Neuigkeiten

Hallo und herzlich willkommen bei meinem Blog! Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Neu hier? Dann hier anfangen.
Wulfgars Geschichte jetzt komplett online!

Donnerstag, 11. Januar 2018

Kapitel 13 - Greta




Tann und seine Begleiter schafften es noch bevor die Sonne ihren Abstieg hinab zum Horizont antrat ins Lager zurückzukehren. Der Nebel hatte sich inzwischen zurückgezogen und Tann fand sogar ohne Danas Hilfe den Weg. Kaum, dass sie den Wald verlassen hatten, hatte er dann auch wieder die Führung übernommen und er hatte sich arg zügeln müssen, den Mädchen nicht davonzulaufen.
     Als sie das Lager dann schließlich erreichten, erwartete seine Mutter sie schon ungeduldig. Sie hatte einen merkwürdigen Hut auf dem Kopf, aber ihr beunruhigter Gesichtsausdruck lenkte ihn sofort wieder davon ab. Der Zustand seines Vaters hatte sich anscheinend nicht gebessert.


„Wie geht es ihm?“, fragte er sogleich nach.
     „Es wird immer schlimmer. Wenn wir ihm nicht bald helfen können, dann…“ Sie brach ab. Man konnte sehen, dass es ihr schwer fiel, darüber zu sprechen, dass Enn vielleicht sterben würde.
     Das war alles, was Tann wissen musste. Er verschwendete keine weitere Zeit und verwies sofort an Greta. Die trat daraufhin an seine Seite und stellte sich vor. „Ich hoffe, dass ich helfen kann.“
     Luma nickte ihr zu und wies dann hinter sich. Die Situation war derart drängend, dass sie jegliches Misstrauen allem gegenüber, was mit Dana zu tun hatte, längst abgelegt hatte. Sie hatte sich in ihrer Verzweiflung sogar an die Geister gewandt, auch wenn diese ihr nicht geantwortet hatten. Jetzt war nur noch wichtig, dass Enn wieder gesund wurde. Selbst Dana ließ sie mitkommen, als Greta ihr ein Zeichen gab zu folgen. Zusammen verschwanden die drei Frauen im Zelt.


Zurück blieben Tann und Jin, der die ganze Szene bislang schweigend beobachtet hatte. Als der Stammesführer sich jedoch aufmachte, um in sein eigenes Zelt zu verschwinden, fing ihn der Jüngere ab.
     „Ich muss mit dir über was reden, Tann“, begann er. Normalerweise hatte Jin kaum etwas Beunruhigendes zu sagen. Deswegen war Tann ziemlich überrascht, als er forderte: „Du musst Lu aus dem Stamm werfen!“
     Tann hatte natürlich schon mitbekommen, dass sich Lu und Jin nicht wirklich verstanden. Oder besser gesagt, Jin nicht damit einverstanden war, dass Lu so überhaupt nicht war wie er. Aber dennoch hatte er nicht damit gerechnet, dass die Situation so schnell eskalieren würde. Was war nur geschehen, während er fort gewesen war? 
     „Und weshalb sollte ich das tun?“, fragte er nach.
     „Weil er…“ Jin unterbrach sich und schien nachzudenken. Tann konnte sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass er aussah, als würde er sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. „Er ist einfach nicht normal!“


Tann verschränkte die Arme vor der Brust. „Weil er nicht mit jagen geht?“
     „Wenn es nur das wäre!“ Jin rümpfte die Nase, sagte aber nichts weiter dazu. Tann gab ihm noch einen Moment, aber er blieb stumm.
     „Also wenn du mir nicht sagst, was los ist, kann ich nichts tun.“
     „Wirf ihn einfach raus und gut ist!“
     „Nein, Jin, das werde ich nicht tun! Und ehrlich gesagt ist es an der Zeit, dass du langsam auch mal mit deiner Feindseligkeit Lu gegenüber aufhörst! Wir sind ein Stamm und in einem Stamm ist Zusammenhalt wichtig! Lu geht vielleicht nicht mit uns auf die Jagd, aber er geht mit den Frauen sammeln und trägt seinen Teil zum Stammesleben bei, wie jeder andere auch. Er hat dir nichts getan, Jin!“ Er hatte dieses Gespräch schon so oft mit dem Anderen geführt und er war es langsam aber sicher leid.
     Doch Jin machte natürlich dicht. Lu hatte ihm sehr wohl etwas getan. Zumindest fühlte er sich angegriffen. Nur konnte er das Tann schlecht sagen. Er wusste ja selber nicht einmal so genau, was eigentlich passiert war. Was mit Lu nicht stimmte. Alles, was er wusste, war, dass er davon nichts wissen wollte.
     Da er jedenfalls nicht wusste, wie er Tann etwas klarmachen sollte, was er selber nicht verstand, sah der Stammesführer das Gespräch als beendet an. Ohne ein weiteres Wort ging er an dem Jüngeren vorbei und trotz dem, dass es Jin gegen den Strich ging, blieb er stumm.


Doch damit war die Sache noch lange nicht erledigt. Er hatte zwar Jin abgewimmelt, aber Lu hatte seine ganz eigene Überraschung für ihn parat, als er zurückkam. Er kam mit Tanna und Tara zurück ins Lager, und nachdem Tann beide begrüßt hatte, sah er schon anhand ihrer Gesichter, dass tatsächlich etwas Größeres vorgefallen sein musste.


Als Mutter und Tochter sich kurz darauf zurückgezogen hatte, erhielt Tann dann endlich die Gelegenheit, mit Lu selber zu reden. Hoffentlich war sein Freund mitteilsamer als Jin. „Also, was ist passiert, als ich weg war?“
     Lu mied seinen Blick und es brauchte eine ganze Weile, bis er sich überwand zu antworten: „Jin und ich sind aneinandergeraten, falls du das meinst.“
     „Hat er dich geschlagen?“
     Tann ging nicht einmal davon aus, dass Lu sich wehren würde. Das entging diesem nicht. Aber es war nicht verwunderlich. Er war eben schon immer schwach gewesen. 
     „Wir haben uns beide geschlagen. Es war aber nichts wirklich Ernstes.“ Bevor sein Gegenüber etwas sagen konnte, fuhr er fort: „Tann, ich muss dir etwas mitteilen.“ Das gefiel Tann jetzt schon nicht. Und was Lu dann zu sagen hatte, traf ihn vollkommen unerwartet: „Ich habe vor, den Stamm zu verlassen.“
     Tann konnte zunächst nichts anderes tun, als Lu fassungslos anzustarren. Er hatte immer befürchtet, dass irgendwann jemand den Stamm verlassen könnte, aber er hätte nie damit gerechnet, dass es ausgerechnet Lu sein würde. Er hatte immer den Eindruck gemacht, als wäre er glücklich und zufrieden hier. Tann hatte sich darauf vorbereitet, wenn die Zeit kam, dass jemand den Stamm verlassen würde, aber dennoch fehlten ihm nun die Worte. Stille senkte sich unbehaglich über sie.


Schließlich rang sich Tann dazu durch, nachzufragen: „Warum? Ist es wegen Jin? Du weißt doch, wie er ist. Er regt sich schnell auf, aber er wird sich auch wieder einkriegen. Vor allen Dingen, wenn er erst einmal selber einen kleinen Schreihals und damit alle Hände voll zu tun hat. Ich werde trotzdem noch einmal mit ihm reden und dafür sorgen, dass er dich in Ruhe lässt.“
     Schon wieder versuchte Tann, ihn zu beschützen. Lu wollte aber nicht, dass Tann immer dachte, dass er schutzbedürftig war. 
     „Darum geht es nicht! Ich bin eigentlich gern Teil des Stammes. Aber ich sehe hier einfach keine Zukunft für mich. Du weißt selber, dass es langsam Zeit für mich wird… eine Familie zu gründen. Aber ich habe hier nicht einmal eine Frau für mich. Deswegen muss ich woanders hingehen. Das ist alles.“
     Es war gelogen. Er lief lediglich davon, das wusste er selber. Und er konnte Tann nicht einmal in die Augen sehen, als er es sagte. Der Anblick seines besten Freundes brach ihm das Herz. Zudem wollte er auch einfach gerade nicht mit Tann allein sein.


„Tut mir leid, Tann! Du bist ein großartiger Anführer, aber ich muss meinen eigenen Weg gehen. Ich werde natürlich noch bleiben, bis wir die Wintervorräte angelegt haben, aber danach werde ich gehen“, sagte er noch. 
     Dann ging er an dem Anderen vorbei und ließ ihn stehen. Er fühlte sich so unsagbar mies, aber er wusste, dass es nötig war. Vielleicht würde er in einem der anderen Stämme endlich eine Frau finden, die ihn ansprach. Denn er wollte sich nicht länger von Tann angezogen fühlen.
               

Natürlich ließ Tann aber nicht locker. Er folgte Lu, löcherte ihn mit Fragen, bis dieser ihn ignorierte, und ging dann zu seinen Angehörigen über. Tara und Tanna waren bereits voll im Bilde und wie Tann waren sie ebenfalls nicht mit Lus Entscheidung einverstanden. Vor allen Dingen Tara traf der Entschluss ihres Sohnes, den Stamm zu verlassen, schwer.
     „Wenn du wissen willst, was passiert ist, solltest du Jin fragen!“, war sich Tanna sicher. „Lu hat jedenfalls erst mit dem Mist angefangen, nachdem ich sie allein am Strand gelassen habe. Ich wette, er hat ihn bedroht oder sowas!“
     Tanna war wütend. Sie hatte Jin schon dreimal vors Schienbein getreten, aber der hatte nur mit bösen Blicken geantwortet, aber geschwiegen wie ein Grab. Das sah ihm so überhaupt nicht ähnlich. Normalerweise konnte er doch keine drei Sekunden seine Klappe halten. Bei Lu sah es genauso aus, auch wenn sie das weniger verwunderte. Er war schon nach wenigen Versuchen in einen Schweigestreik übergegangen und er tat es sogar in diesem Moment, als sie sich berieten, wie sie ihn am besten zum Bleiben bringen konnten.


Ihre Beratungen wurden erst unterbrochen, als Luma den Kopf aus Enns Zelt steckte. Trotz der prekären Lage, hatte sie sofort alle Augen auf sich. Aber erst, als auch Greta und Dana erschienen waren, ließ sie sich zu einem Lächeln hinreißen. Wenigstens ein Stein konnte Tann an diesem Tag vom Herzen fallen.
     „Er schläft jetzt. Greta sagt, dass er sich zu sehr angestrengt hat“, erklärte Luma.
     „Mein Vater hat das auch oft“, pflichtete Greta ihr bei. „Aber die Kräuter müssten ihm helfen. Wenn er sich jetzt richtig ausruht, sollte er wieder vollkommen gesund werden.“


Das waren natürlich gute Nachrichten. Aber dennoch war Tann nicht einmal zum Lächeln zumute. Eine schlechte Nachricht schien in letzter Zeit wirklich die Nächste zu jagen. „Damit haben wir wenigstens eine Sorge weniger.“
     Jetzt wurde auch Luma auf die Versammlung aufmerksam. Anscheinend wusste auch sie schon Bescheid. Sie wandte sich mit ihrem traurigsten Blick an Lu. „Ach, Lu, warum willst du denn so unbedingt den Stamm verlassen? Wir sind doch alle eine Familie und müssen zusammenhalten! Wenn du eine Frau brauchst, werden wir dir eben eine suchen gehen.“
     Doch der Angesprochene schlug nur die Augen nieder und schwieg. Er hatte dieses Gespräch schon oft genug geführt und hatte nicht vor, es jetzt wieder zu tun. Er war es leid, sich dauernd erklären zu müssen.                


Da meldete sich plötzlich Tara zu Wort. „Wie wäre es denn mit Dana? Ich bin mir sicher, dass ihr beide euch gut verstehen würdet!“
     Die Angesprochene sah einen Moment aus, als würden ihr gleich die Augen aus dem Kopf fallen. Es war ja nicht so, dass sie erst vor einer erzwungenen Partnerschaft davongelaufen war. 
     Aber Dana fing sich schnell wieder und holte stattdessen zum Gegenschlag aus. „Nun, ich glaube ja nicht, dass ich hier überhaupt willkommen bin“, meinte sie in Lumas Richtung.


Sie konnte sehen, wie die alte Frau getroffen das Gesicht verzog, und das bereitete ihr eine ungeheure Freude. Doch hatte sie nicht damit gerechnet, dass auch Luma sich nicht so leicht überrumpeln ließ. „Ich denke, dass du dir unser Vertrauen verdient hast“, ließ sie bloß verlauten.
     Und auch Tann musste ihr als Stammesführer natürlich beipflichten: „Du bist jedenfalls herzlich in unserem Stamm willkommen!“
      Das war ja klar gewesen. Aber Dana würde sich nicht so einfach als Brutmutter für auch nur irgendwen einspannen lassen.


Doch sie kam gar nicht mehr dazu, etwas zu sagen, da in diesem Moment die Begeisterung in Form von Greta losbrach. „Du hast eine neue Familie! Das ist so schön! Ich freu mich so für dich!“
     Dana schwieg dazu nur. Wie Lu auch. Während für alle anderen wohl klar zu sein schien, dass sie irgendwann Lus Frau werden würde, war für sie weiterhin klar, dass sie sofort verschwinden würde, wenn man sie auch nur zu irgendetwas zwang.


Zu Danas als auch Lus Erleichterung ließen die Anderen sie danach aber in Ruhe. Man fand sich zum Abendessen am Lagerfeuer ein und verbrachte die nächste Zeit damit, den neuen Gast auszuhorchen.
     Als Tann sich dann mal zum Austreten zurückzog, nutzte Greta wiederum die Chance, den Stammesführer abzufangen. „Ich finde es so toll, wie ihr alle zusammenhaltet und ich würde so gern hierbleiben“, begann sie euphorisch. Und sie ließ Tann auch überhaupt nicht zu Wort kommen. „Ich meine, ich liebe mein Zuhause, aber ich hasse es, wie zurückgezogen wir leben. Meine Eltern sind so misstrauisch anderen gegenüber. Es wundert mich, ehrlich gesagt, dass sie mich überhaupt mit dir haben mitgehen lassen.
     Jedenfalls weiß ich nicht mal, wie ich überhaupt einen Mann finden soll, um eine Familie zu gründen. Es gibt ja nur meine Eltern, mich und meine Geschwister. Und du weißt ja, dass die Götter einen bestrafen, wenn man sich mit seinem eigenen Blut mischt. Nicht, dass ich das überhaupt wollen würde.“


Sie verzog angewidert das Gesicht, aber Tann war schon ganz woanders. „Götter? Was ist das?“, fragte er.
     Greta sah ihn einen Moment etwas überrumpelt an, bevor sie sich daran erinnerte, dass sie hier mit einem Stammesangehörigen redete. „Ja, siehst du, es gibt so vieles, was ich euch erzählen könnte. Aber ich habe einfach nicht die Zeit dafür. Schon allein von den Göttern zu erzählen würde die ganze Nacht dauern.“ Sie übertrieb. Aber das musste er ja nicht wissen. „Aber wenn ich hierbleiben könnte, hätte ich alle Zeit der Welt.“ Plötzlich stand sie unmittelbar vor ihm und grinste süffisant. „Also, was sagst du? Du bist doch der Stammesführer, oder? Und vielleicht kannst du auch noch eine Frau gebrauchen.“
     Was für eine Frage. Erst vor kurzem noch war Tann beinahe verzweifelt, dass er nicht dazu in der Lage war, neue Mitglieder für ihren Stamm zu finden. Dass er nach wie vor noch immer möglichst bald Vater werden wollte, konnte er auch nicht verleugnen. 
     „Natürlich kannst du gerne bleiben.“
     Doch entgegen seiner Erwartungen sah Greta nicht so glücklich darüber aus. „Würdest du für mich dann auch mit meinem Vater reden?“


Tann sollte Greta jedoch eine Antwort schuldig bleiben. In diesem Moment wurden sie nämlich von Tanna unterbrochen. Einer ziemlich sauer aussehenden Tanna. Sie funkelte Greta wütend an. „Würdest du uns mal kurz allein lassen? Ich muss was mit Tann besprechen!“
     Greta ließ ihm noch ein eindeutig zweideutiges Grinsen zukommen und ging dann von Dannen.


Tanna sah ihr noch eine ganze Weile lang wütend nach, bevor sie sich schließlich an Tann wandte. Ihre Wut wich augenblicklich Unsicherheit. „Du weißt doch noch, was du mir versprochen hast, oder?“
     Tann hatte es nicht vergessen. Auch wenn er ein bisschen gehofft hatte, dass Tanna es vergessen hatte. Es war nicht so, dass er Tanna nicht mochte, aber Tanna war eben einfach noch zu klein, um die Mutter seiner Kinder zu werden. Er wollte am liebsten gleich Vater werden. Trotzdem gedachte er natürlich nicht, sein Versprechen ihr gegenüber zu brechen. Er hatte damals nur keine Ahnung gehabt, was er ihr da eigentlich versprochen hatte. 
     „Natürlich weiß ich das noch und ich werde mich auch daran halten.“
     Sie sah noch immer mit unsicheren Augen zu ihm hinauf. „Versprochen?“
     Er lächelte. „Versprochen!“


Dann stand sie vor ihm und winkte ihn zu sich. Als er sich dann zu ihr hinabbeugte, drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Wenn ich dann endlich ausgewachsen bin, bekommst du wieder einen richtigen Kuss“, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
     Tann musste erneut lächeln. Er fühlte sich ein bisschen schuldig, dass er gehofft hatte, dass sie ihr Versprechen vergessen hatte, aber er nahm sich vor, von jetzt an geduldig zu sein. Er würde schon früh genug Vater werden und wenn es so weit war, würde Tanna die Mutter seiner Kinder sein.


Und Dana, die unbemerkt Zeuge dieser Szene wurde, hörte das nur zu gern. Denn es brachte sie auf eine Idee.


Kurz darauf erfuhr auch Jin als letztes Stammesmitglied, dass Lu vorhatte, den Stamm zu verlassen. Und im Gegensatz zu den Anderen war er begeistert über diese Neuigkeit. Ihm konnte es nicht schnell genug gehen, dass Lu endlich verschwand.
     Lu war nicht wirklich überrascht über diese Reaktion, aber es ärgerte ihn trotzdem. Er konnte Jins Anwesenheit einfach nicht mehr ertragen, seitdem sie aneinandergeraten waren und er herausgefunden hatte, dass mit ihm etwas nicht stimmte.


Also zog er sich hinter die Zelte zurück. In letzter Zeit war er sowieso lieber für sich. Weniger nervende Fragen, weniger anklagende oder besorgte Blicke. Nur, dass er diesmal nicht lange allein blieb. Greta war ihm unbemerkt gefolgt und als sie ihn nun ansprach, war er bereits in seine eigenen Gedanken abgedriftet und zuckte zusammen.
     „Was ist denn eigentlich bei euch los? Ich dachte immer, dass das Stammesleben Zusammenhalt bedeutet, aber danach sieht es bei dir und diesem Kerl da nicht wirklich aus. Was ist denn zwischen euch vorgefallen?“
     Lu wollte nun wirklich nicht mit einer Fremden darüber reden. Gleichzeitig wollte er aber auch darüber reden. Er wollte sich endlich jemandem anvertrauen. Doch er fürchtete ihre Reaktion. 
     Also zuckte er mit den Schultern und sagte nur: „Wir haben uns noch nie gut verstanden. Weil mit mir etwas nicht stimmt, wie es aussieht.“
     „Und was stimmt nicht mit dir?“
     „Ich interessiere mich nicht für Frauen. Wahrscheinlich bin ich krank…“ Er konnte selber nicht glauben, dass er das gerade wirklich einer Wildfremden erzählt hatte. Wenn sie es den Anderen erzählen würde! Er wollte gar nicht wissen, wie die Anderen darauf reagierten! Aber vielleicht wäre es besser so. Vielleicht wäre es dann einfacher zu gehen, wenn man ihn verachten würde.


Er rechnete mit allem, aber was Greta dann zu ihm sagte, machte ihn vollkommen sprachlos. „Na und? Ist das denn wichtig? Es sollte allen anderen doch vollkommen egal sein, was du magst und was nicht. Wichtig ist nur, was du willst.“
     Noch während er mit seiner Fassungslosigkeit zu kämpfen hatte, stand sie plötzlich vor ihm und sah ihm direkt in die Augen. Und da war eine Ernsthaftigkeit in diesen blauen Augen, die er da niemals erwartet hätte nach seiner Offenbarung. 
     „Du solltest dich nicht unterkriegen lassen, hörst du?“ 
     Dann zerfurchte ein Lächeln ihr Gesicht und bevor er auch nur etwas dazu sagen konnte, war sie abgedreht und hatte ihn vollkommen überrumpelt zurückgelassen.


Jin hatte schon die ganze Zeit ein Auge auf den neuen Gast im Stamm geworfen. Und als sie abends endlich einmal Richtung Pinkelbüsche verschwand, folgte er ihr natürlich. Er hatte schon einige Abfuhren hinter sich, aber das hielt ihn nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Irgendwann würde er schon eine Frau finden, die wusste, was gut war.


„Hey, du!“, machte er Greta auf sich aufmerksam. „Was hältst du davon, wenn wir zwei zusammen in die Büsche verschwinden und ein bisschen Spaß haben?“ Er konnte nicht von sich behaupten, dass er gut mit Worten war, aber er war stark, schnell und geschickt. Und das war, in seinen Augen, genau das, was Frauen wollten.
     Doch auch diese Greta schien keine Ahnung zu haben, was gut war. Sie zog ihre Augenbrauen in die Höhe, aber immerhin hatte sie ihn noch nicht geschlagen, ihn angeschrien oder war weggelaufen. Das taten nämlich die meisten. Die wenigstens waren nett und freundlich.
     „Ich weiß nicht.“ Jin wurde hellhörig. „Weißt du, ich stehe nicht auf aggressive Männer. Und du scheinst mir ziemlich aggressiv zu sein. Ich meine“, sie zog die Schultern in die  Höhe, „es ist schon ganz schön gemein, wie du mit diesem Lu umgehst. Dabei hat er dir doch gar nichts getan.“
     Jin setzte sein strahlendstes Lächeln auf. „Ach, das! Das ist doch nur Geplänkel unter Jungs! Ich mein das doch nicht böse und das weiß Lu auch!“
     „Ich weiß nicht… Ich glaube eher, dass du lügst, um mich rumzukriegen.“
     „Das würde ich doch nie tun!“ Das würde er jederzeit tun. Aber stattdessen sagte er: „Schau, ich zeig dir, dass es nicht böse gemeint war!“ 
     Dann war er abgedreht und zum Lagerfeuer zurückgegangen.


Lu dachte einen Moment, nicht richtig zu sehen, als Jin plötzlich neben ihm zum Stehen kam. Und grinste er etwa? Es war jedenfalls das schlechteste Grinsen, das er je gesehen hatte.
     „He, Lu, das gestern… das war ja nicht böse gemeint. Ich meine, es war ja nur eine kleine Prügelei. Und ich hab mich ja auch schon mit Tann gekloppt.“ 
     Sein unbeholfenes Grinsen wurde noch breiter und Lu konnte nicht fassen, was gerade geschah. Wenn die ganze Situation nicht so ernst für ihn gewesen wäre, wäre es wirklich urkomisch gewesen. Er empfand trotzdem ein bisschen Schadenfreude, den Anderen zappeln zu lassen.
     „Und wir sind ja… Brüder… Also“, Jin sah beinahe so aus, als würde er sich demnächst an seiner eigenen Zunge verschlucken, „tut mir leid und so…“
     Es bereite Lu so eine ungeheure Genugtuung zu sagen: „Nein! Ich will deine Entschuldigung nicht! Hau ab und lass mich in Ruhe!“
     Jin sah jetzt wieder so aus, als wüsste er nicht, was er als nächstes tun sollte. Sein Mundwinkel zuckte gefährlich und Lu war sich ziemlich sicher, dass er wahrscheinlich gerade mit dem Gedanken spielte, ihm eine reinzuhauen. Zu seiner Überraschung drehte er mit seinem merkwürdigen Grinsen jedoch einfach ab und ging.


Zurück bei Greta war jegliche Schmach, die Jin gerade eingesteckt hatte, bereits wieder vergessen. Wenn es dazu führte, dass er endlich mal bei einer Frau landen konnte, dann würde er sich immer wieder gern zum Deppen machen.
     „Naja, aber ich hab’s versucht, mich zu entschuldigen und so…“, sagte er hastig.
     Und tatsächlich sah Greta ihm wohlwollend entgegen. Sie wusste, dass er sich nur entschuldigt hatte, um sie zu beeindrucken. Aber das war ihr gleich. Alles, was zählte, war, dass sich die beiden Brüder wieder vertrugen. Und dass sie Jin anscheinend ziemlich gut nach ihrer Pfeife tanzen lassen konnte.
     „Also, da ich mich anscheinend in dir getäuscht habe… Ich wäre bereit, mich auf dich einzulassen.“ 
     Wie zu erwarten, begannen seine Augen aufgeregt zu leuchten. Doch so einfach würde sie es ihm dann doch nicht machen. Bei Tann als Stammesführer war das etwas anderes, aber bei diesem Kerl konnte sie vielleicht noch etwas mehr für sich rausschlagen. 
     „Aber nur, wenn du versprichst, mit mir zu kommen und auf dem Hof meiner Eltern zu leben", forderte sie also.
     Jin hatte sein zufriedenes Lächeln die ganze Zeit nicht abgelegt und auch jetzt tat er es nicht. Er nickte nur und sagte: „Klar!“


Greta war froh, anscheinend endlich einen Mann gefunden zu haben. Im nächsten Moment lag sie in den Armen des Kerls, den sie gerade erst kennengelernt hatte und küsste ihn. Wenig später bekam dann auch Jin endlich, was er die ganze Zeit über gewollt hatte.

 _________________

Hier weiterlesen -> Kapitel 14

Lu will also den Stamm verlassen, weil er denkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt und er nur eine Frau finden muss, die ihn anspricht, damit sich das ändert. Ich muss ja nicht sagen, dass das nicht funktionieren wird.
Für Jin wiederum ist das Thema Lu überhaupt nicht mehr interessant, nachdem er jetzt Greta hat. 
Aber trotz dem, dass das Thema für ihn gegessen ist, hat Lu noch immer schwer damit zu kämpfen. So können Dinge, die für den einen schon wieder unwichtig sind, für den anderen jedoch lebensverändernd sein. Ob am Ende beide Brüder den Stamm verlassen werden?

Langes Kapitel (das mich immer wieder beim Schreiben geärgert hat >_<), kurzes Nachwort. Ich habe Greta bei den Charakteren unter den Blums hinzugefügt, aber wieder keine Outtakes. 
In dem Sinne, danke fürs Vorbeischauen und bis zum nächsten Mal! 
 

Kommentare:

  1. Ich finds ja ein wenig schade, dass die Tierchen so wenig vorkommen, wo sie in Generation 1 schon so fein eingebaut worden sind. Umso mehr freu ich mich aber, dass sie anscheinend sich gern auf deine Fotos schleichen. Vor allem, so oft dezent im Hintergrund nach links schauend. Kleine Stalker ^^ !

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ist immer ein bisschen umständlich, mit den Tierchen zu hantieren und ordentliche Schnappschüsse zu machen ^^'. Sind halt eigensinnig, die Guten.
      Aber ein oder zweimal kommen schon noch Tiere vor. Wenn auch nicht mehr so detailiert.
      Ist mir bis jetzt nie aufgefallen, dass die auf fast allen Bildern als Deko im Hintergrund stehen XD. Ich habe die, ehrlich gesagt, dauernd auf freiem Willen, damit sie das eben NICHT nur die ganze Zeit machen, sondern schön realistisch halt machen, was Tierchen so machen. Argh, die wollen mich ärgern XD! Ich riech eine Verschwörung!

      Löschen

Prolog

  Ich werde ziemlich unterschiedliche, auch weniger schöne Themen behandeln, dabei aber ohne Blut oder bildhafte Darstellungen von ...