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Sonntag, 14. Januar 2018

Kapitel 14 - Beste Freunde und...?




„Weißt du, Lu ist ein wunderbarer Maler und er kann die besten Geschichten erzählen. Ich bin mir sicher, dass ihr beide bestens miteinander auskommen werdet“, sagte Tara jetzt schon zum dritten Mal innerhalb eines verdammten Momentes, wie es Dana schien.
     Seitdem sie sich ihr gegenüber am Lagerfeuer niedergelassen hatte, redete sie von nichts anderem als ihrem Sohn und wie gut er und Dana bestimmt zusammenpassen würden. Als wäre keiner von ihnen beiden anwesend. Aber sie waren da. Lu auch. Doch der tat sich den Gefallen und starrte schweigend ins Feuer, während sich Dana nur hin und wieder zu einem abgebrochenen Lächeln bemühte.


Doch als Tara sie wenig später sogar abfing, während sie gerade zu den Pinkelbüschen geflohen war, verging ihr das Lächeln allmählich. Sie wollte ja freundlich sein, aber langsam ging es ihr wirklich auf die Nerven.


So richtig auf die Nerven. Sodass sie am nächsten Morgen ihre ohnehin schon geringe Geduld verlor. Noch während Tara Lu, schon wieder, anpries, schnitt Dana ihr barsch das Wort ab: „Ich habe keine Interesse an deinem Sohn!“
     Doch Tara sah sie nur an, als sei das das Unverständlichste auf der Welt. „Wieso denn nicht? Lu ist doch wirklich ein toller Mann, wie ihn sich jede Frau nur wünschen kann!“ Jetzt wurde sie grantig. „Du bist doch eine Frau und musst auch langsam mal Kinder bekommen!“
     Dana hatte schon am gestrigen Abend versucht, dieses Gespräch zu führen und zu erklären, warum das für sie nicht das Allerwichtigste war, aber die ältere Frau schien das einfach nicht verstehen zu können. Sie war zu festgefahren in ihren alten Denkweisen, die längst überholt waren. 
     Also griff sie in die Trickkiste. „Ich habe kein Interesse an deinem Sohn, weil ich nur dem Stammesführer Kinder schenken werde.“ Das hatte sie nicht vor. Aber sie hatte auch nicht vor, sich ausgerechnet vorm Winter eine neue Bleibe zu suchen. Und Tann würde sich nach keiner Frau umschauen, bis Tanna nicht ausgewachsen war, das wusste sie auch.
     Natürlich war Tara empört darüber, doch Dana kümmerte das nicht. Sie war bereits abgedreht und hatte die andere Frau stehen lassen. Niemand würde ihr vorschreiben, wann sie sich paaren würde und niemand konnte ihr vorschreiben, mit wem.


Derweil war auch Greta auf den Beinen und zum Aufbruch bereit. Sie hatte Luma alles erklärt, was sie wissen musste, um Enn auch in dem Fall, dass es ihm wieder schlechter ging, versorgen zu können. Da Tann versprochen hatte, auf Greta achtzugeben, war es für ihn selbstverständlich, dass er sie persönlich nach Hause begleiten würde.
     Doch bevor sie auch nur aufbrechen konnten, wandte sich Greta noch einmal an ihn. „Also wir wurden ja gestern unterbrochen…“, begann sie, während sie an ihn herantrat.
     Tann jedoch erhob diesmal abwehrend die Hände zwischen sich und ihr. „Tut mir leid, Greta, aber ich habe einem anderen Mädchen versprochen, mit ihr mein erstes Kind zu bekommen.“
     Für Greta war damit alles gesagt. Sie wusste, dass es noch immer viele Männer gab, die verschiedene Frauen hatten und Frauen, die verschiedene Männer hatten, aber sie wollte es halten, wie ihre Eltern. Sie wollte nur einen Mann haben, mit dem sie Kinder in die Welt setzen und der sie versorgen würde. 
     Also nickte sie verständnisvoll. „Verstehe.“ Wenn sie ehrlich war, konnte sie sich eigentlich auch nicht vorstellen, von Zuhause fortzugehen und in einem Stamm zu leben.


Während Tann überlegte, ob er noch etwas dazu sagen sollte, fiel ihm auf, dass Gretas Blick plötzlich abschweifte. Und dass sie plötzlich aussah, als wolle sie irgendjemandem an die Kehle springen. Als er ihrem Blick folgte, konnte er sehen, dass es scheinbar Jin war, dem sie gerade stille Mordgedanken entgegenwarf. Ihm schwante Böses. Was hatte sein Bruder nur jetzt wieder angestellt?


Doch er kam nicht mehr dazu, nachzufragen. Im nächsten Moment war nämlich seine Mutter aufgetaucht. „Nanu? Wo geht ihr denn hin?“, fragte sie verwundert.
     „Ich bringe Greta nach Hause.“
      Irritation auf ihrem Gesicht. „Warum? Ich dachte, sie bleibt hier. Als deine Frau.“
      Überraschung auf seinem. Wann war das denn bitte beschlossen worden? „Ähh… Greta ist nicht meine Frau.“


Bevor Luma etwas darauf erwidern konnte, war es Tara, die wütend angerauscht kam, sich mitten in die Unterhaltung warf und ihm vorwarf: „Du willst dich also mit Dana paaren?“ 
     Und wann war das wieder beschlossen worden? Er wusste gar nicht, dass er da keinerlei Mitspracherecht mehr hatte. 
     Doch Tara war auch noch gar nicht fertig mit Vorwürfen. „Du weißt doch, dass Dana Lus Frau werden sollte! Ich dachte, ihr beide wäret Freunde und du wärst daran interessiert, dass er im Stamm bleibt! Du kannst dir doch eine andere Frau suchen!“


Wie aufs Stichwort schaltete sich daraufhin Tanna aufgebracht ins Gespräch ein. Hatten die sich alle abgesprochen, oder was? Es kam Tann jedenfalls so vor. 
     „Was? Du hast mir doch versprochen, dass ich dein erstes Kind bekommen darf!“
     Derweil war seine Mutter ganz aus dem Häuschen, dass ihr Sohn so beliebt bei den Frauen war und sie anscheinend bald Oma werden würde. Tara wurde jetzt, da er anscheinend auch noch ihre Tochter hintergangen hatte, noch wütender, und Tann hatte zu all dem anscheinend nichts zu melden.


Ach ja, und natürlich musste auch noch die Letzte im Bunde in Form von Dana auftauchen. Die wurde sogleich von Tanna abgefangen und zur Rede gestellt. Jetzt waren sie alle auf Tann wütend, wie es schien. Nur Luma freute sich noch immer wie ein Honigkuchenpferd.


Das war dann der Moment, in dem Tann der Kragen platzte. „RUHE!“, stieß er laut aus und brachte damit alle endlich zum Schweigen. „Es geht niemanden von euch etwas an, wann und mit wem ich gedenke, Kinder in die Welt zu setzen! Lu und Dana müssen das auch selber wissen. Sie entscheiden das und nicht ihr! Und Tanna: Du weißt, dass ich meine Versprechen halte! Also haltet euch raus!“ 
     Seine Mutter setzte an, etwas zu sagen, aber Tann war schneller. „Nein! Ich will nichts mehr davon hören!“


Dann hatte er der aufgeschreckten Greta zugenickt und war mit ihr zusammen abgedreht. Aber wirklich zu Herzen nahm sich keine der Zurückgebliebenen seine Worte. Mit Ausnahme von Luma gingen sie alle wütend auseinander. Jetzt war Tannas Bewunderung für Dana jedenfalls vorbei.


Nur Dana blieb noch einen Moment länger und nur sie war es, die bemerkte, wie Lu, der die Szene aus dem Hintergrund mitverfolgt hatte, seinem Freund wohlwollend lächelnd nachsah.


Und sie bemerkte auch, dass er der Erste war, der dem immer noch wütenden Stammesführer später entgegenging, als der aus dem Wald zurückkehrte. In nächster Zeit konnte Dana dann immer wieder beobachten, wie der zuvor so zurückgezogene Lu oft die Umgebung seines Freundes suchte und ihn beobachtete.


Ein paar Tage später kam schließlich Tann auf sie zu, um sie doch noch auf ihre Aussage Tara gegenüber anzusprechen. Sie hatte sich schon gewundert, dass er es bis jetzt nicht getan hatte. Er war jedenfalls nicht sonderlich erfreut darüber. „Du musst mir sowas doch vorher sagen! Du kannst sowas nicht einfach ohne mein Wissen und vor allen Dingen nicht ohne meine Zustimmung beschließen!“
     Er ging also davon aus, dass sie tatsächlich vorhatte, sich mit ihm zu paaren. Naja, vorerst wollte sie ihn mal in dem Glauben lassen. Es hatte bis jetzt jedenfalls jegliche weitere Versuche, sie mit Lu zu verkuppeln, unterbunden. 
     „Entschuldige, aber Tara war so aufdringlich.“


Was Tann dazu brachte, schuldbewusst dreinzublicken. „Was Lu angeht…“ Er wollte doch nicht etwa… „Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“
     Dana verschränkte die Arme vor der Brust und machte sofort dicht. Sie wollte nichts davon hören. „Nicht du auch noch! Verschone mich damit!“
     „Er ist wirklich ein guter Kerl“, wiederholte Tann.
     „Das kann ja sein, aber ich interessiere mich nicht für ihn. Und wenn du mich nicht damit in Ruhe lässt, werde ich gehen! Ich dachte, ich dürfte hier selber aussuchen, mit wem ich mich einlasse und mit wem nicht!“
     Die Drohung hatte gesessen. Tann ruderte augenblicklich zurück. „Ja, natürlich kannst du das! Entschuldige, Dana! Ich weiß ja, dass du deswegen erst von deinem Zuhause weggegangen bist, aber…“ Er brach ab und ließ mutlos die Schultern hängen. „Lu ist auch ein wichtiges und geschätztes Stammesmitglied. Und er ist mein Freund. Du verstehst hoffentlich, dass ich alles versuchen will, um ihn zum Bleiben zu überreden.“
     Dana konnte das verstehen. Aber sie wollte trotzdem nicht als Brutmutter herhalten, nur, damit ein anderer den Stamm nicht verließ. Und das ließ sie Tann nun auch deutlich durch ihren eisigen Blick wissen.
     Scheinbar verstand der Stammesführer ihre Abfuhr. Er drehte jedenfalls geschlagen ab. „Entschuldige, ich werde dich nicht länger damit behelligen.“
     Dann ging er von Dannen und Dana konnte nicht verhindern, dass sie sich irgendwie schuldig fühlte.


Also ging sie zum Usurpator des Ganzen. Lu hatte die letzte Zeit immer wieder versucht, sich den anderen Männern anzupassen. Er hatte nicht mehr gemalt und war stattdessen mit ihnen zur Jagd gegangen. Nicht, dass er etwas erlegt hätte. Aber dafür schien er sich beim Fischen besser anzustellen. Sie fand ihn dann auch am Strand wieder. Lulu stand neben ihm und beide waren einträchtig schweigend am Angeln. Lu genoss die Stille in letzter Zeit mehr als Worte.
     Dana hatte jedenfalls beschlossen, mit Lu zu reden. Sie schloss nicht aus, ihn kennenzulernen, aber vor allen Dingen wollte sie erst einmal mit ihm über die ganze Sache reden. „Kann ich dich mal kurz sprechen?“
     Lu schaute etwas überrascht, nickte dann aber und folgte ihr zu einem ruhigeren Plätzchen.


Bevor Dana jedoch etwas sagen konnte, ergriff Lu selber das Wort: „Tut mir leid wegen meiner Mutter! Sie ist sehr aufdringlich, das habe ich schon mitbekommen. Aber ich schwöre dir, dass ich kein Interesse an dir habe. Also ertrag sie bitte, bis ich den Stamm verlassen habe. Dann hat sich das ja sowieso erledigt und sie wird dich auch endlich in Ruhe lassen.“
     Dana war etwas überrumpelt. Aber da es genau das war, das sie ursprünglich gewollt hatte, nickte sie nur. Und dann hatten sie sich nichts mehr zu sagen. Lu schien gedanklich abzuschweifen und Dana suchte nach den passenden Worten. Stattdessen senkte sich eine Stille über sie, die anscheinend nur für sie unbehaglich war.
     Schließlich überwand sie sich aber und fragte: „Und warum willst du jetzt wirklich den Stamm verlassen?“


Lu hatte scheinbar nicht mit der Frage gerechnet. Er sah zumindest so aus und er brauchte auch eine ganze Weile, um zu antworten. Und dann sagte er nur: „Was meinst du?“
     „Na, du hast gesagt, dass du den Stamm verlassen willst, weil du hier angeblich keine Frau hast. Aber ich bin da. Und an mir hast du kein Interesse. Also, warum willst du den Stamm wirklich verlassen?“ Sie hatte da so eine Ahnung.
     Lu sah zuerst aus, als würde er jeden Moment kehrtmachen und einfach weglaufen, doch er blieb an Ort und Stelle. Und er entschloss sich dazu, sich Dana zu offenbaren. Immerhin wussten es ja auch schon Greta und Jin. Es spielte also keine Rolle mehr, ob es nun auch noch eine dritte Person erfuhr. Er war ja schon verwundert, dass Jin bislang niemandem etwas erzählt hatte. Und er selber war es leid, andauernd alle anzulügen. 
     „Weil ich… anders bin als andere Männer. Ich interessiere mich nicht für Frauen, sondern… für Männer.“ 
     Es war das erste Mal, dass er es aussprach. Und obwohl er sich schlecht dabei fühlte, war es, als würde eine ungeheure Last von seinen Schultern fallen.
     Dennoch war er verunsichert. Als er einen vorsichtigen Blick zu Dana wagte, sah er jedoch, dass sie überhaupt nicht überrascht aussah. Stattdessen fragte sie: „Du magst Tann, nicht wahr?“
     Lu errötete und er konnte sich nur zu einem Nicken bringen.
     „Weiß er es?“
     Er schüttelte erschrocken den Kopf.
     Jetzt war da Unverständnis auf ihrem Gesicht zu sehen. „Warum nicht?“
     Lu schämte sich so sehr. Er wollte dieses Thema nicht mehr bereden. Er wollte doch nur gehen und irgendwo eine Frau finden, die ihm gefiel. Oder irgendwo allein als Einsiedler leben, wenn es sein musste. 
     „Ich will nicht, dass Tann mich ablehnt“, sagte er in einem Ton, als wäre das selbstverständlich.


Aber das war es für Dana anscheinend nicht. „Und was ist, wenn er dich auch mag? Du wirst es jedenfalls nicht herausfinden, wenn du es ihm nicht erzählst!“ Plötzlich klang sie vorwurfsvoll. „Es ist auch nicht richtig, alle darüber zu belügen, warum du weggehst. Und glaubst du nicht, dass es mir gegenüber unfair ist, dass letztendlich alle mich dafür verantwortlich machen werden, weil ich mich nicht auf dich eingelassen habe?“
     Dazu konnte Lu nichts mehr sagen. Er starrte Dana nur mit offenem Mund an, bis diese schließlich abdrehte und ihn stehen ließ. Sie hatte ja recht. Sie hatte so, verdammt nochmal, recht. Aber was sollte er tun? Er wusste, dass es nicht normal war, was er wollte. In der Natur gab es Männchen und Weibchen und sie waren dazu bestimmt, sich miteinander fortzupflanzen. Das war bei ihnen nicht anders. Das war nur natürlich. Aber er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er das jemals wollen würde. Dass er jemals eine Frau wollen würde.


Lu verbrachte noch eine ganze Weile mit sich, seinen Gedanken und seiner Angst. Und er rang auch noch damit, als er sich dazu entschloss, ins Lager zurückkehren und mit Tann zu sprechen. Egal, was letztendlich richtig oder normal war, mit einem hatte Dana recht. Es war falsch, sie alle zu belügen. Also stellte er sich seinem besten Freund. 
     Er hatte Glück, dass er ihn gerade allein im Lager antraf. Das änderte trotzdem nichts daran, dass sich seine Beine wie schmelzender Schnee anfühlten. Er glaubte nicht, dass sie ihn noch sehr viel länger würden tragen können.
     Doch sie taten es. Er nahm noch einmal allen Mut zusammen und begann, Worte zu bilden. „Tann! Kann ich dich mal kurz sprechen?“ Als Tann nickte, wollte er fortfahren, aber sein Mund fühlte sich fusselig an.
     Nur nicht den Mut verlieren! Bleib bei der Sache! Sag es einfach!
     „Als ich sagte, dass ich weggehe, weil ich hier keine Frau habe, war das nur die halbe Wahrheit.“ Es war vollkommen gelogen! Was erzählte er nur? „Ich gehe weg, weil ich anders bin und ich mich von keiner Frau hier angezogen fühle. Ich hoffe aber in einem anderen Stamm eine zu finden.“ 
     ‚Feigling!, schallte es durch seinen Kopf.
     „Weißt du, ich habe auch darüber nachgedacht, dass ich dir vielleicht einfach helfen könnte, eine zu finden, fing Tann an. Was hältst du davon? Wir gehen los und suchen eine Frau für dich, die bereit ist, mit dir hier im Stamm zu leben.“


Sag ihm doch einfach die Wahrheit! Du hast es doch schon zwei Leuten erzählt! Zwei Leuten, die du nicht einmal sonderlich gut kanntest!
     Aber das war etwas ganz anderes!
     ‚Das war nichts anderes! Du bist nur ein Feigling!
     Und wenn schon! Dann war er halt ein Feigling! Warum nur meinten eigentlich alle immer in seinem Leben rumzustochern? Ihn mit Fragen zu löchern? Meinten zu bestimmen, was er tun sollte? Was er mögen sollte? Gretas Worte kamen ihm in den Sinn. „Wichtig ist nur, was du willst“, hatte sie gesagt und sie hatte, verdammt nochmal, recht damit.
     „Ich will aber keine Frau! Ich will einen Mann!“, gab er aufgebracht zurück. 
     Schon als die Worte seinen Mund verlassen hatten, durchfuhr ihn der Schrecken böse und er wollte nichts lieber, als einfach im Boden zu versinken. Aber es war zu spät. Er hatte es gesagt und er würde es jetzt nicht mehr zurücknehmen können. Nein, er wollte es nicht mehr zurücknehmen!
     Tann derweil sah natürlich irritiert aus. Vielleicht auch erschrocken. Lu war, und dafür war er sehr dankbar, noch zu sehr in seinem Trotz sich und der Welt gegenüber gefangen, um das mit Sicherheit sagen zu können. Er versuchte auch, Tann nicht direkt in die Augen zu schauen, um nicht doch letztendlich noch den Mut zu verlieren. „Du… weißt aber schon, dass ein Mann dir keine Kinder schenken kann?“, kam schließlich zögerlich von Tann.
     Jetzt wurde Lu wütend. „Natürlich weiß ich das! Ich bin doch nicht blöd!“ Die Frage ärgerte ihn.


Tann schien es nicht wirklich zu verstehen. Aber er machte das Beste daraus. „Naja, aber das ist ja trotzdem kein Grund zu gehen.“ Er hob unsicher die Schultern. „Ich meine, wenn du es den Anderen erzählst, werden sie bestimmt aufhören, dich damit zu nerven, dass du dir eine Frau suchen sollst.“
     „Nein, ich werde trotzdem gehen.“
     „Und warum?“
     Immerhin schien Tann ihn nicht abzulehnen. Aber irgendwie hatte Lu das auch nicht erwartet, wenn er so darüber nachdachte. Tann war viel zu diplomatisch dafür, um ein Mitglied seines Stammes abzulehnen, wenn derjenige nichts Gravierendes verbrochen hatte, selbst, wenn er denjenigen innerlich ablehnte. 
     Das machte Lu Mut. Genug Mut, damit er zögerlich gestehen konnte: „Es wird schwer für mich, wenn du erstmal eine Frau hast.“
     Tann verstand jetzt überhaupt nichts mehr. Seine Stirn lag in tiefen Falten und Lu konnte richtig sehen, wie er versuchte, sich einen Reim auf seine Worte zu machen. „Ich glaube, ich verstehe nicht…“, gab er schließlich zu.


Und das war der Moment, in dem Lu sich entscheiden musste. Der Moment, auf den es ankam. Wenn er es Tann sagte, würde er ihn ablehnen? Nicht nur seine Gefühle, sondern ihn als Person? Als das, was er war? 
     „Ich… fühle mich zu dir hingezogen, Tann…“ 
     Sein Herz fühlte sich an, als würde es jeden Augenblick versagen. Und Tann sah so aus, als hätte man ihm gesagt, dass er demnächst sterben würde.


Doch für Tann war die Sache eigentlich ziemlich klar, nachdem er den Schock über diese unerwartete Offenbarung erst einmal überwunden hatte. Lu war ein geschätztes Stammesmitglied. Er war ein grandioser Maler und der einzige, der die Geschichten ihres Stammes erzählen konnte und der sie festhielt. Wenn er gehen würde, würden sie ein wichtiges Mitglied ihres Stammes verlieren. Und niemand wollte, dass er ging. Mit Ausnahme von Jin.
     Zudem war Lu sein bester Freund. Er hatte ihm einst versprochen, seine rechte Hand zu werden und auch wenn Tann ihn bislang nicht daran erinnert hatte, plante er nach wie vor, Lu zu seinem Stellvertreter zu machen. Lu war vielleicht nicht wie andere Männer, aber er war schlau, er war besonnen und seine friedfertige Art würde Tann vielleicht eines Tages davon abhalten, etwas Dummes zu tun, das er und der Stamm bereuen würden.
     Und dann war da natürlich letztendlich noch die Sache, dass Tann neugierig war. Seitdem seine Stimme gebrochen und er ausgewachsen war, hatte er sich paaren wollen. Aber bislang hatte er keine Gelegenheit dazu gehabt. Er hatte auch nie daran gedacht, das mit einem Mann zu tun. Er hatte ja nicht einmal eine Ahnung, ob das überhaupt ging. Aber dennoch war er neugierig genug, es herausfinden zu wollen. Mal ganz davon abgesehen, dass er damit sogar das Versprechen Tanna gegenüber halten würde. Denn Lu konnte als Mann ja nicht schwanger werden.
     Als Tann an diesem Tag zu Lu aufsah, der noch immer mit hochrotem Kopf auf seine Füße starrte, hatte er noch keine Ahnung von Liebe. Jemandem nahe zu sein, bedeutete für ihn nur Fortpflanzung oder Spaß. Oder beides. Er war noch nie in seinem Leben verliebt gewesen und deshalb kam es ihm auch nicht in den Sinn, dass er vielleicht dabei war, etwas zu tun, das seinem besten Freund das Herz brechen könnte. Denn Lu war sehr wohl bereits verliebt gewesen. Er wusste, wie sich das anfühlte und er wusste, dass er Tann liebte.
     „Wie… soll das gehen?“, fragte Tann schließlich unsicher.


Lus Gesicht hellte sich zögerlich auf, als er Tanns Worte vernahm. Aber noch wagten es die Wolken nicht gänzlich, der Sonne Platz zu machen. 
     „Ich… weiß auch nicht…“ 
     Dann erst wurde ihm gänzlich bewusst, was gerade eigentlich geschah. Tann schien wirklich zu überlegen, sich auf ihn einzulassen. Er konnte nicht verhindern, dass die Hoffnung daraufhin sprunghaft in ihm aufkeimte.
     Ohne lange zu überlegen, war er an Tann herangetreten und als er seinem besten Freund so nahe war, wie noch nie zuvor, wurde ihm ganz anders. In diesem Moment wusste er, dass es richtig war. Er war nie falsch gewesen. Vielleicht anders, aber niemals falsch. Das, was er fühlte, war richtig. Das war er. Und egal, ob Tann seine Gefühle letztendlich erwidern würde oder nicht, schon allein für diese Erkenntnis würde er seinem besten Freund ewig dankbar sein.
     „Vielleicht sollten wir es herausfinden“, sagte er.


Am nächsten Morgen wurden sie unsanft von einem infernalischen Heulen geweckt. Lu war glücklich in Tanns Armen eingeschlafen, aber sie hatten sich schon lange wieder voneinander gelöst gehabt, als Tann neben ihm aufgeschreckt in die Höhe fuhr. Während Lu sich selber noch den Schlaf aus den Augen rieb, verdeckte die Statur seines Freundes die Sonnenstrahlung bereits wieder, die er zuvor hereingelassen hatte.
     Lu folgte ihm kurz darauf und musste dann, zu seinem Erstaunen, feststellen, dass es ausgerechnet die stille Lulu war, die den Heidenlärm von sich gab. Ihre Mutter und alle anderen standen um sie herum und versuchten gerade, das heftig weinende Mädchen zu trösten.


Aber erst, als Lu neben Tann getreten war, erfuhr er den Grund ihres Ausbruchs. „Sie ist traurig, dass Lu den Stamm verlassen will“, erklärte seine Mutter.
     Lu hatte schon bemerkt, dass Lulu zu kaum jemandem im Stamm eine wirkliche Bindung besaß. Sie war zurückgezogen und in sich gekehrt. Sie war eine Außenseiterin, genauso, wie er damals. Wenn auch aus anderen Gründen. Er hatte deshalb in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich ihrer anzunehmen, damit sie nicht ganz den Anschluss verlor. Aber sie war nach wie vor ruhig und verschlossen. Lu hätte deshalb niemals gedacht, dass es ausgerechnet Lulu so traurig machen würde, wenn er nicht mehr da wäre.


Jetzt aber lächelte er mild und sagte: „Wenn dich das so traurig macht, kann ich natürlich nicht gehen.“ Er wollte am liebsten nie mehr von Tann getrennt sein.
     Seine Nachricht brauchte einen Moment, dann aber schlug sie ein. Seine Mutter brach sofort in einen regelrechten Freudentaumel aus, als er ihr bestätigte, dass er nicht gehen würde und auch auf den Gesichtern der Anderen breitete sich ein Lächeln aus. Selbst Lulu trocknete ihre Tränen schließlich wieder und lächelte schüchtern. Nur Jin schien nicht sonderlich erfreut. Doch er behielt seine Gedanken diesmal lieber für sich. 
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Hier weiterlesen -> Kapitel 15

Tann ist sehr viel offener in seiner Sexualität, als Jin oder Lu. Bleibt nur zu hoffen, dass er Lu nicht eines Tages das Herz brechen wird. Noch sieht Tann das Ganze ja als reinen Spaß an. Er weiß noch nichts von der Liebe und hat auch noch keine Ahnung, was das überhaupt sein soll. Es bleibt abzuwarten, was aus Tann und Lu noch werden wird. 
Nächstes Mal geht es auf jeden Fall mal ein bisschen weiter. Der Stamm wird sich ein wenig verändern und Lu wird mit dem ersten Problem konfrontiert, das seiner Liebe zu Tann im Weg steht.

Am Ende (?) haben also weder Jin, noch Lu den Stamm verlassen. Auch wenn Jin Greta wohl ziemlich wütend gemacht hat. 

Heute wieder nichts Neues zu berichten. In dem Sinne verabschiede ich mich und bis zum nächsten Mal! 
               

Kommentare:

  1. Ich finds herrlich wie der Frauenschwarm um Tann herumwieselt & um ihn schachert. Selbst nach dem längst überfälligen Ausbruch, intressiert es ja kaum jemanden, nur um am Ende dann doch unerwarteterweis bei Lu zu landen. Tann ist wirklich überdiplomatisch & scheint JEDEN glücklich machen zu wollen xD !
    Ansonsten; Dana erinnert mich mit der Frisur & Statur total an die Eiskönigin Elsa. Bewußt so gemacht?
    PS: Schön wie die Hunde (+ ein Pferd!) wieder rumschleichen im Hintergrund =D !

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    1. Wieso muss ich mir jetzt Luma & Co. als kleine Zerglinge vorstellen, die alle um Tann herumschwirren XD?
      Tja, Tann nimmt seine Aufgabe als Stammesführer ein bisschen zu genau. Irgendwo hab ich ja schonmal geschrieben, dass er da aufpassen muss, nicht jemandem wehzutun, dem er eigentlich helfen wollte.
      Nein, der Danasim hat eine etwas andere Herkunftsgeschichte. Nur so viel, dass es sie (im weitesten Sinne) schon lang vor Elsa gab. Ende 2009 oder so, glaube ich. Also sie wird jetzt nicht bald ihre Haare öffnen, sich magisch umziehen und "Let it go" singen XD.
      PS: Du solltest eine Strichliste machen, wie oft da irgendwelche Hunde im Hintergrund rumrennen. Ich sag dir, ich habe die wirklich auf freien Willen, aber anscheinend ist ihre Lieblingsbeschäftigung, Fotobomber (sagt man das so im Deutschen?) zu spielen...

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Prolog

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