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Montag, 2. April 2018

Kapitel 40 - Aufeinandertreffen



War es das Richtige, was er tat?
     „Über solche Dinge solltest du mit deinem Vater lieber vor der Zeremonie sprechen. Er ist noch immer der Stammesführer, aber in erster Linie ist er auch dein Vater. Du solltest ein bisschen Vertrauen in ihn haben.“
     Rahns Worte klangen noch immer in seinen Ohren. Elrik wusste, dass er recht hatte. Verdammt nochmal, er wusste es selber, dass das, was er vorhatte, seinen Vater nicht glücklich machen würde. Es würde ihn verärgern. Es würde wahrscheinlich eine ganze Menge Leute verärgern.
     Aber die Frage war, was er sonst tun sollte.
     Vertrauen haben‘, dachte er sich. ‚Wie kann ich Vertrauen in meinen Vater haben, nach all dem, was er die letzte Zeit getan hat?
     Wann war das eigentlich passiert? Er hatte seinen Vater immer bewundert und er hatte ihm alles erzählt. Aber dann waren die Hells aufgetaucht, sein Vater hatte sich so sehr verändert und seitdem vertraute er ihm nicht mehr.
     Nein, ich vertraue niemandem mehr. Das ist es. Vielleicht hat sich mein Vater verändert, aber ich habe es auch‘, stellte er erschüttert fest. Und es gefiel ihm nicht.
     Er wollte niemanden mehr anlügen. Er wollte nicht mehr alles allein schultern müssen.


„Und du solltest deine neue Tracht anlegen, Elrik.“
     Elrik blinzelte gegen die untergehende Sonne, als er seinen Namen hörte und er brauchte einen Moment, um überhaupt zu verstehen, dass sie mit ihm sprachen. Der Schamane sprach schon die ganze Zeit über die Vorbereitungen. Er hatte nicht einmal aufgehört zu reden, seitdem er aus dem Wald zurückgekehrt war.
    „Das Leben in einem Stamm bedeutet nicht nur Zusammenhalt, sondern auch, dass wir einander vertrauen und aufeinander bauen können. Und das gilt nicht nur für den Stammesführer.“
     Das hatte der Schamane ihm gesagt, aber Elrik hatte es sich, wenn er ehrlich war, nicht wirklich zu Herzen genommen. Dabei ging es hier nicht nur um ihn oder seinen Vater. Hier ging es um sie alle. Um ihn und den Stamm, den er demnächst anführen sollte. Ihm wurde eiskalt. Er fühlte sich nicht bereit dazu.
     „Ähm… bevor wir anfangen, muss ich nochmal kurz“, hörte er sich sagen.
     ‚Schon wieder habe ich gelogen.‘
      Er sah seinen Vater lächeln und den Schamanen wohlwollend nicken und ihm wurde schlecht. Als würde er verfolgt, rannte er davon.


Als er bei ihrem alten Wasserloch wieder zum Stehen kam, war ihm der kalte Schweiß auf der Stirn ausgebrochen. Er wollte nichts sehnlicher, als von hier zu verschwinden, aber stattdessen musste er sich damit begnügen, Mut im Anblick seiner Liebsten zu suchen. Er hoffte, dass sie seine Zweifel zerstreuen konnte. Doch zu seinem Unmut war sie noch gar nicht da.


Es dauerte eine entsetzlich lange Weile, in der Elrik nichts anderes tun konnte, als dem Himmel dabei zuzusehen, wie sich ein immer dunkleres Blau über das milde Orange des Sonnenuntergangs goss. Hätte er seine Gedanken nicht darauf gezwungen, wäre er wahrscheinlich inzwischen wahnsinnig vor Angst geworden.
     Doch als seine Akara schließlich auftauchte – nicht, dass er nicht auch befürchtet hatte, sie würde einfach weg bleiben – ging ihm das Herz auf. Alle Angst war mit einem Mal von ihm abgefallen und alles, was von ihr blieb, war ein dumpfes Gefühl in seinem Magen und die Kälte, die ihn nach seinem Schweißausbruch nun zu durchdringen begann.
     „Es tut mir leid, dass ich so spät bin!“, rief Akara bestürzt, als sie vor ihm zum Stehen kam. „Ich habe mich mit meiner Schwester gestritten und bin ihr nachgerannt…“


Ihre Schultern fielen plötzlich in sich zusammen und ganz automatisch machte Elrik einen Schritt auf sie zu, um ihr die Hände auf die zierlichen Schultern zu legen.
     „Habt ihr euch wieder vertragen?“, fragte er, obwohl es ihn gerade nur interessierte, dass es seiner Akara gut ging.
      Sie ließ den Kopf hängen. „Nein. Ich habe sie nicht einmal gefunden.“ Sie sah ihn an. „Aber einer eurer Leute ist aufgetaucht und ist ihr nach. Er sagte, er würde sich um sie kümmern.“
      „Einer meiner Leute?“
      Akara nickte. „Der dunkle Mann mit dem Bogen. Der vorher im Wald war mit uns.“
     „Rahn?“
     Was hatte der denn mit Akaras Schwester zu schaffen? Elrik wusste ja nicht einmal, dass sie sich kannten. Obwohl, jetzt wo er darüber nachdachte, waren sie sich einmal begegnet. Damals am Strand…   


Er zwang seine Gedanken zurück ins Hier und Jetzt, wo Akara gerade wieder betroffen auf ihre Hände hinabsah. Er ging auf sie zu und legte ihr eine Hand auf die Wange.
     „Ich bin mir sicher, dass Rahn das regeln wird.“ Er hatte nicht einmal eine Ahnung, warum die Schwestern sich überhaupt gestritten hatten, aber ihn beschäftigten momentan auch andere Dinge. „Du siehst übrigens hübsch aus. Meine Eltern werden sich freuen, dich kennenzulernen.“
     Es war gelogen, dass sie sich freuen würden, das wusste er auch. Aber was sollte er anderes sagen? Es reichte doch, dass er eine Heidenangst vor dem Aufeinandertreffen seiner Leute mit seiner zukünftigen Gefährtin hatte, da musste sie das doch nicht auch noch haben.
     Akara sah ihn einen Moment lang zweifelnd an, ließ sich dann jedoch zu einem halbherzigen Lächeln hinreißen. Doch Worte für die bevorstehende Begegnung hatte sie keine. Die waren ihr irgendwo auf halbem Wege im Hals stecken geblieben. Denn trotz Elriks Zuversicht hatte natürlich auch sie Angst.


Elrik holte noch einmal tief Luft, bevor er zu seinem Stamm zurückkehrte. Inzwischen hatten sich alle um den Festplatz beim Schrein versammelt und sie alle sahen ihm erwartungsvoll entgegen, als er sich näherte. 
     Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, dass sogar die zeremoniellen Feuer inzwischen brannten. Es war alles vorbereitet und man wartete nur noch auf ihn. Er fühlte sich so klein, als er in den Kreis der Wartenden trat.


 Niemand sprach an, dass er noch nicht vorbereitet war. 
     Also ergriff er selber das Wort, bevor ihn der Mut dazu verließ. „Bevor wir anfangen, möchte ich euch noch jemanden vorstellen. Die Frau, die ich ausgewählt habe, meine Gefährtin zu werden“, sprach er schnell.
     Er hatte sich dazu entschieden, als er auf Akara gewartet hatte. Auch wenn es spät war, war es nur richtig, dass er das tat, bevor er der neue Stammesführer wurde. Er wollte seinen neuen Posten nicht mit einer Lüge antreten. 


 Seine Eltern hatten keine Ahnung, von wem er sprach. Nicht einmal eine leise Vorahnung, das sah er ihnen im Gesicht an. Da war doch tatsächlich so etwas wie Freude in dem seines Vaters zu sehen.
     „Ich wünschte, du hättest sie uns früher vorgestellt, aber wenn sie hier ist, bring sie her“, sagte er.


Sein Herz sank ihm in die Kniekehlen, aber dennoch zwang er sich zu einem Lächeln, als er sich umdrehte und seiner Liebsten zuwinkte, die noch immer halb hinterm Heuhaufen versteckt stand.
     „Akara!“, rief er laut. „Komm her!“
     Da schlüpfte sie aus den Schatten und als sie ins Licht der Feuerschalen trat, sah er, dass auch sie ein tapferes Lächeln aufgelegt hatte. Und das, obwohl sie gerade bestimmt nicht minder aufgeregt war als er selber. Dennoch war es für ihn so beruhigend, das zu sehen – sie zu sehen – dass er sich ein wenig entspannte.


Zumindest, bis sein Vater hinter ihm mit Schwung hochfuhr. Und er blieb nicht allein. Seine Mutter, ja sogar seine Großmutter, waren auch sogleich auf den Beinen, als sie sahen, wer sich ihnen da näherte.
     „Was macht die hier? Ich will keines von den Bälgern dieses Dia-Hundesohnes hier auf meinem Hof sehen! Verschwinde, bevor ich dir Beine mache, Mädchen!“
     Akara ging sofort auf Abstand und Elrik konnte nichts anderes tun, als entrüstet nach Luft zu schnappen.


Ihm fehlten die Worte. Er hatte ja gewusst, dass sein Vater ablehnend reagieren würde, aber er hatte dennoch gehofft, dass er sich ein wenig zusammenreißen würde. Vor allen Dingen vor allen anderen.
       Da schob sich Lu zwischen Tann und die verängstigte Akara. „Immer mit der Ruhe! Ich denke, dass es das Beste ist, wenn du, Elrik und die junge Dame hier euch zurückzieht und das in Ruhe miteinander besprecht.“


Doch Tann wollte davon nichts wissen. Er war es überdrüssig, immer reden zu sollen. Also schob er den schmächtigen Schamanen zur Seite und packte das Mädchen am Arm. Sie würde jetzt gehen und wenn er sie ihrem Vater persönlich in die Arme drücken musste.


Er kam jedoch nicht weit mit ihr. Ein weiterer der Hell-Bälger tauchte auf und er hatte den Nerv, sich ihm mit gezücktem Messer in den Weg zu stellen.
     „Lass meine Schwester los!“, forderte er.
     Tanns Geduld war am Ende. Er ballte seine Linke zur Faust und er musste sich zusammenreißen, den Arm des Mädchens nicht zusammenzudrücken, den er noch immer fest im Griff hatte. Wenn sie es darauf anlegten, würden sie heute bekommen, was sie verdienten. Er war lang genug geduldig und nachsichtig gewesen. 
     Elrik durchfuhr ein böser Schrecken, als er Wirt auftauchen sah, und der wurde noch größer, als er das Messer in dessen Hand bemerkte. Als seine Leute den vermeintlichen Angreifer auch noch einkreisten, wusste er, dass etwas Schlimmes passieren würde. Also wollte er eingreifen. Aber wieder war jemand schneller.


Akara riss sich aus Tanns Griff und stellte sich vor ihren Bruder.
     „Hör auf, Wirt! Er hat mir nichts getan“, beschwichtigte sie.
     Sie wusste, dass Wirt nur hatte helfen wollen. Er hatte schon immer versucht, sie zu beschützen. Und er wusste es einfach nicht besser. Er hatte kein besseres Vorbild, das ihm einen anderen Weg gezeigt hatte, als den der Konfrontation.
     Als Wirt zögerlich sein Messer sinken ließ, drehte sie sich zu Elriks Vater um und schob abwehrend die Hände zwischen sich und ihn. „Wir werden gehen und wir werden nicht mehr herkommen“, versicherte sie. „Wir wollen keinen Ärger.“


Erneut erschrak Elrik, als er das hörte. Mit einem Satz stand er neben seinem Vater.
     „Aber Akara…“
     „Es hat keinen Sinn, Elrik. Tut mir leid“, fiel Akara ihm ins Wort.


Dann war sie abgedreht und er konnte nichts anderes tun, als sie gehen zu lassen. Alles, was er gehofft hatte, ihre gemeinsame Zukunft, die er sich mit Akara zusammen ausgemalt hatte, zerbrach vor seinen Augen.


Doch er kam nicht einmal dazu, den Schmerz zu spüren, der sich unschön in ihm auszubreiten begann. Sein Vater ließ ihn natürlich nicht in Ruhe.
     „Was hast du dir dabei gedacht, die hier auf den Hof zu bringen? Willst du uns alle in Gefahr bringen?“
     Elrik war es so leid. Er war seines Vaters so überdrüssig.
     „Ich wollte, dass sie meine Gefährtin wird! Die Mutter meiner Kinder! Aber du hast dir ja nicht mal die Mühe gemacht, nachzufragen oder mit ihr zu sprechen, um das rauszufinden!“, schnappte er. „Stattdessen hast du sie vergrault und alles ruiniert!“


„Du hast unvorsichtig und unverantwortlich gehandelt, Elrik!“, beharrte Tann jedoch uneinsichtig. „Wie kann ich dir den Stamm überlassen, wenn du uns alle in solch eine Gefahr bringst? Nein, du wirst heute nicht meine Nachfolge antreten und bis du mir nicht beweist, dass du im Interesse aller handelst und nicht nur tust, was du selber willst, wird das auch nicht geschehen.“


Dann hatte er ihn stehen lassen. So viel Enttäuschung in seinen Augen, doch Elrik hatte nur die Wut gesehen. Die Wut, die sich nun selber durch seine Eingeweide fraß und den bitteren Beigeschmack von Enttäuschung mit sich brachte. Er hatte seinen Vater noch nie so sehr gehasst, wie in diesem Moment, und er wusste, dass sich das nie wieder ändern würde.


Elrik war kurz darauf verschwunden und niemand wusste, wo er hingegangen war. Auch Tann hatte sich zurückgezogen und man konnte ihn noch immer schimpfen hören. Dana wollte lieber nicht mit Lu tauschen, der gerade die geballte Wut ihres Stammesführers abbekam. Auch wenn sie verwundert feststellen konnte, dass selbst der sonst so ruhige Schamane nicht gerade leise war.
     Nachdem sie Diana ins Bett gebracht hatte, war sie dann wieder nach draußen gegangen, wo sich inzwischen kleine Grüppchen gebildet hatten. Manche hielten Krisengespräche, wie sie an Lumas zerknitterndem Gesicht sehen konnte, andere hatten sich dem Trunk zugewandt, der eigentlich für das Fest nach der Zeremonie vorgesehen gewesen war. Ein Fest mit Musik und Tanz und einem neuen Stammesführer. Das fiel nun natürlich ins Wasser, aber Dana war es sowieso egal, ob es stattfand oder nicht. Sie hatte sich, so oder so, etwas vorgenommen. Denn heute würde sie die Sache mit Jin endlich regeln.
      Sie hatte sich extra für ihn rausgeputzt, auch wenn sie bezweifelte, dass er es überhaupt wahrnahm. Er war die letzte Zeit so abwesend gewesen, dass sie nicht einmal wusste, wie sie ihn erreichen sollte.


Sie war inzwischen sogar mehrmals an seiner Schulter eingeschlafen.


Sie hatte sich an ihn geschmiegt.


Hatte versucht, mit ihm zu sprechen, aber er hatte sie nicht einmal angesehen.


Je mehr Zeit verging, desto weniger schien er überhaupt mitzubekommen, was um ihn herum vor sich ging. Doch obwohl sie nicht wusste, wie sie ihn erreichen sollte, wusste sie, dass es endlich getan werden musste.
     Also schnappte sie sich einen Becher voll Trunk, als sie sah, dass er ebenfalls einen in der Hand hatte, und lehnte sich neben ihn an die Hauswand.


Tanja, Jana und Luis derweil waren die Einzigen, die noch beim Festplatz standen und die es schade fanden, dass es heute kein Fest mehr geben würde.
      „Also jetzt, da Elrik nicht der neue Stammesführer wird, werde ich das wohl werden“, sagte Tanja gerade. „Also solltet ihr besser nett zu mir sein.“
     „Vergisst du nicht was?“, warf Jana ein. „Ich bin die Nächste, die sich dran versuchen darf.“
     Doch Tanja hatte dafür nur ein spöttisches Grinsen übrig. „Nur die Kinder vom Stammesführer dürfen das.“


Was nicht stimmte. Aber stattdessen erwiderte Jana bedrohlich: „Was willst du damit sagen?“
     „Na, dass du keines von Tanns Kindern bist, natürlich.“
     „Was? Wie kommst du auf so eine bescheuerte Idee?“
     „Hast du dich eigentlich schon mal angeguckt? Wenn Tann dein Papa wäre, hättest du so blaue Augen wie ich oder Diana. Weil Tann blaue Augen hat. Und deine Mutter auch. Aber du hast braune Augen. Denk doch mal nach! So dumm kannst du ja auch nicht sein, um das nicht zu sehen! Wahrscheinlich weiß deine Mutter nicht mal, wer dein richtiger Papa ist.“


Ihre Worte trafen Jana tief drinnen. Zwar gab sie sich nicht die Blöße, das zu zeigen, aber sie war erschüttert darüber, dass Tanja recht hatte. Es war etwas, das sie schon lange gefühlt hatte, wenn sie ehrlich war, aber sie hatte dennoch nie daran gedacht, dass Tann wirklich nicht ihr Vater sein könnte.
     Doch sie überspielte ihren Schrecken mit Wut, als sie sich Tanja ganz zuwandte und ihren Finger auf das andere Mädchen richtete. „Pass bloß auf, was du sagst, sonst verprügel ich dich, du dumme Pute!“, knurrte sie bedrohlich.
     Tanja sah sie nur giftig an und obwohl Jana versuchte, ihr die Zähne zu zeigen, merkte sie plötzlich, dass ihr die Tränen kamen.


Bevor sie Tanja aber die Genugtuung geben konnte zu sehen, wie sehr sie sie getroffen hatte, war sie abgedreht und davongelaufen.


Sie taten es. Mehr als nur einmal. Und egal, wie er es auch versuchte, gutzureden, egal, wie gut es sich angefühlt hat, solange sie es getan hatten, jetzt im Nachhinein fühlte er sich hundeelend. Und das lag nicht nur an dem Alkohol, den er getrunken hatte und der schon seit einiger Zeit immer wieder versuchte, seinen Verstand zu vernebeln. Sicher, er konnte alles auf dieses Zeug schieben, aber er wusste tief drinnen, dass er nach Gretas Tod viel zu viel davon getrunken hatte, als dass das bisschen, was er an diesem Abend getrunken hatte, ihn derart beeinflusst hatte, dass er nicht genau gewusst hatte, was er tat.
     Nein, das war es nicht gewesen. Er hatte mit Dana geschlafen, weil er es gewollt hatte. Weil er sich, und wenn nur für einen kurzen Moment, einfach einmal wieder gut hatte fühlen wollen. 
     Seitdem Greta von der Klippe gefallen war, war seine Welt grau geworden und alles hatte sich taub und fahl angefühlt. Keine Freude, kein intensiver Schmerz, nur noch Taubheit. Also hatte er sich auf Dana eingelassen. Und es hatte ihn abgelenkt. Für eine kurze Zeit. Dann hatten sie eine Stunde schweigend aufeinander gelegen, bis Dana angefangen hatte zu zittern, und sie hatten es noch einmal getan. Er war der Taubheit ein zweites Mal entflohen.


Aber dennoch hatte sie ihn wieder eingeholt und jetzt, nachdem sie fertig waren, fühlte er sich schlechter noch, als zuvor. Danas Blick ruhte auf ihm, aber er sah nur das helle Leuchten ihrer Haut im Schein der aufgehenden Sonne. War es ihr Hals? Ihr Arm? Sein Blick trübte sich und er schweifte wie so oft in letzter Zeit ab.
     Vielleicht war es gar nicht so schlecht. Vielleicht war es genau so, wie es sein sollte. War es nicht immer das gewesen, was er gewollt hatte? Mit den Frauen Spaß zu haben, mit ihnen Kinder zu zeugen, aber sich sonst nicht um sie zu scheren? Ohne unsinnige Bindungen, die ihn fesselten und verloren zurückließen, wenn sie plötzlich nicht mehr da waren? Ja, vielleicht war es besser, sein Leben wieder so zu leben, wie er es früher immer gewollt hatte.


Und dennoch fühlte er sich mies. Und als Dana nun mit einem Lächeln im Gesicht auf ihn zukam, wusste er, dass es damit nicht getan war. Es war kein zufriedenes Grinsen, sondern dieses merkwürdige Lächeln, das er in letzter Zeit häufig in ihrem Gesicht sah, wie ihm jetzt erst auffiel.
     Bevor er aber weiter darüber nachdenken konnte, hatte sie ihn erreicht. Sie warf das helle Haar zurück, das ihn so sehr an den Weizen erinnerte, den sie Zuhause angebaut hatten. Zuhause, dort, wo Greta gewesen war.
     „Das war… unglaublich“, sagte sie und ihr Lächeln wurde für einen Moment zu dem breiten Grinsen, das er eher von ihr erwartet hatte.
     Es war tatsächlich ziemlich gut gewesen. Dana verstand sich in diesen Dingen überraschend gut. Besser als Greta. Zumindest hatte sie mehr Feuer. Trotzdem hätte er jede Nacht mit Dana gegeben, wenn er nur noch einmal seine Greta in den Armen hätte halten können. Ein hässlicher Schmerz stach ihn in den Bauch und ihm wurde übel.
     Dennoch ließ er sich zu einem halbherzigen „Ja“ hinreißen. Er wollte Dana schließlich nicht beleidigen. Oder verletzen. Er wusste ehrlich gesagt nicht, wie sie reagieren würde, wenn er einfach geschwiegen hätte. Dana war für ihn von Anfang an ein Mysterium an Frau gewesen. Er wusste, dass er sie nie verstehen würde und deshalb hatte er es auch gar nicht erst versucht. 
     Dennoch war sie ihm wichtig. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit waren sie beide inzwischen Freunde geworden. Er hoffte nur, dass sie es noch immer waren.


Dana jedenfalls schien sich mit seiner Antwort zu begnügen. Sie lächelte wieder ihr merkwürdiges Lächeln und trat dann an ihn heran. Ihre blauen Augen leuchteten. Greta hatte auch blaue Augen gehabt. Sie waren von derselben Farbe wie der Ozean gewesen, an dem Tag, als sie von ihm verschlungen wurde. Seine Sicht verschwamm vor seinen Augen.
     „Ich hoffe doch, dass wir das wiederholen werden“, drang Danas Stimme zu ihm vor und schreckte ihn aus seinen Gedanken.
     Für einen kurzen Moment kehrte er in die Realität zurück. Und alles, was er dachte, war, dass er das nicht mehr tun wollte.


„Nein“, hörte er sich sagen.      
     „Warum nicht?“ Dana klang erschrocken, aber das bemerkte er nicht. Er sah ihr ins Gesicht, sah ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund, aber er sah ihren Schrecken nicht.
     Seine Gedanken wollten erneut zu Greta zurückkehren, aber eine Mischung aus Alkohol und Müdigkeit trübte seine Sinne. 
     Was sollte er darauf nur antworten? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er dieses Gespräch nicht mehr führen wollte. Dass er es in seinem Zustand nicht mehr führen konnte. Er wollte nur noch schlafen. Mit einem Mal war er so unendlich müde. Aber er wusste immerhin, dass er etwas sagen musste. Nur was sollte er sagen? Was war noch gleich die Frage gewesen? Und warum wollte er nicht?
     „Ich will einfach nicht“, dachte er und während er es dachte, verließen die Worte seinen Mund, ohne, dass er es merkte.
     Wieder Schrecken auf ihrem Gesicht, den er nicht sah. „Warum nicht? War es so schlecht? Ich dachte, du hättest es auch gut gefunden!“
     War sie wütend? Frauen wurden immer so schnell wütend auf ihn. Greta auch. Sie war in letzter Zeit so oft wütend auf ihn gewesen. Er zwang seine kreisenden Gedanken dazu, sich auf Dana zu fokussieren. Er war so müde. Aber wenn er schlafen wollte, musste er erst dieses Gespräch beenden. Nur noch einmal für einen kurzen Moment kehrte er in die Realität zurück.
     „Es ist einfach zu früh dafür.“ Sie sah traurig aus. Also entschuldigte er sich. „Tut mir leid.“ Er hatte bestimmt etwas falsch gemacht. Er machte andauernd irgendwas falsch, ohne es zu wissen. Wahrscheinlich war Greta deshalb dauernd sauer auf ihn gewesen. Deshalb und weil er keine Kinder hatte zeugen können.


„Greta!“
     Als er den Namen hörte, zuckte er zusammen. Hoffnungsvoll sah er sich um, aber da war nur Dana vor ihm.
     „Es ist wieder wegen Greta, nicht wahr?“
     Warum war sie so wütend?
     Mit einem Satz war sie bei ihm. „Ich verstehe ja, dass du trauerst. Du hast sie geliebt…“


Der Rest ihrer Worte ging unter. Geliebt? Hatte er das? War es das gewesen? Vielleicht war es das gewesen. Es würde jedenfalls den schrecklichen Schmerz und die Taubheit erklären, die er spürte, seitdem sie nicht mehr bei ihm war. Er wünschte sich so sehr, dass sie wieder bei ihm sein würde.
     Er wandte sich ab. Er wollte raus, wollte nur noch verschwinden und schlafen. Greta in seinen Träumen nur noch einmal in seinen Armen halten. Die Müdigkeit ließ seinen Kopf schwirren, aber er schaffte es, einen sicheren Halt auf den Beinen zu finden und vorwärts zu gehen. Er hörte eine Stimme, aber sie schien so weit weg zu sein, dass er sie nicht verstehen konnte.


Dann füllte plötzlich ein Gesicht sein gesamtes Sichtfeld aus und er musste anhalten, um nicht mit jemandem zusammenzustoßen.
     „Ich liebe dich, Jin!“, hörte er eine Stimme sagen.
     Die Worte brauchte eine ganze Weile, bis sie ihn erreichten. Zuerst fragte er sich, wen er da vor sich hatte. Dann sah er die blauen Augen und dachte wieder an Greta. Der Tag, an dem sie ihn das letzte Mal angesehen hatte. Ihre Augen waren so merkwürdig leer gewesen. Er hatte ihr Gesicht nicht einmal mehr gesehen, als sie gefallen war.


Und dann, mit einem Schlag, kehrte er in die Realität zurück, in der Dana mit ihrem flehentlichen Blick vor ihm stand, sich an ihn klammerte, und ihm wurde kalt.
     „Was?“, entfuhr es ihm und er wusste nicht einmal, ob er einfach nicht richtig gehört hatte oder es nicht hören wollte.
     „Ich sagte, ich liebe dich!“


Es war das erste Mal, seitdem er hierher zurückgekommen war, dass er Dana wirklich ansah. In die Augen blickte, die ihn seit seiner Rückkehr immer ansahen. Das Gesicht, das bei seinem Anblick immer von einem Lächeln zerfurcht gewesen war. Sie war immer da gewesen, wenn er sich umgesehen hatte. Er hatte sie nur nicht gesehen. Und er wollte es, ehrlich gesagt, auch gerade überhaupt nicht.
     Ein ungeheurer Fluchtdrang ergriff von ihm Besitz und er musste alles aufbieten, um ihm nicht zu erliegen. Doch obwohl er an Ort und Stelle blieb, wusste er nach wie vor nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Er wusste nur, dass, egal was er tat, es falsch sein würde.


Er wollte sie fragen, wie sie nur auf sowas kam, aber stattdessen entzog er sich ihr und wiederholte nur: „Dafür ist es noch zu früh.“
     Er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten und der Schrecken darüber ließ ihm noch kälter werden. Er hatte wirklich keine Ahnung, was er tun sollte. In einer ersten Reaktion hatte er die Hand nach ihr ausgestreckt, um sie zu trösten, aber irgendetwas sagte ihm, dass es nicht sehr gut sein würde, wenn er sie nun in den Arm nahm. Also ließ er es bleiben und entschuldigte sich erneut, bevor er umdrehte und so hastig den Hof verließ, als wären zehn Wölfe hinter ihm her. Und momentan hätte er es lieber mit einem ganzen Rudel davon aufgenommen als mit Dana. 
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Tja, das war wohl nichts. Dana hätte vielleicht auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen sollen. Und war da nicht noch eine Kleinigkeit namens Jana, die sie vielleicht vorher noch hätte erwähnen sollen?

Derweil ist - welch Überraschung - die Sache mit Akara, Elrik und Tann natürlich auch nicht gut ausgegangen. Elrik sieht nur die Ungerechtigkeit seines Vaters und der sieht nur die Sicherheit des Stammes, für den er verantwortlich ist. Jetzt ist nicht nur die Beziehung zwischen Vater und Sohn dahin, sondern steht auch in den Sternen, ob Elrik jemals der nächste Stammesführer werden wird.
Tanja jedenfalls ist sich ziemlich sicher, dass sie dann in die Fußstapfen ihres Vater treten wird und hat Jana damit ganz schön vor den Kopf gestoßen. Es ist für ein kleines Mädchen in diesem Zeitalter natürlich fraglich, ob sie sich dem genetischen Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern so sehr bewusst ist, dass ihr auffällt, dass Jana mit Tann und Dana als Eltern eigentlich blaue Augen haben sollte. Vor allen Dingen, da sie die braunen Augen ja auch von ihrer Großmutter Luma hätte erben können. Ist mir in Generation 4 übrigens jüngst passiert, dass da ein kleines Mädchen die blauen Augen ihres Opas geerbt hat, während ihre Eltern keine blauen Augen hatten.

Gibt ein Outtake.

Auf nächstes Kapitel habe ich mich schon beim Bildererstellen total gefreut. Denn nächstes Mal kommt endlich ein bisschen frischer Wind in die Jin-Dana-Angelegenheit und einige Geheimnisse werden endlich gelüftet.

Bis dahin, danke fürs Vorbeischauen und ich verabschiede mich.
Und einen schönen Ostermontag euch noch!

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