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Dienstag, 9. Januar 2018

Kapitel 12 - Anders als alle anderen




Die Sonne stand längst warm und hell am Himmel, als Jin an diesem Morgen aus dem Zelt trat. Für einen Herbsttag war es ungewöhnlich heiß, befand er. Was wäre also besser, als die Abwesenheit ihres Stammesführers für einen faulen Tag am Strand zu nutzen? Den ganzen Tag zu fischen oder in der Sonne zu liegen, ab und an ins kühle Nass zu verschwinden, stellte er sich jedenfalls spaßiger vor, als einen weiteren Tag im Lager zu versauern und darauf zu warten, ob Enn sich jetzt endlich dazu entschied zu sterben oder gesund zu werden.
     Doch noch während er sich frohen Mutes Richtung Strand aufmachte, stach ihm etwas ins Auge, das ihm die gute Laune sofort wieder vermieste. Es war etwas, oder besser gesagt jemand, der ihm schon seit geraumer Zeit immer mehr auf die Nerven ging: Lu, das mit Abstand nutzloseste Mitglied ihres Stammes. Er tat nichts anderes, als den ganzen Tag irgendwo Farbe draufzuschmieren und Jin war sich auch sehr sicher, dass er sich insgeheim über seinen fruchtlosen Versuch, bei dieser eigensinnigen Dana zu landen, lustig machte. Oder warum versuchte er es nicht mal bei ihr, damit er etwas zum Lachen hatte?


Vielleicht sollte er Tanns Abwesenheit doch lieber dazu nutzen, Lu endlich einen Tritt in den Hintern zu verpassen. Ohne lange zu fackeln, stand er im nächsten Moment vor dem Subjekt seines Unmutes. Er schob sich zwischen Lu und seine Schmierereien und brachte den anderen Jungen dazu, seine Werkzeuge fallen zu lassen und wie ein aufgeschrecktes Huhn vor ihm zurückzuweichen. Dann jedoch schien der Feigling seine Fassung wiederzuerlangen. 
     „Kannst du nicht wenigstens einmal was nützliches machen?“, ging er seinen Gegenüber barsch an. „Als Mann solltest du jagen und fischen gehen, anstatt hier deinen doofen Unsinn zu machen oder mit den Frauen sammeln zu gehen!“
     Lu war zunächst zu überrumpelt, um etwas zu sagen. Und als er sich schließlich wieder gefangen hatte, wusste er nicht einmal, was er sagen sollte. Er hatte schon lange darauf gewartet, dass Jin ihm gegenüber wieder ausbrechen würde. Er hatte sich die letzte Zeit immer wieder bei Tann über ihn und seine Nutzlosigkeit beschwert, wie er mitbekommen hatte. In Jins Weltbild hatte ein Mann nichts anderes zu tun als zu jagen, zu fischen und sich fortzupflanzen. Und er wusste, dass es mehr als vergebliche Liebesmüh war, Jin erklären zu wollen, dass dies nicht unbedingt das Leben aller Männer dieser Welt ausmachte.
     Letztendlich blieb Lu deshalb stumm. Jin war zu engstirnig, um etwas zu verstehen, das nicht in seine Vorstellungen passte. Aber er hatte ja auch ein bisschen recht. Lu hatte sich lange vor der Jagd gedrückt, aber er wusste auch, dass er das nicht ewig tun konnte. Es konnte eine Zeit kommen, in der es vielleicht unabdingbar war, dass er ebenfalls mit auf die Jagd ging. Und selbst die Frauen konnten, wenn es darauf ankam, ein Tier erlegen. Nur er nicht.
     Also beschloss er an diesem Tag, den ersten Schritt zu gehen. Obwohl er sich besseres vorstellen konnte, als ausgerechnet mit Jin fischen zu gehen, wusste er auch, dass sein jüngerer Bruder ungeschlagen darin war, Fische aus dem Wasser zu holen. Außerdem hoffte er, sich endlich genug beweisen zu können, damit er ihn in Zukunft in Ruhe ließ.   


Doch trotz seiner eigenen Vorhaltungen, war es ausgerechnet Jin, der zuerst seine Fellwickel von sich warf und freudig grölend ins Wasser sprang. Lenn folgte ihm und kurz darauf konnten sie beide Jungen beim fröhlichen Planschen beobachten. Vom Fischen war keinerlei Rede mehr. Lu verkniff sich einen Kommentar dazu. Er fühlte sich schon unbehaglich genug. Nur Tanna konnte es nicht lassen, sich über die beiden Müßiggänger zu empören. Wie üblich spielte sie den Spielverderber.
     „Also wirklich! Wir können nicht einfach den ganzen Tag verplempern! Es ist schon Herbst und wir müssen Vorräte anlegen!“, rügte sie die beiden Anderen. Selber schien sie aber auch nicht daran zu denken, einen Finger zu krümmen. Lediglich Lulu war inzwischen unbeirrt beim Angeln.  


„Ach, lass uns doch auch mal Spaß haben!“, wehrte Jin ab. „Ich hab schon genug Vorräte besorgt. Jetzt seid ihr mal dran.“ 
     Allen voran Lu, dachte er sich. Doch er behielt seine Gedanken lieber für sich. Stattdessen wurde er jetzt auf einen feuerroten Schopf aufmerksam, der sich ihnen näherte. „Na, hallo! Was haben wir denn da?“
     Das war seine Chance. Seine Chance, endlich bei einer exotischen Schönheit zu landen. Oder zumindest, sich vor den anderen zu beweisen. Sein Blick glitt zu Lu hinüber, der Schlimmes ahnte, und er grinste herausfordernd.


Tannas bösen Blick ignorierend, trat er an Lu heran und forderte ihn heraus: „Siehst du die da hinten? Die mit den roten Haaren? Die werde ich mir jetzt schnappen! Also schau mal lieber ganz genau zu und lerne, damit du auch mal irgendwann eine Frau abkriegst!“
     Lu hatte ein schiefes Lächeln aufgesetzt, das Jin nur zu gerne als Unsicherheit auffasste, das in Wahrheit jedoch bemitleidend gemeint war. Sie alle wussten, wie das wohl enden würde. 
     „Vielleicht solltest du dir aber vorher was anziehen“, riet er Jin jedoch nur.
     Der lachte bloß. Ließ sich dann aber doch dazu hinab, seine Lenden wieder mit Fellen zu bedecken. „Ich will sie ja nicht gleich umhauen.“ Er grinste überheblich.


Dann konnten sie alle mit ansehen, wie Jin zu der feuerroten Schönheit namens Ana hinüberging und eindrucksvoll von ihr abgewimmelt wurde. Ja, mehr noch, schien das Subjekt seiner Begierde überhaupt nicht glücklich über seine Anmache zu sein. Lu wollte gar nicht wissen, was Jin diesmal wieder gesagt hatte. Er hatte schon genug von Dana mitbekommen, worüber er nur den Kopf schütteln konnte. Ana jedenfalls machte ihn gerade gehörig zur Schnecke, während Jin immer kleiner wurde und wäre es nicht so mitleiderregend gewesen, hätte Lu sicherlich lauthals gelacht.


Doch als Jin kurz darauf wieder zu ihnen zurückkehrte, war von Einsicht keine Spur zu sehen. „Die hat genauso wenig Ahnung wie Dana!“ Er machte ein abfälliges Geräusch. Dann kehrte das blöde Grinsen auf sein Gesicht zurück und Lu wusste sofort, dass das nicht gut für ihn ausgehen würde. „Also, dann bist du jetzt dran!“
     Davon war nie die Rede gewesen! Aber für Jin war es wohl offensichtlich klar, dass Lu sich jetzt bei dem angeblich schwierigen Mädchen versuchen würde, an dem er zuvor noch gescheitert war. Wahrscheinlich wollte er sich nur über ihn lustig machen, wenn Ana ihn ebenfalls zur Sau machte.


Doch Lu kam nicht einmal dazu, seine Meinung kundzutun. Im nächsten Moment brach Jin in schallendes Gelächter aus. „Du traust dich nicht, was? Hast wohl Angst vor Frauen! Feigling!“
     Er lachte noch eine ganze Weile und auch Tanna schien nichts mehr von ihm zu erwarten. Sie gähnte genüsslich und verkündete dann, nach Hause zu gehen. Soviel dazu, dass sie Vorräte brauchten. Auch Lenn hatte sich inzwischen von ihnen abgewandt und zu fischen begonnen. Unter Jins schadenfrohem Lachen machte sich Tanna davon. 
     Sie alle erwarteten nichts anderes von Lu, als dass er kniff. Und das ärgerte ihn. Er war kein Feigling! Er hatte keine Angst vor Frauen! Er wollte nicht jagen gehen, ja, wollte sich nicht paaren, aber er hatte vor nichts davon Angst!                


„Fein! Ich werde dir zeigen, wie man es richtig macht!“, verkündete er also genervt.
     Doch sein Mut bekam sogleich einen Dämpfer, als Jin das so überhaupt nicht zu kümmern schien. „Bitte! Versuch dein Glück!“ Er nahm ihn nicht ernst. Er glaubte nicht einmal daran, dass er es schaffen würde. Und plötzlich war da doch eine merkwürdige Angst in Lu.
     Als Jin ihn ansah, setzte Lu seine wütende Maske wieder auf, aber innerlich war er nach wie vor zerrüttet. Was war nur los mit ihm? Er hatte nie Probleme damit gehabt, mit Frauen zu reden. Vor allen Dingen, da er kein Interesse daran hatte, sich mit ihnen zu paaren. Das war nach wie vor so, aber seine Beine waren dennoch weich, als er zu Ana hinüberging. Er musste unterwegs ein paarmal schwer schlucken, um den Kloß in seinem Hals herunter zu bekommen. Doch es war vergeblich.


Als Ana ihn aber erblickte, sah sie ihm unwillig entgegen und das beruhigte Lu merkwürdigerweise so weit, dass er wieder sprechen konnte. Aber was sollte er sagen? 
     Also stellte er sich erst einmal vor und sagte dann: „Ich wollte mich für meinen Bruder entschuldigen.“ Wie sich herausstellte, hatte er anscheinend immer noch keine Probleme, mit Frauen zu reden. „Ich weiß nicht, was er zu dir gesagt hat, aber wie ich ihn kenne, war es sicherlich etwas total Dämliches und Unpassendes.“ Er konnte es aber auch nicht lassen, Jin ein wenig in Misskredit zu bringen. Dafür hatte der Jüngere ihn einfach zu sehr geärgert. „Er ist nicht der Hellste, weißt du.“


Ana legte daraufhin ihre Angel zur Seite und begann zu kichern. Lu war erleichtert. 
     „Ja, das war wirklich blöd. Aber ist nicht weiter schlimm. Ich kenne solche Kerle schon.“
     Dann plötzlich stemmte sie eine Hand in die Hüfte und begann, ihn von oben bis unten zu mustern. Jetzt fühlte sich Lu wieder unbehaglich. 
     „Aber du bist mir schon bei eurem Fest letztens aufgefallen. Du scheinst in Ordnung zu sein.“ 
     Oh, ja, jetzt war er beunruhigt. 
     „Also gegen dich hätte ich ja nichts.“ 
     Nein, ihm gefiel überhaupt nicht, in welche Richtung dieses Gespräch ging.


Sie wandte sich ihm vollends zu. „Du suchst nicht gerade zufällig jemanden, oder?“
     Lu ging auf Abstand. Er wollte alles andere, als jetzt tatsächlich auch noch Erfolg bei Ana zu haben. Sicher, er hatte sich vorhin noch groß aufgespielt, aber momentan wollte er doch lieber später Jins Hohn über sich ergehen lassen, als plötzlich eine Frau an der Backe zu haben.


Doch noch während er sich überlegte, ob er Ana einfach anlügen oder sie vorsichtig abweisen sollte, geriet Jin in sein Blickfeld. Und zu seiner unendlichen Genugtuung konnte Lu feststellen, dass Jin doch tatsächlich überrascht war. Ja, er sah sogar aus, als würden ihm beinahe die Augen vor Ungläubigkeit aus dem Kopf fallen. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, aber Lu, den er immer nur verhöhnt hatte, hatte Erfolg gehabt, wo er versagt hatte. Das konnte Lus große Stunde werden. Seine Chance, es Jin heimzuzahlen.


Also wandte er sich wieder an Ana und sagte etwas so Dummes, das es fast schon von Jin hätte kommen können: „Bei dir sage ich nicht nein.“
     Schon als es seinen Mund verlassen hatte, wollte Lu nichts lieber, als die Zeit zurückzudrehen und sich selber dafür eine saftige Ohrfeige zu verpassen. Er konnte nicht fassen, was er gerade gesagt hatte. Auf was hatte er sich da nur eingelassen?
     Natürlich war Ana geschmeichelt. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie kam näher. Viel zu nahe, für Lus Geschmack. „Wie wäre es, wenn wir zwei uns dann vielleicht eine ruhige Ecke suchen würden?“


Ja, er konnte nicht fassen, was er da losgetreten hatte. Aber was sollte er tun? Er konnte jetzt nicht einfach kneifen. Jin würde ihm das ewig vorhalten und Ana wollte er auch nicht verletzen. Aber es musste sein. Nur nicht hier. Nicht vor all den anderen.
     Also folgte er Ana, die ihn zum anderen Ende des Strandes führte. Der Weg dorthin kam ihm viel zu kurz vor und es war, als sei er unterwegs, um sich mit einem Rudel hungriger Wölfe anzulegen. In seiner eigenen Panik bemerkte er nicht einmal, wie Jin ihnen in nicht sehr sicherem Abstand folgte. Doch Ana schien ihn auch nicht zu bemerken.


Als sie schließlich eine einigermaßen sichtgeschützte Ecke erreicht hatten, blieb Ana wieder stehen und Lus Herz tat es ihr beinahe gleich. Sie drehte sich um und erwartete ihn. Sah ihn an. Wartete. Und Lu konnte nichts anderes tun, als auf seine Füße zu starren und angestrengt zu überlegen, was er nun tun, was er sagen sollte.
     Und dann schließlich fasste er einen Entschluss. Er hatte sie abweisen wollen, aber tief drinnen wusste er, dass es irgendwann geschehen musste. Seine Mutter hatte noch nicht angefangen, ihn zu drängen, aber er hatte schon das ein oder andere Mal gehört, wie sie mit jemandem darüber gesprochen hatte, dass sie sich Sorgen machte. Sorgen, dass Lu überhaupt keine Anstalten machte, sich zu paaren. Er wusste, dass es falsch war. Er wusste, dass er es irgendwann tun musste. Aber er hatte sich bislang nie dazu überwinden können. Es war wie mit der Jagd. Etwas, das ihn anders machte als alle anderen. Und er wollte das nicht mehr. Er war es leid. Die Blicke, die Worte. Jin, der ihn andauernd bedrängte.


Also ging er Ana entgegen, als die schließlich auf ihn zukam. Der Kloß in seinem Hals war verschwunden und in seinen Magen gerutscht, aber er ignorierte ihn nach besten Willen. Die Stimme, die in seinem Kopf unaufhörlich schrie, dass es falsch war. Dass er aufhören sollte. Er griff nach Anas Armen, ließ sie wieder los. Dann machte sie den ersten Schritt und ihre Lippen trafen sich. Es fühlte sich so falsch an.
     Trotzdem lächelte er. Er lächelte auch noch, als sie ihn weiter berührte. Als sie anfing, sich auszuziehen. Warum nur konnte sie nicht warten? Er wollte die Stimme in seinem Kopf niederschreien, aber er blieb stumm und versuchte, weiter zu lächeln. Doch sein Lächeln wurde immer schiefer, immer falscher. Es war zum Heulen.


Und als sie schließlich nackt vor ihm stand, war es vorbei. Er konnte nicht mehr. Er wollte das nicht mehr. Wollte nicht mehr sich oder sie belügen. Er wollte sie abweisen, wollte es erklären, aber alles, was er tun konnte, war, sie anzustarren.
     Dann stand sie wieder vor ihm und hatte die Arme um ihn gelegt. Sie küsste ihn erneut, aber es fühlte sich an, als hätte sie ihn im Schwitzkasten. Als würde sie ihm jegliche Luft zum Atmen nehmen.


 Als er ihre Finger an seiner Hose spürte, stieß er sie schließlich von sich. „Ich… kann nicht. Tut mir leid!“, war alles, was er herausbekam. 
     Dann war er herumgewirbelt und war gerannt, als wären zehn Bestien hinter ihm her. Er hatte sie einfach stehen gelassen. Er konnte nicht fassen, dass er das getan hatte.
      Jin derweil zuckte ertappt zusammen, als Lu splitterfasernackt direkt an ihm vorbeilief. Er hatte es sich gerade bequem gemacht, um ein wenig zu spannen, als es schon wieder vorbei gewesen war. 
     Doch anscheinend schien Lu ihn nicht gesehen zu haben. Zumindest rannte er geradewegs an ihm vorbei. Er hatte Ana, die noch immer ohne Kleider an Ort und Stelle stand, und die gerade überaus wütend aussah, stehen gelassen und war davongelaufen. Und Jin konnte nicht glauben, dass er das getan hatte. Er hätte alles getan, um endlich eine Frau zu kriegen und Lu, der Vollidiot, lief einfach kurz vor der Paarung davon.


Jin konnte nicht verstehen, warum Lu das getan hatte. Er hatte lange nachgedacht und einfach keine Antwort gefunden. Also war er Lu nachgelaufen, um es herauszufinden. Da er noch immer der Schnellste war, hatte er den Fliehenden bald wieder eingeholt. Als er ihn fand, sah Lu so aus, als könnte er selber nicht glauben, was er gerade getan hatte. Er hatte sein Gesicht in den Händen verborgen und reagierte nicht.
     „He, Blödmann! Was sollte das denn gerade?“ Doch Lu ignorierte ihn weiterhin.


Das ärgerte Jin. Also trat er an den Anderen heran und schubste ihn. Daraufhin erwachte Lu endlich aus seiner Starre und wandte sich ihm zu. In seinem Gesicht stand eine Wut geschrieben, die Jin dort, ehrlich gesagt, nicht erwartet hätte. Nicht, dass ihn das auch nur im Geringsten kümmerte.
     „Ich hab dich was gefragt, also antworte gefälligst! Warum rennst du denn weg, wenn das Mädchen bereit war, sich mit dir zu paaren? Bist du bescheuert?“ Es machte ihn so unglaublich wütend, dass Lu etwas mit Füßen trat, was er haben wollte.


Lu war bislang immer ruhig geblieben. Wenn er ihn angegangen war, hatte er höchstens mal verängstigt reagiert. Wenn überhaupt. Doch diesmal war das anders. Diesmal war etwas ganz anders. Lu starrte ihn an, als würde er ihm jeden Moment den Hals umdrehen.
     „Was ist eigentlich dein Problem, hä?“, fragte er schließlich. „Kannst du dich nicht einfach um deinen eigenen Dreck kümmern und mich in Ruhe lassen?“
     Sollte das echt eine Frage sein? „Wenn du mal anfängst, dich wie ein normaler Mann aufzuführen, dann lass ich dich auch in Ruhe.“
     „Das geht dich alles nichts an!“, gab Lu aufgebracht zurück. Es reichte ihm. Er wurde immer lauter. „Und wenn ich den ganzen Tag nur auf der faulen Haut liegen würde, geht dich das nichts an! Du bist nicht unser Stammesführer! Also bleib mir endlich vom Leib und kümmere dich um deinen eigenen Kram, du dämliche Nervensäge!“
     Damit war Lu aber schließlich zu weit gegangen. Nicht, dass es wirklich viel brauchte, um Jin gegen sich aufzubringen. „Sag mal, willst du dich etwa mit mir anlegen?“
     „Ich will mich nicht mit dir anlegen, ich will, dass du mich, verdammt noch mal, in Ruhe lässt!“
      Jin ballte seine Hand zur Faust. „Ich glaube eher, dass du mal ein bisschen Prügel vertragen könntest, um normal zu werden!“


Etwas in Lu brannte durch, als er das hörte. Bevor er wusste, was er tat, war er vorgetreten und hatte Jin die flache Hand ins Gesicht geschlagen. Der war selber so überrascht davon, dass sie einen Moment nichts anderes taten, als sich anzustarren.


Und dann ging Jin auf ihn los. Lu ging unsanft zu Boden und er hatte keine Chance gegen das Gewicht des Anderen, als der sich auf ihn setzte. Er hob seine Hand, um sich zu verteidigen, aber er wusste, dass es sinnlos war.
     Also schloss er die Augen und erwartete den Schlag. Es war ihm alles so egal. Alles war plötzlich so nebensächlich geworden. Der Knoten in seinem Bauch schwelte noch immer und pochte ab und an widerlich. Aber dann war da nur noch Wärme. Er entspannte sich. Wollte vergessen. Vielleicht war das nur ein Traum. Vielleicht würde er bald erwachen und alles wäre wieder normal. Er hätte Ana nicht abgewiesen und Tann wäre wieder da. Er wollte so sehr, dass Tann wieder da war und ihn beschützte. So wie damals. Die Wärme breitete sich in ihm aus, lullte ihn ein und er wurde schläfrig.


Plötzlich verschwand das Gewicht, das ihn niederdrückte. Die Wärme erlosch und es blieb nichts, außer Kälte und einem dumpfen, schmerzhaften Pochen an seiner Wange. Als er die Augen wieder öffnete, stand Jin mit weit aufgerissenen Augen über ihm. Er hatte ihn geschlagen.
     Aber da war keine Genugtuung in seinem Blick. Keine Wut mehr. Nur Verunsicherung. War das Angst in seinen Augen? Er starrte ihn an. Starrte hinab.


Dann hob er abwehrend die Hände und Ekel erschien auf seinem Gesicht. „Bleib mir bloß vom Leib! Ich bin doch keine Frau!“, sagte er nur.
     Und da kehrte der Knoten in Lus Magen zurück. Es durchfuhr ihn eiskalt, als die Erkenntnis ihn traf. Als er endlich verstand, was los war. Er zog die Beine an den Körper, versuchte es zu verstecken, auch wenn das nicht länger nötig war. Der Schrecken hatte bereits dafür gesorgt.


Im nächsten Moment war Jin auf und davon. Als er ihm nachsah, war es ihm beinahe so, als sehe er sich selber vor Ana davonlaufen. In jeder anderen Situation hätte er über diese Ironie bestimmt gelacht, aber das Lachen war ihm im Halse stecken geblieben.


Momentan schien es ihm eher so, als würde er nie wieder lachen können. Er hatte schon bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Es waren nicht die Frauen, die ihn nicht interessierten, sondern die Momente, in denen er mit Tann am Strand gewesen war. Als der andere Junge sich ausgezogen hatte. Das hatte etwas mit ihm gemacht. Etwas in ihm bewirkt, was keine Frau bei ihm auslösen konnte. Und er wusste, dass das nicht normal war. Warum nur war er so anders? Warum war er immer nur anders als alle anderen? Was nur stimmte nicht mit ihm?
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Hier weiterlesen -> Kapitel 13 

Menschen, die anders sind. Minderheiten. Sie wurden leider schon immer von anderen ausgeschlossen, verfolgt, gequält und getötet. Das war damals so und das ist sogar, trotz unserer angeblichen Aufgeklärtheit, heute noch viel zu oft so. 
Ich könnte seitenlange über dieses Thema schreiben, aber da ich das schon in meiner Geschichte noch zur Genüge tun werde, bleibe ich gleich mal dabei und stelle die Fragen in den Raum: Was wird Lu jetzt tun? Wird er sich verleugnen und ein Leben in Lüge führen oder wird er zu sich stehen? Vor allen Dingen in einer Zeit, in der das wichtigste Überleben und Fortpflanzung zu sein scheint.

Dieses Kapitel war ziemlich schwierig für mich, zu schreiben. Ich finde es ja schon schwierig genug, aus Sicht des anderes Geschlechtes zu schreiben. Dennoch liegt mir dieses Kapitel am Herzen, wie mir auch Lu am Herzen liegt. Ihr wisst ja, dass er mein Lieblingssim ist. Leider gehen meine Lieblingscharaktere oft durch schwere Zeiten. Ich möchte echt nicht von mir gemocht werden...
Ich hoffe jedenfalls, dass ich gut rüberbringen konnte, was ich rüberbringen wollte. 

Ana tut mir auch leid, aber ich mache es wieder gut bei ihr. Und was Jin angeht: Es bricht mir echt immer wieder das Herz, die beiden Brüder so zu sehen =(.

Viel mehr möchte ich heute auch nicht dazu schreiben. Hab die nächste Zeit auch keine Outtakes. Passierte einfach nichts erwähnenswertes.
In dem Sinne, verabschiede ich mich und bis zum nächsten Mal! 

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Prolog

  Ich werde ziemlich unterschiedliche, auch weniger schöne Themen behandeln, dabei aber ohne Blut oder bildhafte Darstellungen von ...