bin stolz auf dich“, brachte die Stimme seines Vaters Elrik aus seinen Gedanken zurück und als er sah, dass sein Blick auf ihm ruhte, machte ihn das irgendwie betroffen. „Ich bin stolz auf euch beide.“ Er sah Akara erneut an und diesmal war das Lächeln, das er ihr schenkte echt. „Bitte gib gut auf meinen Sohn acht!“
      Hatte er etwas nicht mitbekommen? War sein Vater etwa todkrank und musste bald sterben?
     „Ich lass euch dann mal besser allein.“


Elrik sah seinem Vater noch eine Weile ungläubig hinterher und langsam fragte er sich, ob Tann irgendwie entführt und mit einem Doppelgänger ausgetauscht worden war. Vielleicht spielte ihm seine Müdigkeit auch nur einen Streich und das gerade eben war gar nicht geschehen.


Um sich zu vergewissern, drehte er sich zu Akara um und ergriff ihre Hand. Immerhin sie war gerade hier bei ihm. Sie war echt. Das Sternenlicht ließ ihre Haut so hell leuchten, wie Mondlicht. Sie war zwar inzwischen größer als er, aber noch viel schöner geworden.
     „Was hältst du davon, wenn wir uns mal um unseren Nachwuchs kümmern?“, schlug er vor.
     Es war langsam auch Zeit dafür. Akara zog die Schultern nach oben und ein schüchternes Lächeln umspielte ihre Lippen.


Im nächsten Moment hatte er sie an sich gezogen, um sie zu küssen. Sie war so vorsichtig, aber er wurde schnell forscher. Ihre Nähe machte ihn beinahe ein bisschen benommen. Es war allerhöchste Zeit dafür. 
     Wenig später verschwanden die beiden in die Nacht hinein und sie sollten nicht vor dem Morgengrauen zurückkehren.


Und während Elrik und Akara ihre Zweisamkeit genossen, verbrachte der alte Stammesführer Tann erneut einen Abend allein.


Tags darauf wurde Elrik schon früh wieder an die Pflicht gerufen. Das neue Oberhaupt im Hell-Haus war eingezogen und rübergekommen, um die Fronten zu klären. Also hatte Elrik den Schamanen gerufen und Jin und Tann waren auch gekommen. Während sein Vater sich im waffenlosen Blickkampf mit Griswold übte und Jin jeglichen Blickkontakt mit Greta vermied, hatte die sich als neues Oberhaupt der Hells vor Elrik aufgestellt.
      „Es versteht sich von selbst, dass wir euch das Werkzeug herstellen werden, das ihr braucht.“


Sie warf Griswold hinter sich einen strengen Blick zu, der Elrik kalt werden ließ. „Nicht wahr Griswold?“
     Der knurrte als Antwort, woraufhin seine Frau fortfuhr: „Natürlich aber erwarten wir dafür auch eine Gegenleistung von euch.“
     Langsam verstand Elrik, was Griswold in Greta sah. Sie passten in ihrer Herzenskälte jedenfalls gut zusammen. Greta hatte sich sogar extra diesen Tag ausgesucht, während ihr Bruder mit einer Nachricht von Elrik zum Zoth-Stamm unterwegs war. Er spielte öfter den Boten für ihren Stamm. Wenn er da gewesen wäre, hätte er sich das jedenfalls bestimmt nicht so einfach bieten lassen. Aber Elrik blieb da keine andere Wahl. Immerhin bekamen sie so endlich ihr Werkzeug.


 „Natürlich. Das versteht sich ja von selbst“, wiederholte er also.
     Greta zeigte sich zufrieden. „Über die Gegenleistung können wir ja später reden.“ Erneut zu ihrem Gefährten sagte sie: „Es ist Zeit zu gehen, Griswold! Na los!“


Er ließ allen Anwesenden auf der Uruk-Seite noch einen bösen Blick da, dann tat er brav wie ihm geheißen. ‚Wie ein Kind, das von seiner Mutter herumkommandiert wird‘, drängte es sich Elrik auf.
     Als er fort war, blieben nur Wirt, der ihm zum wiederholten Male einen entschuldigenden Blick zukommen ließ, und Greta übrig.


Und die wandte sich jetzt plötzlich an Jin, den sie bislang so eisern ignoriert hatte, als wäre er gar nicht da. Was auf Gegenseitigkeit beruhte.
      „Ach, übrigens Jin, bevor ich es vergesse“, fing sie an, „ich habe vor kurzen deinen Sohn geboren. Er heißt Wotan und wenn du ihn sehen willst, hast du dich auch drum zu kümmern. Aber glaube ja nicht, dass du sonst etwas zu seiner Erziehung zu sagen hast! Und wage es bloß nicht, ihn mit deiner Dummheit anzustecken!“
     Die Neuigkeit schlug natürlich unerwartet ein. Zuerst waren sie alle erstarrt, vor allen Dingen Jin, dann jedoch entglitt ihm vollkommen das Gesicht.


 „Er ist da.“ Greta zeigte auf eine Wiege, die auf der linken Seite des Raumes stand. „Aber halt ihn bloß richtig, sonst brichst du ihm das Genick!“
     Als ob er noch nie ein Kind gehalten hätte.


Doch Jin ignorierte sie und ging eilig zu der unscheinbaren, hölzernen Wiege hinüber. Als er einen Blick hineinwerfen konnte, lag da ein kleines Bündel mit einem schwarzen Büschel Haaren auf dem Kopf und strahlend blauen Augen, die sich jetzt neugierig auf ihn richteten.


Vorsichtig nahm er den Kleinen hoch. Er war so klein. Jin konnte es nicht fassen, dass er so klein war. Dass er so lange versucht hatte, mit Greta ein Kind zu machen und es jetzt tatsächlich in den Händen hielt.
     „Na, mein Kleiner? Ich hoffe, sie ist nett zu dir.“
     Er hörte Greta schnaufen und es drängte sich ihm der Gedanke auf, dass er es mit dem Stier hinter sich lieber nicht verscherzen sollte. Er bezweifelte, dass sie überhaupt nett zu irgendwem sein konnte.
     „Ich wünschte ja, es wäre Griswolds, aber es ist leider deiner“, hörte er sie sagen und sie klang dabei so abfällig wie eh und je. Wie immer, wenn sie über ihn sprach.


Als Dana die Neuigkeit erfuhr, dass Greta Jins Sohn geboren hatte, hielt sie nichts mehr. Sie ließ das Essen stehen, das sie gerade angefangen hatte, zuzubereiten und war auf und davon. Als das Nachbarhaus in Sichtweite kam, sah sie Jin gerade aus der Tür kommen.


„Jin! Ist es wahr, dass Greta ein Kind von dir bekommen hat?“
     „Ja.“ Sein Blick war so leer, dass ihr Herz beinahe stehen blieb, als er sie damit traf. 
     Er schwieg einen Moment und Dana rang verzweifelt um Worte. Doch Jin war schneller als sie. „Ich muss da mal drüber nachdenken.“


Dann war er an ihr vorbeigegangen und Dana war zu langsam, zu gelähmt, um ihn aufzuhalten. Sie wusste ja, dass er seine Momente hatte, in denen er allein sein wollte. Dann ging er meistens in den Wald, um für ein oder zwei Stunden zu jagen oder mit Bären zu ringen. Sie wusste es, ehrlich gesagt, auch nicht so genau, was er dort tat. Bislang war das für sie auch vollkommen in Ordnung gewesen. Sie mochte es selber, wenn er ihr ab und an ihren Freiraum ließ. Jetzt jedoch machte sie sich Sorgen.


Vor allen Dingen, als die Stunden vorbeizogen und er verschwunden blieb. Sie wartete und wartete, aber er kehrte nicht zurück. Ob ihm etwas geschehen war? Ihr kamen die wildesten Vorstellungen und eine machte ihr mehr Angst, als die Andere. Sie hatte sich nie um Jin sorgen müssen, wenn er fortging, sie war sich schließlich sicher, dass er es mit allem aufnehmen konnte, aber er war so durcheinander gewesen. Mehr noch als gewöhnlich.
      Nein, sie konnte nicht hier stehen und nur warten! Sie wollte Jin ja seinen Freiraum lassen, aber sie würde nicht zulassen, dass er sich in Gefahr brachte, nur, weil er mit den Gedanken nicht bei der Sache war.


Also schlüpfte sie in ihre Hosen, schnallte sich einen Bogen auf den Rücken und brach Richtung Nebelwald auf. Der Stamm fürchtete den Wald zwar nicht mehr so sehr wie früher, aber dennoch war Jin der Einzige, der in gerne besuchte. Er fühlte sich ihm verbunden, hatte er einmal gesagt. Vor allem dem Nebel. Dana hoffte jedoch, dass er ihm ferngeblieben war. Selbst sie ging nicht gerne dort hinein. Man verirrte sich so leicht darin.


Eine andere Stelle, die er gern besuchte, war die kleine, abgelegene Bucht unweit des Blum-Hauses. Hier war für gewöhnlich niemand, wenn die Blums nicht zum Fischen hingingen, und tatsächlich fand sie ihn genau dort vor. Aber als sie sah, dass er im Sand lag, versagte ihr Herz beinahe seinen Dienst. Er war doch nicht etwa…?


Dana stapfte durch den feuchten Sand, der unter ihren Schritten knirschte und warf sich die letzten paar Schritte beinahe schon nieder. Sie kam schlitternd vor Jin zum Stillstand. Sie hätte ihn gerne angehoben, aber er war viel zu schwer, also begnügte sie sich damit, ihn zu schütteln und seinen Namen zu rufen.
     Als er schließlich seine Augen öffnete, fiel ihr ein riesengroßer Stein vom Herzen. Gemächlich streckte er sich erst einmal, bevor er aufstand. Erst dann nahm er überhaupt Notiz von ihr.


 „Was denn los?“, fragte er, als sie schließlich vor ihm stand.
     „Jin… Greta… du“, stotterte sie. „Du willst doch nicht zu ihr zurückgehen, oder?“
      Da sah Jin plötzlich aus, als hätte man ihm etwas Verwesendes unter die Nase gehalten. „Zu der kriegt mich nichts mehr zurück! Wie kommst du denn auf so einen Blödsinn?“
     „Weil du sagtest, du müsstest nachdenken…“
     „Ich hab drüber nachgedacht, wie ich meinen Jungen da raus kriege. Ich kann ihm ja nicht antun, bei so einer Mutter aufzuwachsen.“
     Dana war erleichtert. So unendlich erleichtert. Jin war nichts passiert und ihre Sorgen, dass er sie verlassen würde, waren auch unnötig gewesen.


 „Ich wünschte trotzdem, dass ich dabei gewesen wäre, als sie schwanger war“, hörte sie ihn plötzlich sagen. „Ich bin irgendwie nie dabei, wenn jemand mit meinem Kind schwanger ist.“
     Das schien ihn wirklich zu betrüben. Und es traf sie.
     „Ich versuche ja schon mein Bestes, aber ich bin auch nicht mehr die Jüngste…“, gab sie kleinlaut von sich.


Was Jin aber nur zum Lachen brachte. „Machst du Witze? Du siehst doch noch genauso aus wie an dem Tag, als du zu uns kamst.“
      Sie wusste, dass das nicht stimmte. Aber Jin traute sie es zu, dass er es wirklich so empfand. Er hatte sich gar nicht verändert. Und darüber war sie froh. Sie war froh, dass Jin wieder der Alte war.
     Sie war jedenfalls gerührt. Jin war, wie sie es gedacht hatte, ein guter Mann. Er war es all die Zeit, die sie zusammen waren gewesen und er war es auch jetzt. Sie war froh, dass sie ihn hatte. 
     Und mit diesem Gedanken ging sie auf ihn zu und schmiegte sich an ihn. Auch wenn es nicht lange nur dabei bleiben würde, wie sie wusste.


Als sie dann damit fertig waren, für neuen Nachwuchs zu sorgen, und sie zusammen auf dem Rückweg durch den Wald gingen, geschah es, dass eine Katze ihren Weg kreuzte. Sie legte sich ihnen quasi in den Weg, schleckte immer wieder ihre Pfote und machte auch keine Anstalten zu fliehen. Sie war offensichtlich verletzt. Dana fühlte sich ein bisschen, als hätte sie das schon einmal erlebt.


Bevor sie aber etwas sagen konnte, klatschte Jin neben ihr plötzlich in die Hände und meinte erfreut: „Klasse! Abendessen!“
     Dana schnappte empört nach Luft. „Jin!“
     „Ich mach nur Spaß!“, grinste er.


Dann ging er und streckte der Katze die Hand hin. Dana rechnete damit, dass sie ihn zerkratzen würde, aber stattdessen erhob sie sich schwerfällig, sah mit großen, neugierigen Augen zu Jin auf und ließ es dann tatsächlich zu, dass er sie hochhob.


Als er dann, mit der Katze auf dem Arm, grinsend vor ihr stand, war das ein wirklich drolliger Anblick. Sie freute sich schon darauf, wenn er eines Tages ihr zweites Kind auf dem Arm halten würde.


Sie nahmen die Katze mit in den Stamm. Dana hatte gesehen, dass bei den Hells ebenfalls eine hauste. Vielleicht würde sie sich ja nützlich machen. Jedenfalls aber waren Diana und Tanja von dem kleinen Tier angetan. Vor allen Dingen Tanja war aus dem Häuschen, was bei ihr ein eher seltener Anblick war.
     „Sie macht komische Geräusche, wenn ich sie streichle!“, stellte Diana gerade fest.


Während Dana in die Runde blickte. Jin stand neben ihr und neben ihm standen Aan und Jana, die der Katze anscheinend überhaupt nichts abgewinnen konnte, wenn sie nicht als Mahlzeit in ihrer Schale lag. 
     Dies war ihre Familie. Und Dana war froh, dass sie sie hatte. Dass sie endlich nicht mehr allein war.


Die Katze blieb bei ihnen. Sie begann, die Mäuse zu fangen, die sich regelmäßig versuchten, über ihre Vorräte herzumachen. Viel öfter aber sahnte sie mit ihren großen Augen Milch und andere Leckereien ab. Und das nicht nur bei den Kindern. Vor allen Dingen an Jin hatte sie einen Narren gefressen und er konnte ihr einfach nichts ausschlagen. Wenn sie sich zu einer Fellkugel auf seinem Schoß zusammenrollte und schlief, wagte er nicht einmal, sich zu rühren.
     Am Ende dieses Tages war sie schon ein Mitglied des Uruk-Stammes und sie bekam von Jin den schmeichelhaften Namen Klopps.
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Hier weiterlesen -> Kapitel 52

Den Namen des neuesten Familienmitgliedes würde ich gerne euch, meine Leser, vergeben lassen. Da ich (wie man vielleicht festgestellt hat) grausig mit Tiernamen bin, hat sie im Spiel momentan noch nicht einmal einen ordentlichen Namen. Sie heißt dort momentan "Wild Katze"  ^^'. Sie ist übrigens ein Weibchen.
Ich würde mich jedenfalls über Namensvorschläge freuen (die Kommentarfunktion ist übrigens ohne Anmeldung für jedermann offen hier auf dem Blog). Ich plane auch, dass es vielleicht nicht die einzige Abstimmung bleiben soll. Wenn es ein paar mehr Vorschläge gibt, werde ich es dann auswürfeln. Ansonsten muss die arme Miezekatze bei ihrem Namen Wild bleiben. 

Ich bedanke mich für eure Vorschläge. Der Würfel hat sich für "Klopps" von Zordrag entschieden.

Wahrscheinlich werdet ihr sie nicht erkennen, aber es ist exakt diesselbe Katze, die Jin und Dana damals in Kapitel 25 noch erlegt haben. Eigentlich sollte sie nur ein Statist bleiben, aber dann hat sie sich doch dazu entschieden, sich bei meinen Sims einzunisten. Da gibt es halt lecker Milch und viel Thunfisch, hat sie gehört.

Ich musste Jin übrigens doch noch ein Kind von Greta geben. Ich konnte einfach nicht anders. Wotan und Greta hab ich auch gleich mal bei den Hells hinzugefügt, falls ihr Wotan mal als Kleinkind sehen wollt, schaut bei den Charakteren rein. Und das Spiel hat ihn wirklich ganz ohne mein Zutun das Merkmal gegeben, das Jin ausmacht (Geistesabwesend).

Da ich die letzte Woche ein bisschen mehr Zeit hatte, habe ich endlich mal die Planung abgeschlossen und wieder zu spielen angefangen. Ich musste aber erst ein paar Tage mit Nova ringen, bevor sie mich gelassen hat XD. Und ich habe ganz vergessen, wie ewig lang und langsam mein Gameplay ist. Da ich momentan 26 Sims (davon 6 Kleinkinder und 2 Babys!), 4 Hunde und 2 Katzen habe und ohne freien Willen spiele, brauche ich für einen Simstag einen ganzen realen Tag ^^'. Vor allen Dingen, wenn dann so 2-7 Geburtstage pro Tag vorkommen, weil ich noch Nachbarn altern lasse und sowas. Total stressig XD.

 Nächstes Mal dann packt Wulfgar das Fernweh.

Bis dahin, danke fürs Vorbeischauen und Lesen, und ich verabschiede mich!