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Dienstag, 6. Februar 2018

Kapitel 22 - Kein Männerversteher




Jin schlief diese Nacht so ruhig und selig, dass er am nächsten Morgen beinahe verschlief, wie Lu und Wulfgar zum Fischen aufbrachen. Lu war ihm gerade ziemlich egal, aber er hatte etwas mit Wulfgar zu besprechen. Nachdem Greta ihm am vorigen Abend in das Geheimnis ihres Bruders eingeweiht hatte, war ihm einiges klarer geworden. Das heißt, es war ihm jetzt auch aufgefallen. Was es zuvor nicht getan hatte.
     Also rannte er Lu und Wulfgar nach, als die gerade den Schutz des Hauses verlassen hatten. Die Helligkeit des wolkenverhangenen Morgens und des Schnees stach ihn für einen Moment in den Augen, aber er ignorierte es genauso, wie die bissige Kälte. Immerhin schneite es heute ausnahmsweise einmal nicht. 
     Er rief laut nach Wulfgar und machte die beiden anderen Jungen damit auf sich aufmerksam. Lu machte sich nicht einmal die Mühe, stehen zu bleiben. Er ergriff lieber die Chance, schnellstmöglich wegzukommen, während der Angesprochenen stehen blieb. Er sah seinem bisherigen Begleiter noch einen Moment lang unsicher nach, ganz so, als ob er überlegte, ihm nicht doch einfach weiter zu folgen, dann jedoch wandte er sich gänzlich Jin zu.


„Hey, Kumpel!“, begann Jin sogleich ohne Umschweife. „Versuchst du dich immer noch mit Lu zu kloppen?“
      „Klar!“
     „Ich bezweifle ja, dass du das schaffst…“ 
     Jin war nicht sonderlich geschickt mit Worten, aber er wusste, wie Wulfgar tickte. Glaubte er zumindest. Und wie er vermutet hatte, dachte sich Wulfgar nichts bei seinem plötzlichen Interesse an diesem Thema.


„Warum?“, fragte er nur.
     „Weißt du, ich hab nur einmal gesehen, wie der sich geprügelt hat, und das war mit mir. Und dabei…“ 
     Er stockte und musste sich zusammenreißen, um seine Abscheu nicht nach außen zu zeigen. Es war kein Thema, über das er sonderlich gerne sprach. Oder an das er gern erinnert wurde. 
     Also machte er lediglich einen Schritt auf seinen Gesprächspartner zu und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort: „Naja, es hat ihn wohl angemacht oder so…“ Er zog sich wieder zurück und fügte dann hastig hinzu: „Danach wollte er den Stamm verlassen und es gab einen riesigen Wirbel deswegen. Aber ich hab ihn dann überreden können zu bleiben. Ist ja klar; gehört ja zum Stamm und so!“ Das war gelogen. Aber das musste Wulfgar ja nicht wissen.
     Der sah auch überhaupt nicht überrascht aus. Er kratzte sich nur am Kopf, als würde er es nicht ganz verstehen und schwieg. Seine Augen waren ins Leere gerichtet.


Dann schließlich kehrte er in die Wirklichkeit zurück und sagte: „Oh, deswegen will er sich also nicht mit mir prügeln. Gut zu wissen! Danke für die Warnung, Kumpel!“
     Jin nickte nur und sah dem Anderen dann winkend nach, als der von Dannen ging. Er konnte zwar nicht gut mit Worten umgehen, aber er war zufrieden mit sich. Das war gut gelaufen. Glaubte er zumindest.


Wulfgar schaffte es, Lu einzuholen, noch bevor der sein Ziel erreicht hatte. Sehr zu dessen Unmut. Das konnte er schon von weitem sehen. Es war ja nicht so, dass Wulfgar Lus Abneigung bislang nicht aufgefallen war. Aber er ignorierte das einfach.
     „Ich weiß jetzt, warum du dich nicht mit mir prügeln willst“, begann er geradeheraus. Jin hat mir erzählt, was passiert ist, als du dich mit ihm geprügelt hast.“
     Sofort wich alle Farbe aus Lus Gesicht. Es war auch keine Sache, an die er gerne erinnert wurde.
     „Weißt du, wir haben auf dem Hof einen Hund“, fuhr Wulfgar unterdessen fort. 
     Lu hatte schon davon gehört, dass die Blums ihre Wölfe Hunde nannten. Was verwirrend war. 
     „Guthar ist sein Name, weil er wirklich ein richtig guter bei der Jagd ist. Egal, auf was man ihn auch loslässt, er erlegt es dir. Wenn du was suchst, er findet es. Ganz zu schweigen davon, dass er ein zuverlässiger Wachhund ist. Guthar ist unser bester Hund. Natürlich wollten wir ihn da auch unsere besten Hündinnen decken lassen, aber egal, was wir auch versucht haben, Guthar wollte von den Hündinnen einfach nichts wissen. Er ist lieber zu den anderen Rüden gegangen.“ Er grinste. „Du bist genauso, wie Guthar, was?“


Lu konnte es nicht fassen. Verglich dieser Neandertaler ihn etwa mit einem Hund? Er war noch nie so beleidigt worden. Selbst Jin hatte das damals nicht geschafft. Deswegen brauchte er nach dem Schock seiner Entlarvung auch eine ganze Weile, um die Wut runterzuschlucken, die nun in seinem Bauch brodelte. Er wollte Wulfgar gerade am liebsten eine reinhauen, aber so tief würde er nicht sinken. 
     Stattdessen sagte er nur: „Selbst wenn es so ist, wüsste ich nicht, was dich das angeht!“
     Wulfgar zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Hey, das muss dir nicht peinlich sein! Ist kein Ding für mich! Guthar ist trotzdem ein klasse Hund, also kannst dich auch mit mir prügeln! Das stört mich nicht!“
     Lu konnte nichts dagegen tun, dass er immer wütender wurde. „Ich will mich aber nicht mit dir prügeln! Wann geht das nur endlich in deinen verdammten Dickschädel rein? Ich will gar nichts mit dir zu tun haben!“
     „Wenn du dich nicht mit mir prügelst, dann muss ich dich aber als Feigling ansehen.“


Er musste schleunigst von hier fort, bevor er doch noch explodierte. Wulfgar ging ihm schon seit Wochen auf die Nerven, aber er hatte es bislang noch nicht geschafft, ihn derart zu reizen, wie er es heute getan hatte. Also drehte er besser ab. 
     „Bitte, dann tu das doch endlich und lass mich in Ruhe!“
      „Und das stört dich gar nicht?“
     „Als ob es mich auch nur jucken würde, was ein Idiot wie du über mich denkt!“


Auf der anderen Seite hatte es aber auch Lu noch nicht geschafft, Wulfgar wütend zu machen. Bislang zumindest. 
     „Also wenn du mich weiter beleidigst, dann bin ich aber nicht mehr so nett zu dir! Dann verprügel ich dich einfach!“


Es war einfach zu viel. Erst Jin, jetzt Wulfgar, die meinten, ihn immerzu schikanieren zu müssen. Konnten sie ihn nicht einfach alle in Ruhe lassen? Was ging sie eigentlich an, was er tat, dachte oder mochte? 
     Also blieb er stehen, wirbelte herum und funkelte seinen Gegenüber zornig an. „Was hast du eigentlich für ein Problem mit mir, hä? Greift es dich etwa auch so sehr in deinem männlichen Ego an, dass ich anders bin? Warum können Jin und du das nicht einfach akzeptieren, dass das so ist und mich in Ruhe lassen? Wenn ihr mich nicht mögt, okay, ich mag euch Idioten auch nicht, aber ich gehe nicht hin und meine, mich dauernd mit euch anlegen zu müssen!“


„Hey, ich hab nichts gegen dich - oder besser gesagt, ich hatte bislang nichts gegen dich, aber langsam gehst du mir echt auf die Nerven!“
      „Das sagt der, der mir seit Wochen wie eine Zecke an den Hacken hängt? Ernsthaft?“
      Jetzt wurde auch Wulfgar sichtlich wütend. So wütend, wie Lu ihn bislang nur einmal gesehen hatte. Damals, als er ihn zur Begrüßung geschlagen hatte, weil er ihn mit Jin verwechselt hatte. Etwas, wofür er sich übrigens immer noch nicht entschuldigt hatte. Nicht, dass Lu überhaupt noch damit rechnete. 
     „Du scheinst anscheinend ganz scharf auf eine Abreibung zu sein, was?“, knurrte Wulfgar.


Lu konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ich wüsste nicht, dass du auch nur einen deiner Kämpfe gewonnen hättest. Selbst unsere Frauen haben dich verprügelt. Wer prügelt sich überhaupt mit Frauen? Sowas Bescheuertes!“
     „Ich zeig dir gleich was Bescheuertes!“ Und damit machte er bedrohlich einen Schritt auf ihn zu,
     „Danke, aber davon hab ich bei dir schon genug gesehen. Tu uns doch einfach allen einen Gefallen, nimm deine hinterwäldlerischen Ansichten und geh dorthin zurück, wo du hergekommen bist!“


Damit ließ er ihn stehen. Er war bei Wulfgar bislang immer nur auf taube Ohren gestoßen und er begann langsam anzunehmen, dass der Andere vielleicht wirklich keine andere Sprache kannte als Gewalt. Doch von nun an, das nahm sich Lu fest vor, würde er Wulfgar eisern ignorieren. Selbst wenn er es endlich verstanden hatte, würde er nie wieder ein Wort mit ihm wechseln. Dafür hatte er es einfach zu weit getrieben. Ihn mit einem Hund zu vergleichen!


Noch während er das dachte, hörte er plötzlich schnelle Schritte hinter sich im Schnee. Er hatte bislang nicht daran gedacht, dass Wulfgar ihn tatsächlich einfach verprügeln würde, aber er sollte nicht glauben, dass er sich nicht wehren konnte. Und würde.
     Doch bevor er sich auch nur umdrehen und den anderen Jungen empfangen konnte, traf ihn etwas im Rücken und er verlor den Halt auf den Füßen. Schlitternd ging er zu Boden.


Seine Hände waren aufgescheuert und ein dumpfer Schmerz pochte in seinem Körper. Er brauchte etwas, um überhaupt wieder zu Luft zu kommen. Aber ansonsten war er unversehrt. Dennoch erwartete er jeden Moment, dass ein weiterer Schlag auf ihn einging, aber es geschah nichts. Stattdessen erschienen nur Wulfgars Schuhe in seinem Blickfeld.
     „Sag mal spinnst du?“, rief Lu wütend in seine Richtung. „Was sollte das denn?“


Wulfgar schwieg noch einen Moment länger. Und als Lu dann nach oben in sein Gesicht sah, erschrak er. 
     „Du bist überhaupt nicht wie Guthar!“, spie Wulfgar zu ihm hinab. „Er ist ein toller Hund, aber du bist eine nutzlose, dumme und widerliche Person!“


Dann war er abgedreht und davongerannt. Und Lu konnte nichts anderes tun, als weiter erschrocken zu sein. Waren da etwa Tränen in Wulfgars Augen gewesen? Oder hatte er sich das nur eingebildet?


Lu grübelte noch eine ganze Weile länger darüber nach. Er dachte sogar daran, Wulfgar nachlaufen und nach ihm zu sehen, doch diesen Gedanken hatte er ziemlich schnell wieder verworfen. Letztendlich war er sowieso zu dem Schluss gekommen, dass, egal ob oder warum Wulfgar nun geheult hatte, es ihn nicht kümmerte. Nach all dem, was zwischen ihnen geschehen war, war es ihm egal.
     Dennoch war Lu jegliche Lust am Fischen vergangen. Also ging er wieder nach Hause. Vielleicht gab es ja dort etwas zu tun, dass ihn von seiner Wut und von Wulfgar allgemein mehr ablenken konnte, als stundenlang am Strand zu stehen und darauf zu warten, dass ein Fisch anbiss.
     Zu seiner Verwunderung jedoch wurde er sogleich von Greta empfangen, als er auch nur in die Nähe des Hauses kam.


Sie kam ihm entgegen und stellte sich ihm in den Weg. Auf ihrem Gesicht tiefe Sorge, was ihn etwas erschreckte. 
     „Lu, den Göttern sei Dank! Ich hab gehört, was Jin getan hat. Oh, das ist alles meine Schuld! Das tut mir so leid!“ Sie unterbrach sich und sah sich um. „Wo ist eigentlich Wulfgar? Warte, hast du ihn etwa noch nicht getroffen?“
     „Doch, leider!“
     „Leider?“ Sie stockte und der Schrecken kehrte auf ihr Gesicht zurück. „Wo ist mein Bruder, Lu?“, wollte sie wissen.
     „Woher soll ich wissen, wo dein bescheuerter Bruder abgeblieben ist?“ Er verschränkte genervt die Arme vor der Brust. „Ich hoffe zumindest, dass er weit weg ist.“
     „Was? Was ist passiert?“
     „Ich habe keine Ahnung! Sag du mir doch, was mit deinem komischen Bruder nicht stimmt, Greta! Er lässt mich nicht in Ruhe, rennt mir überall hin hinterher und will sich mit mir prügeln, obwohl ich ihm mehr als nur einmal und mehr als nur deutlich gesagt habe, dass er sich verziehen soll. Und jetzt beleidigt er mich erst und rennt mich dann einfach über den Haufen.“


Greta starrte ihn einen Moment lang nur mit offenem Mund an, dann ging sie auf ihn los. „Wo ist mein Bruder, Lu?“, wiederholte sie bedrohlich.
     „Ich sagte doch schon, dass ich das nicht weiß. Und es ist mir, ehrlich gesagt, auch egal.“
     „Wenn ihm was passiert ist…“ Sie brach ab und machte dann wütend einen Schritt auf ihn zu. „In welche Richtung ist er gegangen? Das musst du doch wenigstens gesehen haben!“
     Jetzt hatte auch Lu ihre Wut bemerkt. Unbeholfen deutete er also Richtung Meer, woraufhin Greta nur noch mehr erschrak.
     „Oh, nein! Nicht dahin!“ Dann verfinsterte sich ihr Gesicht so sehr, dass es Lu eiskalt durchfuhr. „Wenn ihm was passiert ist, Lu, dann mache ich dich dafür verantwortlich!“
     Dann ging sie. Und alles, was sie noch denken konnte, war, dass sie ihrem Bruder niemals von Lu hätte erzählen sollen. Das war ein großer Fehler gewesen.


Greta kannte die Stellen, an die sich ihr Bruder zurückzog, wenn er allein sein wollte. Sie waren viele Jahre auf Wanderschaft gewesen, aber wann immer sie irgendwo Halt gemacht hatten, hatte Wulfgar sich eine Ecke gesucht, an der er für sich sein konnte. Und sie hatte ihn nie dorthin folgen können. Sie wusste, dass er seinen Freiraum brauchte, wenn er dort war, und das respektierte sie. Nun jedoch tat sie das nicht. Sie drang ohne Vorwarnung in seinen Zufluchtsort an den Klippen bei ihrem Elternhaus ein. Und tatsächlich, und zu ihrer unendlichen Erleichterung, fand sie ihn dort.


„Den Göttern sei Dank! Da bist du und es geht dir gut!“
     Wulfgar lächelte milde. „Was hast du denn erwartet, was mir widerfahren ist?“
     „Nun ja…“ Sie zögerte. Es war immerhin ihre Schuld, dass sie geredet hatte. „Ich habe gehört, dass du dich mit Lu gestritten hast und dann warst du nicht da, als er zurückkam…“
     „Und?“
     „Ich hab mir einfach Sorgen gemacht, dass du etwas Dummes tun könntest.“
     „Was? Dachtest du, ich springe von den Klippen?“ Er lachte, aber Greta war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Also verstummte er wieder und fuhr dann schmunzelnd fort: „Hey, es ist alles gut! Mach dir nicht immer so viele Sorgen!“


Greta wusste nicht mehr, was sie dazu noch sagen sollte. Also schwieg sie. Wulfgar schwieg auch, aber sie sah, dass er trotz seines beruhigenden Lächelns betrübt war.


„Tut mir leid, Wulf!“, sagte sie schuldbewusst. „Ich hätte dir niemals von Lu erzählen sollen…“
     „Warum entschuldigst du dich denn? Das Einzige, wofür du dich entschuldigen solltest, ist, dass du gesagt hast, dass dieser Idiot wie ich sei.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und zog missbilligend den Mund breit. „Ehrlich, Greta, wenn du das wirklich von mir denkst, dann bin ich echt beleidigt! Ich bin doch kein weinerlicher Feigling!“
     Greta konnte nicht anders, als zu lächeln. Trotz dem, dass er bedrückt war, versuchte er noch immer, sie zu beruhigen. Obwohl es eigentlich er war, der nun Trost brauchte. Das wusste sie. Aber so war ihr Bruder schon immer gewesen. 
     „Nein, das bist du wirklich nicht. Es ist nur, weil ich gehofft habe, dass ihr…”
     „Ich hab doch gesagt, dass alles gut ist!“, unterbrach Wulfgar sie bestimmt. Dann sah er sie plötzlich eindringlich an. „Ich bin hier schließlich nicht diejenige mit dem gebrochenen Herzen.“


Sie hatte den letzten Abend mit Jin geschlafen, aber nach wie vor stand in den Sternen, ob er nun gedachte, mit ihr zu kommen oder nicht. Er machte jedenfalls keinerlei Anstalten und sagte auch nichts dazu. Es hatte sich eigentlich nichts zwischen ihnen geändert und das ärgerte Greta. Es ärgerte und verletzte sie. 
     Als sie wieder aufsah, stand ihr Bruder vor ihr und hatte eine Hand auf ihre Schulter gelegt. „Jin wird schon noch mit dir gehen, mach dir keine Sorgen!“, meinte er.
     Greta ließ die Schultern hängen. „Er will seinen Stamm aber nicht verlassen.“
     „Er wird mit dir kommen. Das weiß. Vertrau mir!“
     „Woher willst du das so genau wissen?“
     Was Wulfgar ein Grinsen entlockte. „Weil er und ich vom selben Schlag sind. Er kommt mit dir. Das weiß ich!“ Dann wandte er sich unvermittelt ab und ging ein paar Schritte an ihr vorbei. „Ansonsten könnte ich auch nicht guten Gewissens gehen, wenn du niemanden hättest, der auf dich aufpasst.“


Das war der Moment, in dem Greta bis ins Mark erschrak. Sie wagte es gar nicht, nachzufragen, tat es dann aber trotzdem. „Was meinst du damit?“
     „Es ist soweit, Greta. Ich werde nicht mehr mit nach Hause gehen. Es ist Zeit, aufzubrechen.“


Mit einem Satz stand sie wieder vor ihm und sah ihm eindringlich ins Gesicht. „Oh, nein, sag mir nicht, dass du noch immer diese bescheuerte Idee hast, über den großen See zu fahren!“


„Doch, natürlich!“ Er ging zum Rand der Klippe hinüber und sein Blick schweifte ab in die Ferne. Er war schon so lange nicht mehr wirklich hier. „Ich werde herausfinden, was auf der anderen Seite ist.“
     „Das weißt du doch bereits! Auf der anderen Seite ist nichts!“
     „Das sagen uns ein paar alte Geschichten, aber hast du es selber überprüft?“
     Greta fasste sich an den Kopf und machte unschlüssig einen Schritt auf ihren Bruder zu. „Du wirst nur vom Rand der Welt fallen, Wulfgar! Bitte sei vernünftig und bleib hier!“


Aber Wulfgar schüttelte den Kopf. „Da drüben ist etwas und ich werde es entdecken“, sagte er und seine Stimme klang dabei so enthusiastisch, so voller Leben, wie lange nicht mehr. Und das traf sie tief. „Und wenn dort wirklich nur die Welt endet, dann werde ich der Erste sein, der das Ende der Welt erreicht.“
      „Du wirst sterben, Wulfgar!“, rief sie verzweifelt.
      „Das ist es mir wert, wenn ich davor nur erfahre, was am anderen Ende des großen Wassers ist“, sagte er fest entschlossen. „Tut mir leid, Greta, aber mein Entschluss steht und das wird sich nicht ändern. Und du weißt das auch. Du wusstest es seit Jahren.“
     Sie hatte es gewusst und deshalb hatte sie auch so sehr gehofft, dass es sich Wulfgar noch einmal überlegen würde, wenn er Lu treffen würde. Jemanden, der so war wie er selber. Deswegen hatte sie ihm von dem anderen Jungen erzählt und nur deshalb hatte sie auch erst Jin eingeweiht in etwas, dass sie ihrem Bruder geschworen hatte, niemandem zu verraten. Doch ihre Hoffnungen waren umsonst gewesen. Wenn nur ihr Bruder nicht so menschenfremd gewesen wäre. Wenn sie nur früher eingegriffen hätte. Jetzt jedoch war es zu spät dafür.


Wulfgar kam nicht mit ihr zurück. Er hatte Unterschlupf in einer nahegelegenen Höhle gesucht und wollte beginnen, ein Boot zu bauen. Trotz Gretas Bitten und trotz des harten Winters, der draußen herrschte.
     Als sie später dann allein zum Stamm zurückkehrte, wurde sie von Tann empfangen. Lu war auch da, aber er war es nicht, der ihr entgegenkam. Sie nahm ihn nicht einmal wirklich wahr. Nicht einmal Tann, bis er direkt vor ihr stand.
     „Greta, ich habe von Lu gehört, dass etwas mit Wulfgar ist. Braucht er Hilfe?“ Doch Greta schwieg nur. Also fragte er weiter: „Wo ist er?“
     „Er will weggehen…“ Ihre Stimme war nurmehr ein Flüstern.
     „Weggehen? Wohin?“
     „Er will… er will…“ Und dann brachen die Tränen endlich aus ihr heraus. „Er will über den großen See fahren!“
     Ihre Stimme versagte. Alles, was sie noch tun konnte, war, das Gesicht in den Händen zu vergraben und zu weinen. Sie spürte Tanns Hand beruhigend auf ihrem Rücken, aber es half nichts. Alles fühlte sich so stumpf an. Und nicht nur sie hatte diese Nachricht erschreckt. Sie alle wussten, dass es Wahnsinn war, aufs Meer hinauszufahren. Wenn man unterwegs nicht unterging, wartete am anderen Ende sowieso nur der Rand der Welt und damit der Tod.
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Hier weiterelesen -> Kapitel 23 

Wulfgar will also zur See fahren. Was damals sicherlich ziemlich selbstmörderisch war. Fischen zu gehen ist eine Sache, aber richtige Seefahrt und das auch noch allein eine völlig andere. 
Es ist übrigens eine spannende Frage, ob sich die Menschen damals wirklich schon vorgestellt haben, wie eigentlich ein "Ende" der Welt aussieht. Oder ob sie sich überhaupt Gedanken über so etwas gemacht haben. 
Was Wulfgars Geheimnis ist, ist ja jetzt auch ziemlich offensichtlich. Auch wenn ich es noch nicht schreibe. So lange nicht, bis es vielleicht auch endlich Lu kapiert. Betonung liegt auf VIELLEICHT kapiert. War aber auch nicht die beste Idee von Wulfgar, das ganze so anzugehen, wie er es getan hat. Die Wahrheit hätte hier sehr geholfen. Aber Wulfgar stellt eben alle neuen Bekanntschaften auf seine ganz eigene Probe und so natürlich auch Lu. Und der ist mit Karacho durchgefallen.

Diesmal hatte ich echt mit der Auswahl der Bilder zu kämpfen. Manchmal gab es gar keine Passenden und viel zu oft viel zu viele Bilder (487 allein für dieses Kapitel). Ich konnte so viele schöne Bilder gar nicht reinbringen. Es ist wirklich hart, das jedes Mal auf knapp 20-30 Bilder runterzubrechen. 
Und es ist echt ätzend, wenn sich Sims an Abhängen unterhalten, da gute Fotos zu machen. Aber ich wollte unbedingt ein Gespräch zwischen den Geschwistern an der Klippe haben.

Der Kapitelname "Kein Männerversteher" ist übrigens eine Anspielung auf Kapitel 20 "Frauenversteher", falls es nicht aufgefallen ist. Wünschte nur, dass die beiden Kapitel hintereinander gewesen wären. 

Nächstes Mal dann muss sich Lu mit Gretas Ablehnung herumschlagen. Wird er es schaffen, sich mit ihr auszusprechen oder wird sie ihn weiterhin für etwas verantwortlich machen, was er immer noch nicht einmal verstanden hat?

Bis dahin verabschiede ich mich und bis nächstes Mal!

Kommentare:

  1. JUHU! Es ist Wirklichkeit! Ein Regenbogenwulfgar für einen Regenbogenlu =D ! Mein persönliches Favoritenpaar. Nur Wulfgar & Jin wären noch lustiger, auch wenn es nicht passen würde. Stelle mir aber vor, wie die sich "liebevollst" von Tag bis Nacht nur kloppen würden ^^ .
    Ach & ich hoffe Klottz Lu haut nun ma wer auf die Finger...hat er verdient xP !

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    1. Regenbogen XD. Das gefällt mir. Vor allen Dingen die Vorstellung, dass er vollkommen in bunten Farben rumläuft XD.
      Naja, zu dem Thema hüll ich mich ja, wie gesagt, noch in Schweigen, um nicht zu verraten, ob es wirklich wahr ist, oder nicht.
      LOL, "liebevollst" kloppen XD! Also Jin und Wulfgar würden sich bestimmt super verstehen. Da gäbe es nicht so viele Missverständnisse. Und wer weiß, vielleicht sind sie ja auch am Ende das Traumpaar ;).
      Naja, ist ja nicht so, dass Wulfgar nicht auch ein (riesengroßer) Klotz war. Seine Versuche waren jedenfalls... naja, wenn er wirklich etwas von Lu will (was ich ja offen lasse), ist es nicht gerade der beste Weg gewesen, um sich seinem Angebeteten zu nähern ö.ö. Ich glaube, ich hätte das an Lus Stelle auch nicht kapiert...

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Prolog

  Ich werde ziemlich unterschiedliche, auch weniger schöne Themen behandeln, dabei aber ohne Blut oder bildhafte Darstellungen von ...